Mittwoch, 10. August 2022

Menschenskinder!

Predigt zur Sommerpredigtreihe
"Geflügelte Worte"
im Distrikt Unterer Neckar
Reudern 07.08.2022 
Unterensingen 14.08.2022


"Menschenskinder!" 

Und er sprach zu mir:
Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern,
die von mir abtrünnig geworden sind.
Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 
Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen.
Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!«
Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –,
dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten.
Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich,
und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten
vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen –
denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.
(Hesekiel 2,1-6) 

I. Menschenskinder

Menschenskinder!
Man möchte es immer wieder laut sagen:
Menschenskinder, jetzt hört mir doch mal zu!
Menschenskinder, jetzt räumt doch mal auf!
Menschenskinder, bringt doch mal den Müll raus,
geht mit dem Hund gassi,
bringt Oma das Essen und vor allem:
tut, was man euch sagt.
Menschenskinder!

Kennt man – oder?

Man kann diese Reihe nahezu endlos fortsetzen. 
Und wie sich das mit halbwegs korrekt genervtem Unterton anhört,
wissen wir auch.

Es ist ein alltäglicher Begriff für viele – auch für mich –
und in aller Regel verwende ich ihn,
wenn andere nicht so funktionieren,
wie ich mir das wünsche.
Wenn andere tun, was sie wollen.
Oder unzuverlässig sind. Oder ihren Job nicht machen.
Ich verwende ihn, wenn ich von meinem Gegenüber eine Reaktion erwarte
und die ausbleibt.
Oder diese Reaktion eben anders ausfällt,
als ich mir das erhoffe.
Und es ist ein Verstärker.
Beim ersten Mal sage ich:
„Bring den Müll raus!“
Beim zweiten Mal sage ich:
„Hast du nicht gehört: Du sollst den Müll rausbringen!“
Und wenn dann immer noch nichts passiert,
dann sage ich:
„Menschenskinder, jetzt bring doch mal den Müll raus!“

Es geht also ans Eingemachte.
„Menschenskinder“ heißt:
hier will jemand 100%ige Aufmerksamkeit.

 

II. Herrlichkeit  

Seine Aufmerksamkeit war zwangsläufig hoch.
Aber kann er auch ernst nehmen, was da passiert?
Hesekiel war sich im ersten Moment
möglicherweise nicht sehr sicher,
wie er das einschätzen soll:
Eine Vision von eher wirren Phantasiegestalten
zieht ihn in den Bann.
Menschen. Stierfüße, Adlerflügel,
halbe Löwengesichter,
Glut, Kohle, Räder mit Felgen voller Augen.
Getöse, wie in einem Heerlager,
Donner. Und ein Thron, auf dem einer sitzt,
der aussieht wie ein Mensch.
Ein Mensch, der glänzt und glitzert wie ein Regenbogen. 
So war die Herrlichkeit Gottes anzusehen. 

„Ist das Kunst oder kann das weg?“
Hesekiel war zwar Priester, aber ein göttlicher Auftritt dieser Art
gehörte bis dato nicht zu seinem spirituellen Erfahrungsschatz.
Das befremdet, insbesondere deshalb,
weil ihn diese Inszenierung anspricht -
im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Mensch zu Mensch. Ganz direkt.
Hesekiel haut das aus den Latschen.

Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße,
so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete,
kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße,
und ich hörte dem zu, der mit mir redete.


III. Es ist ernst!

Menschenskind,
Hesekiel stelle dich auf die Füße!
Ich will mit dir reden!
Gott meint es ernst.
Grundsätzlich eigentlich zuerst mit dem Volk Israel:
Ein Volk des Widerspruchs ist das,
so tönt die Stimme Gottes
aus der dieser sichtbaren Herrlichkeit.
Wie widerspenstige Dornen und
stachlige Skorpione sei es,
mit denen man nicht gemeinsame Sache machen sollte.
Oder auch: Meckerheinies und Querdullies,
denen mal einer sagen muss, wie der Hase läuft.

Gott meint es ernst.
Auch mit Hesekiel: einem Priester,
der seines Amtes walten soll.
Der dieses widerspenstige Volk überzeugen soll.
Überzeugen von Werten, die irgendwann einmal Konsens waren
für ein friedliches Zusammenleben.
Einer, der dafür einsteht,
dass Miteinander besser ist als Gegeneinander.
Einer, der vorlebt, dass Solidarität und Menschenfreundlichkeit
wichtiger sind, als rebellische Parolen.
Einer, der zu unterscheiden hilft,
zwischen berechtigter Kritik und primitiver Hetze.
Es geht also um einen Auftrag.
Und um einen, der ihn ausführt.
Der ihn ausführt,
muss wohl auch etwas ertragen können.
Denn die Ernsthaftigkeit dieser Ansprache
war im ersten Moment verstörend:
Hesekiel strandete auf nicht erklärbare Weise
in Tel-Abib und musste dort
sieben Tage lang mit Menschen zusammenleben,
die ihm vorher völlig fremd waren.
Was sie über diesen seltsamen, verstörten Priester dachten -
und ob Hesekiel verstörter war oder die Menschen dort - wissen wir nicht.
Jedenfalls „lag die Hand des Herrn schwer auf Hesekiel“.
Ernster geht vermutlich nicht.


IV. Haltung!

Stell dich auf die Füße, ich will mit dir reden!

Wie ernst ein Gespräch – und damit auch die Botschaft - genommen wird, entscheidet sich durch Haltung.
Körperhaltung.
„Stell dich auf die Füße!“

Ob ich aufrecht vor meiner Gesprächspartnerin stehe -
oder im Sitzsack gammle, das macht einen Unterschied.
Ob ich im Schneidersitz auf dem Boden sitze - 
oder mit aufrechter Haltung am Tisch:
Körperhaltung ist entscheidend für den Gesprächsverlauf.

Ob Hesekiel mit dem Gesicht im Staub liegt -
oder Aufrecht steht und Gott in die Augen schaut,
ist keine Nebensächlichkeit.

Körperhaltung schafft Aufmerksamkeit.
Körperhaltung entscheidet über Macht oder Ohnmacht.
Über Respekt oder Gleichgültigkeit.
Körperhaltung schafft einen wahrnehmbaren Unterschied.

„Stell dich auf die Füße!“
Das heißt soviel wie:
Komm auf Augenhöhe!
Unterwirf dich nicht!
Sei mir ein Gegenüber!

Sei ein Mensch!
Sei mein Ebenbild,
das du seit dem 6. Tag der Schöpfung bist!
Und deshalb: sei mächtig!
Übernimm Verantwortung!
Aber bleib abhängig von mir, Menschenkind!
Sei Kind und lass dir einen Auftrag erteilen -
aber dann sei ganz erwachsen und mir ebenbürtig.
Und tu‘, was deine Aufgabe ist.
Mit aufrechtem Gang und beiden Beinen auf der Erde.

Körperhaltung schafft Realität.

V. Auftrag

Hesekiels Auftrag war nicht leicht.
Und ehrlich gesagt auch ein bisschen irre.
Verrückte Dinge sollte er tun. Zeichenhandlungen.
Demonstrationen, um auf sich aufmerksam zu machen
und die Botschaft verständlich.
Denn dieses Volk mit seinem Protestgehabe,
seinen Kriegereien und Eifersüchteleien
war weitestgehend mit sich selbst beschäftigt.
Eines Tages sollte Hesekiel seine Haare und
seinen Bart mit dem Schwert scheren.
Anschließend verbrannte er
ein Drittel der Haare in der Stadt.
Ein weiteres Drittel schnitt er mit dem Schwert klein
und den Rest streute er in den Wind.
Eine symbolische Handlung.
Das Volk sollte verstehen, was mit ihm passieren würde:
es würde verbrennen und im Krieg zerstört werden -
und der Rest sich in alle Windrichtungen verteilen.
Eine unangenehme Botschaft.
Überbringer*innen unangenehmer Botschaften
haben es nicht leicht.
Damals nicht und heute auch nicht.
Sie brauchen Haltung und ein Mandat.
Manchmal ist das einzige Mandat, das von Gott:

Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße,
so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete,
kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße,
und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich.

 

VI. Freiheit

Wer etwas zu sagen hat,
wer ein Mandat hat,
muss mit Widerspruch rechnen.
Widerspruch ist das, was einen freien Menschen auszeichnet.
Widerspruch ist auch das, was meinem Gegenüber zusteht,
wenn ich komme und sage:
Menschenskind,
stell dich auf deine Füße und hör mir zu!
Wer etwas zu sagen hat,
hat aber auch das Recht gehört zu werden.
Das Recht, gehört zu werden mit einer Botschaft,
die auch unbequem ist - und Komfortzonen in Frage stellt.
Auch das gehört zur Freiheit des Menschseins.
Und zur Freiheit des Ebenbildseins.
Deshalb weil wir Menschen auch einander Ebenbild sind.
Und nicht nur das Ebenbild Gottes.
Und deshalb ist es so fatal, was seit Menschengedenken
immer wieder passiert: 
Das Recht, gehört zu werden, wird in Frage gestellt.
Gesagtes wird bagatellisiert und ins Lächerliche gezogen.
Menschen werden für ihre Worte öffentlich verunglimpft,
eingeschüchtert und unter Druck gesetzt.
Heute durch die Macht der Medien in einer Geschwindigkeit,
die sich zur Zeit Hesekiels noch niemand ausmalen konnte.
Hesekiel wird „nur“ festgesetzt und mundtot gemacht.
Wenn das gelingt, sprechen wir von Diktatur -
und damit vom Ende der Freiheit.

Wieviel Widerspruch und Bagatellisierung musste sich 
Greta Thunberg gefallen lassen,
als sie 2018 begann, immer freitags
auf den Klimawandel aufmerksam zu machen?
Und wie wirkt diese Bagatellisierung heute -
angesichts der derzeitigen Hitzewelle,
der Brände und des Wassermangels?
Ist Greta auch eine Prophetin?

Oder, ganz aktuell: die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr.
Was musste sie wohl ertragen?
Sie geriet ins Kreuzfeuer von rechtsradikalen Netzterroristen,
weil sie sich öffentlich für die Impfung gegen Corona aussprach.
Der Hass und die Hetze, die über sie hereinbrach,
nötigten sie zuerst, ihren Beruf aufzugeben
und vorletzte Woche dann auch ihr Leben.

Wer Menschen das Recht abspricht, gehört zu werden,
macht sich schuldig.
Wer Menschen das Recht abspricht, gehört zu werden,
nimmt aber nicht nur dem Gegenüber
die Würde des Menschseins,
sondern auch sich selbst.
Wo Menschen einander nicht zuhören,
endet Menschlichkeit.


VII. Leben

Deshalb:
Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
schaut euch in die Augen!

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
teilt eure Ideen und Visionen,
aber auch eure Zweifel, Ängste und eure Fragen!

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
widersprecht einander!
Streitet um die Sache und setzt euch auseinander
mit den Unterschiedlichkeiten des Lebens!
Aber hört einander zu.
Und gebt einander das Recht, gehört zu werden.

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
seid menschlich zueinander.
Redet davon,
was ihr von Gott gesehen verstanden habt.
Singt davon, was euch hoffen lässt.

Und hört hin.
Hört hin, wenn jemand zu euch sagt:
Du Menschenkind,
stelle dich auf deine Füße,
ich will mit dir reden!
Es könnte Gott sein.
Amen. 



Mittwoch, 13. Juli 2022

Wer wie ein Baum ist...

Predigt zum Gottesdienst im Haus Taläcker am 12. Juli 2022


Es ist ein besonderer Apfelbaum.
Er steht in Ho, einem kleinen Dorf in Dänemark. 
Und er hat es mir angetan.

Nicht weil es eine besondere Apfelsorte ist,
sondern weil seine Form besonders ist.

Im Vergleich zu den sehr geraden Bäumen,
die man im Hintergrund sieht,
ist der Apfelbaum krumm und schief.
Sogar der Stamm teilt sich in 2 dünne Stämme kurz über dem Boden –
für einen Apfelbaum ist das doch eher unüblich.
Was mag er wohl erlebt haben, dieser Apfelbaum?
Sicher haben ihm Wind und Wetter zugesetzt.
Er steht ziemlich ungeschützt an der Nordsee.
Wind und Sturm gehören dort zum Normalprogramm.  
Aber das alleine kann ihm nicht so zugesetzt haben.
Die anderen Bäume sind ja auch einigermaßen gerade gewachsen.
Er steht am Rande eines Parkplatzes.
Ob er wohl mal unsanft von einem Auto angerempelt wurde,
dass er so in die Knie ging?
Ich weiß es nicht.
Wir können tatsächlich nur raten.
Jedenfalls scheint dieser Apfelbaum
seine ganz eigene Geschichte zu haben.
Was ich daran bemerkenswert finde:
Er wuchs einfach weiter.
Dass da was nicht in Ordnung war,
hat ihn nie am Wachsen gehindert.
Er steht zwar krumm, aber sehr stabil.
Was auch immer ihm so zugesetzt hat:
Das kann nicht erst kurz vorher passiert sein.
Es muss schon lange er gewesen sein.
Aber: er wächst trotzdem.
Und: bringt Frucht.
Da hängen Äpfel dran.
So, wie es sich für einen Apfelbaum gehört.

Mich erinnert dieser Baum an einen Psalm.
In Psalm 1 heißt es:
Glücklich ist der Mensch,
der nicht dem Vorbild der Frevler folgt
und nicht den Weg der Sünder betritt.
Vielmehr freut er sich über die Weisung des Herrn.
Tag und Nacht denkt er darüber nach
und sagt Gottes Wort laut vor sich hin.
Er gleicht einem Baum,
der am Wasser gepflanzt ist.
Früchte trägt er zu seiner Zeit,
und seine Blätter welken nicht.

Wenn ich diesen Psalm früher gelesen habe,
dachte ich immer an einen großen und grünen Baum.
Fehlerfrei und makellos.
Kerzengerade in den Himmel gewachsen.
Gut, solche Bäume gibt es auch.
 Manche davon zieren eine Allee oder einen Park.
Aber oft stehen sie da nur so makellos, weil nachgeholfen wird.
Einige davon stehen an Stellen,
wo der Bauhof mit dem Wasserfass hinfahren muss, um zu gießen –
weil zu wenig Wasser da ist.
Viele Bäume werden gestutzt und in Form gebracht –
manchmal mehr als notwendig. Dass es „ordentlich“ aussieht.
Der Baum auf dem Foto sieht nicht ordentlich aus.
Er wurde vermutlich noch nie gegossen und in Form gebracht.
Was da ist und wie er ist, reicht.
Nicht zum perfekten Aussehen,
sondern zum Wachsen und Frucht bringen. 

Ein tröstlicher Gedanke.
Wenn ich auf mein Leben schaue,
dann fühle ich mich manchmal auch eher wie ein krummer Baum.
Einer über den mancher Sturm hinweggefegt ist.
Angerempelt wurde ich auch das eine oder andere Mal.
Und wahrscheinlich gab es auch
manche Entscheidung oder gar Verletzung,
die dafür gesorgt hat,
dass mein Leben ganz anders wurde,
als ich mir das vorgestellt habe.
Was bei diesem Baum dazu geführt hat,
dass sich der Stamm in zwei Hälften teilt?
Wir wissen es nicht.
Aber Erlebnisse, die schier zerreißen und nahezu
einen anderen Menschen aus uns machen,
das kennen sicher alle.
Sicher könnte jede*r eine oder mehrere Geschichten dazu erzählen.
Eine Geschichte vom Verlust eines geliebten Menschen.
Eine Geschichte vom Zerbruch in der Familie.
Eine Geschichte vom Scheitern im Beruf.
Eine Geschichte vom Betrogen werden.
Eine Geschichte von zerstörter Freundschaft.
Eine Krankheitsgeschichte oder gar einen Unfall mit großen Folgen.
Eine Geschichte vom Krieg.
Kein Mensch kommt ohne Schmerzen und Verletzungen durchs Leben. Niemand ist vor wilden Stürmen geschützt
und vor großen Entscheidungen gefeit –
und oft weiß man erst im Nachhinein,
ob eine Entscheidung richtig war oder nicht.
Und manchmal waren Entscheidungen halt auch falsch.
Das alles hat Sie, uns alle zu den Menschen gemacht,
die wir heute sind – so wie auch der Apfelbaum
zu dem Baum wurde, wie er auf dem Foto zu sehen ist.
Gezeichnet vom Leben.
Vielleicht krumm und schief, mit Verwachsungen und Narben.
Aber: mit Blättern und Früchten.

Entscheidend ist die Quelle.
Für den Baum genau so, wie für den Menschen.
Wie der Baum das Wasser braucht,
um im Herbst trotz aller Widrigkeiten Äpfel zu tragen,
so brauchen auch Menschen ihre Quelle.
Für den Psalmbeter ist diese Quelle das Wort Gottes,
ja, Gott selber.
Mit Gott macht er gemeinsame Sache -
nicht mit den anderen,
die darüber nur müde lächeln oder fies grinsen.
Mit Gott verbündet er sich – sogar Tag und Nacht,
wie der Baum, an dem Tag und Nacht
das Wasser im Bach vorbeifließt.
Und aus dem er ganz selbstverständlich schöpfen kann.
Da muss kein Bauhof kommen
mit dem Wasserfass kommen
und niemand einen Eimer schleppen.
Es ist selbstverständlich für alles gesorgt.
Wenn Sie darüber nachdenken, wie alles geworden ist:
vielleicht entdecken Sie dann auch
an der einen oder anderen Stelle, dass Gott da war.
Vielleicht sogar ganz selbstverständlich und nahezu unbemerkt.
Wie der Bach, der da immer ist.
Vielleicht aber auch sehr bewusst und eindrücklich und unvergesslich.
Vielleicht lässt sich manches im Nachhinein
auch gar nicht mehr so richtig erklären oder nachvollziehen,
warum etwas krumm gewachsen oder vernarbt ist.
Aber das ist gar nicht schlimm,
denn der Baum lebt bis heute – und ist grün.
Entscheidend ist nicht, wie ein Baum aussieht.
Entscheidend ist, er trägt Äpfel.
Ich bin mir sicher: ernten können Sie alle reichlich.
Amen.



Sonntag, 29. Mai 2022

Queer Eye, Paulus und das Selfie mit Jesus

Gottesdienst in  der Eusebiuskirche
Wendlingen am Neckar
Sonntag Exaudi, 29.05.2022

Predigt zu Römer 8, 28-28 


I.                   Selfie

Bestimmt haben alle schonmal mit dem Smartphone
ein Foto gemacht von sich.
Ein Selfie.
Und vermutlich kennen die meisten hier das auch:
Man macht mehrere Versuche,
bis man halbwegs zufrieden ist und man das Gefühl hat:
Das bin ich, so wie ich mich selbst sehen möchte.
Entweder man guckt schräg oder ein Auge ist halb zu.
Oder man sieht das Doppelkinn zu offensichtlich.
Oder eine Haarsträhne hängt, wo sie nicht sein soll.
Jedenfalls haben wir alle eine gewisse Idealvorstellung
von diesem Bild von uns selbst. 

Wenn die eigenen Versuche nicht ausreichen,
dann besteht die Möglichkeit,
über das Bild der Wahl einen sogenannten Filter zu legen.
Also ein technischer Kniff,
um ein Gesicht anders aussehen zu lassen –
ob es damit schöner wird, sei jetzt mal dahingestellt.
Mit diesen Filtern kann man spielen.
Man kann nicht nur ein Gesicht runder oder
schmaler machen und braune Augen blau.
Man kann aus einem Menschengesicht ein
Katzengesicht machen.
Also ein Mensch mit Schnurrharen, rosa Näschen und Katzenohren.
Oder Teufelshörnchen.
Die sind auch sehr in Mode gekommen.
Genauso wie Heiligenscheine,
überdimensionale Daisy-Schleifen und Sonnenbrillen.
Diese lustigen Accessoires legen sich
über das eigene Gesicht,
sodass man selbst noch deutlich erkennbar ist,
aber dennoch ein ganz anderes Bild,
eine ganz andere Figur entsteht.

 

II.                Eugen

Welches Bild haben Menschen von sich selbst?
Selfie-Spielereien sind zwar genau das: Spielereien,
aber sie deuten auf etwas hin,
was tief uns Menschen steckt:
Kein Mensch ist mit dem Bild von sich selbst zufrieden.
Es gibt immer Veränderungspotential.
Und es geht da längst nicht nur um Figur,
Frisur und Modegeschmack.
Offensichtlich tragen alle eine Sehnsucht in sich,
wie es sein könnte.
Und diese Sehnsucht ragt immer über die Realität hinaus.
Damit kann man unterschiedlich umgehen.
Für die einen ist es Ansporn und Entwicklungspotential.
Für andere Ursache dafür, sich selbst aufzugeben.
Zu resignieren, weil unerreichbar scheint,
wie man gern wäre.
Ob es das eine oder das andere ist,
hat vermutlich zu tun mit der biografischen Entwicklung
und dem sozialen Umfeld eines Menschen.
Und mit innerer Stärke -
oder auch dem Fachbegriff: Resilienz. 

Sehr beeindruckend dokumentiert das
die Netflix-Serie Queer Eye.
Die „Fab(ulous) Five“ (die fabelhaften Fünf)
sind unterwegs, um Menschen auf die Spur zu bringen,
die ein völlig falsches Bild von sich haben.
Und alle fünf sind Profis in Sachen Gesundheit,
Psychologie, Beauty, Mode und Lifestyle.
Sie kümmern sich um hoffnungslose Fälle.
Um Menschen, die sich aufgegeben haben.
Bei denen kein Filter mehr hilft.
Ihr Bild von sich hat nichts mehr mit der Realität zu tun.
Sie sehen nicht, welches Potential sie in sich tragen.
Fast immer sind es traurige Geschichten.
Aber: es gibt im Umfeld dieser Menschen Freunde oder Nachbarn,
die immer noch das Potential sehen -
und die Fab Five bestellen.  
Dann wird aus dem kleinen, dicken, ziemlich
verwahrlosten und ungepflegten Eugen
innerhalb von ein paar Tagen ein anderer Mensch.
Weil ihm gezeigt wird, was in ihm steckt.
Was er aus sich machen kann.
Welchen Unterschied es macht,
wenn man seine gesundheitlichen Baustellen ernst nimmt.
Und wie es sich anfühlt,
wenn man von Menschen anders wahrgenommen wird.
Nun ist eine Netflix-Serie mit ausgewählten Schicksalen
nicht das wirkliche Leben und man kann solche
Inszenierungen durchaus kritisch sehen.
Wahrscheinlich ist es auch angemessen,
die Dauerhaftigkeit einer solchen Veränderung
zu hinterfragen.
Aber mit dem inneren Traumbild zu arbeiten,
das Menschen von sich selbst haben,
es zu deuten und es zu entwickeln:
das finde ich großartig.

Im Umkehrschluss bedeutet das aber auch:
Menschen sind gezeichnet vom Leben.
Im ganz buchstäblichen Sinne.
Sie geben oft ein jämmerliches Bild ab.
Und oft fühlen sie sich noch jämmerlicher,
als sie von anderen wahrgenommen werden.
Eugen ist nicht zufällig so verwahrlost und verlottert.
Eugen ist im Laufe seines Lebens zu dem geworden,
wie sein Leben ihn gezeichnet hat
und wie er dieses Bild von sich interpretiert hat.
Und dieses entstandene Bild macht ihm Mühe.   


III.             Paulus 

Ich lese einen Ausschnitt aus dem heutigen Predigttext.
Er steht im Brief von Paulus an die Gemeinde in Rom:

Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben,
alle Dinge zum Besten dienen,
denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. 
Denn die er ausersehen hat,
die hat er auch vorherbestimmt,
dass sie gleich sein sollten dem Bild seines Sohnes,
damit dieser der Erstgeborene sei unter vielen Brüdern.
(Römer 8,28-29)

Auch Paulus hatte Mühe.
Mühe mit dem Bild, das er von sich hatte.
Ein korrekter Mensch war er.
Ein Hundertprozentiger.
Ein kluger Kopf, der einordnen konnte,
was um ihn herum und auch mit ihm passierte.
Und doch fiel ihm seine neue Rolle schwer,
die er innehatte, seit er damals in Damaskus
vom Pferd fiel.
Sein Bild von sich selbst änderte sich
innerhalb kürzester Zeit.
Nicht nur, weil der ehemalige Christenverfolger
jetzt selbst Christ war,
sondern weil er plötzlich blind war -
und gar kein Bild mehr sah.
Im Grunde kann man sagen:
Ein bisschen wie bei Eugen.
Paulus hat sein Potential zu diesem Zeitpunkt nicht erkannt,
als er in Damaskus saß
und vor Schreck drei Tage nichts aß und nichts trank.
Er hatte sich aufgegeben.
Nun war Queer Eye und die Fab Five
damals noch nicht erfunden, aber:
Da war Hananias, der von Jesus gesandte Fabulous One.
Er geht zu Paulus.
Zwar nicht ohne Sorge, aber er weiß, was zu tun ist.
Er legt die Hände auf ihn und richtet ihn auf.
Und Paulus sieht:  Ich bin ein anderer.
Jesus hat mich gezeichnet.  
An etlichen weiteren Stellen in seinen Briefen ist dokumentiert:
Es ist kein schönes Bild.
Er berichtet von Einschränkungen und körperlichen Gebrechen,
von chronischer Krankheit.
Und doch schreibt er: alles dient zum Guten.
Es ist, als ob er einen Filter über alles legt und etwas anderes sieht.
Nicht den gebrochenen, kranken Mann,
dessen Karriere von Jesus jäh durchkreuzt wurde.
Sondern sieht… ja wen denn?

IV.            Gekreuzigt

Es ist das Bild des Gekreuzigten,
das Paulus vor Augen hat.
Das meint Paulus, wenn er davon schreibt, dass
„sie gleich sein sollen dem Bild seines Sohnes“.
Ein paar Verse später erklärt er es:
„Der auch seinen eigenen Sohn nicht verschont hat,
sondern hat ihn für uns alle dahingegeben –
wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?“

Es sind nicht mehr seine eigenen Schwächen,
Einschränkungen und Unzulänglichkeiten,
die Paulus sieht.
Er sieht Jesus.
Er definiert sich selbst nicht mehr über den Schmerz,
der ihm vom Leben zugefügt wurde.
Es sind die Schmerzen die Jesus erlitten hat.
Diesem auferstandenen Jesus ist er begegnet.
Und deshalb hat er verstanden: 
Das eigene Bild ist nicht das Ende.
Das Kreuz ist nicht das Ende.

Paulus spricht von „Verherrlichung“.
Da wird etwas schön,
was beim ersten Hinsehen ganz schrecklich ist.
Und aus Saulus wurde Paulus.
Da wird einer ansehnlich, von dem man sich
im ersten Moment abwenden möchte.  
Wie ein Filter legt sich bei Paulus das Bild
des Gekreuzigten auf das unvorteilhafte und verzerrte
Bild, das er von sich selbst hat.
Mit Jesus kann auch Paulus auferstehen.
Und deshalb sich selbst und andere
mit neuen Augen sehen.

 

V.               Gezeichnet

Eugen ist vom Leben gezeichnet.
Paulus ist vom Leben gezeichnet.
Ich bin vom Leben gezeichnet.

Auch mein Bild von mir ist verzerrt
und ich wünsche mir, anders zu sein.
Viel zu oft sehe auf meine Fehler und meine Ungeduld.
Bin unzufrieden mit meinem Selbstmanagement und
ärgere mich über gesundheitliche Baustellen,
die mir einen Strich durch die Rechnung machen. 
Sehe all mein Scheitern und all die Probleme,
die das mit sich bringt.

Deshalb wünsche ich mir die Hoffnung von Paulus.
Hoffnung, dass mein Bild von mir
nicht die letzte Version ist.
Hoffnung, die auf den passenden Filter setzt.
Den Filter, der auch mein angekratztes Ich,
meine Narben und Verletzungen,
auch meine Wut
und meine Enttäuschung über mich selbst
durchbringt - bis zur Auferstehung.

Und deshalb wünschte ich mir, es gäbe Selfies mit Jesus.
Für mich, für die Eugens dieser Welt und uns alle.
Selfies mit Jesus als Erinnerung daran,
dass all das Unvollkommene und Schmerzhafte
schon längst durchlitten und auferstanden ist.
Selfies mit Jesus, um nicht zu vergessen, dass
mein Bild von mir nicht das Ende der Geschichte ist.
Selfies mit Jesus, damit er sich wie ein Filter
über all das legt, was Mühe macht
und mein Leben schmerzvoll zeichnet.
Und ich sehe dann: Es ist vollbracht.

Selfies mit Jesus? Sie bleiben ein Wunsch.
Kein Wunsch, sondern ein Versprechen
ist die Heilige Geisteskraft.
Gottes „Fab One“, die aufrichtet, stützt, ermutigt,
motiviert, und mich zum Strahlen bringt.
Damit ich mit Paulus sagen kann:
Ich bin gewiss,
dass kein noch so mühsames Bild von mir selbst
mich scheiden kann von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist,
meinem Herrn.

Amen.




Sonntag, 22. Mai 2022

Betet!

Gottesdienst im Grünen

bei der Jakobskirche Bodelshofen
Sonntag Rogate, 22. Mai 2022

Lukas 11, 5-13

Dann sagte Jesus zu seinen Jüngern:
»Stellt euch vor: Einer von euch hat einen Freund.
Mitten in der Nacht geht er zu ihm und sagt:
›Mein Freund, leih mir doch drei Brote!
Ein Freund hat auf seiner Reise bei mir haltgemacht.
Ich habe nichts im Haus, was ich ihm anbieten kann.‹
Aber von drinnen kommt die Antwort:
Lass mich in Ruhe!
Die Tür ist schon zugeschlossen,
und meine Kinder liegen bei mir im Bett.
Ich kann jetzt nicht aufstehen und dir etwas geben.‹
Das sage ich euch:
Schließlich wird er doch aufstehen und ihm geben,
was er braucht –

wenn schon nicht aus Freundschaft,
dann doch wegen seiner Unverschämtheit.
Ich sage euch:
Bittet und es wird euch gegeben!
Sucht und ihr werdet finden!
Klopft an und es wird euch aufgemacht!
Denn wer bittet, der bekommt.
Und wer sucht, der findet.
Und wer anklopft, dem wird aufgemacht.
Welcher Vater unter euch
gibt seinem Kind eine Schlange,
wenn es um einen Fisch bittet?
Oder einen Skorpion, wenn es um ein Ei bittet?
Ihr Menschen seid böse.
Trotzdem wisst ihr, was euren Kindern guttut,
und gebt es ihnen.
Wie viel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten.«



I.                   Hilfe!

Der Junge, der Maulwurf, der Fuchs und das Pferd
sind zusammen unterwegs.
Unterwegs durch das Leben.
Sie bewältigen etliche Abenteuer zusammen,
aber sie stellen sich auch Fragen.
Wichtige Fragen.
„Was ist das Tapferste, das du je gesagt hast?“
fragte der Junge.
„Hilfe“, sagte das Pferd.

Das Pferd ist mir sympathisch.
Denn ganz ehrlich:
ICH finde es viel einfacher, Dinge selbst zu tun.
Andere um Hilfe zu bitten: das fällt mir schwer.
Und manchmal starte ich viele Versuche,
ehe ich akzeptiere: Ich schaffe das nicht alleine.

Um Hilfe zu bitten, das heißt:
ich bin mit meiner Kraft am Ende.
Ich bin mit meinem Wissen und Können am Ende.
Ich bin begrenzt in dem, was ich selbst steuern kann.
Und ich bin angewiesen auf einen Menschen,
der in der Lage ist, etwas zu verändern.

Die Nachbarin, die mir Sonntag nachmittags mit Trockenhefe aushilft.
Der Kollege, der eine Bohrmaschine hat und weiß, wie man Lampen montiert.
Die Schwester, die einkauft und auch einen Korb schmutzige Wäsche versorgt, während man im Bett liegt und sich auskuriert.
Der Freund, bei dem man mitten in der Nacht an die Tür klopft und um Brote bittet.

II.                Bete!

Wie sollen wir beten?
So fragten die Jünger.
Es ist ein simpler Vergleich, den Jesus bemüht,
um das mit dem Beten seinen Jüngern zu erklären.
Eine Situation, die jede*r kennt: Man braucht Hilfe,
wendet sich in der Not an einen Menschen,
von dem man Hilfe zu bekommen glaubt.
Und auch wenn es diesem Menschen
nicht in den Kram passt: er hilft.
Und wenn es nur deshalb ist,
weil man lange genug nervt.

Es ist aber nicht nur ein simpler,
sondern ein alltäglicher Vergleich.
Es geht bei Jesus nicht um komplexe Sachverhalte
und schwierige Lebenskrisen, die zu bewältigen sind.
Es geht um ein ganz grundlegendes Bedürfnis: Brot.
Nichts ist zu klein, zu unscheinbar, zu wenig wichtig.
Das Alltägliche darf erbeten sein.
Und das auch noch zu den unmöglichsten Zeiten, nämlich mitten in der Nacht.

Beten, so verstehe ich Jesus,
ist etwas ganz Alltägliches und Einfaches.
Keine Situation ist zu banal.
Kein Anliegen zu klein.
Kein Zeitpunk falsch.  

Und genau da ist mein Problem.

III.             Sorry – keine Zeit!

Vieles in meinem Leben ist einfach zu selbstverständlich und ich muss erst gar nicht darum bitten!
Es ist einfach da. Ungefragt.
Ja, oft auch verdient.
Manchmal unverdient und geschenkt.
Inzwischen bekommen wir langsam eine Vorstellung davon, dass Lebensmittelvorräte knapp werden könnten, auch wenn fehlendes Salatöl ganz sicher noch keine existentielle Not ist:
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – möglicherweise kommen wir ja auch wir wieder an den Punkt, darum bitten zu müssen – für andere ist das aber längst Alltag!
Und so wird das Gebet schnell zum zusätzlichen Termin.
Weil meine kleinen Nöte des Alltags gar keine wirklichen Anlässe zum Gebet sind - und ich deshalb gar nicht dran denke, bei Gott anzuklopfen.  

Aber warum erzählt Jesus dann ausgerechnet von einer Situation voller Alltäglichkeiten, wenn wir uns darin so schnell verlieren?

IV.            Den Draht nicht verlieren

Ich unterstelle Jesus eine gewisse pädagogische Absicht,
wenn er Geschichten erzählt.
Eine Art Dramaturgie.
Das Wichtigste kommt nämlich zum Schluss.
Nach der Bitte um die Alltäglichkeiten pointiert er gekonnt:
Wie viel mehr wird der Vater im Himmel
den Heiligen Geist denen geben, die ihn darum bitten
.
Darum geht’s also. Um den Heiligen Geist.
Die Kraft, die Verbindung herstellt.
Verbindung zu Gott und zu Menschen.
Darauf kommts an.
Denn Jesus wird nicht immer da sein –
und langfristig muss es auch ohne ihn funktionieren.  
Deshalb will Jesus, dass das mit dem Beten funktioniert
und erklärt es seinen Jüngern so bildhaft und pragmatisch.
Ich glaube, es geht Jesus gar nicht in erster Linie
um materielle Grundbedürfnisse.
Es geht Jesus darum, dass Menschen in Kontakt sind,
in Kontakt bleiben.
In Beziehung. Miteinander und mit Gott.
Und am ehesten sucht der autonome und unabhängige Mensch
den Kontakt zu anderen, wenn Hilfe benötigt wird.
Dann sieht man sich quasi gezwungen zur Kontaktaufnahme.
Anzuklopfen. Vor der Tür zu stehen.
Vielleicht kommt daher das alte Sprichwort: Not lehrt beten.

 

V.               Den Draht nicht verlieren  

Die Herausforderung ist also,
in meinen Alltäglichkeiten den Draht nach oben nicht zu verlieren.
Aber wie ist das zu schaffen?
Vielleicht, in dem man sich bei denen etwas abschaut, die es können. 
Lernen möchte ich von denen,
die sich den Rhythmus des Alltäglichen zu Nutze gemacht haben um zu Beten.
Menschen in Kommunitäten und Klöstern zum Beispiel.
Sie kennen einen großen Schatz an Erfahrungen und Ritualen,
um im Alltag immer wieder zur Ruhe zu kommen.
Bei Gott anzuklopfen.
Sogar ganz strukturiert, und wenn man so sagen will: nach Stundenplan.
Nun krieg ich das in meinem Alltag auch nicht hin.
Aber wenn es 12 Uhr läutet und ich sitze am Schreibtisch, dann nehme ich mir diesen einen Moment Zeit, um bei Gott anzuklopfen.
Ich mit meinen wenigen Worten,
die mir grade da durch den Kopf gehen.
Und manchmal beten wir sogar ein Vater Unser gemeinsam im Chat.
Online verbunden durch ganz Deutschland.
In guter Erinnerung ist mir auch die Erzählung der Mutter eines Feuerwehrmannes. Sie sagte:
„Seit mein Markus bei der Feuerwehr ist,
bete ich jedes Mal, wenn ich ein Martinshorn höre.
Dass nicht noch mehr passiert und
dass denen geholfen werden kann, die Hilfe brauchen.“

Der große Theologe Karl Barth hat einmal gesagt:
„Wie man beten soll, das steht in der Bibel;
und was man beten soll, das steht in der Zeitung.“
Das Wort Zeitung braucht ein Upgrade:
Twitter, Tagesschau und der familiäre und nachbarschaftliche Buschfunk
erfüllen denselben Zweck.
Anlässe zum Beten gibt es genug.
Die Frage ist: Was bringt MICH dazu, bei Gott anzuklopfen?
Ich glaube, da gibt es kein Patentrezept dafür.
Jede*r braucht hier einen eigenen, sprichwörtlichen Knoten im Taschentuch.
Aber es lohnt sich, diesen zu finden.

Ein Weiteres:
Ist Ihnen schon aufgefallen, dass ganz viele unserer Lieder,
die wir im Gottesdienst singen, Gebete sind?
Singen verbindet.
Verbindet Menschen untereinander –
völlig egal, wie der Text geht.
Aber wenn der Text ein Gebet ist,
dann verbindet Singen auch mit Gott.
In der Kirche,
im Auto (wo es niemand hört, wenn es schräg ist),
beim Staubsaugen und Bügeln.
Beim Rasen mähen und Fliesen legen.
Beim Milchreis umrühren.
Im Stuhlkreis im Kindergarten und im Reli-Unterricht.
Lieder, die wir einmal gelernt haben,
vergessen wir nicht mehr und tragen sie im Herzen.

Wenn Worte nicht oder nicht mehr da sind,
bleibt oftmals ein Lied.
Und wer einmal am Sterbebett gesungen hat weiß,
wie sich die Grenzen zwischen Himmel und Erde plötzlich verschieben.

Und warum nicht ein Lied in die Spotify-Playlist schmuggeln,
das mich daran erinnert:
Du wolltest doch…

 

VI.            Wer anklopft, dem wird aufgetan

Letztendlich sind es Anker im Alltag,
die wir damit bewusst setzen.
Mir hilft das sehr, um bei Gott anzuklopfen.
Und tatsächlich zu beten.
Auch wenn es nur ein Satz ist. Ein Gedanke.
Manchmal nur ein Wort oder ein Namen.
Oder ein Ort.
Es hilft mir in Verbindung zu sein mit Menschen,
mit der Welt, mit Gott.
Und so letztlich auch mit mir selber –
denn ich darf ja Gott um etwas bitten –
und dazu brauche ich auch den Draht
zu meinem eigenen, Inneren.

Zurück zur Geschichte vom Jungen und seinem Pferd.
„Du gibst nicht auf, wenn du um Hilfe bittest“.
Sagte das Pferd. „Du weigerst dich, aufzugeben.“  
Wer betet, wer Gott um Hilfe bittet für die kleinen und großen Nöte unserer Zeit,
weigert sich, aufzugeben.
Weigert sich, Not, Angst und Ungerechtigkeit hinzunehmen
und als Normalzustand zu akzeptieren.
Weigert sich, Liebeskummer, schlechte Noten, traurige Diagnosen,
schlechte Nachrichten und sorgenvolle Fernsehbilder
als das Ende der Geschichte zu hinzunehmen.
Wer betet ist in Verbindung mit der Hoffnung
und kann vertrauen:
Gott tut was.

Amen.


Mittwoch, 13. April 2022

Leben, durchkreuzt (2)

Passionsandacht in der 
Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar 
zu Bildern des Kreuzweges "JesusArt"
von Mika Springwald

(Ökumenischer Kreuzweg der Jugend 2017  (c) Jugendhaus Düsseldorf)

Kein Trost, niemals?

I. 

Sie steht da,
ihr Blick ist abgewandt.
Vielleicht ist sie 8 Jahre alt oder 10.
Steht da, kerzengerade.
Auf den ersten Blick
ist das lange Haar zu zwei Zöpfen gebunden.
Sie trägt einen blutroten Pulli.
Eigentlich ein typisches Mädchen
mit Teddybär.
Aber nur im ersten Moment.

Ich schaue genauer hin und mir wird bewusst:
Der linke Arm ist nicht zu sehen.
Hält sie ihn vor Schreck vors Gesicht?
Vielleicht erstickt hinter ihrer linken Hand
ein Schrei der Ohnmacht und des Entsetzens.
Was mag sie wohl sehen?
Welcher Schmerz
bleibt uns verborgen?
Was hat ihr Leben durchkreuzt?

Oder ist der linke Arm deshalb nicht zu sehen,
weil er gar nicht vorhanden ist?
Nie da gewesen von Geburt an?
Abhandengekommen
durch Krankheit oder Unfall,
oder noch schlimmer - durch Krieg? 
Wenn mein Blick weiter wandert zum rechten Arm
sehe ich, fest in der Hand,
den abgerissenen Arm eines Teddybären.
Und den verletzten Bären
am Boden, in die andere Richtung schauend.
Der blickt mich an.
Das verletzte, ramponierte Kuscheltier
stellt den Blickkontakt her zu mir.
Dieser Teddy, der jeden Schmerz
und jede Träne kennt.
Nichts gab mehr Sicherheit,
mehr Trost, mehr Geborgenheit -
als er.
Er ist noch da, aber verletzt.
Zerbrochen.
Durchkreuzt?

Welches Leid sich wohl in seinem Blick verbirgt?
Und dann fällt mir noch etwas auf:
Wenn ich das Mädchen betrachte,
irittiert mich der überdimensionierte Scheitel.
Wie ein Riss zieht er sich von oben nach unten.
Ein Riss vom Kopf zum Herzen hin.
Eine durchkreuzte Kinderseele?

II. 


Der Trost geht sterben.
Er ist auf dem Weg nach Golgatha.
Mit dem Kreuz.
So viele gute Worte hatte er.
Eins ums andere Mal hat er ihre Herzen berührt
und Seelen aus den dunkelsten Winkeln hervorgeholt.
Er hat mit ihnen gegessen und
sie mit Wertschätzung bedacht.
Ein Freund war er für sie im besten Sinne.
Und, im Gegensatz zu manch anderen,
irgendwie doch auch ein Frauenversteher. 
Untröstlich sind sie jetzt –
und sie weichen Jesus nicht von der Seite:
Maria, Maria von Magdala, Johanna, Salome
und all die anderen Frauen.
Unverständlich ist für sie,
was mit ihrem Freund passiert.
Ein Häuflein Elend ist er.
Geschlagen, gefoltert, gequält
blickt er sie an.
Nichts gab ihnen mehr Sicherheit als er.
Und nun ist Jesus ein gebrochener Mann.
Wenigstens ein letztes Wort
wollen sie ihm mitgeben.
Und vor allem: ihn nicht im Stich lassen.

Es folgte ihm aber eine große Volksmenge und Frauen,
die klagten und beweinten ihn.
Jesus aber wandte sich um zu ihnen und sprach:
Ihr Töchter von Jerusalem,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und eure Kinder.
Lukas 23, 27 & 28

Kein Trost – niemals?
Was Jesus sagt, klingt hart.
Jammern, schreien, klagen:
All das darf sein.
Aber nicht über ihn.
Für seinen Weg gibt es keine Alternative.
Für ihn wird nichts wieder gut,
und das weiß er.
Deshalb kann er auch
keine trostreichen Worte machen.
Kann nicht sagen:
macht euch keine Sorgen, ich schaffe das!
Er weiß, was kommt.
Er kennt den Weg.
Geht ihn.
Zerbricht.
Lässt sich zerstören
bei vollem Bewusstsein.
Tut das, wovor Menschen
sich und einander versuchen zu schützen:
lässt entfesselte Gewalt über sich ergehen.
Lässt sich durchkreuzen.
Da ist kein Trost. Niemals?


III.  

Ihr Töchter von Jerusalem,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und eure Kinder!
Und ihr Söhne, weint auch!

Ihr Töchter und Söhne von Butscha,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und über eure Kinder!
Und über eure Eltern, Frauen und Männer,
die ihr tot in den Straßen fandet. 

Ihr Töchter und Söhne von Kamerun,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und eure Kinder,
die ihr für Bildungsgerechtigkeit
mit Waffen kämpfen müsst. 

Ihr Töchter und Söhne der großen Machtsysteme,
auch der Kirchen,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und eure Kinder,
und um die Seelen,
die durch euren Machtmissbraucht zerstört wurden.
Und stellt euch an die Seite der Opfer! 

Ihr Töchter und Söhne von Wendlingen,
weint nicht über mich,
sondern weint über euch selbst und eure Kinder,
die ihr aufgegeben habt
zu glauben, zu lieben und zu hoffen. 

Weint nicht über mich,
aber weint!

Alles hat seine Zeit – möchte man Jesus sagen hören,  
also weint!
Alles hat seine Zeit, auch das Klagen.
Alles hat seine Zeit.
Auch Trostlosigkeit, Trauer und Schmerz.
Und die Erkenntnis,
dass in manchen Situationen
nichts, gar nichts, hilft.
Es gibt keine Worte,
die die Toten von Butscha zurückbringen.
Keine Vergewaltigung kann
ungeschehen gemacht werden.
Keine Ungerechtigkeit kann
zurechtgetröstet werden,
wenn nicht Taten damit einhergehen
und Unrecht beseitigt wird. 

Also doch: kein Trost, niemals?
Vielleicht.
In der Karwoche bleiben wir beim Schmerz.
Sehen wir da hin, wo es weh tut.
Weinen wir mit dem Mädchen und dem Teddybären
und spüren den Seelenschmerz.
Halten das zusammen aus.

Zusammen.
Wie die Frauen bei Jesus.

Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Karwoche
und des Lebens überhaupt:
Nicht alleine zu sein im Schmerz.
Zusammen aushalten,
was nicht auszuhalten ist.
Sich anlehnen können an einer Schulter.
Zusammen schweigen –
oder auch alles sagen dürfen. Alles.
Schreien und klagen dürfen.
Einander spüren und gegenseitig stützen.
Seite an Seite.
Das gibt Stärke.
Und Halt.
Und Trost.
Auf dem Weg nach Golgatha
und auf dem Weg
durch die Nächte unseres Lebens
und die Nächte dieser Welt.
Amen.


Dienstag, 12. April 2022

Leben, durchkreuzt (1)

Passionsandacht in der 
Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar 
zu Bildern des Kreuzweges "JesusArt"
von Mika Springwald
(Ökumenischer Kreuzweg der Jugend 2017  (c) Jugendhaus Düsseldorf)

Keine Hilfe, von niemandem? 

I. 

Völlig vermummt ist er.
Oder sie?
Ich sehe kein Gesicht.
Keine Augen und keine Haare.
Nur eine Schutzbrille,
eine FFP2-Maske,
einen gelben Schutzanzug und
blaue Handschuhe.
Darin ein Mensch.
Er atmet.
Bewegt sich.
Packt an.
Hat entschieden zu helfen.

Sehen so Held:innen aus?
Ich weiß es nicht.
Würde man fragen:
„Bist du ein Held oder eine Heldin?“
würden die meisten wahrscheinlich antworten:
Nein. Da ist nichts Heldenhaftes.
Ich helfe, weil ich helfen muss.
Ich helfe, weil ich es kann.
Ich helfe, weil mir nichts anderes übrig bleibt.
Weil sich so viele andere hilflos fühlen.
Und weil es so viele Menschen gibt,
die glauben,
dass es keine Hilfe gibt, von niemandem.

Wem und wie dieser Mensch hilft,
sehen wir nicht.
Es könnte ein Krankenpfleger sein,
auf der Corona-Station.
Es könnte die Feuerwehrfrau sein,
die bei einem Chemie-Unfall im Einsatz ist.
Der Arbeiter im Kernkraftwerk,
der Atommüll entsorgt.
Die Labormitarbeiterin,
die forscht an krebserregenden Stoffen.

Ein Mensch hilft.
Trägt seine Haut zum Markt.
Geht selbst ein Risiko ein.
Bekommt dafür vielleicht Gehalt –
aber tatsächlich auch, was er verdient?
(Als zynischen Bonus gibt’s Applaus.)
Eventuell gibt’s aber auch gar kein Gehalt,
sondern nur eine Ehrenamtspauschale.
Oder einen Handschlag.
Ein dankbares Nicken,
ein Blick.
Oder… nichts?
Dieser Mensch hilft trotzdem.
Trotz allem.
Weil er oder sie entschieden hat zu helfen.

Keine Hilfe, von niemandem?
Doch es gibt sie.
Diese Menschen,
die ihr eigenes Leben durchkreuzen lassen
von Alarmpiepsern, Nachtschichten,
Wochenenddiensten,
gesundheitlichen Belastungen.
Sie verzichten auf Freizeit und Geld.
Schlaf.
Ein geregeltes Familienleben.
Stellen Freundschaften hintenan und
verzichten auf Hobbies.
Gehen über Grenzen
um zu helfen.
Und fragen dabei oft nicht,
was mit ihnen selbst ist.

 

II. 

Völlig verstummt ist er.
Jesus.
Ich sehe sein Gesicht.
Seine Augen blicken zu mir.
Seine Haare hängen wirr vom Kopf.
Der Angstschweiß läuft die Schläfen herunter.
Bekleidet nur mit einem Hemd,
verklebt, mit der blutig geschlagen Haut.
Völlig schutzlos.
Allen ausgeliefert.
Dem Leben und der Wut genauso,
wie dem Tod.
Er atmet.
Bewegt sich.
Packt das Kreuz.
Trägt es selbst nach Golgatha.
Hat entschieden, zu helfen.

Sie nahmen ihn aber, und er trug sein Kreuz
und ging hinaus zur Stätte,
die da heißt Schädelstätte, auf Hebräisch:
Golgatha.
Johannes 19,17


Jesus packt an
und trägt das Kreuz nach Golgatha.
Trägt die Las
t der Welt selbst dorthin,
an den Platz, an dem gerichtet,
hingerichtet werden soll.
Nimmt das Kreuz auf sich und bringt es selbst
an den Ort des Todes und der Verdammnis.
Nimmt Schmerz, Tränen und Tod
der ganzen Welt
und von mir
und trägt alles mit seinen eigenen Händen.
Trägt alles dorthin,
wo durchkreuztes Leben für alle weithin sichtbar ist.
Jesus fragt nicht nach sich selbst
und danach, was er ertragen kann und will.
Fragt nicht, was er selbst verdient hat.

Jesus hat entschieden zu helfen. 
Sich und sein Leben durchkreuzen zu lassen.
Den Weg derer mitzugehen,
die keine Hilfe mehr erwarten, von niemanden.
Den Tod derer mitzusterben,
denen keiner mehr zum Leben hilft.  
Keine Hilfe, von niemandem?
Nein, nicht für Jesus.  


III. 
 

Manchmal ist um Hilfe zu bitten
schwieriger,
als zu helfen. 

Manchmal sehe ich
die Hilfsbedürftigkeit anderer
viel deutlicher, als meine eigene.

Manchmal fällt es mir viel leichter,
für andere über meine Grenzen zu gehen,
als meine eigenen Grenzen zu respektieren.

Und manchmal WILL ich gar keine Hilfe.
Von niemandem.
Weil ich selber stark sein möchte.
Unabhängig und frei entscheiden will
über mein Wohlergehen.
Und auch über Freude und Schmerz.
Und über das, was ich ertragen kann
und ertragen will.

Manchmal?
Eigentlich immer.
Bis zu diesem einen Punkt,
an dem alles anders wird.

Ich will keine Hilfe,
von niemandem,
bis…
… ja, bis der Schmerz kommt
und die Trauer
über den Verlust
dieses einen, geliebten Menschen.
Bis die Sorge kommt
um die eigene Gesundheit
oder die der Kinder oder Eltern.
Bis die Liebe unwiederbringlich gescheitert ist.
Bis der Job tatsächlich weg ist,
das Konto leer und die
Depression schwarze Löcher in die Seele frisst.

Ich will keine Hilfe,
von niemandem,
bis…
… ja, bis mein Leben durchkreuzt wird.
Dann, erst dann,
beginne ich zu verstehen.

Dass es auch Hilfe gibt für mich.
Und dass auch ich es verdient habe,
herausgeholt zu werden.
Aus meinem Schmerz und meiner Trauer.
Aus Verzweiflung, Existenzangst und Depression.

Wenn mein Leben durchkreuzt wird
und ich selbst nicht mehr daran glauben kann,
dass etwas gut ausgeht:
dann, erst dann,
beginnt die Erfahrung,
dass ein Mensch für mich da ist.   
Ein Mensch, dessen Telefon für mich bereit steht,
dessen Piepser für mich Alarm auslöst
und dessen Herz meinetwegen schneller schlägt.
Ein Mensch, der mich herausholt
aus den finstersten Ecken,
in die meine Seele sich verkrochen hat.
Und ein Mensch, der mir erzählt von dem,
der sich durchkreuzen ließ,
um mit mir
hindurchzugehen
durch das alles.
Und der mir dann,
im Dunkel meiner Nacht,
den Weg ins Licht zeigt.

Amen.




Sonntag, 13. März 2022

"Ich werde das Träumen nicht aufgeben!"


Gottesdienst
zum Kino in der Eusebiuskirche 
am 13. März 2022 

Predigt zum Film
"Mein Blind Date mit dem Leben" und
Psalm 126

I.                   Traum 

Haben Sie, habt ihr einen Traum?
Welcher Traum hat sich bereits erfüllt?
Gibt es einen Traum,
von dem Sie sich verabschieden mussten?

Ich bin mir sicher:
Wir alle haben Antworten auf diese Fragen.
Jede einzelne Person,
die heute hier in dieser Kirche sitzt,
kennt Träume.
Große und Kleinere.
Realistische und unerreichbare Träume.
Heimliche und Unheimliche.
Ideen, die wir über unser Leben und unsere Realität hinausdenken. Die größer sind, als das, was ist.
Ideen, die manchmal Mut brauchen.
Oder Entschlossenheit.
Vielleicht auch Geld. Oder Zeit.
Oder etwas anderes, was man gerade nicht hat.
Manchmal sind es Gedanken, die man sich gar nicht traut, laut zu sagen.
Oder nur der besten Freundin.
Oder Gott.
Sie sind da. Diese Träume.  
Sie gehören zu unserem Leben dazu.
Manchmal erfüllen sie sich.

Teilweise sind sie aber auch schnell zerstört.
Lösen sich in Luft auf.
Scheinen unerreichbar und man fragt sich:
lohnt es sich überhaupt daran festzuhalten
oder gar für einen Traum zu kämpfen?     

II.                Saliyah

Saliyah hatte mal einen Traum.
Damals, als er Schüler war und noch sehen konnte.
Die Gastronomie hat es ihm angetan.
Ein eigener Laden, kochen,
eintauchen in fremde Gerüche und Geschmäcker.
Das alles war sein Traum.
Und für den lebt er.
Geht er zur Schule. Lernt er.
Bis zu dem Tag, als sich plötzlich alles verändert.
Er verliert in kürzester Zeit sein Augenlicht.
Erblindet. Sieht nur noch schemenhaft.
Es bleiben ihm 5% seines Sehvermögens.
Sein Traum scheint schon an der Schule zu scheitern.
Aber: Er gibt nicht auf.
Bleibt an der Regelschule und schafft das Abi –
wie alle anderen auch.
Damals, in den 90ern, war es noch nicht üblich,
dass Menschen mit Behinderung
eine normale Schule besuchen.
Noch weniger üblich war damals,
dass Menschen wie Saliyah
eine „normale“ Ausbildung machen.
Das alles wusste er – aber er war nicht bereit,
dafür seinen Traum zu opfern.
Entgegen allen Empfehlungen bewirbt er sich
am Hotel Bayrischer Hof.
Kämpft sich durch das Bewerbungsverfahren.
Er wird genommen und scheint
am Ziel seiner Träume zu sein.
Mich beeindruckt das.
Wieviel leichter wäre es gewesen,
einfach das Übliche zu tun?
Wieviel leichter wäre es gewesen,
den Traum aufzugeben und einfach das zu tun,
was das Leben so vorsieht?
Sonderschule? Behinderten-Werkstätte? Maximal ein Job als Hilfsarbeiter?

III.             Psalm 126

Seinen Traum Aufgeben?
Das war nicht Saliyhas Ding.
Und: auch nicht das Ding vieler Menschen vor ihm.
Manche haben ihre Träume in Worte gefasst
und so sind sie überliefert bis heute.
Auch in der Bibel.
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
dann werden wir sein wie die Träumenden.
So steht es im Psalm, den wir vorhin gehört haben.
Wenn – Dann.
Das ist das Gesetz des Träumens.
Und das ist so alt, wie die Menschheit selber.
Schon immer haben Menschen geträumt von
einem besseren Leben, als das, das sie haben.
Schon immer haben Menschen geträumt von Unabhängigkeit. Von Gleichberechtigung.
Manchmal auch von einer Lösung für ein Problem.
Und vor allem:
Geträumt vom Frieden und von der Freiheit.
Das Volk Israel macht es uns in der Bibel vor.
Immer wieder macht es die Erfahrung:
Träume halten am Leben.
Träume lassen durchhalten,
auch wenn die Situation noch so schwierig ist.
Träume geben die Gewissheit: 
Egal, was jetzt ist - es ist nicht das Ende.
Auch wenn jetzt Tränen und Leid die harte Realität sind:
dabei wird es nicht bleiben.
Und schon allein deshalb hat jede Träne
das Potential zur Freudenträne.
Jede.  

 

IV.            Tränen

Tränen gesät hat auch Saliyah.
Man kann nicht sagen, dass alles reibungslos lief.
Denn: Saliyah hat sein Problem verschwiegen.
Übrigens ganze 15 Jahre lang.
Er wollte sein wie alle anderen.
Wollte keinen „Behinderten-Bonus“.
Wollte seinen Traum aus eigener Kraft
und mit eigenem Können verwirklichen.
Um das hinzubekommen hat er eines getan:
er hat schlicht nicht die ganze Wahrheit erzählt.
Er hat einfach getan, als wäre mit ihm alles in Ordnung.
Und so hat er sich öfters - im sprichwörtlichen Sinne - eine blutige Nase geholt.
Oder eben auch buchstäblich: eine blutende Hand.
Es waren viele Rückschläge.
Schlaflose Nächte. Endlose Überstunden,
Nachtschichten und erniedrigende Situationen.
Ich weiß nicht, wie oft er aufgeben wollte.
Sein eiserner Wille und eiserne Disziplin
ließen ihn alle Handgriffe auswendig lernen.
Hartnäckiges Üben verhalf ihm  
letztendlich zur nötigen Sicherheit im Alltag.

Und dann war da noch ein wichtiger Faktor:
Max. Mit-Azubi von der ersten Stunde an.
Einer, der zwar nicht den großen Traum teilt,
der aber zwei gesunde Augen hat und etwas sieht.
Auch Saliyahs Probleme.
Max merkt sehr früh,
dass mit Saliyah etwas nicht stimmt.
Aber er hält dicht und spielt das Spiel mit.
Max hilft, haut ihn raus, wenn Saliyah auffliegen könnte.
Er wird Saliyah zum Freund und
zum Komplizen seines Traumes.

Ich wage zu vermuten,
dass Saliyah es ohne Max nicht geschafft hätte.
Nur aus eigener Kraft wäre er,
und ich neige eher nicht zum Schwarzmalen, gescheitert.
Vielleicht hätte sich eine andere Lösung ergeben.
Vielleicht hätte Saliyah sich geoutet.
Oder er hätte andere Hilfe bekommen.
Vielleicht wäre auch Aufgeben irgendwann gar nicht mehr schlimm gewesen.
Aber ohne Max wäre Saliyah gescheitert.
Und sein Traum mit ihm.
Wie gut, dass es Menschen wie Max gibt.

 

V.               Ernten

Ich glaube, und da sind wir uns bestimmt einig,
dass es durchaus Träume gibt, die in Erfüllung gehen.
Und dass es Träume gibt, die anders in Erfüllung gehen, als gedacht.
Und Träume, die nicht in Erfüllung gehen, die gibt es auch. Ja. Viele sogar.

Es ist dieser Weg dazwischen,
der Kraft kostet.
Schweiß und Tränen.
Bis zu dem Tag
als Saliyah seine Prüfung bestanden hatte.
Erst dann war es geschafft.
Bis dahin: viele Tränen, die gesät wurden.
Ohne zu wissen, ob jemals eine freudige Ernte
eingebracht werden kann.
Bis dahin hartes Üben, Fehler machen,
Missgeschicke vertuschen  -
ohne zu wissen, ob der Traum vom eigenen Laden jemals Wirklichkeit wird.
Vielleicht wäre Saliyah manches Leid und manche Erniedrigung erspart geblieben,
wenn er aufgegeben hätte.
Aber wäre Aufgeben richtig gewesen?

 

VI.             Widerstand

Ich glaube: Nein.
Berthold Brecht ist der Satz zugeschrieben:
„Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Das gilt auch für Träume.
Wer nicht für seinen Traum kämpft,
wird ihn nicht erreichen. 
Und wer nicht vorwärts geht,
lässt sich festlegen auf die eigenen Grenzen.
Im Psalm heißt es:
Wenn der Herr einst
die GEFANGENEN Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Sind wir nicht alle ein bisschen gefangen?
Gefangen in unserem begrenzten Denken?
Gefangen im Alltag, in Erwartungen und Notwendigkeiten. In Verpflichtungen.
Oft sind es nicht die großen Dinge, die uns lahmlegen und ausbremsen, die uns gefangen nehmen.

Wer einen Traum hat, sieht über Grenzen hinaus.
Wer einen Traum hat, ist frei.
Wer einen Traum hat, denkt groß und weit.
Und so wissen wir auch von anderen,
dass ein Traum der Beginn von etwas Großem war.
Ich denke an Martin Luther King,
dessen Traum von Gleichberechtigung der Beginn der größten amerikanischen Freiheitsbewegung war.
Wir wissen von Menschen,
die das KZ deshalb überlebten
und nicht seelisch darin zugrunde gingen,
weil sie Lieder von der Freiheit sangen.
Wir kennen die biblische Geschichte von Josef, der als Sklave verkauft war und dessen Träumerei half, ein ganzes Sozialsystem zu erhalten.
Und heute denke ich auch an die Menschen
in der Ukraine, die den Traum
der Freiheit und der Demokratie träumen.
Und auch an die Menschen in Russland, die gegen das Regime auf die Straße gehen, weil sie verstanden haben, dass Freiheit anders geht als das, was man ihnen versucht, vorzugaukeln.
Sie alle holen sich dabei nicht nur eine blutige Nase, sondern riskieren ihr Leben.
Aber Aufgeben kommt nicht in Frage.

Die Geschichte zeigt uns:
Ein Traum ist immer schon ein Stück Wirklichkeit.
Auch wenn sie von außen noch nicht sichtbar ist.
Ein Traum ist Realität, einfach nur deshalb, weil er geträumt wird.
Weil Menschen träumen,
verändert sich Denken und Handeln.
Der Weg dorthin läuft selten ohne Widerstände.  
Wer träumt, riskiert viel.
Aber wer träumt, bekommt auch - oft - viel.
Wer nicht träumt, bekommt gar nichts
und tritt auf der Stelle.

Und deshalb glaube ich:
Ohne Träume wären wir Menschen
gar nicht in der Lage, zu überleben.
Träume erhalten uns am Leben.
Sie sind der innere Motor,
der vor dem Stillstand bewahrt.

 

VII.         Abspann

Relativ am Ende des Films sieht es so aus,
als ob Saliyah alles um die Ohren fliegt
und das ganz Projekt scheitert.
Es ist alles aufgeflogen.
Er muss sich entschuldigen.
Aber er bittet Herrn Kleinschmidt trotzdem darum,
die Ausbildung abschließen zu dürfen.
Da sagt er:
„Ich werde das Träumen nicht aufgeben. Niemals.“
Er ist entschlossen,
weil er weiß, was auf dem Spiel steht.
Für Saliyah hat es sich gelohnt.
Am Ende hat er mit Max zusammen
sogar seinen eigenen Laden.  
Aber das war längst nicht alles.
Saliyah hat weiter gemacht.
Weiter geträumt.
Wurde weit zurückgeworfen und wurde krank.
Hat weiter geträumt, gekämpft und viel erreicht.
Bis heute.

Er ist damit in bester Gesellschaft.
Mit denen, die damals schon diesen Psalm beteten.
Aber auch mit uns.
Denn wir dürfen diese Worte auch für uns sprechen:
Wenn der HERR uns
aus unseren kleinen und großen
Gefangenschaften erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden. 
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen
in unserer Familie,
im Freundeskreis
und die Straße rauf und runter:
Der HERR hat Großes an ihnen getan!  
Der HERR hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich. Amen.