Sonntag, 9. August 2026

Macht wirkt! Oder: Ein Briefwechsel zwischen der Kleinen Hexe und Rahab aus Jericho

Macht wirkt! 

Oder:

Ein Briefwechsel zwischen der Kleinen Hexe und Rahab aus Jericho
Josua 2,1-24

Gottesdienst zur Sommerpredigtreihe "Held*innen der Kindheit" im Distrikt Unterer Neckar

Zwei Frauengeschichten – zwei völlig unterschiedliche Quellen:

Da ist die kleine Hexe,
wichtigste Figur im Kinderbuch von Otfried Preußler, einem der größten Kinderbuchautoren der Nachkriegsgeschichte.
Seit der Erstveröffentlichung 1957 wurde es in 47 Sprachen übersetzt.
Um was geht es?
Die kleine Hexe war leider erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt.
Deshalb war sie zu jung, um von den anderen Hexen
für voll genommen zu werden.
Das wollte die kleine Hexe
nicht akzeptieren und sie ist trotzdem
zum Hexentanz auf den Blocksberg gegangen -
in der Hoffnung, dass sie nicht auffliegt.
Das ist dann doch passiert.
Zur Strafe wurde ihr der Hexenbesen abgenommen
und sie musste zu Fuß heimlaufen.
Aber: Ein Jahr hat sie nun Zeit, zu beweisen,
dass sie eine gute Hexe ist.
Und wenn sie diesen Nachweis erbringen kann,
dann darf sie ab dem nächsten Jahr
mit den großen Hexen mittanzen.
Denn wenn sie schon keine große Hexe ist,
dann will sie wenigstens eine gute Hexe sein.
Sie wird die Welt besser machen.
Menschen helfen. Schöne Dinge vermehren. Wärme verteilen.
Das übt sie akribisch in ihrem kleinen Hexenhaus im Wald.
Und sie setzt ihre Fähigkeiten ein für die Menschen,
denen sie im Wald und im Dorf begegnet.
Für sie macht sie die Welt zu einem besseren Ort -
auf ihre ganz eigene Art und Weise: mit Hexenmacht.
Immer mit dabei: ihr Berater und Begleiter,
der sprechende Rabe Abraxas.
Er hinterfragt, übt Kritik, motiviert sie zum Weitermachen
und hilft ihr dabei, 
ihr großes Ziel zu erreichen.

Und dann ist da Rahab, die im Stammbaum von Jesus ihren Platz hat.
Im Hebräerbrief im neuen Testament wird sie als Vorbild in einer Reihe mit Abraham, Mose und anderen genannt.
Dort steht: „Aufgrund des Glaubens kam die Dirne Rahab
nicht zusammen mit den Ungehorsamen um; 
denn sie hatte die Kundschafter in Frieden aufgenommen.“

Rahab war nicht zu jung, um dazuzugehören.
Aber sie hatte den falschen Beruf: sie war eine Dirne.
In anderen Übersetzungen steht „Hure“.
Heute würde man sagen, eine Prostituierte,
die ihren Körper als Sexobjekt verkauft.
Positiv formuliert:
Sie war eine selbständige Geschäftsfrau.
Sie hatte ein gut laufendes Gästehaus direkt an der Stadtmauer in Jericho.
Dort übernachteten Fremde
und konnten allerhand Dienstleistungen in Anspruch nehmen.
So auch die beiden Spione der Israeliten,
die im Zuge der Landnahme von Josua ausgesandt wurden,
um die Stadt zu erkunden.
Sie flogen auf und Rahab sollte ihre Gäste dem König ausliefern.
Doch Rahab versteckte sie, obwohl sie selbst
durch die Eroberungspläne der Israeliten in Gefahr war.
Sie schickte die Boten des Königs auf eine falsche Fährte, 
indem Sie glaubhaft versicherte,
dass diese schon längst weitergezogen seien.
Wenn man sie noch erwischen wolle, bestünde Eile.
Während die Boten des Königs diese falsche Fährte aufnehmen,
kam Rahab mit den Spionen ins Gespräch
und erzählte von ihrem Glauben an den Gott Israels.
In der Folge gab es einen Deal:
Rahab verhalf den beiden zur Flucht mit einem Seil über die Stadtmauer, dafür wurde sie und ihre ganze Familie
bei der Eroberung der Stadt verschont.



Zwei Frauen aus völlig unterschiedlichen Welten.
Beide hatten Vertrauen in ihre Fähigkeiten
und in ihre Macht, den Lauf ihrer Welt zu beeinflussen.
Deshalb konnten sie auch Zeit und Raum verlassen
und sind Brieffreundinnen geworden!

Ein Briefwechsel zwischen der Kleinen Hexe und Rahab aus Jericho:

 

Liebe Rahab,
heute sitze ich in meinem Hexenhaus und bin gelangweilt.
Es ist wieder Freitag, und wie Du weißt, darf ich freitags nicht hexen.
Freitag ist unser Ruhetag.
Weil ich Zeit zum Nachdenken habe,
gehen mir sehr viele Dinge durch den Kopf.
Ich erinnere mich an damals, als ich versucht habe,
eine gute Hexe zu sein. Weißt du noch?
Ich frage mich ernsthaft: Warum sind Menschen so fies zueinander?
Die Holzsammlerinnen hatten dem neuen Revierförster nichts getan!
Aber er war stinksauer auf sie, 
weil sie Sturmholz für den nächsten Winter eingesammelt haben.
Dabei sind die doch so arm, 
dass sie es sich gar nicht leisten könnten, Holz zu kaufen.
Ich musste den neuen Chef im Wald tatsächlich verhexen,
damit er immer das Gegenteil von dem sagt, was er meint.
Ich sags Dir: seither sind die Holzsammlerinnen so glücklich! 
Niemand motzt sie mehr an!
Und weil sie ihr Geld nicht für Holz ausgeben müssen,
können sie es für Lebensmittel verwenden.
Es freut mich sehr, wie sehr sich das Leben dieser Frauen verändert hat.

Viele Grüße von der Kleinen Hexe

 

Liebe Kleine Hexe,
danke für Deine Zeilen!
Du hast Deine Macht dazu genutzt, den Frauen ihre Würde wiederzugeben.
Und das ist so wertvoll!
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist, 
wenn die Leute den Gehweg wechseln.
Als Prostituierte ist das mit der Würde auch immer ein Thema.
Viele urteilen, ohne uns zu kennen.
Sie wissen nichts über unsere Lebensumstände, 
unsere Nöte und unsere Scham.
Mein Haus an der Stadtmauer war zum Glück nicht so einsam,
wie dein Hexenhaus im Wald - und ich war selten alleine.
Wenn nicht gerade jemand auf Durchreise war
und eine Gelegenheit zum Übernachten benötigt hat,
kamen viele Gäste zwar nur stundenweise, aber sie kamen…
sie waren dann aber auch schnell wieder weg.
Meine Dienstleistungen waren allerdings nicht von allen gern gesehen.
Manchmal kannte ich die Männer auch gar nicht,
die mich für schnellen Sex bezahlt haben und dann wieder abgetaucht sind.
Aber wenigstens konnte ich ihnen für eine gewisse Zeit das Gefühl geben, dass sie nur für sie da bin.
Und nicht zu vergessen: ich konnte so meinen Lebensunterhalt verdienen.
Ich hatte ein sicheres Einkommen, 
was für eine alleinstehende Frau nicht üblich war.
Manchmal kamen tatsächlich auch Reisende,
die länger in der Stadt übernachten wollten.
Wie die beiden, die eines Tages vor mir standen.
Sie kamen mir komisch vor. 
Sie taten sehr geheimnisvoll und hatten eine Mission,
das habe ich sofort gespürt.
Meine Neugier war geweckt 
und ich haben ihnen einen Schlafplatz angeboten.
Sie schienen sich in der Stadt nicht auszukennen
und fragten seltsame Dinge.
„Wo ist der nächste Brunnen?“ und „Wie hoch ist die Stadtmauer?“.
Ich habe sofort gespürt: Bei denen musst du gut aufpassen,
damit sie dich nicht übers Ohr hauen.
Aus jetziger Sicht ist – zumindest für mich - zum Glück alles gut gegangen.
Aber das hätte auch anders kommen können.
Das war bei dir ähnlich, oder?

Viele Grüße von Rahab

 

Liebe Rahab,

ich bin im Nachhinein sehr froh, dass ich meine Chance genutzt habe.
Ich habe rechtzeitig erkannt: ich bin dem Schicksal nicht ausgeliefert.
Ich habe Macht, um etwas zu verändern.
Seither ist diese Welt ein besserer Ort 
und mir ist nochmal bewusst geworden:
wer Macht hat, hat auch Verantwortung.
Verantwortung dafür, dass Macht genutzt wird, um etwas zu verändern.
Aber auch Verantwortung dafür, wie Macht genutzt wird.
Ich habe lange Zeit gar nicht verstanden,
wieviel Macht ich als kleine Hexe tatsächlich habe!
Bis zum großen Finale auf dem Blocksberg war es ein wilder Ritt.
Vorsichtig sein musste ich auch.
Denn die Hexen hatten mir zwar die Chance gegeben, mich zu beweisen,
aber ich stand deshalb auch unter ständiger Beobachtung.
Bis zum nächsten Hexentanz durfte ich keinen einzigen Fehler machen.
Ja, ich wollte unbedingt eine gute Hexe sein. 
Wollte meine Fähigkeiten dafür nutzen, dass es nicht nur mir besser geht,
sondern auch den vielen Menschen aus dem Dorf.
Stell dir vor: der Maronimann hat bis heute keine kalten Füße mehr,
wenn er im Schnee steht und seine Maronen verkauft.
Er weiß nicht, dass ich es war, die seine Füße verhext hat -
und dass er deshalb nie wieder frieren muss.
Darüber wundern tut er sich sicher immer noch!
Und sich freuen auch!
Wenn er von seiner Freude weitererzählt,
dann macht er die Welt
auch jetzt noch ein bisschen besser.
Vielleicht ist das auch das Geheimnis meines Erfolgs:
Dass etwas Gutes noch viel mehr Gutes bewirkt.
Weil jemand drüber redet. Das ist ansteckend!
Aber erzähle mir mehr von den beiden Typen,
die bei dir gewohnt haben!
Deine Kleine Hexe


Liebe Kleine Hexe,

da hast Du Recht!
Über Gutes zu reden, bewirkt Gutes –
und es hat wahrscheinlich nicht nur mir,
sondern auch meinen Gästen das Leben gerettet.
Ich habe schnell bemerkt, dass sie Israeliten waren.
Das hamir gefallen, denn der Gott der Israeliten war für mich wichtig.
Ich habe gespürt, dass dieser Gott Macht hat
und er die Menschen, die ihm vertrauen, nicht im Stich lässt.
Und weil ich darüber geredet habe,
wussten die Männer, dass sie bei mir sicher waren.
Deshalb haben mir wohl ihr Leben anvertraut,
als aufgeflogen ist, dass sie unsere Stadt ausspionieren.
Ja, unser Deal hat funktioniert.
Die anschließende Eroberung von Jericho hätte meine Familie nicht überlebt - und ich am allerwenigsten.
Gut, dass wir ein heimliches Zeichen vereinbart hatten:
mit einem roten Seil habe ich den beiden geholfen,
sich über die Stadtmauer hinab abzuseilen und in Sicherheit zu bringen.
Das Seil habe ich wieder nach oben gezogen und ins Fenster gehängt.
Es war unser geheimer Code.
Ja, ich hatte ihr Leben in der Hand – und sie meines und das meiner Familie.
Denn nur sie kannten den Code und konnten ihn an ihre Leute weitergeben,
um uns zu verschonen. 
Sie hatten Macht über mich und ich hatte Macht über sie.
Ich bin glücklich, dass ich lebe. Dass wir alle leben.
Aber eines habe ich verstanden:
Macht ist nicht selbstverständlich und bekommt man nicht automatisch.
Macht muss man sich erarbeiten.
Und man muss auch etwas dafür opfern:
Von da an habe ich zum Volk Israel gehört
und musste mein eigenes Volk zurücklassen.
Der Gedanke daran beschäftigt mich. Sehr.

Viele Grüße von Rahab

 

Liebe Rahab,
dass man Macht nicht automatisch bekommt:
das ist auch meine Erkenntnis.
Und kurz hat es auch so ausgesehen, als würde alles keinen Sinn machen,
denn tatsächlich bin ich einem fürchterlichen Irrtum unterlegen:

In den Augen der anderen Hexen waren nämlich nur böse Hexen gute Hexen.
Ein fatales Missverständnis!
Meine Idee, die Welt zu einem besseren Ort zu machen,
wurde gar nicht gewollt – und das von meinen Mithexen!
Sie hätten mich ernsthaft durch die Hexenprüfung
fallen lassen, weil ich Gutes tun wollte!
Du glaubst nicht, wie sauer ich war!
Dabei habe ich mir allergrößte Mühe gegeben, 
auch wirklich ALLES richtig zu machen.
Ich musste also tatsächlich überlegen, was ich tun kann.
Aber ich wäre nicht die Kleine Hexe, wenn ich es nicht geschafft hätte.
Ich habe sie tatsächlich entmachtet.
Ich habe alle Hexenbücher und Hexenbesen 
auf den Blocksberg herbeigehext,
sodass sie nicht mal mehr zur Walpurgisnacht reiten konnten.
War das ein Hexenfeuer!
Du glaubst ja gar nicht,
wie gut Hexenbücher und Hexenbesen brennen können!
Keine Hexe kann nun mehr Böses hexen
und nur noch ich bin übrig – die gute Hexe!
Bei euch „normalen“ Menschen ist das anders.
Da bleiben nicht immer die Guten übrig.
Manchmal würde ich euch, die ihr in der realen Welt lebt,
ein bisschen Hexerei gönnen.
Damit ihr die Bösen auch einfach
mit einem Zauberspruch entmachten könnt.
Ohne Krieg. Ohne Tod und ohne dass wirklich jemand zu Schaden kommt.
Aber wahrscheinlich wird das ein Traum bleiben, oder?

Alles Gute in deiner Welt,
Deine kleine Hexe

 

Liebe kleine Hexe,
bei Dir war es wahrhaftig ein Happy End! 
Aber wie Recht Du hast -
wenn es in unserer Welt um Macht geht, 
funktioniert es oft nicht ohne Krieg und Leid.
Ich gebe es zu: es war auch bei uns so.
Meine Familie und ich wurden gerettet – der Rest der Stadt wurde zerstört.
Es gab viele Tote und Verletzte.
Ja, die Israeliten haben das Land eingenommen,
wie es ihnen Gott versprochen hat.
Das ging eben nicht mal nebenbei.
Das darf man zurecht schwierig finden und sagen: Das ist ungerecht.
So empfinden es viele auch bis heute.
Aber gerade deshalb ist es gut, wenn wir um die Macht wissen,
die wir haben und sie nutzen können.
Denn wie Du auch, kann jede*r versuchen,
anderen Menschen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen.
Dann entsteht auch Vertrauen.
Vielleicht ist das sogar Wichtigste: dass wir nach Wegen suchen,
um einander zu vertrauen, uns gegenseitig zu ermutigen und
nicht immer nur das Schwierige zu sehen.
Wir können nicht kurz weghexen, was uns das Leben schwer macht.
Aber wir können uns mit denen zusammentun,
die einander unterstützen und so die Welt zu einem besseren Ort
für alle machen. Auch das ist Macht!
Oder kurz gesagt: wir tun uns zusammen mit denen,
die in Frieden leben möchten.
Egal zu welcher Stadt, zu welchem Land oder
zu welchem Volk sie gehören.
Ja, diese Macht zum Frieden,
da sind wir uns einig, die möchte ich haben.
Deine Rahab.

 

Liebe Menschen in Wendlingen, Unterensingen, Bodelshofen...!

Ja, wir beide,
die Kleine Hexe und Rahab,
haben unsere Erfahrungen gemacht.
Wir haben es erlebt: Macht wirkt.
Sie kann Gutes und Schlechtes bewirken.
Wir beide haben uns entschieden, unsere Macht zu nutzen.
Für uns, aber erst recht für die Menschen, die uns vertraut haben.
Das war für uns beide eine wichtige Erfahrung.
Deshalb freuen wir uns, wenn ihr unsere Geschichten
ein bisschen weiterschreibt.
Wenn ihr herausfindet, wer auf Eure Macht angewiesen ist.
Wer eure Unterstützung braucht und wer euch vertraut.
Aber findet auch heraus, wem ihr vertrauen könnt.
Egal, ob es ein sprechender Rabe ist
oder ein Mensch aus einem fremden Land.  
Wir sind uns sicher: jeder Mensch, jede*r von euch,
hat eine Wirkung auf sein Umfeld und die Möglichkeit,
etwas zum Guten verändern.
Vielleicht nicht immer aus eigener Kraft.
Aber im Vertrauen auf Gott,
der dann auch die Kraft dazu gibt.
Eure Schwestern: Kleine Hexe und Rahab.
Amen.

       




Donnerstag, 2. April 2026

LosLassen: Über-Zeugungen

 


„Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen; denn dass wir uns halten,
das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.“
(Rilke) 


Gottesdienst mit Abendmahl an Tischen
Gründonnerstag, 2. April 2026 
Johannesforum


I.                   Abendmahls-Überzeugungen

Ich wage, liebe Tischgesellschaft, eine steile These:
Nichts ist so sehr ein gemeinsames aneinander Festhalten
wie das Abendmahl.
Ein Blick zurück:
Jesus wusste, was auf ihn zukommt.
Er hat seinen Abschied immer wieder angekündigt.
Hat vom Loslassen und der Vergänglichkeit gepredigt
und selbst damit begonnen, sein Leben loszulassen.
Aber ihm war auch klar:
egal, wie er seine Freunde darauf vorbereitete,
was jetzt kommt, wird ihnen den Boden
unter den Füßen wegziehen.
Sie werden Halt brauchen,
um ihn loslassen zu können.

Vielleicht hat Jesus seinen Freunden
und uns
gerade deshalb dieses gemeinschaftliche Mahl
als Ritual geschenkt:
weil uns an einem gemeinsamen Tisch
das einander Halten leichtfällt.
Und das doch so wichtig ist.
Und wir sehen ja auch: es hält bis heute!
Sonst wären wir heute alle nicht da.
Wenn ich sage: „Wir alle“,

dann meine ich das auch so.
Wir sind viele verschiedene Menschen.
Noch vielfältiger als die 12 Freunde,
die Jesus damals um seinen Tisch versammelt hatte.
Egal, wer wir sind,
wo wir herkommen,
wie wir wohnen,
welches Auto wir fahren  
und welcher Sexualität wir uns zuordnen.
Alter spielt genauso wenig eine Rolle
wie der Kontostand oder unser Beruf.
Egal wer wir sind:
heute sind wir alle eingeladen an den Tisch Jesu.
Übrigens aus Überzeugung.
Ein Blick zurück zeigt, dass das nicht immer so war.
Was als Mahl unter engsten Freunden begann,
wurde im Laufe der Kirchengeschichte
zu einem heiligen Ritual.
Nur unter bestimmten Voraussetzungen war man eingeladen.
Bedingungen wie Geschlecht, Alter,
Konfession, Taufe und Konfirmation, Familienstatus –
das alles spielte immer wieder eine Rolle.
Es war ein Ringen um die richtige Überzeugung,
wie Abendmahl „richtig“
und im Sinne Jesu gefeiert wird.
Ein Ergebnis dieses Ringens
hat uns auch uns als evangelische Kirche sehr lange geprägt: 
Die Überzeugung, dass Kinder
nicht zum Abendmahl gehen dürfen.
Menschen mit Beeinträchtigungen
waren ebenfalls oft ausgeschlossen –
für uns heute und hier unvorstellbar. 
Man war der Überzeugung:
das Abendmahl muss man intellektuell erfassen. 
Es braucht ein Verständnis für theologische Zusammenhänge,
ein bestimmtes Alter und eine gewisse Reife.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus die Konfirmation
als „Zulassung“ zum Abendmahl. 

Ich kann mich noch gut an mein erstes Abendmahl erinnern:
ich war wahrscheinlich 8 oder 9 Jahre alt.
Von der Konfirmation also noch ein paar Jahre entfernt.
Wir waren im Urlaub in Dänemark.
In einem deutschsprachigen Urlaubergottesdienst
wurde zum Abendmahl eingeladen.
Wir sind selbstverständlich sitzen geblieben,
denn damals war völlig klar: 
Kinder gehen nicht zum Abendmahl.


An diesem Tag war alles anders. 
Damals hat der Pfarrer gesagt hat:
Auch die Kinder sind eingeladen.
Und dann sind wir mit nach vorne gegangen.
Zum ersten Mal waren wir als Kinder
nicht ausgeschlossen vom Abendmahl,
meine beiden Brüder und ich.
Deshalb, weil ein Pfarrer mutig war
und entgegen der damaligen Regel gehandelt hat.
Er hatte sich schon damals von der Überzeugung verabschiedet,
dass Kinder das Abendmahl nicht verstehen.

Seit diesem Urlaubs- Abendmahls- Moment
hat sich bei mir etwas verändert.
Das Gefühl: „Ich gehöre dazu“ ist ein anderes geworden.
Und ich bin dankbar.
Dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte 
weil ein Pfarrer eine Überzeugung losgelassen hat:
Kinder sind zu klein sind für Heilige Momente.
Ja, für mich war das – und ist es bis heute - ein heiliger Moment.
Und wenn ich heute in diese Kirche hineingehe,
empfinde ich immer noch ein bisschen wie damals
vor 40 Jahren.

 

Musik (Klavier)

 

II.                Der Langwarder Altar

In den Faschingsferien war ich in Norddeutschland unterwegs.
Unter anderem habe ich meine Freundin Susanne besucht.
Sie ist in der Region Butjadingen Pfarrerin.
Unverhofft bin deshalb ich zu einer Kirchenführung
in der St. Laurentius-Kirche von Langwarden gekommen.

Diese Kirche steht auf einer Warft -
ziemlich am Ende der Welt,
gegenüber der Hafeneinfahrt von Bremerhaven.
Der Altar von Onno Dierksen ist ein Besonderer.
Mein Blick blieb hängen an der Abendmahlsszene.
Jesus mit seinen Jüngern, die um den Tisch herumsitzen.
Die Jünger in teilweise ähnlichen Konstellationen
und Körperhaltungen wie beim großen Werk von da Vinci.  
Scheinbar kannte der Altarschnitzer
das rund 200 Jahre zuvor entstandene Werk
des berühmten Malers.
Mein Interesse war geweckt.
Hendrikje, die Kirchenexpertin, fragte prompt:
"Hast du schon nachgezählt?"
Mein irritierter Blick war eindeutig – also nein.


Ich zählte durch und kam auf 11.
Also eindeutig 10 Jünger und Jesus. Verrückt.
„Ja und jetzt rate mal, wer fehlt!“
(Hat jemand eine Idee?)
Es sind Judas und Petrus, die fehlen.
Auf Judas, den Verräter, kam ich auch.
Er, der beim letzten Mahl schon wusste,
dass er Jesus verraten würde.
Und Jesus wusste das auch. 
Aber Petrus?
Ja, auch der Verleugner fehlt.
Der, der nach dem Hahnenschrei bitter weinte.
„Ehe der Hahn kräht, wirst du 3x sagen,
dass du mich nicht kennst!“
Er fehlt, auch wenn, im Vergleich zu Judas,
für ihn die Geschichte mit einem Happy End ausgeht.
Welcher Überzeugung der Altarbauer war,
der den Verräter und den Verleugner
nicht am Tisch „seines“ Altars haben wollte,
ist nicht überliefert.
Wir können nur interpretieren
und uns unsere eigenen Gedanken dazu machen. 

Musik (Klavier)

III.             Wer gehört (nicht) an den Tisch?

„Wer gehört an diesen Tisch?“ – oder andersrum:
„Wer gehört nicht an diesen Tisch“? –
diese Frage geht tief.   

Nicht nur beim Abendmahl.
Und sie zieht sich durch – durch unser ganzes Leben. 
Wer gehört dazu?

Sie stellt sich beim Familienfest:
Laden wir Tante Hanni ein oder nicht?
Sie stellt sich im Kindergarten oder in der Schule:
wer darf mit dem Geburtstagskind an den Tisch sitzen?
Sie stellt sich im Beruf: Wer teilt mit wem ein Büro?
Sie stellt sich in unserer Gesellschaft:
Wer darf in Deutschland sein und wer nicht?
Sind wir mal ehrlich:
oft hat die Antwort nichts mit nachvollziehbaren Gründen zu tun,
sondern mit persönlichen Überzeugungen.
Mit dem, wie Menschen einander einschätzen und bewerten.
Wenn man nach der Bedeutung des Wortes „Überzeugung“ googelt,
findet man folgendes:
„Als Überzeugung wird ein Gedankeninhalt bezeichnet,
wenn daran mit einem relativ hohen Grad
an subjektiver Gewissheit geglaubt wird.“
Aha. Subjektive Gewissheit.
Das bedeutet soviel wie:
Egal, was jemand anderes sagt –
hier geht es um meine Meinung.
Meine Einschätzung.
Meine Überzeugung.
Das lässt sich übrigens auch aus dem Wort selbst ableiten.
Es ist eine Über-Zeugung.
Also eine größere Gewissheit,
als objektive Zeugen bezeugen könnten.
Eine Gewissheit,
die über andere Erklärungen hinaus geht.
Das schließt zwei Dinge ein:
den Irrtum, aber auch die Chance.
Überzeugungen können,
ja sogar müssen sich manchmal ändern.
Denn es gibt ja auch andere Überzeugungen,die man danebenlegen könnte.
Und dann geschieht es vielleicht sogar fast automatisch,
was manchmal so nötig ist:
wir lassen Über-zeugungen los.

Zurück zum Langwarder Altar.

Für den Altarschnitzer war die Frage
„Wer gehört an diesen Tisch?“
im ersten Moment eindeutig zu beantworten:
Menschen wie Judas und Petrus gehören da nicht hin.
Mit einem Verräter und einem Verleumder
setzt sich niemand gern an einen Tisch.
Und an sie will man sich auch nicht mehr erinnern.
Eine allzu menschliche Überzeugung.
Onno Dierksen ging tatsächlich einen Schritt weiter –
und jetzt kommt die Überraschung:
Er hat zwei Figuren geschaffen,
die nicht Teil des fest verbauten Altars sind.
Petrus und Judas können als separate Figuren herausgeholt
und dazugestellt werden.
Sie ergänzen dann das Bild –
traditionell an Gründonnerstag.
Denn eines ist sicher:
Damals bei Jesus saßen Judas und Petrus am Tisch.
Ob sich bei Onno Dierksen die eigene Über-Zeugung geändert hat,
oder ob er der Nachwelt
zwei unterschiedliche Überzeugungen ermöglichen wollte,
bleibt sein Geheimnis.

 Musik (Klavier)
 

IV.             Gehalten im Loslassen 

Überzeugungen loslassen:
Das Abendmahl ist ein Paradebeispiel dafür.
Über 2000 Jahre feiern wir es mit Brot und Wein.
Aber diskutiert und um Überzeugungen gerungen
wurde in unseren Kirchen darüber immer
und zu allen Zeiten.
Wir feiern heute in der Erinnerung an damals.
Immer noch.
Immer wieder.
Aber immer wieder anders.
Sitzen gemeinsam am Tisch
mit Petrus, Judas und allen anderen.
Eingeladen von Jesus.
Überzeugt davon, dass wir das richtige tun:
Brot und Wein teilen.
Am Leben anderer teilhaben. 
Uns gemeinsam daran erinnern,
was Judas und Petrus und die anderen
bei Jesus gehalten hat: seine Liebe.
Bis heute erzählen wir uns davon:

Jesus ist in der Stadt Jerusalem.
Er feiert mit seinen Freunden und Freundinnen ein Fest.
Es ist der Abend vor seinem Tod.
Sie singen Lieder.
Sie essen miteinander.
Sie trinken miteinander.
An diesem Abend nimmt Jesus das Brot.
Er dankt Gott.
Er bricht das Brot.
Jesus gibt das Brot seinen Freunden und Freundinnen.
Er sagt zu allen:
Nehmt und esst.
Das ist Brot zum Leben.
Das ist für euch.
Das Brot macht euch satt.
Es stärkt euren Körper und eure Seele.
Dann nimmt Jesus den Kelch.
Er dankt Gott.
Jesus gibt den Kelch seinen Freunden und Freundinnen.
Er sagt zu allen:
Nehmt und trinkt.
Das ist der Kelch zum Leben.
Der ist für euch.
Der Saft der Weintraube stärkt euch.
Er löscht euren Durst nach Gemeinschaft.
Ihr alle seid verbunden mit mir.
Und ihr seid verbunden mit Gott im Himmel.
Für immer.  

 Amen.




 

Sonntag, 8. März 2026

Las[t] Vegas

 Gottesdienst zum Film 

„The last Showgirl” und 
1. Korinther 13

am 08.03.2026 


I.                   Shelly

Shelly liebt ihren Job.
Seit 30 Jahren ist sie Tänzerin
auf der Bühne von Las Vegas.
Sie lebt geradezu für die Show
„The Razzle Dazzle“
und dafür, im Rampenlicht zu stehen.
Als Dienstälteste ist sie gleichzeitig
eine Mutterfigur für die jüngeren Frauen.
Stress, Hektik, Nacktheit,
anzügliche Gespräche und Existenzängste –
und vor allem hohen Erwartungen an die Performance
setzen alle unter enormen Druck.
Der Inhaber des Nachtclubs fordert alles.
Für Shelly gehört all das zum Geschäft.
Sie setzt nicht nur sich gekonnt und mit viel Routine in Szene,
sondern hilft, wo sie kann.
Eines Tages überbringt Eddie, der Manager des Clubs,
schlechte Nachrichten: Die Show wird abgesetzt.
Die letzten Termine werden noch getanzt.
Danach gehen die Lichter aus.
Diese Nachricht stürzt Shelly in eine tiefe Existenzkrise.
Ihr Job ist ihr Leben.
DIESER Job. DIESE Show.
Wie es weiter gehen soll?
Eine offene Frage.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

II.                Spiegel

Der Blick in den Spiegel:
in einer Künstlergarderobe ist er Alltag.
Das Makeup muss sitzen.
Das Kostüm muss passen.
Der letzte Knopf,
der letzte Reißverschluss korrekt geschlossen sein.
Der Spiegel zeigt alles:
die holprige Performance,
der Schritt zu weit,
die unsicher wirkende Drehung.
Der Spiegel zeigt jede Falte und jedes Fettpolster,
jedes graue Haar und jede sichtbare Veränderung,
die nicht ins Bühnenkonzept passt.
Aber er zeigt auch:
harte Arbeit und Disziplin lohnen sich.
Shelly fühlt sich in ihrer Rolle immer noch gut -
und das, obwohl sie fast 60 ist.  
Zumindest aus ihrer Sicht liefert sie ab.
Jeden Tag. Jede Show.
Im Spiegel verwandelt sie sich in die Frau auf der Bühne.
Sie verwandelt sich in die, von der sie glaubt,
dass sie vom Publikum erwartet wird.
Sie verwandelt sich in eine Kunstfigur,
die der Phantasie einer anonymen Zuschauermasse entspringt.
Sie verkörpert alles, was von ihr erwartet wird:
Weiblichkeit, Reichtum, Sex:
eine glitzernde Kunstfigur,
die in allen Farben schillert.
Dass sie das tut, sichert ihr ihre Existenz.
Sie kann davon leben. Zumindest heute.
Ihr Spiegelbild lebt, solange es die Show spielt.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

III.             Showende

Das Ende der Show ist das Ende des Spiegelbilds.
Das Ende der Show ist das Ende ihrer Existenz.
Auch wirtschaftlich. Ohne Show kein Geld.
Ohne Geld keine Sicherheit, kein Dach über dem Kopf.
Die logische Konsequenz?
Shelly braucht eine neue Bühne.
Als sie vortanzen will, steht da nicht ihr Spiegelbild.
Auf dieser Bühne steht Shelly.
Sichtlich gealtert.
Mit einem Tanzstil aus einer anderen Welt.
Einer anderen Epoche.
Mit anderen moralischen Vorstellungen –
denn für das, was von ihr erwartet wird,
gibt sie sich nicht her.

Sie tanzt vor in der Hoffnung auf ein neues Engagement.
Dabei stellt sie fest:
weder ihr Können noch ihre moralischen Vorstellungen
können mit den aktuellen Entwicklungen
im Showbusiness mithalten.
Shelly ist schockiert über Regeln und Erwartungen,
die inzwischen die Szene verändert haben.
Sie stürzt in eine tiefe Krise
und ihr Spiegelbild bekommt einen tiefen Riss.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht?

 

IV.            Las Vegas oder Last Vegas?

Shelly kann dem nicht mehr ausweichen:
Die Vergangenheit holt sie ein und
sie wird mit alten Entscheidungen konfrontiert.
Eigentlich dachte sie, sie hat alles richtig gemacht.
„Das hier war es wert,
mich praktisch nie ins Bett bringen zu können?“
Plötzlich hält ihre Tochter Hannah
Shelly einen Spiegel vor.
Konfrontiert sie mit dem,
was Shelly 30 Jahre lang als Sicherheit und Karriere empfunden hat:
„eigentlich isses bloß ne dämliche Nacktshow“.
30 Jahre Karriere in Las Vegas
werden pulverisiert im Gespräch mit ihrer Tochter,
für die sie immer das Beste wollte –
auch als sie diese mit dem Gameboy im Auto geparkt
und schlussendlich einer Pflegefamilie überlassen hatte. '
Aus Las Vegas wird Last Vegas.
Die Show ist vorbei.

Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
dann zeigt sich im Spiegel nicht nur
die glänzenden Momente des Erfolges.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
zeigen sich auch die dunklen Stellen des Bildes.
Es zeigt, wo Narben und Verletzungen sind.
Zeigt Bedürftigkeit. Und es stellt Fragen.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
stellt ein Spiegelbild die Frage:
„Was bleibt, wenn die Lichter ausgehen
und die Show vorbei ist?“

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.

V.               Bühnen und Spiegel

Bühnen und Spiegel
gibt es so viele, wie es Menschen gibt.
Jedes Leben gleicht einer eigenen Show
und ihre Zeit ist begrenzt.
Der Blick in den Spiegel wirft Fragen auf:
Wer bin ich?
Für wen tanze ich?
Was macht mich schön und begehrenswert?
Und last but not least: Wovon lebe ich?
Von wem bin ich abhängig?
Finanziell?
Emotional?
Wer tanzt mit in meiner Show –
und in wessen Show spiele ich eine Rolle?
Ein Blick in den Spiegel lässt manches erahnen.
Wer ehrlich in den Spiegel schaut,
sieht nicht nur eine Fassade eines Menschen.
Menschen sind nicht nur Körper und Gliedmaßen.
Ein Spiegelbild ist alles: Körper, Seele, Geist.
Und immer stellt es uns die Frage:
„Was bleibt?“
Was bleibt, wenn ich die Aufgabe meines Lebens erfüllt
'und meine Rolle ausgespielt habe?

Was bleibt, wenn das Sichtbare nicht mehr ist,
was es vorgab zu sein?

Was bleibt, wenn mein Körper nicht mehr so aussieht, wie ein Schönheitsideal es vorgaukelt?
Wenn er nicht mehr die Leistung bringt,
für die ich einst Geld bekam?

Was bleibt, wenn mein Wissen nicht mehr gefragt,
meine Worte nicht mehr gehört und
meine Reputation kein Gewicht mehr hat?

Was bleibt, wenn andere meine Rolle übernehmen
und ich zur Zuschauerin vor meiner eigenen Bühne werde?

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;

 

VI.            Las Vegas oder Korinth?

Manchmal verschwimmen Raum und Zeit
beim Blick in den Spiegel.
Menschen ändern sich, aber nicht die Fragen.
Bühnen ändern sich,
nicht aber der Spiegel.
Was ihre Tochter Hannah für Shelly ist,
ist Paulus für Menschen im alten Korinth.
Ja, er war ein Lauter. Ein Schriller.
Einer, dem Bescheidenheit und Demut
nicht in die Wiege gelegt waren.
Und er spricht aus Erfahrung.

Korinth - das Las Vegas des Römischen Reiches.
Bühne für Handelsreisende, Beziehungssucher,
Dienstleisterinnen und alle,
die auf der Suche waren nach Erfolg,
Anerkennung, Liebe und dem vollen Leben.
Ihnen hält Paulus den Spiegel vor.
Den Spiegel, in den er einst selbst blicken musste.
An die Gemeinde in Korinth schreibt er:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis
und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte,
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe
und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen,
und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (…) 
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich erkannt bin. 
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 
(1. Korinther 13)

VII.          Was bleibt?

Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie nicht für ein anonymes Publikum.
Das ist sowieso längst nicht mehr da -
im Licht der Scheinwerfer fiel nie auf,
dass der Applaus längst aus den Lautsprechern kam.
Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie für sich.
Nur für sich.
Als am Ende die Lichter ausgehen, realisiert sie:
Das Publikum sind nur ihre Tochter Hannah
und deren Vater, Eddie, der Manager des Clubs.
Die beiden sind die einzigen Gäste.
Am Ende sind die geblieben,
die sie lieben.
Und die Shelly liebt.
Trotz allem.

Was bleibt, wenn der Vorhang fällt
und die Lichter ausgehen?
Bei Paulus sind es  
Glaube, Hoffnung, Liebe.
Drei große Worte.

Für Shelly fällt mir ein viertes Wort ein.
Vielleicht ist es die Zusammenfassung ist
der drei großen Worte von Paulus:
Würde.
Egal, was auf der Bühne passiert.
Egal, wie die Stimmung im Publikum ist.
Egal, ob eine Show weiterläuft oder abgesetzt wird.
Egal, ob die Frisur hält und
die Choreografie sitzt oder nicht:
Shellys Würde kann ihr niemand nehmen.
Kein Mensch auf dieser Welt.
Weil Würde nicht von Menschen kommt,
sondern von dem, der die Menschen erschaffen hat:
Menschenwürde ist Gottesgeschenk.

Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich – von Gott – erkannt bin.

DAS ist Menschenwürde –
für Shelly und Hannah und Eddie.
Für all die anderen, die auf ihrer Bühne alles geben.
Für das Publikum einer fragwürdigen Nacktshow.
Und für Dich und mich.
Amen.