„Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen; denn dass wir uns halten,
das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.“
(Rilke)
Gottesdienst mit Abendmahl an Tischen
Gründonnerstag, 2. April 2026
Johannesforum
I.
Abendmahls-Überzeugungen
Ich wage, liebe Tischgesellschaft, eine steile
These:
Nichts ist so sehr ein gemeinsames aneinander Festhalten
wie das Abendmahl.
Ein Blick zurück:
Jesus wusste, was auf ihn zukommt.
Er hat seinen Abschied immer wieder angekündigt.
Hat vom Loslassen und der Vergänglichkeit gepredigt
und selbst damit begonnen, sein Leben loszulassen.
Aber ihm war auch klar:
egal, wie er seine Freunde darauf vorbereitete,
was jetzt kommt, wird ihnen den Boden
unter den Füßen wegziehen.
Sie werden Halt brauchen,
um ihn loslassen zu können.
Vielleicht hat Jesus seinen Freunden
und uns
gerade deshalb dieses gemeinschaftliche Mahl
als Ritual geschenkt:
weil uns an einem gemeinsamen Tisch
das einander Halten leichtfällt.
Und das doch so wichtig ist.
Und wir sehen ja auch: es hält bis heute!
Sonst wären wir heute alle nicht da.
Wenn ich sage: „Wir alle“,
dann meine ich das auch so.
Wir sind viele verschiedene Menschen.
Noch vielfältiger als die 12 Freunde,
die Jesus damals um seinen Tisch versammelt hatte.
Egal, wer wir sind,
wo wir herkommen,
wie wir wohnen,
welches Auto wir fahren
und welcher Sexualität wir uns zuordnen.
Alter spielt genauso wenig eine Rolle
wie der Kontostand oder unser Beruf.
Egal wer wir sind:
heute sind wir alle eingeladen an den Tisch Jesu.
Übrigens aus Überzeugung.
Ein Blick zurück zeigt, dass das nicht immer so war.
Was als Mahl unter engsten Freunden begann,
wurde im Laufe der Kirchengeschichte
zu einem heiligen Ritual.
Nur unter bestimmten Voraussetzungen war man eingeladen.
Bedingungen wie Geschlecht, Alter,
Konfession, Taufe und Konfirmation, Familienstatus –
das alles spielte immer
wieder eine Rolle.
Es war ein Ringen um die richtige Überzeugung,
wie Abendmahl „richtig“
und im Sinne Jesu gefeiert wird.
Ein Ergebnis dieses Ringens
hat uns auch uns als evangelische Kirche sehr lange
geprägt:
Die Überzeugung, dass Kinder
nicht zum Abendmahl gehen dürfen.
Menschen mit Beeinträchtigungen
waren ebenfalls oft ausgeschlossen –
für uns heute und hier unvorstellbar.
Man war der Überzeugung:
das Abendmahl muss man intellektuell erfassen.
Es braucht ein Verständnis für theologische Zusammenhänge,
ein bestimmtes Alter und eine gewisse Reife.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus die Konfirmation
als „Zulassung“ zum
Abendmahl.
ich war wahrscheinlich 8 oder 9 Jahre alt.
Von der Konfirmation also noch ein paar Jahre entfernt.
Wir waren im Urlaub in Dänemark.
In einem deutschsprachigen Urlaubergottesdienst
wurde zum Abendmahl eingeladen.
Wir sind selbstverständlich sitzen geblieben,
denn damals war völlig klar:
Kinder gehen nicht zum Abendmahl.
An diesem Tag war alles anders.
Damals hat der Pfarrer gesagt hat:
Auch die Kinder sind eingeladen.
Und dann sind wir mit nach vorne gegangen.
Zum ersten Mal waren wir als Kinder
nicht ausgeschlossen vom Abendmahl,
meine beiden Brüder und ich.
Deshalb, weil ein Pfarrer mutig war
und entgegen der damaligen Regel gehandelt hat.
Er hatte sich schon damals von der Überzeugung verabschiedet,
dass Kinder das Abendmahl nicht verstehen.Seit diesem Urlaubs- Abendmahls- Moment
hat sich bei mir etwas verändert.
Das Gefühl: „Ich gehöre dazu“ ist ein anderes geworden.
Und ich bin dankbar.
Dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte
weil ein Pfarrer eine Überzeugung losgelassen hat:
Kinder sind zu klein sind für Heilige Momente.
Ja, für mich war das – und ist es bis heute - ein heiliger Moment.
Und wenn ich heute in diese Kirche hineingehe,
empfinde ich immer noch ein bisschen wie damals
vor 40 Jahren.
Musik (Klavier)
II.
Der
Langwarder Altar
In
den Faschingsferien war ich in Norddeutschland unterwegs.
Unter anderem habe ich meine Freundin Susanne besucht.
Sie ist in der Region
Butjadingen Pfarrerin.
Unverhofft bin deshalb ich zu einer Kirchenführung
in der St. Laurentius-Kirche von Langwarden gekommen.
ziemlich am Ende der Welt,
gegenüber der Hafeneinfahrt von Bremerhaven.
Der Altar von Onno Dierksen ist ein Besonderer.
Mein Blick blieb hängen an der Abendmahlsszene.
Jesus mit seinen Jüngern, die um den Tisch herumsitzen.
Die Jünger in teilweise ähnlichen Konstellationen
und Körperhaltungen wie beim großen Werk von da Vinci.
Scheinbar kannte der Altarschnitzer
das rund 200 Jahre zuvor entstandene Werk
des berühmten Malers.
Mein Interesse war geweckt.
Hendrikje, die Kirchenexpertin, fragte prompt:
"Hast du schon nachgezählt?"
Mein irritierter Blick war eindeutig – also nein.
Ich zählte durch und kam auf 11.
Also eindeutig 10 Jünger und Jesus. Verrückt.
„Ja und jetzt rate mal, wer fehlt!“
(Hat jemand eine Idee?)
Es sind Judas und Petrus, die fehlen.
Auf Judas, den Verräter, kam ich auch.
Er, der beim letzten Mahl schon wusste,
dass er Jesus verraten würde.
Und Jesus wusste das auch.
Aber Petrus?
Ja, auch der Verleugner fehlt.
Der, der nach dem Hahnenschrei bitter weinte.
„Ehe der Hahn kräht, wirst du 3x sagen,
dass du mich nicht kennst!“
Er fehlt, auch wenn, im Vergleich zu Judas,
für ihn die Geschichte mit einem Happy End ausgeht.
Welcher Überzeugung der Altarbauer war,
der den Verräter und den Verleugner
nicht am Tisch „seines“ Altars haben wollte,
ist nicht überliefert.
Wir können nur interpretieren
und uns unsere eigenen Gedanken dazu machen.
Musik (Klavier)
III.
Wer
gehört (nicht) an den Tisch?
„Wer
gehört an diesen Tisch?“ – oder andersrum:
„Wer
gehört nicht an diesen Tisch“? –
diese Frage geht tief.
Nicht nur beim Abendmahl.
Und sie zieht sich durch – durch unser ganzes Leben.
Wer gehört dazu?
Sie stellt sich beim Familienfest:
Laden wir Tante Hanni ein oder nicht?
Sie stellt sich im Kindergarten oder in der Schule:
wer darf mit dem Geburtstagskind an den Tisch sitzen?
Sie stellt sich im Beruf: Wer teilt mit wem ein Büro?
Sie stellt sich in unserer Gesellschaft:
Wer darf in Deutschland sein und wer nicht?
Sind wir mal ehrlich:
oft hat die Antwort nichts mit nachvollziehbaren Gründen
zu tun,
sondern mit persönlichen Überzeugungen.
Mit dem, wie Menschen einander einschätzen und bewerten.
Wenn man nach der Bedeutung des Wortes „Überzeugung“ googelt,
findet man
folgendes:
„Als Überzeugung wird
ein Gedankeninhalt bezeichnet,
wenn daran mit einem relativ hohen
Grad
an subjektiver Gewissheit geglaubt wird.“
Aha. Subjektive Gewissheit.
Das bedeutet soviel wie:
Egal, was jemand anderes sagt –
hier geht es um meine Meinung.
Meine Einschätzung.
Meine Überzeugung.
Das lässt sich übrigens auch aus dem Wort selbst ableiten.
Es ist eine Über-Zeugung.
Also eine größere Gewissheit,
als objektive Zeugen bezeugen könnten.
Eine Gewissheit,
die über andere Erklärungen hinaus geht.
Das schließt zwei Dinge ein:
den Irrtum, aber auch die Chance.
Überzeugungen können,
ja sogar müssen sich manchmal ändern.
Denn es gibt ja auch andere Überzeugungen,die man danebenlegen könnte.
Und dann geschieht es vielleicht sogar fast automatisch,
was manchmal so nötig
ist:
wir lassen Über-zeugungen los.
Zurück zum Langwarder Altar.
Für den Altarschnitzer war die Frage„Wer gehört an diesen Tisch?“
im ersten Moment eindeutig zu beantworten:
Menschen wie Judas und Petrus gehören da nicht hin.
Mit einem Verräter und einem Verleumder
setzt sich niemand gern an einen Tisch.
Und an sie will man sich auch nicht mehr erinnern.
Eine allzu menschliche Überzeugung.
Onno Dierksen ging tatsächlich einen Schritt weiter –
und jetzt kommt die Überraschung:
Er hat zwei Figuren geschaffen,
die nicht Teil des fest verbauten Altars sind.
Petrus und Judas können als separate Figuren herausgeholt
und dazugestellt werden.
Sie ergänzen dann das Bild –
traditionell an Gründonnerstag.
Denn eines ist sicher:
Damals bei Jesus saßen Judas und Petrus am Tisch.
Ob sich bei Onno Dierksen die eigene Über-Zeugung geändert hat,
oder ob er der Nachwelt
zwei unterschiedliche Überzeugungen ermöglichen wollte,
bleibt sein Geheimnis.
IV. Gehalten im Loslassen
Überzeugungen
loslassen:
Das Abendmahl ist ein Paradebeispiel dafür.
Über 2000 Jahre feiern wir es mit Brot und Wein.
Aber diskutiert und um Überzeugungen gerungen
wurde in unseren Kirchen darüber immer
und zu allen Zeiten.
Wir feiern heute in der Erinnerung an damals.
Immer noch.
Immer wieder.
Aber immer wieder anders.
Sitzen gemeinsam am Tisch
mit Petrus, Judas und allen anderen.
Eingeladen von Jesus.
Überzeugt davon, dass wir das richtige tun:
Brot und Wein teilen.
Am Leben anderer teilhaben.
Uns gemeinsam daran erinnern,
was Judas und Petrus und die anderen
bei Jesus gehalten hat: seine Liebe.
Bis heute erzählen wir uns davon:
Jesus
ist in der Stadt Jerusalem.
Er
feiert mit seinen Freunden und Freundinnen ein Fest.
Es
ist der Abend vor seinem Tod.
Sie
singen Lieder.
Sie
essen miteinander.
Sie
trinken miteinander.
An
diesem Abend nimmt Jesus das Brot.
Er
dankt Gott.
Er
bricht das Brot.
Jesus
gibt das Brot seinen Freunden und Freundinnen.
Er
sagt zu allen:
Nehmt
und esst.
Das
ist Brot zum Leben.
Das
ist für euch.
Das
Brot macht euch satt.
Es
stärkt euren Körper und eure Seele.
Dann nimmt Jesus den Kelch.
Er
dankt Gott.
Jesus
gibt den Kelch seinen Freunden und Freundinnen.
Er
sagt zu allen:
Nehmt
und trinkt.
Das
ist der Kelch zum Leben.
Der
ist für euch.
Der
Saft der Weintraube stärkt euch.
Er
löscht euren Durst nach Gemeinschaft.
Ihr
alle seid verbunden mit mir.
Und
ihr seid verbunden mit Gott im Himmel.
Für
immer.
Amen.

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