Donnerstag, 2. April 2026

LosLassen: Über-Zeugungen

 


„Wir haben, wo wir lieben, ja nur dies:
einander lassen; denn dass wir uns halten,
das fällt uns leicht und ist nicht erst zu lernen.“
(Rilke) 


Gottesdienst mit Abendmahl an Tischen
Gründonnerstag, 2. April 2026 
Johannesforum


I.                   Abendmahls-Überzeugungen

Ich wage, liebe Tischgesellschaft, eine steile These:
Nichts ist so sehr ein gemeinsames aneinander Festhalten
wie das Abendmahl.
Ein Blick zurück:
Jesus wusste, was auf ihn zukommt.
Er hat seinen Abschied immer wieder angekündigt.
Hat vom Loslassen und der Vergänglichkeit gepredigt
und selbst damit begonnen, sein Leben loszulassen.
Aber ihm war auch klar:
egal, wie er seine Freunde darauf vorbereitete,
was jetzt kommt, wird ihnen den Boden
unter den Füßen wegziehen.
Sie werden Halt brauchen,
um ihn loslassen zu können.

Vielleicht hat Jesus seinen Freunden
und uns
gerade deshalb dieses gemeinschaftliche Mahl
als Ritual geschenkt:
weil uns an einem gemeinsamen Tisch
das einander Halten leichtfällt.
Und das doch so wichtig ist.
Und wir sehen ja auch: es hält bis heute!
Sonst wären wir heute alle nicht da.
Wenn ich sage: „Wir alle“,

dann meine ich das auch so.
Wir sind viele verschiedene Menschen.
Noch vielfältiger als die 12 Freunde,
die Jesus damals um seinen Tisch versammelt hatte.
Egal, wer wir sind,
wo wir herkommen,
wie wir wohnen,
welches Auto wir fahren  
und welcher Sexualität wir uns zuordnen.
Alter spielt genauso wenig eine Rolle
wie der Kontostand oder unser Beruf.
Egal wer wir sind:
heute sind wir alle eingeladen an den Tisch Jesu.
Übrigens aus Überzeugung.
Ein Blick zurück zeigt, dass das nicht immer so war.
Was als Mahl unter engsten Freunden begann,
wurde im Laufe der Kirchengeschichte
zu einem heiligen Ritual.
Nur unter bestimmten Voraussetzungen war man eingeladen.
Bedingungen wie Geschlecht, Alter,
Konfession, Taufe und Konfirmation, Familienstatus –
das alles spielte immer wieder eine Rolle.
Es war ein Ringen um die richtige Überzeugung,
wie Abendmahl „richtig“
und im Sinne Jesu gefeiert wird.
Ein Ergebnis dieses Ringens
hat uns auch uns als evangelische Kirche sehr lange geprägt: 
Die Überzeugung, dass Kinder
nicht zum Abendmahl gehen dürfen.
Menschen mit Beeinträchtigungen
waren ebenfalls oft ausgeschlossen –
für uns heute und hier unvorstellbar. 
Man war der Überzeugung:
das Abendmahl muss man intellektuell erfassen. 
Es braucht ein Verständnis für theologische Zusammenhänge,
ein bestimmtes Alter und eine gewisse Reife.
Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus die Konfirmation
als „Zulassung“ zum Abendmahl. 

Ich kann mich noch gut an mein erstes Abendmahl erinnern:
ich war wahrscheinlich 8 oder 9 Jahre alt.
Von der Konfirmation also noch ein paar Jahre entfernt.
Wir waren im Urlaub in Dänemark.
In einem deutschsprachigen Urlaubergottesdienst
wurde zum Abendmahl eingeladen.
Wir sind selbstverständlich sitzen geblieben,
denn damals war völlig klar: 
Kinder gehen nicht zum Abendmahl.


An diesem Tag war alles anders. 
Damals hat der Pfarrer gesagt hat:
Auch die Kinder sind eingeladen.
Und dann sind wir mit nach vorne gegangen.
Zum ersten Mal waren wir als Kinder
nicht ausgeschlossen vom Abendmahl,
meine beiden Brüder und ich.
Deshalb, weil ein Pfarrer mutig war
und entgegen der damaligen Regel gehandelt hat.
Er hatte sich schon damals von der Überzeugung verabschiedet,
dass Kinder das Abendmahl nicht verstehen.

Seit diesem Urlaubs- Abendmahls- Moment
hat sich bei mir etwas verändert.
Das Gefühl: „Ich gehöre dazu“ ist ein anderes geworden.
Und ich bin dankbar.
Dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung machen durfte 
weil ein Pfarrer eine Überzeugung losgelassen hat:
Kinder sind zu klein sind für Heilige Momente.
Ja, für mich war das – und ist es bis heute - ein heiliger Moment.
Und wenn ich heute in diese Kirche hineingehe,
empfinde ich immer noch ein bisschen wie damals
vor 40 Jahren.

 

Musik (Klavier)

 

II.                Der Langwarder Altar

In den Faschingsferien war ich in Norddeutschland unterwegs.
Unter anderem habe ich meine Freundin Susanne besucht.
Sie ist in der Region Butjadingen Pfarrerin.
Unverhofft bin deshalb ich zu einer Kirchenführung
in der St. Laurentius-Kirche von Langwarden gekommen.

Diese Kirche steht auf einer Warft -
ziemlich am Ende der Welt,
gegenüber der Hafeneinfahrt von Bremerhaven.
Der Altar von Onno Dierksen ist ein Besonderer.
Mein Blick blieb hängen an der Abendmahlsszene.
Jesus mit seinen Jüngern, die um den Tisch herumsitzen.
Die Jünger in teilweise ähnlichen Konstellationen
und Körperhaltungen wie beim großen Werk von da Vinci.  
Scheinbar kannte der Altarschnitzer
das rund 200 Jahre zuvor entstandene Werk
des berühmten Malers.
Mein Interesse war geweckt.
Hendrikje, die Kirchenexpertin, fragte prompt:
"Hast du schon nachgezählt?"
Mein irritierter Blick war eindeutig – also nein.


Ich zählte durch und kam auf 11.
Also eindeutig 10 Jünger und Jesus. Verrückt.
„Ja und jetzt rate mal, wer fehlt!“
(Hat jemand eine Idee?)
Es sind Judas und Petrus, die fehlen.
Auf Judas, den Verräter, kam ich auch.
Er, der beim letzten Mahl schon wusste,
dass er Jesus verraten würde.
Und Jesus wusste das auch. 
Aber Petrus?
Ja, auch der Verleugner fehlt.
Der, der nach dem Hahnenschrei bitter weinte.
„Ehe der Hahn kräht, wirst du 3x sagen,
dass du mich nicht kennst!“
Er fehlt, auch wenn, im Vergleich zu Judas,
für ihn die Geschichte mit einem Happy End ausgeht.
Welcher Überzeugung der Altarbauer war,
der den Verräter und den Verleugner
nicht am Tisch „seines“ Altars haben wollte,
ist nicht überliefert.
Wir können nur interpretieren
und uns unsere eigenen Gedanken dazu machen. 

Musik (Klavier)

III.             Wer gehört (nicht) an den Tisch?

„Wer gehört an diesen Tisch?“ – oder andersrum:
„Wer gehört nicht an diesen Tisch“? –
diese Frage geht tief.   

Nicht nur beim Abendmahl.
Und sie zieht sich durch – durch unser ganzes Leben. 
Wer gehört dazu?

Sie stellt sich beim Familienfest:
Laden wir Tante Hanni ein oder nicht?
Sie stellt sich im Kindergarten oder in der Schule:
wer darf mit dem Geburtstagskind an den Tisch sitzen?
Sie stellt sich im Beruf: Wer teilt mit wem ein Büro?
Sie stellt sich in unserer Gesellschaft:
Wer darf in Deutschland sein und wer nicht?
Sind wir mal ehrlich:
oft hat die Antwort nichts mit nachvollziehbaren Gründen zu tun,
sondern mit persönlichen Überzeugungen.
Mit dem, wie Menschen einander einschätzen und bewerten.
Wenn man nach der Bedeutung des Wortes „Überzeugung“ googelt,
findet man folgendes:
„Als Überzeugung wird ein Gedankeninhalt bezeichnet,
wenn daran mit einem relativ hohen Grad
an subjektiver Gewissheit geglaubt wird.“
Aha. Subjektive Gewissheit.
Das bedeutet soviel wie:
Egal, was jemand anderes sagt –
hier geht es um meine Meinung.
Meine Einschätzung.
Meine Überzeugung.
Das lässt sich übrigens auch aus dem Wort selbst ableiten.
Es ist eine Über-Zeugung.
Also eine größere Gewissheit,
als objektive Zeugen bezeugen könnten.
Eine Gewissheit,
die über andere Erklärungen hinaus geht.
Das schließt zwei Dinge ein:
den Irrtum, aber auch die Chance.
Überzeugungen können,
ja sogar müssen sich manchmal ändern.
Denn es gibt ja auch andere Überzeugungen,die man danebenlegen könnte.
Und dann geschieht es vielleicht sogar fast automatisch,
was manchmal so nötig ist:
wir lassen Über-zeugungen los.

Zurück zum Langwarder Altar.

Für den Altarschnitzer war die Frage
„Wer gehört an diesen Tisch?“
im ersten Moment eindeutig zu beantworten:
Menschen wie Judas und Petrus gehören da nicht hin.
Mit einem Verräter und einem Verleumder
setzt sich niemand gern an einen Tisch.
Und an sie will man sich auch nicht mehr erinnern.
Eine allzu menschliche Überzeugung.
Onno Dierksen ging tatsächlich einen Schritt weiter –
und jetzt kommt die Überraschung:
Er hat zwei Figuren geschaffen,
die nicht Teil des fest verbauten Altars sind.
Petrus und Judas können als separate Figuren herausgeholt
und dazugestellt werden.
Sie ergänzen dann das Bild –
traditionell an Gründonnerstag.
Denn eines ist sicher:
Damals bei Jesus saßen Judas und Petrus am Tisch.
Ob sich bei Onno Dierksen die eigene Über-Zeugung geändert hat,
oder ob er der Nachwelt
zwei unterschiedliche Überzeugungen ermöglichen wollte,
bleibt sein Geheimnis.

 Musik (Klavier)
 

IV.             Gehalten im Loslassen 

Überzeugungen loslassen:
Das Abendmahl ist ein Paradebeispiel dafür.
Über 2000 Jahre feiern wir es mit Brot und Wein.
Aber diskutiert und um Überzeugungen gerungen
wurde in unseren Kirchen darüber immer
und zu allen Zeiten.
Wir feiern heute in der Erinnerung an damals.
Immer noch.
Immer wieder.
Aber immer wieder anders.
Sitzen gemeinsam am Tisch
mit Petrus, Judas und allen anderen.
Eingeladen von Jesus.
Überzeugt davon, dass wir das richtige tun:
Brot und Wein teilen.
Am Leben anderer teilhaben. 
Uns gemeinsam daran erinnern,
was Judas und Petrus und die anderen
bei Jesus gehalten hat: seine Liebe.
Bis heute erzählen wir uns davon:

Jesus ist in der Stadt Jerusalem.
Er feiert mit seinen Freunden und Freundinnen ein Fest.
Es ist der Abend vor seinem Tod.
Sie singen Lieder.
Sie essen miteinander.
Sie trinken miteinander.
An diesem Abend nimmt Jesus das Brot.
Er dankt Gott.
Er bricht das Brot.
Jesus gibt das Brot seinen Freunden und Freundinnen.
Er sagt zu allen:
Nehmt und esst.
Das ist Brot zum Leben.
Das ist für euch.
Das Brot macht euch satt.
Es stärkt euren Körper und eure Seele.
Dann nimmt Jesus den Kelch.
Er dankt Gott.
Jesus gibt den Kelch seinen Freunden und Freundinnen.
Er sagt zu allen:
Nehmt und trinkt.
Das ist der Kelch zum Leben.
Der ist für euch.
Der Saft der Weintraube stärkt euch.
Er löscht euren Durst nach Gemeinschaft.
Ihr alle seid verbunden mit mir.
Und ihr seid verbunden mit Gott im Himmel.
Für immer.  

 Amen.




 

Sonntag, 8. März 2026

Las[t] Vegas

 Gottesdienst zum Film 

„The last Showgirl” und 
1. Korinther 13

am 08.03.2026 


I.                   Shelly

Shelly liebt ihren Job.
Seit 30 Jahren ist sie Tänzerin
auf der Bühne von Las Vegas.
Sie lebt geradezu für die Show
„The Razzle Dazzle“
und dafür, im Rampenlicht zu stehen.
Als Dienstälteste ist sie gleichzeitig
eine Mutterfigur für die jüngeren Frauen.
Stress, Hektik, Nacktheit,
anzügliche Gespräche und Existenzängste –
und vor allem hohen Erwartungen an die Performance
setzen alle unter enormen Druck.
Der Inhaber des Nachtclubs fordert alles.
Für Shelly gehört all das zum Geschäft.
Sie setzt nicht nur sich gekonnt und mit viel Routine in Szene,
sondern hilft, wo sie kann.
Eines Tages überbringt Eddie, der Manager des Clubs,
schlechte Nachrichten: Die Show wird abgesetzt.
Die letzten Termine werden noch getanzt.
Danach gehen die Lichter aus.
Diese Nachricht stürzt Shelly in eine tiefe Existenzkrise.
Ihr Job ist ihr Leben.
DIESER Job. DIESE Show.
Wie es weiter gehen soll?
Eine offene Frage.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

II.                Spiegel

Der Blick in den Spiegel:
in einer Künstlergarderobe ist er Alltag.
Das Makeup muss sitzen.
Das Kostüm muss passen.
Der letzte Knopf,
der letzte Reißverschluss korrekt geschlossen sein.
Der Spiegel zeigt alles:
die holprige Performance,
der Schritt zu weit,
die unsicher wirkende Drehung.
Der Spiegel zeigt jede Falte und jedes Fettpolster,
jedes graue Haar und jede sichtbare Veränderung,
die nicht ins Bühnenkonzept passt.
Aber er zeigt auch:
harte Arbeit und Disziplin lohnen sich.
Shelly fühlt sich in ihrer Rolle immer noch gut -
und das, obwohl sie fast 60 ist.  
Zumindest aus ihrer Sicht liefert sie ab.
Jeden Tag. Jede Show.
Im Spiegel verwandelt sie sich in die Frau auf der Bühne.
Sie verwandelt sich in die, von der sie glaubt,
dass sie vom Publikum erwartet wird.
Sie verwandelt sich in eine Kunstfigur,
die der Phantasie einer anonymen Zuschauermasse entspringt.
Sie verkörpert alles, was von ihr erwartet wird:
Weiblichkeit, Reichtum, Sex:
eine glitzernde Kunstfigur,
die in allen Farben schillert.
Dass sie das tut, sichert ihr ihre Existenz.
Sie kann davon leben. Zumindest heute.
Ihr Spiegelbild lebt, solange es die Show spielt.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

III.             Showende

Das Ende der Show ist das Ende des Spiegelbilds.
Das Ende der Show ist das Ende ihrer Existenz.
Auch wirtschaftlich. Ohne Show kein Geld.
Ohne Geld keine Sicherheit, kein Dach über dem Kopf.
Die logische Konsequenz?
Shelly braucht eine neue Bühne.
Als sie vortanzen will, steht da nicht ihr Spiegelbild.
Auf dieser Bühne steht Shelly.
Sichtlich gealtert.
Mit einem Tanzstil aus einer anderen Welt.
Einer anderen Epoche.
Mit anderen moralischen Vorstellungen –
denn für das, was von ihr erwartet wird,
gibt sie sich nicht her.

Sie tanzt vor in der Hoffnung auf ein neues Engagement.
Dabei stellt sie fest:
weder ihr Können noch ihre moralischen Vorstellungen
können mit den aktuellen Entwicklungen
im Showbusiness mithalten.
Shelly ist schockiert über Regeln und Erwartungen,
die inzwischen die Szene verändert haben.
Sie stürzt in eine tiefe Krise
und ihr Spiegelbild bekommt einen tiefen Riss.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht?

 

IV.            Las Vegas oder Last Vegas?

Shelly kann dem nicht mehr ausweichen:
Die Vergangenheit holt sie ein und
sie wird mit alten Entscheidungen konfrontiert.
Eigentlich dachte sie, sie hat alles richtig gemacht.
„Das hier war es wert,
mich praktisch nie ins Bett bringen zu können?“
Plötzlich hält ihre Tochter Hannah
Shelly einen Spiegel vor.
Konfrontiert sie mit dem,
was Shelly 30 Jahre lang als Sicherheit und Karriere empfunden hat:
„eigentlich isses bloß ne dämliche Nacktshow“.
30 Jahre Karriere in Las Vegas
werden pulverisiert im Gespräch mit ihrer Tochter,
für die sie immer das Beste wollte –
auch als sie diese mit dem Gameboy im Auto geparkt
und schlussendlich einer Pflegefamilie überlassen hatte. '
Aus Las Vegas wird Last Vegas.
Die Show ist vorbei.

Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
dann zeigt sich im Spiegel nicht nur
die glänzenden Momente des Erfolges.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
zeigen sich auch die dunklen Stellen des Bildes.
Es zeigt, wo Narben und Verletzungen sind.
Zeigt Bedürftigkeit. Und es stellt Fragen.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
stellt ein Spiegelbild die Frage:
„Was bleibt, wenn die Lichter ausgehen
und die Show vorbei ist?“

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.

V.               Bühnen und Spiegel

Bühnen und Spiegel
gibt es so viele, wie es Menschen gibt.
Jedes Leben gleicht einer eigenen Show
und ihre Zeit ist begrenzt.
Der Blick in den Spiegel wirft Fragen auf:
Wer bin ich?
Für wen tanze ich?
Was macht mich schön und begehrenswert?
Und last but not least: Wovon lebe ich?
Von wem bin ich abhängig?
Finanziell?
Emotional?
Wer tanzt mit in meiner Show –
und in wessen Show spiele ich eine Rolle?
Ein Blick in den Spiegel lässt manches erahnen.
Wer ehrlich in den Spiegel schaut,
sieht nicht nur eine Fassade eines Menschen.
Menschen sind nicht nur Körper und Gliedmaßen.
Ein Spiegelbild ist alles: Körper, Seele, Geist.
Und immer stellt es uns die Frage:
„Was bleibt?“
Was bleibt, wenn ich die Aufgabe meines Lebens erfüllt
'und meine Rolle ausgespielt habe?

Was bleibt, wenn das Sichtbare nicht mehr ist,
was es vorgab zu sein?

Was bleibt, wenn mein Körper nicht mehr so aussieht, wie ein Schönheitsideal es vorgaukelt?
Wenn er nicht mehr die Leistung bringt,
für die ich einst Geld bekam?

Was bleibt, wenn mein Wissen nicht mehr gefragt,
meine Worte nicht mehr gehört und
meine Reputation kein Gewicht mehr hat?

Was bleibt, wenn andere meine Rolle übernehmen
und ich zur Zuschauerin vor meiner eigenen Bühne werde?

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;

 

VI.            Las Vegas oder Korinth?

Manchmal verschwimmen Raum und Zeit
beim Blick in den Spiegel.
Menschen ändern sich, aber nicht die Fragen.
Bühnen ändern sich,
nicht aber der Spiegel.
Was ihre Tochter Hannah für Shelly ist,
ist Paulus für Menschen im alten Korinth.
Ja, er war ein Lauter. Ein Schriller.
Einer, dem Bescheidenheit und Demut
nicht in die Wiege gelegt waren.
Und er spricht aus Erfahrung.

Korinth - das Las Vegas des Römischen Reiches.
Bühne für Handelsreisende, Beziehungssucher,
Dienstleisterinnen und alle,
die auf der Suche waren nach Erfolg,
Anerkennung, Liebe und dem vollen Leben.
Ihnen hält Paulus den Spiegel vor.
Den Spiegel, in den er einst selbst blicken musste.
An die Gemeinde in Korinth schreibt er:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis
und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte,
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe
und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen,
und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (…) 
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich erkannt bin. 
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 
(1. Korinther 13)

VII.          Was bleibt?

Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie nicht für ein anonymes Publikum.
Das ist sowieso längst nicht mehr da -
im Licht der Scheinwerfer fiel nie auf,
dass der Applaus längst aus den Lautsprechern kam.
Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie für sich.
Nur für sich.
Als am Ende die Lichter ausgehen, realisiert sie:
Das Publikum sind nur ihre Tochter Hannah
und deren Vater, Eddie, der Manager des Clubs.
Die beiden sind die einzigen Gäste.
Am Ende sind die geblieben,
die sie lieben.
Und die Shelly liebt.
Trotz allem.

Was bleibt, wenn der Vorhang fällt
und die Lichter ausgehen?
Bei Paulus sind es  
Glaube, Hoffnung, Liebe.
Drei große Worte.

Für Shelly fällt mir ein viertes Wort ein.
Vielleicht ist es die Zusammenfassung ist
der drei großen Worte von Paulus:
Würde.
Egal, was auf der Bühne passiert.
Egal, wie die Stimmung im Publikum ist.
Egal, ob eine Show weiterläuft oder abgesetzt wird.
Egal, ob die Frisur hält und
die Choreografie sitzt oder nicht:
Shellys Würde kann ihr niemand nehmen.
Kein Mensch auf dieser Welt.
Weil Würde nicht von Menschen kommt,
sondern von dem, der die Menschen erschaffen hat:
Menschenwürde ist Gottesgeschenk.

Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich – von Gott – erkannt bin.

DAS ist Menschenwürde –
für Shelly und Hannah und Eddie.
Für all die anderen, die auf ihrer Bühne alles geben.
Für das Publikum einer fragwürdigen Nacktshow.
Und für Dich und mich.
Amen.




Sonntag, 10. August 2025

Gute Zeiten - Schlechte Zeiten

Gute Zeiten - Schlechte Zeiten: 
Plakat: Mang

Familienforschung 
im Buch Tobit

Sommerpredigtreihe 2025 
"We are familiy!"

Gute Zeiten – Schlechte Zeiten: Familienforschung im Buch Tobit? Vielleicht haben Sie sich beim Lesen des Titels für diesen Gottesdienst gedacht: Was ist das denn? Gute Zeiten – Schlechte Zeiten kenn ich von RTL.
Aber Tobit oder auch Tobias?
Davon hab ich ja noch nie gehört!

Oder sie haben sich gedacht: Ist sie jetzt katholisch geworden?
In meiner Bibel steht nichts von Tobias, in der katholischen Bibel aber schon.
Gibt’s da womöglich  Unterschiede?

Vielleicht haben Sie auch gedacht: Oha! Sie predigt über ein „apokryphes Buch“ in der Bibel. Das ist ja spannend. Darf man das überhaupt?
Deshalb ein paar einleitende Worte vorweg.

Das Buch Tobit – oder Tobias – ist tatsächlich nicht in allen Ausgaben unserer Bibel enthalten. Es gehört zu den sogenannten „Spätschriften des Alten Testaments“, also zu den „apokryphen“, den verborgenen Schriften.
Sie entstanden in einer Zeit, in der das Alten Testament bereits als abgeschlossen galt. Die Kirchenväter waren sich an dieser Stelle nicht einig, wie sie die überlieferten Texte bewerten sollten. Luther und seine Mitarbeiter haben sie trotzdem ins Deutsche übersetzt, deshalb sind sie auch in einigen Ausgaben der Lutherbibel enthalten. Aber da sie nicht in Hebräisch vorlagen, wurden sie immer als „Sonderfall“ behandelt. Luther wird das Zitat nachgesagt: „Apocrypha. Das sind Bücher, die so nicht der Heiligen Schrift gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind.“
Er hat die Texte also durchaus als relevant eingeordnet und ich ergänze:
sie sind nicht nur nützlich und gut, sondern auch teilweise richtig spannend! 
Deshalb also nun Tobias und seine Geschichte, in die wir uns jetzt hineinbegeben. 

Wer also ist Tobias?
Tobias ist ein Mann, der vieles erlebt hat. So viel, dass er zwischendurch mehrfach dachte: Jetzt ist es vorbei. Vom Leben ist er hart gezeichnet.

Mehrfache Neuanfänge in der Fremde, Gefangenschaft, die Abkehr seines Volkes vom jüdischen Glauben – Tobias hätte auch resignieren können, und man hätte ihn verstanden. Einfach aufgeben: in seiner Situation nachvollziehbar. Aber das tut er nicht. Er verlässt sich nicht auf äußere Umstände, sondern auf Gott. Zu 100%. Auch , nachdem er mit seiner Frau Hanna und seinem Sohn Tobias in Gefangenschaft geraten war und nach Ninive verschleppt wird. Andere hätten aufgegeben. Hätten resigniert.
Aber Tobias hat sich vorgenommen, Gott zu vertrauen und aus jeder Situation das Beste zu machen. Das macht er unter anderem dadurch sichtbar, dass er alles teilt, was er besitzt. Das ist ziemlich viel, deshalb kann er großzügig sein.

Eines Tages leiht er sogar einem Fremden von seinem Geld und bekommt von ihm einen Schuldschein. Das ist mindestens außergewöhnlich.
Außerdem geht er einem besonderen Ehrenamt nach: er ist eine Art illegaler „Bestatter“. In den Kriegswirren der damaligen Zeit bleiben die Toten einfach auf der Straße liegen. Ein unwürdiger Umgang für den gläubigen Mann.
Bei Nacht und Nebel sammelt Tobias die Toten ein und bestattet sie. Dabei riskiert er sein eigenes Leben. Eigentlich ist das verboten.
Tobias tut es trotzdem - im Vertrauen auf Gott. Und er ist fast schon fanatisch davon überzeugt, dass er das niemals verlieren wird.

Wir singen nun in mehreren Etappen ein Lied. Vielleicht wäre es auch das Lied von Tobias gewesen - wenn er es gekannt hätte. Es ist ein Lebensbegleit-Lied. Sozusagen eine Art "Titelmelodie"für die Soap des Lebens. Für Gute Zeiten und schlechte Zeiten.                                    

Lied:                           Meinem Gott gehört die Welt EG 408,1-2

Meinem Gott gehört die Welt, meinem Gott das Himmelszelt,
ihm gehört der Raum, die Zeit, sein ist auch die Ewigkeit.

Und sein eigen bin auch ich. Gottes Hände halten mich
gleich dem Sternlein in der Bahn; keins fällt je aus Gottes Plan.

Tobias ist sich sicher: nichts bringt ihn davon ab, Gott zu vertrauen. Der hat einen Plan. Aber dann ist etwas Einschneidendes passiert, mit dem Tobias nicht rechnen konnte. Im Schutz der Nacht ist er wieder als Bestatter unterwegs, als ihn die Müdigkeit überkommt. Er legt sich für ein Nickerchen neben die Stadtmauer und schläft ein. Wach wird er, als eine Schwalbe ihren Vogelschiss absetzt und damit Tobias‘ Augen trifft. Was für eine Sauerei. Nachdem die Augen ausgewaschen waren, stellt er fest: er ist vollständig blind. Eine Katastrophe! Von heute auf morgen ist sein Leben ein anderes. 
Und jetzt? Tobias zweifelt. Auch deshalb, weil er in 
der Zeit danach von vielen gefragt wird: „Wo ist denn jetzt dein Gott? Für ihn hast Du Almosen gegeben und die Toten begraben! Ausgerechnet dich lässt er im Stich!?“
Es sind Worte, die treffen. Tobias hat keine Antwort. Er wird öffentlich verhöhnt und gedemütigt. Eine unerträgliche Situation – auch für eine Ehe. Sogar Hanna stellt solche Fragen. Das war für Tobias besonders bitter. Dennoch ist er froh, dass Hanna da ist. Denn sie sorgt jetzt für das Familieneinkommen. Mehr noch: sie ist darin sogar erfolgreich, gewissermaßen macht sie Karriere.  
Die Folge davon: Tobias verbittert noch mehr. Er misstraut seiner Frau. Eines Tages bringt sie eine Ziege nach Hause, von ihrem selbst verdienten Gehalt bezahlt. „Wie sollen wir uns von deinem Gehalt eine Ziege leisten können? Das kann ja gar nicht sein!“ Er bezichtigt sie damit des Diebstahls. Traut ihr nicht zu, dass sie als Frau in der Lage ist, eine lebendige Ziege zu erwirtschaften.

Hanna ist enttäuscht und lässt ihn das wissen.  Das führt nicht nur zu einer handfesten Ehekrise zwischen den beiden, sondern zum völligen Zusammenbruch: Tobias will lieber tot sein als lebendig. Mit dem Leben hat er fertig. Das lässt er Gott wissen. Er klagt ihm seinen Schmerz und er spürt: Gott hört sein Gebet. Deshalb stellt er sich darauf ein, dass er bald sterben wird. Was sollte mit ihm auch noch anzufangen sein?

Szenenwechsel.

Zeitgleich in einer sehr weit entfernten Stadt ist Sara völlig verzweifelt.
Wie Tobias wird auch sie verhöhnt und gedemütigt, aber aus einem ganz anderen Grund: es geht um die Liebe.
Sieben Männer hat sie schon versucht zu heiraten, aber alle sterben in der Hochzeitsnacht. „Du Männermörderin!“ heißt es immer wieder und man sagt ihr nach, Sara sei von einem Dämon besessen.
Die Familie ist völlig ratlos. Noch eine Hochzeit, die mit einer Beerdigung endet, will niemand. Sara bringt ihren Schmerz darüber vor Gott. Zeitgleich mit dem verzweifelten Tobias betet sie.
Und dann passiert etwas total Verrücktes:
„In derselben Stunde wurden die Gebete dieser beiden von dem Herrn im Himmel erhört. Und der heilige 
Rafael, der Engel des Herrn, wurde gesandt, beiden zu helfen, weil ihr Gebet zu gleicher Zeit dem Herrn vorgebracht worden war.“ (Tob 3,24f) 
Im Himmel hat etwas gematcht, hat etwas zusammengefunden:
Die beiden Gebete von Tobias und Sara.

Lied:                           Meinem Gott gehört die Welt EG 408,3

Wo ich bin, hält Gott die Wacht, führt und schirmt mich Tag und Nacht;
über Bitten und Verstehn muss sein Wille mir geschehn.
 

Zurück zu Tobias: Gott hat sein Gebet gehört, deshalb regelt er jetzt seinen Nachlass. Er gibt seinem Sohn Tobias alles weiter, was ihm wichtig ist. Nicht nur seinen Glauben und sein Vertrauen in Gott. Er gibt ihm auch den alten Schuldschein über 10 Talente Silber, die er einst Gabael geliehen hatte. Das war eine Art Lebensversicherung, die sich Tobias nun zurückholen soll.
Der ist entrüstet. 

„Sag mal, geht’s noch? Wegen eines alten Schuldscheins soll ich nach Rages ins Gebiet der Midianiter latschen?  Und nur weil Du in deiner grenzenlosen Gutmütigkeit jemandem dein Geld geliehen hast? Das sind mehrere Tagreisen!“ Der junge Tobias ist not amused. Aber sein Vater ist hartnäckig: „Du musst den Weg ja nicht alleine gehen. Such Dir einen Begleiter!“ 
Und der – ich kürze an der Stelle ab - steht quasi schon vor der Tür, grüßt ihn freundlich und kennt, den Weg zu Gabael. Der Fremde verspricht dem Vater Tobias, den Sohn Tobias zu begleiten und ihn heil wieder zurückzubringen.
Spoiler: Es handelt sich um niemand anderes, als um den Engel Rafael. Aber als Engel gibt er sich nicht zu erkennen. „So zieht hin! Gott sei mit euch auf dem Wege, und sein Engel geleite euch!“.
Weder der alte Tobias noch sein Sohn wissen in diesem Moment, wie sehr dieser Satz zutrifft, mit dem sich Tobias auf den Weg macht.
„Alles wird gut!“ Tobias war voller Überzeugung. Ganz im Gegensatz zu Hanna. Die war in heller Aufregung: „Tobias!!! Wie kannst du nur? Wäre das verdammte Geld nicht gewesen, hättest Du ihn nie weggeschickt! Wie kommt man eigentlich drauf, fremden Leuten Geld zu leihen? Besser wäre, wir wären immer arm gewesen und hätten nie Geld besessen, dann hätten wir wenigstens unseren Sohn noch. Jetzt haben wir gar nichts mehr!“ Eskalationsstufe Dunkelrot. Durchatmen.

Der alte Tobias hört ruhig alles an. Natürlich hat Hanna Recht: mit Streit übers Geld bekommt man jede Familie ruiniert. Aber er ist sich sicher: Das wird gut ausgehen. Etwas anderes, kommt für ihn gar nicht in Frage.

Lied:                           Meinem Gott gehört die Welt EG 408,4-5

Täglich gibt er mir das Brot, täglich hilft er in der Not, 
täglich schenkt er seine Huld und vergibt mir meine Schuld.

Lieber Gott, du bist so groß, und ich lieg in deinem Schoß
wie im Mutterschoß ein Kind; Liebe deckt und birgt mich 
lind.

Der junge Tobias macht sich mit
seinem Begleiter auf den langen Weg.

Foto: Unsplash
Er erlebt seltsame Situationen. Am Fluss Tigris wird er von einem riesengroßen Fisch angegriffen. Sein Begleiter gibt ihm Tipps, wie er ihn besiegen kann. Er gewinnt den Kampf und der Fisch schmeckt.

Sein Begleiter rät ihm, Leber, Galle und Herz des Fisches mitzunehmen. Das sei Arznei. Tobias befolgt den Rat. Er lernt, dass Herz und Leber gegen Dämonen helfen, wenn man sie auf der Glut eines Feuers verbrennt.
Und dass sich die Galle verarbeiten lässt zu einer Salbe. Sie hilft angeblich gegen Augenleiden. Tobias denkt an seinen alten, blinden Vater.
Sie setzen ihren Weg fort und kurz darauf kehren die beiden Gefährten ein bei Reguel. Er ist über ein paar Ecken verwandt mit Tobias und hat eine Tochter: Sara. Ja, DIE Sara. Die, die nie mit einem Mann schlafen konnte, ohne dass der hinterher im Sarg hinausgetragen wurde. Sara, deren Gebet zusammen mit dem des alten Tobias erhört wurde. Weswegen der Engel in geheimer Mission unterwegs war. Aber davon wusste ja niemand.
Als Tobias klar wird, unter wessen Dach er sich befindet, bekommt er Panik. Er weiß von Sara und ihren gescheiterten Versuchen, einen Mann zu heiraten. Ihr wisst schon… der Buschfunk – auch damals schon.
Sollte er womöglich der Nächste sein, den man tot hinausträgt? Das Thema liegt offen auf dem Tisch. Zur damaligen Zeit war es üblich, über das Them,a "Hochzeit" zu sprechen, wenn ledige Männer und ledige Frauen in der Verwandtschaft zusammenkommen. Tobias weiß nicht, was er tun soll.
„Das kann ich meinen Eltern nicht antun! Ja, es ist verlockend, die einzige Tochter zu heiraten. Dann gehört mir nicht nur die Frau, sondern auch der ganze Besitz. Aber was hab ich davon, wenn ich sterbe? Mein Leben ist mir auch etwas wert!“

Auch die Eltern von Sara waren in großer Sorge. Bisher war es immer schief gegangen und jetzt… ausgerechnet einer aus der eigenen Verwandtschaft… was sollen denn die Leute denken?
Rafael sieht die Sache anders: „Es waren böse Männer, die Sara zur Frau wollten. Sie wollten nur ihren Körper und ihren Reichtum. Aber Saras Vertrauen in Gott war ihnen egal. Deshalb hatte das Böse Macht. Tobias, du vertraust auf Gott, so wie Sara. Deshalb sei mutig und heirate sie.
Aber höre jetzt noch einmal auf meinen Rat: lege die Leber des Fischs in der Hochzeitsnacht auf das Feuer, damit vertreibst Du das Böse. Und dann feiere Hochzeit mit Sara. Drei Tage lang. Du wirst sehen: ihr werdet mit vielen Kindern gesegnet sein.“   
Natürlich ist das jetzt die Kurzversion, die ich hier erzähle. Da war noch viel Zweifel und Drama dazwischen. ABER: Am Ende sind die beiden verheiratet. Niemand stirbt. Und auch die Eltern von Sara sind glücklich.
Zur Hochzeit eingeladen wurde übrigens Gabael, der mit dem Privatkredit. Er sollte zur Hochzeit kommen und das Geld gleich mitbringen, um die Reise nicht unnötig in die Länge zu ziehen. Gabael erscheint tatsächlich: um zu feiern und um seine alten Schulden zu bezahlen. Was für ein Fest!

Währenddessen in Ninive:  Der alte Tobias und Hanna sind ahnungslos. Ihr Sohn lässt auf sich warten. Tobias ist genervt. Er war doch fertig mit dem Leben! Nun lebt er immer noch und fragt sich: „Wurde mein Gebet tatsächlich erhört - oder war alles nur Einbildung?“  Zum Verzweifeln bleibt ihm allerdings keine Zeit: Er muss Hanna trösten. Die wird tatsächlich verrückt aus lauter Sorge um ihren einzigen Sohn. Ihr fällt es schwer, auf Gott zu vertrauen, aber der alte Tobias hält immer wieder daran fest.

Lied:                           Meinem Gott gehört die Welt EG 408,6

Leb ich, Gott, bist du bei mir, sterb ich, bleib ich auch bei dir,
und im Leben und im Tod bin ich dein, du lieber Gott!

Foto: Unsplash

Das Fest ist vorbei. Tobias will nach Hause zu seinen Eltern. Gemeinsam mit Sara macht er sich auf den Weg. Mit dabei: die Hälfte des Besitzes seines Schwiegervaters – Knechte, Mägde, Schafe, Kamele und andere Tiere. Und Raphael, sein Begleiter. Auf halber Strecke rät der ihm, gemeinsam mit ihm vorauszugehen. In seiner Tasche die Salbe aus der Galle des Fischs. Hanna sieht die beiden schon von weitem und rennt ihnen entgegen.
War das ein Wiedersehen! Beim alten Vater angekommen tut Tobias, was ihm Rafael gesagt hat: er schmiert etwas von der Fischgallensalbe in die Augen des alten Tobias. Wenige Minuten später kann er wieder sehen. Gott sei Dank! Das wird gefeiert!

Zu erzählen, gab es natürlich auch jede Menge.
Von guten und von schlechten Zeiten. Und davon, wie Gott die Wege von zwei Familien zusammengeführt hat.
Ein paar Tage später trifft Sara ein, zusammen mit den Mägden, Knechten und den vielen Tieren. Wer hätte gedacht, dass sich das Leben so zum Guten wenden würde?
Der alte Tobias kann gar nicht aufhören, Gott dafür zu danken und ihn laut zu loben. „Denn du, Gott, züchtigst und heilst wieder. Du führst hinab zu den Toten und wieder hinauf.“ Das hat er erlebt. Und gesehen. Mit den eigenen Augen. Und das war längst nicht das Ende für Tobias: Er, der mit dem Leben abgeschlossen hatte, wird Opa und Uropa – und lebt noch weitere 42 Jahre im Vertrauen auf Gott. Amen.






Sonntag, 11. Mai 2025

(Über-)leben zwischen Halleluja und SOS

Gottesdienst in Bodelshofen am 11.05.2025


Predigttext zum Sonntag Jubilate, in diesem Jahr in Württemberg der EKD-Opfer-Sonntag zugunsten der Seenotrettung:
Sprüche 8, 22-36


I.                   Ich – die Weisheit

Darf ich mich vorstellen?
Ich bins, Sophia.
Den Namen kennt ihr alle,
jetzt kennt ihr auch seine Bedeutung. „Weisheit“.

Es gibt mich schon immer.
Es gab mich schon vor der Erschaffung der Welt.
Ich bin ein Teil dessen, den ihr mit „Gott“ anredet.
Und bin die, die ihr alle sein wollt.

Der Herr hat mich, die Weisheit,
am Anfang seiner Schöpfung erschaffen.
Ich war das erste seiner Werke vor aller Zeit.
In längst vergangenen Tagen wurde ich geschaffen,
am Anfang der Erde, vor unvorstellbar langer Zeit.

Ich bin die Handwerkerin, die Ingenieurin,
die Bedienungsanleitung für diese Welt.
Ich weiß, wie das Leben gedacht ist,
wie die Erde gesund bleibt und
wie ihr Menschen gut leben könnt.

Ich bin ein Teil des Schöpfergottes,
deshalb kann ich auch ein Teil von euch sein.
Ein Teil von Euch, ihr Spiegelbilder Gottes.

Ich bin Sophia.
Und Du bist Sophia.
Salomo, der kluge König, war auch Sophia.
Und viele vor uns,
und viele, die nach uns kommen werden.  

II.                Big Sister

Ich bin Sophia.
Es gibt mich schon immer.
Ich habe die Welt erlebt ohne euch Menschen.
Die war gut. Wirklich.
Wir waren überaus zufrieden
mit der Schöpfung unseres Planeten:
Himmel und Erde, Wasser und Land, Sterne und Sonne,
Grünzeug überall – Efeu und Sumpfdotterblumen,
Gräser und Apfelbäume.
Das Klima hat funktioniert.
Und als die Tiere dazu kamen,
Erdmännchen, Kugelfische und Giraffen, Papageien,
Maulwürfe, Axolotl und Ameisenbären…
- hach, das war wirklich unterhaltsam.

Tag für Tag war es für mich eine Freude,
die ganze Zeit lachte ich an seiner Seite.
Ich war fröhlich, dass es den Erdkreis gab.

Und doch: ohne Euch hat was gefehlt.
Erst als ihr Menschen da wart,
war diese Erde eine runde Sache –
im wahrsten Sinne des Wortes.
Erst als es euch gab, schauten wir auf unser Werk
und waren wir so richtig zufrieden.
Es wurde geliebt und gefeiert, geplant und nachgedacht,
gelacht und geteilt.

Ich war fröhlich, dass es den Erdkreis gab,
und hatte meine Freude an den Menschen.

Wir waren uns einig: es war wunderbar,
was wir da erschaffen hatten.
Es war deshalb sehr gut,
weil wir nicht mehr mit der Erde alleine waren.
Wir hatten Menschen um uns herum,
die die Sehnsucht nach dem Leben mit uns teilten.
Göttliche Sehnsucht nach dem Vollkommenen.
Und nach dem Glück, das niemals aufhört.
Darin waren wir uns mit den Menschen einig.

 

III.              Error 404

Man kann sich fragen,
ob irgendwann ein Systemfehler passiert ist.
Irgendwann hat diese Erde nämlich nicht mehr funktioniert.
Quasi Error 404. Page not found. 

Ihr Menschen schafft es wohl nicht immer,
auf eure wichtigste Ressource zurückzugreifen:
auf mich, Sophia. Die Weisheit.
Wie es dazu kam?
Ich fürchte, es begann damit,
dass Menschen versuchten,
die Freiheit von anderen zu begrenzen.
Aus Angst, selbst zu kurz zu kommen.
Seither spielt ihr nicht mehr das Spiel des Lebens.
Seither kämpft ihr ums Überleben.
Immer im Katastrophenmodus.
Wollt alles mitnehmen, was geht.
Ihr seid am liebsten euch selbst der*die Nächste.  
Grenzt euch radikal von anderen ab.
Sichert materiellen Besitz und geistiges Eigentum.
Und so kommt es,
dass ich immer weniger von euch gefragt werde.
Wichtige Entscheidungen werden ohne mich,
Sophia, getroffen.
Weil ihr zu wissen glaubt, wie es geht.
Ihr versucht, möglichst viel richtig zu machen,
aber, so leid es mir tut:
ihr schafft es nicht, gerecht zu handeln. 
Und so wird euer Systemfehler größer statt kleiner.  

 

IV.            Fehlerprotokoll

Wenn Systemfehler sich ausweiten,
dann ist man nicht mehr nur selbst betroffen.
Dann bedingt eine Entscheidung die nächste.
Immer mehr kommt die Welt in Unordnung.
Und immer weniger gleicht das Miteinander der Menschen
einem fröhlichen Spiel.
So wie es ursprünglich gedacht war.
Es ist Krieg an so vielen Orten.
Und mit Krieg meine ich nicht nur den Krieg mit Waffen
um ein Land oder eine Region.
Mit Krieg meine ich auch den Kampf um Überleben,
weil wirtschaftliche Entwicklungen
menschenwürdiges Leben unmöglich machen.
Eine Folge eines solchen Systemfehlers ist das,
was rund um das Mittelmeer passiert:
Unzählige von euch fliehen in der Hoffnung,
dass jenseits des Mittelmeers eine bessere Welt auf sie wartet.
Unzählige von euch lassen Familie, Land, Tiere, Haus,
Hof und Freunde zurück, um neu anzufangen.
Unzählige von euch riskieren ihr Leben
auf einem kleinen Boot im Mittelmeer,
um irgendwo in Europa anzukommen.
Haben sie mich, Sophia, um Rat gefragt,
ehe sie losgegangen sind?
Ist es weise, sein Leben aufs Spiel zu setzen,
um auf gut Glück nach Europa zu kommen?  
Ist es weise, dort zu bleiben, wo der Tod wartet?
Ist es weise, sie alle nach Europa reinzulassen?
Egal, wie ihr eine dieser Fragen beantwortet:
Ich, Sophia, wage zu behaupten:
Immer wird durch die Antwort irgendwo im System
eine Fehlermeldung erzeugt.

V.               Weise sind auch die andern

Systemfehler kann man reparieren.
Eigentlich.
Manchmal braucht es nur einen Neustart.
Kennt ihr die AEG-Regel? 
Genau. Ausschalten, einschalten, gut. 
Also noch mal von vorne überlegen, fühlen und handeln.
Nochmal jemanden um Rat fragen, eine andere Zeitung lesen oder eine Zweitmeinung beim Arzt einholen.
Und dann macht man es anders.
Aber so einfach funktioniert es nicht immer.
Oft deshalb,
weil es nicht nur um Einzelne geht, sondern um Viele.
Manchmal braucht es umfangreichere Wartungsarbeiten.

Ihr jungen Leute, hört jetzt auf mich!
Glücklich zu preisen sind alle, die mir folgen.
Hört genau hin, damit ihr klug werdet!

Ich, Sophia, appelliere an viele.
Nicht nur eine*n braucht man,
um danach zu fragen, was weise ist.
Es ist immer gut, sich zusammenzutun.
Insbesondere dann, wenn es um Leben und Tod geht.

Wer mich findet, hat Leben gefunden,
und der Herr hat Gefallen an ihm gefunden.
Wer mich aber verfehlt, schadet sich selbst.
Alle, die mich hassen, lieben den Tod.

Ja, es geht tatsächlich um Leben und Tod.
Wenn ihr heute versucht zu beurteilen, ob es weise ist,
im Schlauchboot übers Mittelmeer zu schippern,
dann fragt genau danach: geht um Leben oder Tod?
Und für wen?
Ich, Sophia, wähle immer das Leben.
Ich stelle mich auf die Seite derer,
die vom Tod bedroht sind.
Egal aus welchem Grund.
Auf welche Seite stellt ihr euch?

 

VI.             Bündnis für das Leben

Ich bin Sophia.
Es gibt mich schon immer.
Ich habe die Welt erlebt ohne euch Menschen.
Die war gut. Wirklich.
Mit euch Menschen war sie sogar noch besser.
Sehr gut sogar.

Auch wenn es dabei nicht geblieben ist
und wir uns alle an regelmäßige Systemabstürze gewöhnt haben:
Ich will, dass die Welt - mit euch Menschen
eine sehr gute - wieder wird und bleibt.
Aber dafür seid ihr selbst verantwortlich.
Wie das geht? Seid weise.
Stellt die richtigen Fragen!
Fragen, die dem Leben dienen und nicht dem Tod.
Und stellt sie an die richtige Stelle.
Mein Ziel ist eine Welt, in der alle Lust am Leben haben.
Nicht eine Festung, in der die einen draußen 
und die anderen drinnen sind.
Ich wünsche mir eine Welt, in der alle Heimat finden,
nicht nur die Starken.
Eine Welt, in der man auch die hört,
die nur mit leiser Stimme reden und nicht nur die Lauten.
Und eine Welt, in der sich die Menschen zusammentun,
die dem Leben dienen wollen,
die sich für das Leben verbünden.
Verbünden zu Bündnissen, die laut dafür einstehen, dass Menschenwürde nicht verhandelbar ist.
Und auch zu Bündnissen,
die Schiffe losschicken und Flugzeuge,
um sinnloses Sterben zu verhindern.
Denn: „Man lässt keine Menschen ertrinken. Punkt!“

Ein Bündnis, das dem Leben dient,
ist United4Rescue.
Rund 1000 Organisationen,
darunter viele Kirchengemeinden, auch die in Wendlingen,
haben sich zu einem zivilgesellschaftlichen Bündnis zusammengeschlossen.
Ziel ist es, nicht nur die Arbeit der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer zu unterstützen,
sondern auch für eine faire Asylpolitik einzutreten.
4 Schiffe und ein Flugzeug sind derzeit für United4Rescue unterwegs.
Und alle versuchen sie, nach Kräften, die Auswirkungen eines Systemfehlers zu lindern.

Die Seenotretter*innen erleben jeden Tag alles:
Sie feiern das Leben mit den Geretteten  
und trauern mit denen,
die einen Menschen verloren haben.
Sie reden über die Hoffnung
und helfen, Fluchterfahrungen und Traumata
zu verarbeiten.
Oft sind sie der Grund,
weshalb jemand überhaupt noch am Leben ist.

VII.         Zwischen Halleluja und SOS

Ich bin Sophia.
Erinnert euch an mich
und seht, wie wunderbar diese Erde ist -
aber seht auch eure Verantwortung.

Zwischen Halleluja und SOS bewegt sich das Leben,
nicht nur in der Seenotrettung.
Mal himmelhochjauchzend, mal zu Tode betrübt.
Oft gibt es keine einfachen Lösungen,
um einen Fehler im System zu beheben.
Und die einfachen, populistischen Lösungen -
die stammen nicht von mir.   
Deshalb:
Ringt darum, dass dem Leben dient, was ihr sagt.
Und dass dem Leben dient, was ihr tut.
Geht so miteinander um, dass ihr alle gut leben könnt.
Hört den Hilfeschrei,
das SOS der Menschen, die euch brauchen.
Und feiert das Leben mit allen,
wenn es einen Grund zum Feiern gibt.

Wer mich findet, hat Leben gefunden,
und der Herr hat Gefallen an ihm gefunden.

Amen.