I.
Adams
Äpfel
Adam ist gewalttätiger Neo-Nazi
und neu in Pastor Ivans Straffälligen-Kommune.
Er hängt sein Lieblings-Hitler-Bild über die Kommode, viel mehr an persönlichen
Dingen besitzt er nicht.
Als Teil von Ivans Resozialisierungs-Pädagogik
soll sich Adam selbst eine Aufgabe stellen und diese erfüllen.
Aufgrund des Apfelbaums im Pfarrgarten,
vor allem aber auch, damit er seine Ruhe hat,
kommt er auf die Idee,
dass er einen Apfelkuchen backen könnte.
Eine simple Aufgabe,
die sich jedoch kaum umsetzen lässt:
der bis dahin unauffällige Baum
kämpft ab Adams Einzug
gegen die Vernichtung durch Raben,
Würmer und Blitzeinschlag.
Auch die beiden anderen
von Ivan beherbergten Straffälligen
tragen aktiv dazu
bei,
dass der Apfelkuchen nicht gelingen kann:
der arabische Tankstellenräuber Khalid
und Gunnar, ein Kleptomane, Trinker und Sexualstraftäter.
Ivan sieht in all dem keine Zufälle.
Er versteht das ganze Leben als Prüfung des Satans.
Deshalb ignoriert er auch
die Verfehlungen
seiner Schützlinge.
Er versucht in allem nur das Gute zu sehen,
auch da, wo er in seinem eigenen Leben Leid erfährt -
sei es durch den Tod
seiner Frau
oder die Behinderung seines Sohnes.
Adam bemerkt,
dass sich Ivan selbst belügt, indem er
die Tragödien seines eigenen Lebens schön redet.
Er will er ihn dazu bringen,
dass er die Existenz des Bösen anerkennt.
Wie zufällig schlägt er immer wieder
das Buch Hiob auf in der Bibel,
die er von Ivan erhalten hat.
II.
Film: 51:24 (Kreuz) bis 1:04:37 („how deep is your
love”)
III.
Adams Äpfel II
Es passiert viel im Leben der Männer.
Adam schlüpft im Laufe des Films
in eine neue Rolle
und hat seine Überzeugungen verändert.
Er übernimmt Verantwortung
in der verwahrlosten Männer-WG.
Als seine früheren Kumpels auftauchen,
kommt es zu einer gewalttätigen
Auseinandersetzung.
Dabei löst sich ein Schuss aus einer Waffe.
Er trifft Ivan in den Kopf.
Wie durch ein Wunder überlebt er –
sein Tumor wird durch den Schuss zerstört.
Das zweite Wunder ist Adams Apfelkuchen,
der am Ende doch – entgegen aller widrigen Umstände –
zustande kommt.
Aber auch Ivan verändert sich
und distanziert sich von seinem früheren Fanatismus.
Zum Schluss haben sich
Adam und Ivan
so weit angenähert, dass sie ein Team werden
– wenn auch ein Ungleiches – ,
um auch in Zukunft Straffällige
in ihre WG aufzunehmen.
Adams Äpfel – ein Drama,
das nicht nur eine fesselnde Handlung hat
– immer wenn es nach einer Lösung aussieht,
funkt das Leben dazwischen – ,
sondern eine Geschichte die tiefer gehen will.
Sie hat den Anspruch, sich Fragen zu stellen,
mit denen Menschen sich schwertun.
Fragen, die existentiell sind.
Dazu spielt der Film mit bekannten Bildern
und fügt sie zu etwas Neuem zusammen:
I.
Bild
1: Adam und sein Baum
Tatsächlich kommt uns das
Motiv bekannt vor:
Adam und der Apfelbaum.
Der Apfelbaum ist unzweifelhaft
die Hauptrequisite im Film.
Und er ist der „biblische“ Hauptbaum,
der erste Baum, der etwas zu bedeuten hatte.
Im Apfelbaum wohnte
die erste bedeutende Theologin der Geschichte:
die Schlange.
Sie erklärte Adam und Eva zum ersten Mal
die Existenz von Gut und Böse.
Und vom Seinwollen wie Gott.
Geblendet vom perfekten Baum
vertrauen Adam und Eva,
die ersten Menschen, blind.
Sie fragen nicht, ob es mit rechten Dingen zugeht,
sondern nehmen das scheinbar Gute, wie es kommt.
Ein Wendepunkt in der Geschichte Gottes
mit den Menschen -
denn es gibt eben nicht nur das Gute,
sondern auch das Böse.
Gott UND Satan.
Licht UND Schatten.
Eine Schneise der Verwüstung
führt von da an durchs Paradies,
denn hinter dem vermeintlich Guten steckt die böse List.
Sie führt den Menschen zum ersten Mal an den Punkt,
der sich immer und immer
wieder als gefährlich erweist:
Die Freiheit.
Adam und Eva entscheiden sich aus freien Stücken,
der Schlange zu vertrauen.
Das hat Konsequenzen.
Und dann wird die Frage nach dem Warum gestellt.
II.
Bild
2: Die Frage nach dem Warum?
Die Frage nach dem Warum ist
so alt,
wie die Menschheit.
Und oft ist sie verbunden
mit der Frage nach dem Bösen.
Wer ist dafür verantwortlich?
Lässt Gott das zu?
Oder anders gefragt:
Wer mutet uns Menschen das zu?
Uns allen, aber vor allem MIR?
Warum widerfahren mir Dinge,
die ich niemals freiwillig auf mich nehmen würde?
Warum stirbt meine Partnerin?
Warum kommt mein Sohn
mit einer Behinderung zur Welt?
Warum wird ein Mensch zum Nazi,
zum Alkoholiker oder zum Tankstellenräuber?
Warum wächst ausgerechnet in meinem Kopf
ein unheilbarer Tumor?
Jeder Mensch kennt solche oder ähnliche Fragen.
Treffen sie uns, sind wir schnell dabei,
sie irgendwie mit Gott in Verbindung zu bringen.
Die Frage an ihn zu stellen,
als wäre er der Verursacher all dieser Dinge.
Damals, beim ersten
Apfelbaum,
wurden diese Fragen auch gestellt.
Interessant ist aber:
Nicht der Mensch hat sie gestellt, sondern Gott.
GOTT hat Adam gefragt: „Adam, wo bist du?“
Und ER hat Eva gefragt: „Warum hast du das getan?“
Lassen wir das mal so stehen mit zwei Feststellungen:
Die erste: dass sich das mit dem Fragesteller der Warum-Frage ziemlich schnell
gedreht haben muss.
Die Zweite: dass der Mensch sein wollte wie Gott.
Ob da wohl ein Zusammenhang besteht?
Hiob
ist die menschgewordene
Warum-Frage in der Bibel.
Den Begriff der „Hiobsbotschaft“
kennen wir, wenn es darum geht,
schlechte Nachrichten zu überbringen.
Genau die sind Hiob massenhaft
überbracht worden,
einem Mann, der so lebte,
wie es Gott gefiel.
Er machte alles richtig:
er überfiel keine Tankstellen,
vergewaltigte keine Frauen und
hatte keine Hitler-Porträts über seine Kommode hängen.
Darüber hinaus wird über ihn gesagt,
dass er fromm, rechtschaffend,
gottesfürchtig war
und allem Bösen aus dem Weg ging.
Das gefiel Gott.
Und das wurde deutlich sichtbar
durch einen gesegneten Hausstand
mit reichlich Familie, Ländereien und riesigen Herden
mit Schafen, Eseln,
Rindern und Kamelen.
Eines
Tages kamen die ersten schlechten Nachrichten:
Hiobs Knechte wurden vom benachbarten Volk
überfallen und ausgeplündert,
auch alle Tiere waren weg.
Und so nahm das Unglück seinen Lauf.
Eine Katastrophe nach der anderen
brach über Hiob herein,
bis er zum Schluss auch seine Gesundheit verlor.
Was ihm blieb bis zuletzt:
sein Leben,
seine drei, später vier Freunde
und ein unerschütterliches Vertrauen in Gott.
Das Ganze war übrigens das Ergebnis einer Art „Wette“
zwischen Gott und Satan:
Der Satan war davon überzeugt,
dass Hiob nur wegen seines Reichtums auf
Gott vertraute.
Deshalb erlaubt Gott dem Satan,
Hiob alles zu nehmen, außer seinem Leben.
Und so kam es, dass Hiob Weltmeister wurde
im Ertragen von Schicksalsschlägen, Trauer,
Krankheit und Tod.
Und Weltmeister in der Frage:
Warum mutet mir Gott dieses Elend zu?
IV.
Bild 4: Die Männer Gottes - Ivan und Hiob
Nicht
zufällig liest Adam die Seiten in der Bibel,
die versuchen, die Warum-Frage zu klären.
Ob vor Adam wohl schon andere versucht haben,
in diesen Seiten die Antwort zu finden?
Zumindest liegt das nahe,
denn das Buch öffnet sich immer wieder
genau an
dieser Stelle.
Adams Äpfel ist jedoch keine moderne Verfilmung
des Bibel-Dramas von Hiob.
Im Grunde ist der Film ein Kommentar dazu.
Er hinterfragt, überspitzt, konterkariert
und bringt doch zusammen,
was eigentlich gar nicht zusammengehört.
Auf den ersten Blick mögen Ivan und Hiob
ähnliche Biografien haben.
Beide sind „Männer Gottes“.
Beiden widerfährt Schreckliches.
Doch während Hiob klagt und darum ringt,
das Böse einzuordnen, geht Ivan ganz
anders damit um.
Er ignoriert es
und fokussiert sich vollständig auf das Gute.
Diese Ignoranz des Bösen führt immer wieder
zu bizarren Situationen bis zum Ende.
Das Fazit ist für den einen:
Ich bin ein guter Mensch,
weil ich weiß, was richtig ist -
und all das Böse hat mit mir nichts zu tun.
Das Fazit des anderen:
Gott hasst mich,
weil ich sowieso ein schlechter Mensch bin.
Und deshalb passiert halt, was passiert.
V.
Bilder von Gott
Eigentlich
müsste man zu Ivan und Adam
einen dritten „Mann Gottes“ dazugesellen:
Martin Luther.
Wie kein anderer hat er versucht,
mit seinem Gott Adams und Ivans Fragen zu klären.
Auch er hat mit dem Teufel gekämpft.
Der Tintenfleck an der Wand seines Studierzimmers
auf der Wartburg zeugte
jahrhundertelang davon.
Und er hat sich mit den Vorstellungen
von Gott auseinandergesetzt,
die er sich im Lauf seines Lebens angeeignet hatte.
Es waren Vorstellungen, die sich
in der damaligen Gesellschaft
und auch in seinem eigenen Kopf festgebissen hatten:
Dass man es Gott recht machen müsse
und Bedingungen erfüllen,
um ein guter Mensch zu sein.
Er hat jedoch im Lauf seines Lebens erkannt:
Es ist nicht Gott, der uns das Leben schwer macht.
Im Gegenteil: Das Böse ist Teil der Realität.
Verstanden hat er aber auch:
Menschen können das Böse weder erklären noch besiegen.
Das kann allein Gott.
Für Martin Luther hatte damit die Erkenntnis:
Ich bin ein freier Mensch.
Und Gott ist ein gnädiger Gott.
VI.
Hoffnungsbilder
Auch
wenn es bis zum Schluss nicht danach aussieht:
Am Ende des Films schafft es Adam,
seinen Apfelkuchen zu backen.
Aus einem einzigen, übrig gebliebenen Apfel.
Der Apfel, den ihm Gunnar geklaut hat
und der ihn reumütig zurückbringt.
Gebacken in einem beim letzten gemeinsamen Tankstellen-Überfall
geräuberten
mobilen Backofen,
der alles andere als legal ins Pfarrhaus gekommen ist.
Adam isst seinen Kuchen zusammen mit Ivan.
Vom Tumor befreit sitzt der,
als wäre er vom Tod auferstanden,
im Garten der Klinik –
auch der Arzt hat keine Erklärung dafür.
Was
bleibt?
Am Ende bleibt eine Idee
von Freiheit und Hoffnung für alle.
Übrigens ohne Antwort auf die große Warum-Frage,
deren Antwort möglicherweise
gar nicht so sehr weiterhilft.
Auch das ist im Buch Hiob eindrucksvoll dokumentiert.
Freiheit
ist am Ende oft anders, als erwartet:
Khalid fährt nach Hause mit einem geklauten Auto.
Gunnar und Sarah wandern aus nach Indonesien.
Zusammen mit ihrem Baby, das auch
Ivan heißt
und mit einer Behinderung leben muss.
Adam schickt seine Nazi-Kumpels weg
und bleibt bei Ivan im Pfarrhaus.
Auch das ist Freiheit.
Gemeinsam geben sie den nächsten Straffälligen
eine Chance auf ein neues Leben.
An
dieser Stelle fällt mir nochmal Martin Luther ein.
Ich schließe mit einem Zitat, das ihm nachgesagt wird:
„Wenn ich wüsste,
dass morgen die Welt unterginge,
würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen.“
Und ich ergänze:
Nicht nur in Ivans Pfarrgarten, sondern überall.
Damit alle Hoffnung haben.
Und eine Chance auf Apfelkuchen.
Amen.






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