Macht wirkt!
Oder:
Ein Briefwechsel zwischen der Kleinen Hexe und Rahab aus Jericho
Josua 2,1-24
Gottesdienst zur Sommerpredigtreihe "Held*innen der Kindheit" im Distrikt Unterer Neckar
Zwei Frauengeschichten – zwei völlig unterschiedliche Quellen:
Da ist die kleine Hexe,
wichtigste Figur im Kinderbuch von Otfried Preußler, einem der größten
Kinderbuchautoren der Nachkriegsgeschichte.
Seit der Erstveröffentlichung 1957 wurde es in 47 Sprachen übersetzt.
Um was geht es?
Die kleine Hexe war leider erst einhundertsiebenundzwanzig Jahre alt.
Deshalb war sie zu jung, um von den anderen Hexen
für voll genommen zu werden.
Das wollte die kleine Hexe
nicht akzeptieren und sie ist trotzdem
zum Hexentanz auf den Blocksberg gegangen -
in der Hoffnung, dass sie nicht auffliegt.
Das ist dann doch passiert.
Zur Strafe wurde ihr der Hexenbesen abgenommen
und sie musste zu Fuß heimlaufen.
Aber: Ein Jahr hat sie nun Zeit, zu beweisen,
dass sie eine gute Hexe ist.
Und wenn sie diesen Nachweis erbringen kann,
dann darf sie ab dem nächsten Jahr
mit den großen Hexen mittanzen.
Denn wenn sie schon keine große Hexe ist,
dann will sie wenigstens eine gute Hexe sein.
Sie wird die Welt besser machen.
Menschen helfen. Schöne Dinge vermehren. Wärme verteilen.
Das übt sie akribisch in ihrem kleinen Hexenhaus im Wald.
Und sie setzt ihre
Fähigkeiten ein für die Menschen,
denen sie im Wald und im Dorf begegnet.
Für sie macht sie die Welt zu einem besseren Ort -
auf ihre ganz eigene Art und Weise: mit Hexenmacht.
Immer mit dabei: ihr
Berater und Begleiter,
der sprechende Rabe Abraxas.
Er hinterfragt, übt Kritik, motiviert sie zum Weitermachen
und hilft ihr
dabei, ihr großes Ziel zu erreichen.
Und dann ist da Rahab, die im Stammbaum von Jesus ihren Platz hat.
Im Hebräerbrief im neuen Testament wird sie als Vorbild in einer Reihe mit Abraham, Mose und anderen genannt.
Dort steht: „Aufgrund des Glaubens kam die Dirne Rahab
nicht zusammen mit den Ungehorsamen
um;
denn sie hatte die Kundschafter in Frieden aufgenommen.“
Rahab war nicht zu jung, um dazuzugehören.
Aber sie hatte den falschen Beruf: sie war eine Dirne.
In anderen Übersetzungen steht „Hure“.
Heute würde man sagen, eine Prostituierte,
die ihren Körper als Sexobjekt verkauft.
Positiv formuliert:
Sie war eine selbständige Geschäftsfrau.
Sie hatte ein gut laufendes Gästehaus direkt an der Stadtmauer in Jericho.
Dort übernachteten Fremde
und konnten allerhand Dienstleistungen in Anspruch
nehmen.
So auch die beiden Spione der Israeliten,
die im Zuge der Landnahme von Josua ausgesandt wurden,
um die Stadt zu
erkunden.
Sie flogen auf und Rahab sollte ihre Gäste dem König ausliefern.
Doch Rahab versteckte sie, obwohl sie selbst
durch die Eroberungspläne der
Israeliten in Gefahr war.
Sie schickte die Boten des Königs auf eine falsche Fährte,
indem Sie glaubhaft versicherte,
dass diese schon längst weitergezogen seien.
Wenn man sie noch erwischen wolle,
bestünde Eile.
Während die Boten des Königs diese falsche Fährte aufnehmen,
kam
Rahab mit den Spionen ins Gespräch
und erzählte von ihrem Glauben an den Gott
Israels.
In der Folge gab es einen Deal:
Rahab verhalf den beiden zur Flucht mit
einem Seil über die Stadtmauer, dafür wurde sie und ihre ganze Familie
bei der
Eroberung der Stadt verschont.
Zwei Frauen aus
völlig unterschiedlichen Welten.
Beide hatten Vertrauen in ihre Fähigkeiten
und in ihre Macht, den Lauf ihrer Welt zu beeinflussen.
Deshalb konnten sie auch Zeit und Raum verlassen
und sind Brieffreundinnen geworden!
Ein Briefwechsel
zwischen der Kleinen Hexe und Rahab aus Jericho:
Liebe Rahab,
heute
sitze ich in meinem Hexenhaus und bin gelangweilt.
Es ist wieder Freitag, und wie Du weißt, darf ich freitags nicht hexen.
Freitag ist unser Ruhetag.
Weil ich Zeit zum
Nachdenken habe,
gehen mir sehr viele Dinge durch den Kopf.
Ich erinnere mich an damals, als ich versucht habe,
eine gute Hexe zu sein. Weißt du noch?
Ich frage mich ernsthaft: Warum sind Menschen so fies zueinander?
Die Holzsammlerinnen hatten dem neuen Revierförster nichts getan!
Aber er war stinksauer auf sie,
weil sie Sturmholz für den nächsten Winter eingesammelt haben.
Dabei sind die doch so arm,
dass sie es sich gar nicht leisten könnten, Holz zu kaufen.
Ich musste den neuen Chef im Wald tatsächlich verhexen,
damit er immer das
Gegenteil von dem sagt, was er meint.
Ich sags Dir: seither sind die Holzsammlerinnen so glücklich!
Niemand motzt sie mehr an!
Und weil sie ihr Geld nicht für Holz ausgeben müssen,
können sie es für
Lebensmittel verwenden.
Es freut mich sehr, wie sehr sich das Leben dieser Frauen verändert hat.
Viele Grüße von der Kleinen Hexe
Liebe Kleine Hexe,
danke
für Deine Zeilen!
Du hast Deine Macht dazu genutzt, den Frauen ihre Würde wiederzugeben.
Und das ist so wertvoll!
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie es ist,
wenn die Leute den Gehweg wechseln.
Als Prostituierte ist das mit der Würde auch immer ein Thema.
Viele urteilen, ohne uns zu kennen.
Sie wissen nichts über unsere Lebensumstände,
unsere Nöte und unsere Scham.
Mein Haus an der Stadtmauer war zum Glück nicht so einsam,
wie dein Hexenhaus im Wald - und ich war selten alleine.
Wenn nicht gerade jemand auf Durchreise war
und eine Gelegenheit zum Übernachten benötigt hat,
kamen viele Gäste zwar nur
stundenweise, aber sie kamen…
sie waren dann aber auch schnell wieder weg.
Meine Dienstleistungen waren allerdings nicht von allen gern gesehen.
Manchmal kannte ich die Männer auch gar nicht,
die mich für schnellen Sex bezahlt haben und dann wieder abgetaucht sind.
Aber wenigstens konnte ich ihnen für eine gewisse Zeit das Gefühl geben, dass
sie nur für sie da bin.
Und nicht zu vergessen: ich konnte so meinen Lebensunterhalt verdienen.
Ich hatte ein sicheres Einkommen,
was für eine alleinstehende Frau nicht üblich war.
Manchmal kamen tatsächlich auch Reisende,
die länger in der Stadt übernachten wollten.
Wie die beiden, die eines Tages vor mir standen.
Sie kamen mir komisch vor.
Sie taten sehr geheimnisvoll und hatten eine Mission,
das habe ich sofort
gespürt.
Meine Neugier war geweckt
und ich haben ihnen einen Schlafplatz angeboten.
Sie schienen sich in der Stadt nicht auszukennen
und fragten seltsame Dinge.
„Wo ist der nächste Brunnen?“ und „Wie hoch ist die Stadtmauer?“.
Ich habe sofort gespürt: Bei denen musst du gut aufpassen,
damit sie dich nicht übers Ohr hauen.
Aus jetziger Sicht ist – zumindest für mich - zum Glück alles gut gegangen.
Aber das hätte auch anders kommen können.
Das war bei dir ähnlich, oder?
Viele Grüße von Rahab
Liebe
Rahab,
ich bin im Nachhinein
sehr froh, dass ich meine Chance genutzt habe.
Ich habe rechtzeitig erkannt: ich bin dem Schicksal nicht ausgeliefert.
Ich habe Macht, um etwas zu verändern.
Seither ist diese Welt ein besserer Ort
und mir ist nochmal bewusst geworden:
wer Macht hat, hat auch Verantwortung.
Verantwortung dafür, dass Macht genutzt wird, um etwas zu verändern.
Aber auch Verantwortung dafür, wie Macht genutzt wird.
Ich habe lange Zeit gar nicht verstanden,
wieviel Macht ich als kleine Hexe tatsächlich habe!
Bis zum großen Finale auf dem Blocksberg war es ein wilder Ritt.
Vorsichtig sein musste ich auch.
Denn die Hexen hatten mir zwar die Chance gegeben, mich zu beweisen,
aber ich stand deshalb auch unter ständiger Beobachtung.
Bis zum nächsten Hexentanz durfte ich keinen einzigen Fehler machen.
Ja, ich wollte unbedingt eine gute Hexe sein.
Wollte meine Fähigkeiten dafür nutzen, dass es nicht nur mir besser geht,
sondern auch den vielen Menschen aus dem Dorf.
Stell dir vor: der Maronimann hat bis heute keine kalten Füße mehr,
wenn er im Schnee steht und seine Maronen verkauft.
Er weiß nicht, dass ich es
war, die seine Füße verhext hat -
und dass er deshalb nie wieder frieren muss.
Darüber wundern tut er sich sicher immer noch!
Und sich freuen auch!
Wenn er von seiner Freude weitererzählt,
dann macht er die Welt
auch jetzt noch ein bisschen besser.
Vielleicht ist das auch das Geheimnis meines Erfolgs:
Dass etwas Gutes noch
viel mehr Gutes bewirkt.
Weil jemand drüber redet. Das ist ansteckend!
Aber erzähle mir mehr von den beiden Typen,
die bei dir gewohnt haben!
Deine Kleine Hexe
Liebe Kleine Hexe,
da hast Du Recht!
Über Gutes zu reden, bewirkt Gutes –
und es hat wahrscheinlich nicht nur mir,
sondern auch meinen Gästen das Leben gerettet.
Ich habe schnell bemerkt, dass sie Israeliten waren.
Das hamir gefallen, denn der Gott der Israeliten war für mich wichtig.
Ich habe gespürt, dass dieser Gott Macht hat
und er die Menschen, die ihm vertrauen, nicht im Stich lässt.
Und weil ich darüber geredet habe,
wussten die Männer, dass sie bei mir sicher waren.
Deshalb haben mir wohl ihr
Leben anvertraut,
als aufgeflogen ist, dass sie unsere Stadt ausspionieren.
Ja, unser Deal hat funktioniert.
Die anschließende Eroberung von Jericho hätte meine Familie nicht überlebt - und ich am allerwenigsten.
Gut, dass wir ein heimliches Zeichen vereinbart hatten:
mit einem roten Seil
habe ich den beiden geholfen,
sich über die Stadtmauer hinab abzuseilen und in Sicherheit zu bringen.
Das Seil habe ich wieder nach oben gezogen und ins Fenster gehängt.
Es war unser geheimer Code.
Ja, ich hatte ihr Leben in der Hand – und sie meines und das meiner Familie.
Denn nur sie kannten den Code und konnten ihn an ihre Leute weitergeben,
um uns zu verschonen.
Sie hatten Macht über mich und ich hatte Macht über sie.
Ich bin glücklich, dass ich lebe. Dass wir alle leben.
Aber eines habe ich verstanden:
Macht ist nicht selbstverständlich und bekommt man nicht automatisch.
Macht muss man sich
erarbeiten.
Und man muss auch etwas dafür opfern:
Von da an habe ich zum Volk Israel gehört
und musste mein eigenes Volk zurücklassen.
Der Gedanke daran beschäftigt mich. Sehr.
Viele Grüße von Rahab
Liebe Rahab,
dass
man Macht nicht automatisch bekommt:
das ist auch meine Erkenntnis.
Und kurz hat es auch so ausgesehen, als würde alles keinen Sinn machen,
denn tatsächlich bin ich einem fürchterlichen Irrtum unterlegen:
In den Augen der
anderen Hexen waren nämlich nur böse Hexen gute Hexen.
Ein fatales Missverständnis!
Meine Idee, die Welt zu einem besseren Ort zu machen,
wurde gar nicht gewollt – und das von meinen Mithexen!
Sie hätten mich ernsthaft durch die Hexenprüfung
fallen lassen, weil ich Gutes tun wollte!
Du glaubst nicht, wie sauer ich war!
Dabei habe ich mir allergrößte Mühe gegeben,
auch wirklich ALLES richtig zu machen.
Ich musste also tatsächlich überlegen, was ich tun kann.
Aber ich wäre nicht die Kleine Hexe, wenn ich es nicht geschafft hätte.
Ich habe sie tatsächlich entmachtet.
Ich habe alle Hexenbücher und Hexenbesen
auf den Blocksberg herbeigehext,
sodass sie nicht mal mehr zur Walpurgisnacht reiten konnten.
War das ein Hexenfeuer!
Du glaubst ja gar nicht,
wie gut Hexenbücher und Hexenbesen brennen können!
Keine Hexe kann nun mehr Böses hexen
und nur noch ich bin übrig – die gute Hexe!
Bei euch „normalen“ Menschen ist das anders.
Da bleiben nicht immer die Guten übrig.
Manchmal würde ich euch, die ihr in der realen Welt lebt,
ein bisschen Hexerei gönnen.
Damit ihr die Bösen auch einfach
mit einem Zauberspruch entmachten könnt.
Ohne Krieg. Ohne Tod und ohne dass wirklich jemand zu Schaden kommt.
Aber wahrscheinlich wird das ein Traum bleiben, oder?
Alles Gute in deiner
Welt,
Deine kleine Hexe
Liebe kleine Hexe,
bei
Dir war es wahrhaftig ein Happy End!
Aber wie Recht Du hast -
wenn es in unserer Welt um Macht geht,
funktioniert es oft nicht ohne Krieg und Leid.
Ich gebe es zu: es war auch bei uns so.
Meine Familie und ich wurden gerettet – der Rest der Stadt wurde zerstört.
Es gab viele Tote und Verletzte.
Ja, die Israeliten haben das Land eingenommen,
wie es ihnen Gott versprochen hat.
Das ging eben nicht mal nebenbei.
Das darf man zurecht schwierig finden und sagen: Das ist ungerecht.
So empfinden es viele auch bis heute.
Aber gerade deshalb ist es gut, wenn wir um die Macht wissen,
die wir haben und sie nutzen können.
Denn wie Du auch, kann jede*r versuchen,
anderen Menschen mit Wertschätzung und Respekt zu begegnen.
Dann entsteht auch Vertrauen.
Vielleicht ist das sogar Wichtigste: dass wir nach Wegen suchen,
um einander zu vertrauen, uns gegenseitig zu ermutigen und
nicht immer nur das Schwierige zu sehen.
Wir können nicht kurz weghexen, was uns das Leben schwer macht.
Aber wir können uns mit denen zusammentun,
die einander unterstützen und so die Welt zu einem besseren Ort
für alle machen. Auch das ist Macht!
Oder
kurz gesagt: wir tun uns zusammen mit denen,
die in Frieden leben möchten.
Egal zu welcher Stadt, zu welchem Land oder
zu welchem Volk sie gehören.
Ja, diese Macht zum Frieden,
da sind wir uns einig, die möchte ich haben.
Deine Rahab.
Liebe Menschen in Wendlingen, Unterensingen, Bodelshofen...!
Ja, wir beide,
die Kleine Hexe und Rahab,
haben unsere Erfahrungen gemacht.
Wir haben es erlebt: Macht wirkt.
Sie kann Gutes und Schlechtes bewirken.
Wir beide haben uns entschieden, unsere Macht zu nutzen.
Für uns, aber erst recht für die Menschen, die uns vertraut haben.
Das war für uns beide eine wichtige Erfahrung.
Deshalb freuen wir uns, wenn ihr unsere Geschichten
ein bisschen weiterschreibt.
Wenn ihr herausfindet, wer auf Eure Macht angewiesen ist.
Wer eure Unterstützung braucht und wer euch vertraut.
Aber findet auch heraus, wem ihr vertrauen könnt.
Egal, ob es ein sprechender Rabe ist
oder ein Mensch aus einem fremden Land.
Wir sind uns sicher: jeder Mensch, jede*r von euch,
hat eine Wirkung auf sein Umfeld und die Möglichkeit,
etwas zum Guten verändern.
Vielleicht nicht immer aus
eigener Kraft.
Aber im Vertrauen auf Gott,
der dann auch die Kraft dazu gibt.
Eure Schwestern: Kleine Hexe und Rahab.
Amen.




.jpeg)






.jpeg)



