Sonntag, 26. Mai 2019

Liebes Sachsen!



Liebes Sachsen!
30 Jahre ist es her, dass du es geschafft hast!
Du warst stolz darauf,
mit einem eisernen Willen 
die Mauer zu überwinden.
Sie einzureißen, obwohl sie unkaputtbar sein sollte.
Es wurde von "Wunder" gesprochen. Und von "Freiheit".
Wir haben dir deine Freiheit von Herzen gegönnt.
Und sie mit dir gefeiert.
Damals, als ich 11 war.
Ich weiß noch genau, wie es war,
als ich am Morgen danach auf der Terrasse stand
und ein komisches Geräusch hörte:
der erste Trabbi bog in unsere Straße ein.
Die Verwandschaft unserer Nachbarn.
Seither weiß ich,
wie ein Trabbi klingt.
Und seither weiß ich, wie sächsisch klingt.
Schon damals wusste ich:
Deutschland ist jetzt größer
und vor allem vielfältiger als vorher -
und das ist das Beste,
was Deutschland passieren konnte.
Davon bin ich auch heute noch überzeugt.
Es war auch immer irgendwie klar,
dass wir das mit der Wiedervereinigung zusammen hinkriegen.
Auch wenn Baden-Württemberg und Sachsen,
- gemeinsam betrachtet -,
ziemlich multi-kulti sind.

Inzwischen ist viel passiert.
Deutschland hat sich verändert.
Europa hat sich verändert.
Die Welt hat sich verändert.
Wir haben nicht nur Schwaben-Sachsen-Multikulti,
sondern Allerweltsmultikulti.
Menschen, die sich vor 50 Jahren nie begegnet wären,
leben heute friedlich
und in einem bunten und toleranten Deutschland
zusammen.
Unterschiedliche Lebensmodelle
stehen gleichwertig nebeneinander.
Keiner muss sich heute mehr Gedanken machen,
ob es okay ist,
als Single, Homosexueller,
Alleinerziehende oder Mutter-Vater-Kind-Familie
zu leben.
Meine Tochter
(sie ist heute so alt, wie ich damals)
zählt ihre türkischstämmige Freundin
in einer Reihe mit den Schwäbischen auf
und wundert sich darüber,
dass Enzo italienische Eltern hat: "Woher soll man das denn wissen?"

Liebes Sachsen,
wovor hast du eigentlich Angst,
wenn ein Drittel von dir AfD wählt?
Hast du vergessen, für welche Werte du gekämpft hast?
Wofür bist du auf die Straßen gegangen,
hast du im Stillen gebetet,
sogar im Knast gesessen?
Es erschüttert mich.
Ich verstehe es nicht.

Liebes Sachsen, du verrätst dich selber.
Deine eigene Geschichte.
Denk mal drüber nach,
wenn du nach der Party
und den ganzen Parolen
wieder einen klaren Gedanken fassen kannst.
Der Rest der Republik wird es dir danken.
Mit schmerzlichen Grüßen,
Eine,
die die Hoffnung nicht aufgibt.








Sonntag, 28. April 2019

Wie geht das Leben weiter?

Gottesdienst in Frickenhausen

Sonntag Quasimodogeniti
28.04.2018

Gnade sei mit euch
und Frieden
von dem der war,
der ist und
der kommt.
Amen. 

#Fragen

Wie geht das Leben weiter?
So fragt man sich
wenn die Sonne untergeht
und es Nacht wird in der Seele
und – wenn überhaupt -
nur in winziger Funke Hoffnung
noch da ist
der fast verglimmt.

Wie geht das Leben weiter?
Wenn Menschen diese Welt verlassen
nicht nur eine kleine Zeit
sondern für immer?
Und einer bleibt zurück.

Wie geht das Leben weiter?
Wenn alle Hoffnungen auf ein gutes Leben
wie Sand
zwischen den Fingern zerrinnen
und am Ende
nichts bleibt
als Angst
und Not
und Tränen?

Wie geht das Leben weiter,
wenn schon das Lachen eines Kindes
und das Zwitschern der Vögel
und der orangerote Sonnenuntergang
der Seele Schmerz bereiten?

Wie geht das Leben weiter?
Wenn man zwar weiß,
dass es eine Zukunft gibt,
diese aber
in dicke Nebelschwaden gehüllt ist
und jede Idee fehlt
wie alles gut werden kann?
(NEBEL heißt übrigens
rückwärts gelesen
LEBEN. Zufall?)

Wie geht das Leben weiter?
Nach Ostern?
Trotz Ostern?
Wegen Ostern?

Gekreuzigt ist er.
Gestorben und begraben.
Am dritten Tage auferstanden von den Toten.

Ich glaube.
Glaube ich?

Glaube ich,
dass Leben tatsächlich weitergeht?


#Fragen2019

Wie geht das Leben weiter
für die Menschen in Sri Lanka,
die ihre Liebsten
bei den Anschlägen am Ostersonntag
verloren haben?

Wie geht das Leben
weiter für die Eltern aus Dänemark,
die dabei drei ihrer vier Kinder verloren?

Wie geht das Leben weiter für Tina und ihren
Trans-Mann Ong aus Malaysia, die ihren
Abschiebebescheid in den Händen halten
und auf die in ihrer Heimat der sichere Tod wartet?

Wie geht das Leben weiter?
Für die hoch betagte Mutter,
deren Tochter den Kampf gegen den Krebs
für immer verloren hat?

Wie geht das Leben weiter?
Für Heiko, dessen begrenzte Job-Chancen  
sich diese Woche wieder zerschlagen haben:
Langzeitarbeitslos = chancenlos = wertlos.

Wie geht das Leben weiter?
Wenn die Depression zuschlägt
und für Marie die Sehnsucht nach dem Tod
größer ist, als der Wille zum Leben?



#Thomas&Friends

Wie geht das Leben weiter?
Das war auch ihre Frage.
Sie begleiteten Jesus in den Tod:
Maria und Johannes, Salome, Petrus und
Jakobus, Bartholomäus, Thomas
und alle anderen.
Und als würde das alleine nicht reichen,
beginnt für sie der Ostermorgen,
mit dem Schrecken
eines leeren Grabes.
„Fürchtet euch nicht!“
war die Botschaft des Engels.
Zwischen Hoffen und Bangen
leben sie seither
und warten
und vertrauen darauf,
dass sich das alles als wahr erweisen wird.

Gekreuzigt ist er.
Gestorben und begraben.
Am dritten Tage auferstanden von den Toten.

Und dann tatsächlich
den trauernden und verwirrten
Jüngerinnen und Jüngern
begegnet er
am Abend in Jerusalem.

Sie können ihn sehen.
Können glauben.
Und hoffen, dass das alles wahr ist.
Friede mit euch
hat er gesagt.
Ihr Leben geht weiter
weil sie dem Auferstandenen begegnet sind.
Weil der Tod dann wohl doch nicht das Ende war.

Thomas glaubt nicht.
Weil er nicht da war.
Thomas ist Realist.
Erzählen kann man ihm viel.
„Solange ich ihn nicht selbst gesehen habe
und solange ich nicht
die Wunden der Nägel
in seiner Handfläche gespürt habe:
Solange glaube ich nicht.“
So sagte er es.  
Eine Woche vergeht in der Gewissheit:
Thomas hat Jesus verpasst.

Aber Jesus hat Thomas
und seine Zweifel
nicht verpasst.
Jesus kommt zurück und
lässt den ihn, den Zweifler,
näher an sich heran,
als alle anderen.
Lässt sich berühren.
Friede mit euch!
Frieden ist mit Thomas.
Er hat Jesus gesehen und weiß jetzt:
Das Leben geht weiter.


#SeligGlauben

Selig, sind,
die nicht sehen und doch glauben!
Jesus findet
klare Worte
zum Abschied.
Sieht die Menschen,
die voll von Zweifel,
aber auch von Hoffnung erfüllt
sehen, hören, spüren und riechen wollen,
dass der Tod entmachtet ist
und das Leben weitergeht.
Jesus weiß,
dass es sich in Zukunft so anfühlen wird,
als ob er weit weg wäre.
Weiß auch, dass die Zeit kommen wird,
in der keiner mehr auf dieser Erde lebt,
der ihm leibhaftig begegnet ist.
Selig sind,
die nicht sehen und doch glauben!
Ein Vermächtnis
für Maria und Johannes,
Salome, Petrus und Jakobus, Bartholomäus,
und alle anderen.
Ein Vermächtnis für diejenigen,
die Jesus nie gesehen haben.  
Für die Zweifler wie Thomas.
Für uns.

Das Leben geht weiter
für die, die glauben.

Gesandt hat er sie
zu den Menschen
bis an die Enden der Erde
und das Ende der Zeit.
Gesandt hat er sie auch nach
Pontus, Galation, Kappadozien,
in die Provinz Asia und nach Bithynien.
Es entstehen Gemeinden der Glaubenden.
Und an die Christen dort
ist ein Brief überliefert,
der im Laufe der Geschichte
dem Apostel Petrus zugeschrieben wurde.
Er schreibt:


#Brief
(1. Petrus 1,3-9, BigS)

Gelobt sei Gott,
Ursprung von Jesus Christus,
zu dem wir gehören.
Gott hat großes Mitleid gehabt
und uns wiedergeboren,
so dass Hoffnung
in uns lebendig geworden ist,
weil Jesus Christus
von den Toten
aufgestanden ist.
Wir hoffen,
dass wir etwas erben werden, das nie vergeht,
das ohne Fehler ist und nicht verwelkt.
Es wird in den Himmeln für uns aufbewahrt,
für uns, die wir behütet werden von Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben,
die darauf wartet,
am Ende der Zeit für alle offen gelegt zu werden.
(…)
Obwohl ihr den, dem ihr vertraut,
jetzt nicht seht,
jubelt ihr mit einer Freude,
die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann,
die im Glanz strahlt,
denn ihr erreicht das Ziel eures Glaubens
:
euer Leben wird gerettet
.


#GuterHoffnungsein

Wenn ein Kind unterwegs ist
dann sagte man früher:
„Ich bin guter Hoffnung“.
Weil man wusste:
nach den Schmerzen
schreit ein neues Leben.
Eine Geburt
ist die Schwelle
zwischen Leben und Tod.
Nicht immer geht es gut.
Auch heute noch ist  
dieser Übergang ins Leben
mit Schmerzen verbunden.
Und mit einem gewissen Risiko,
auch wenn die moderne Medizin
Sicherheit verspricht.
Wer geboren wird,
muss durch einen dunklen
Geburtskanal hindurch.
Erfährt Schmerzen und Enge.
Ist das geschafft:
der erste Atemzug.
Der Beginn eines Lebens
unter ganz anderen Voraussetzungen.
Im Bauch der Mutter
geht es einem Kind bestens.
Durch die Nabelschnur
an die Plazenta angebunden,
ist das Leben des Kindes sichergestellt.
Mit der Geburt
geht es durch Hölle, Enge, Dunkelheit und Schmerz.
Nach der Geburt,
abgeschnitten von der sicheren Versorgung,
atmet und isst das Kind selbständig.
Neues, eben geborenes Leben.


Gott hat uns wiedergeboren, sodass Hoffnung in uns lebendig ist. schreibt Petrus.

Glauben, obwohl man nicht sieht,
ist wie atmen,
obwohl man gar nicht weiß, wie es geht.

Wir können trotzdem atmen.
Und deshalb haben wir die Hoffnung,
dass das Leben weitergeht.
Dass nicht nur unser Körper,
sondern auch unsere Seele weiteratmet
Auch in der Lebenskrise,
im Schicksalsschlag,
im Angesicht des Todes.


#Behütetsein

Und wenn Kinder dann größer werden
und selbständiger,
lernen sie Laufen.
Sie lernen, aufzustehen,
und sich der Schwerkraft zu widersetzen. 
Wenn sie das tun,
bleiben Beulen und Schrammen nicht aus.
Und manchmal tut es richtig weh.
Wenn Kinder laufen lernen,
dann ist da die Hand,
die festhält und loslässt.
Und wieder auffängt.
Kein Kind überlegt sich das beim Üben:
Ist Mama da oder nicht?
Kann ich jetzt loslaufen?
Ist die Treppe zu steil für mich
oder geht das gut?

Kinder machen das einfach
und vertrauen darauf,
dass die Hand da ist,
wenn sie eine brauchen.
Zum Auffangen
und festhalten
und getröstet werden.

Wir werden behütet von der Gottes Kraft,
weil wir an die Rettung glauben.

Behütet sein heißt:
durchatmen
und dann wieder neu laufen lernen.
Schritt für Schritt Dinge tun,
für die bisher die Kraft gefehlt hat.
Hinfallen, aufstehen. Weitergehen.
Weil das Leben weitergeht.
Anders als vorher.
Die Schwerkraft ist da.
Der Schmerz auch.
Und der Auferstandene. 

#Gerettetsein

Wie oft
erträgt es ein Mensch
geboren zu werden,
durch die Hölle zu gehen,
Schmerz zu ertragen
an Leib und Seele?

Wie oft hat man die Kraft,
wieder neu Laufen zu lernen
und das Leben
- auf andere Art wie bisher -
neu zu beginnen?

Wie oft
kann man fragen
„Wie geht das Leben weiter?“,
ohne an dieser Frage zu zerbrechen?

Am Ende
bleibt die Frage nach Ostern.
Nach dem leeren Grab.
Es bleibt die Frage
nach der der Auferstehung der Toten
und dem ewigen Leben.
Am Ende bleibt die Frage,
warum das überhaupt alles einen Sinn macht
mit dem Vertrauen
auf einen unsichtbaren Gott.  

Der Abschnitt aus Brief an die Gemeinden
endet so:

Ihr erreicht das Ziel eures Glaubens:
euer Leben wird gerettet.

Es gibt ein Ziel.
Bis dahin
ist unser Leben
wie Geborenwerden
und Laufen lernen
und durch die Hölle gehen.
Und immer wieder von vorn anfangen.
Voller Vertrauen und Hoffnung
dass am Ende alles gut sein wird.
Dass wir mit Gott zusammen
auf einer Wiese voller Butterblumen sitzen
und Erdbeeren mit Sahne essen.
Und Gott uns erklärt,
wie alles wirklich ist.
Wir dann selig sind weil wir sehen.
Und glauben.
Und jubeln mit einer Freude,
die nicht mit Worten ausgedrückt werden kann.

Amen.

Sonntag, 21. April 2019

Die helle und die dunkle Seite des Steins

Auferstehungsfeier
Friedhof Frickenhausen
Ostersonntag 2019


Wir haben ihn in der Hand.
Einen Stein.
Kalt ist er
und schwer. 

Schwer liegt er auf der Seele
oder im Magen.

Manchmal
ist er auch ein Kloß im Hals.

Trauerkloß.
Wutkloß.
Sorgenkloß.

Aber wenn die Sonne auf ihn scheint,
ist alles anders.
Warm ist er dann.
Und rund.
Ich trage ihn in meiner Hosentasche
und genieße es, wenn seine runde Form
meine Hände schmeichelt.

Und wenn er groß ist
und am Wegrand liegt
lädt er ein
zu einer Pause. 


Zwei Seiten hat er
dieser Stein.
Eine Helle und eine Dunkle.

So wie das Leben zwei Seiten hat:
eine Helle und eine Dunkle.

Ich betrachte die dunkle Seite.
Der Stein liegt vor dem Grab.
Die Öffnung ist verschlossen.
Kein Licht scheint hindurch.
Todesstille.
Gefangen bin ich
in meinen Gedanken,
in Ängsten.
In Zweifeln.
Ich sitze im Grab.
Spüre Trauer,
Einsamkeit,
Vergänglichkeit.
Sehe dem eigenen
Sterben-Müssen ins Gesicht.
Spüre Dunkelheit
in jeder Faser meines Körpers.
In mir nur Zweifel.
Und Fragen.
Wo sind die Toten?
Was macht der Tod mit mir? 

Ich spüre die Last und die Kälte des Steins.
Schwer liegt sie auf der Seele.
Ich denken an Menschen,
die fehlen.
Deren Platz am Tisch nun frei bleibt.
Menschen, für die ich gesorgt habe.
Menschen, die einen Weg mit mir gegangen sind.
Menschen, die ich geliebt habe.
Den Ehemann.
Die Lebensgefährtin.
Sohn oder Enkelin.
Vater oder Schwiegermutter.
Freundin oder Kollege.

Hier auf dem Friedhof
ist Ort der Trauer.
Für uns alle.
Trauer verbindet.
Hier erinnern wir uns an die,
die uns fehlen.
Sie alle haben Namen.

STILLE

Früh morgens
sind sie unterwegs zum Friedhof.
Maria, Maria und Salome.

Ihre Seele schwer wie Stein.
Wie ein dunkler Stein.
Er fehlt ihnen jetzt schon.
Jesus.
Im Grab liegt er.
Wichtigster Mensch.
Rabbi.
Freund.
Weggefährte.

Am Kreuz wurde er hingerichtet.
Sie konnten es nicht verhindern.
Viel zu kurz war sein Leben.
So viel
hätte er ihnen noch sagen können.
Über Gott.
Und das Leben.
Über die Liebe und
die Ewigkeit.

Geschichten hätte er erzählt
und Brot geteilt.

Mit ihm starb ein Teil
ihrer Seele.
Auch sie liegt im kalten Grab.
Bei Jesus.
Ihn wollen sie salben
mit kostbarem Öl.
Ihm eine letzte Ehre zuteilwerden lassen.
Und vielleicht ihrer eigenen Seele
damit auch etwas Gutes tun.
Zum Trost
und gegen die Grabeskälte.

Aber der Stein war bereits warm
vom Licht der aufgehenden Sonne.

Und er war weggerollt.
Das Grab war offen.
Jesus lebt.
Der Engel hat es gesagt.
Hell und warm
liegt der Stein vor ihnen.
Die Dunkelheit ist vorbei.

Fassbar ist das nicht.
Begreifbar auch nicht.
Der Kopf spielt verrückt
und die Emotionen fahren Karussell.
Eigentlich ist es sogar eher zum Fürchten.

Maria, Maria und Salome:
Sie versuchen,
es irgendwie zu verstehen
und es ist,
als kriecht ihre Seele
aus dem Grab.
Heraus aus der Kälte
der Sonne entgegen.
Und der Wärme.
Ihre Seele lebt
und ist frei
und nicht mehr gefangen
in Trauer und Schmerz.

Maria, Maria und Salome.
Und Ida und Martin
und Ernst und Hannelore.
Und ich.
Und Jesus.

Frei und lebendig und auferstanden.

Hell und warm ist der Stein
im Licht der Ostersonne.

Wenn man den Stein
im Licht des Ostermorgens sieht,
dann ist man draußen.
Vor dem Grab.
Es ist hell und die Vögel zwitschern.

Wenn man den Stein
im Licht des Ostermorgens sieht,
dann ist es der Stein,
der weggewälzt wurde
von diesem dunklen Grab,
in dem auch die Seele stirbt.

Wenn man den Stein
im Licht des Ostermorgens sieht,
dann fühlt er sich warm an.
Und hell.
Und lebendig.

Dann erinnert er uns an Oma Berta
und die frisch gekochte Erdbeermarmelade
die nur schmeckt,
weil Oma sie selbst gekocht hat.

Dann erinnert er uns an die Studienkollegin Britta
und an gemeinsame Urlaube in der Schweiz,
und an das Foto
mit dem Gipfelkreuz.

Wenn der Stein zur Seite gerückt ist,
dann erinnert das an den Kollegen Thomas.
Und Gulasch mit Pellkartoffeln
zum 40. Geburtstag.

Wenn der Stein zur Seite gerückt ist,
dann riechen wir die Schmiere
in Vaters Werkstatt,
in der es nie anders roch, als genau so.

Wenn wir uns hier auf dem Friedhof umsehen,
sehen wir Steine im Licht der Ostersonne.
Ostern verwandelt Grabsteine
in Hoffnungssteine. 

Weil Jesus auferstanden ist
und lebt
haben wir Hoffnung.

Wie Maria, Maria und Salome.

Und wie Paulus,
der der Gemeinde in Tessalonich
und auch in Frickenhausen schreibt:

Wir wollen euch nicht im Unklaren lassen, liebe Brüder und Schwestern, wie es mit denen aus eurer Gemeinde steht, die schon gestorben sind.
Dann braucht ihr nicht traurig zu sein wie die übrigen Menschen, die keine Hoffnung haben. Wir glauben doch, dass Jesus gestorben und auferstanden ist. Ebenso gewiss wird Gott auch die Verstorbenen durch Jesus und mit ihm zusammen zum ewigen Leben führen.

Jesus war nur der Erste.

Amen.


Sonntag, 24. März 2019

Durch das Dunkel hindurch scheint der Himmel hell



Gottesdienst im Roßdorf
24. März 2019 (Oculi)
Predigttext: Jeremia 20, 7-13

#Jeremia

Mein Name ist Jeremia.
Ich komme aus Anatot in der Nähe von Jerusalem.
Ich spreche, weil Gott es zu mir gesagt hat.
Gott ist nicht egal, was sein Volk tut.
Es ist ihm nicht egal, dass sich Menschen ihre Zukunft verbauen.
Und er will, dass die Leute das wissen.
Ich dachte, dass ich viel zu jung bin.
Und dass keiner auf mich hören wird.
Wer nimmt denn einen Jugendlichen mit Pickelgesicht schon ernst?
Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.

Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR.
Ich will mein Gericht über sie ergehen lassen um all ihrer Bosheit willen, dass sie mich verlassen und andern Göttern opfern und ihrer Hände Werk anbeten.



#Greta

"Mein Name ist Greta Thunberg. Ich bin 15 Jahre alt und komme aus Schweden. Ich spreche im Namen der Initiative 'Climate Justice Now'. Viele Menschen sagen, dass Schweden nur ein kleines Land ist und dass es egal ist, was wir tun. Aber ich habe gelernt, dass man nie zu klein dafür ist, um einen Unterschied zu machen. Wenn ein paar Kinder auf der ganzen Welt Schlagzeilen machen können, indem sie einfach nicht zur Schule gehen, dann stellt euch vor, was wir gemeinsam erreichen könnten, wenn wir es wirklich wollen würden.

Aber um das zu tun, müssen wir klar sprechen. Ganz egal, wie unangenehm das sein mag. Ihr sprecht nur von grünem, ewigem Wirtschaftswachstum, weil ihr zu viel Angst habt, euch unbeliebt zu machen. (…) Ihr seid nicht einmal erwachsen genug, die Wahrheit zu sagen. Sogar diese Bürde überlasst ihr uns Kindern.

Aber mir ist es egal, ob ich beliebt bin. Ich will Gerechtigkeit in der Klimafrage und einen Planeten, auf dem wir leben können.

#Berufung

Berufung.
Ein großes Wort.
Nicht nur Beruf. Job. Alltag.
Nicht ein Lehrberuf.
Nichts, worin man einen Master machen könnte.
Berufung ist mehr.
Berufung ist, wenn es keine Option gibt.
Wenn man tut, was getan werden muss.
Wenn man keine Wahl hat
und es nur noch um das eine Ziel geht.
Wer berufen ist
(oder sich dafür hält)
kennt keine Grenzen.
Verleugnet Grenzen.
Ignoriert Grenzen.
Sprengt Grenzen.
Rennt gegen Grenzen
und rappelt sich wieder auf.
Und macht weiter.
Wer berufen ist
(oder sich dafür hält)
verstößt gegen gute Sitte
und Schulgesetz.
Gegen gesellschaftliche Trends und
wirtschaftliche Interessen.


#Aufgabe

Berufung.
Ein großes Wort,
UND eine große Aufgabe.
Tun, wovon ich selbst überzeugt bin
UND öffentlich werden.
Alltägliches tun,
und dabei einen Unterschied machen.
Sich in der Komfortzone sicher fühlen,
und doch heraustreten aus der Masse.
Das Gespräch suchen,
und den Konflikt nicht scheuen.
Den Finger in die Wunde legen,
aber auch wissen, wie Heilung geht.
An heute und morgen denken,
und an die Zukunft derer,
die noch geboren werden.
Für sich selbst leben,
und für andere.
Für Menschen.
Für Gott.

Für eine bessere Welt.




#Leidenschaft

Berufung.
Nicht nur ein großes Wort.
Nicht nur eine große Aufgabe.
Berufung ist Leidenschaft.
Motivation bis in die äußersten Haarspitzen.
Sein eigenes Potential entdecken
und Stärken ausleben.
Bestätigung bekommen.
Wahlkämpfe gewinnen.
Gefeiert werden.
Anderen helfen können und
Dankbarkeit erfahren.
Berufung ist auch: Spaß haben.
Und einen Sinn im Leben sehen.




#Selbstaufgabe

Berufung.
Nicht nur ein großes Wort.
Nicht nur eine große Aufgabe.
Berufung ist Selbstaufgabe.
Zurückstecken.
Zeit investieren.
Geld in die Hand nehmen.
Sich mühsam Gehör verschaffen und
in der Öffentlichkeit leben.
Eigene Interessen zurückstellen und
keinen Feierabend haben.

Ist „die Haut zum Markt tragen“.
Sich verletzlich machen.
Auch den Wahlkampf verlieren.
Drohungen und Hass am eigenen Leib erfahren.
Aushalten, dass Menschen die Straßenseite wechseln und sich wegdrehen.


#Wechselbad

Berufung ist beides:
Licht und Schatten
Lust und Frust
Segen und Fluch
Stärke und Schwäche
Sinn und Unsinn
Wunder und Wahnsinn
Motivation und Depression
Kraftquelle und Erschöpfung
Verehrung und Verleumdung


#Depression

Wechselbad.

So wie bei Jeremia:
HERR, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich.

8 Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des HERRN Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich.

9 Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht.

10 Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« 


#Verleumdung

Wechselbad.
So wie bei Greta.
Ich zitiere die Salonkolumnisten und die AfD Heidelberg:

Greta ist „…offenbar ein von großer Angst geleiteter junger Mensch. … Dieses Mädchen braucht keinen Applaus, es braucht Hilfe.“ (Die Salonkolumnisten)
„Die #Klimareligion hat nun neben Priestern und Jüngern auch eine minderjährige Heilige, zu der die ganze Kirchengemeinde ehrfurchtsvoll aufschaut“ (AfD Heidelberg via Twitter)



#WasistmeineMission?


Ich bin nicht Jeremia.
Ich bin nicht Greta.
Was ist meine Mission?

Will ich berufen sein?

Wenn Schmerz und Niederlagen,
böse Worte, Häme und
letztendlich
Depression,
vorprogrammiert sind?

Danke, ich verzichte.  


Doch was wäre diese Welt
ohne Jeremia und Greta
und ihre Botschaft?
Was wäre die Welt, ohne diese Menschen,
die ein Ziel vor Augen haben
und die sich um alles in der Welt
nicht davon abbringen lassen
an einer besseren Welt zu bauen?
Was wäre,
wenn niemand daran erinnert,
dass Gott etwas an uns Menschen liegt?
Was wäre, wenn niemand ausspricht,
was längst gesagt werden müsste,
weil unsere Welt kaputt geht?



#DurchdasDunkelhindurch

Nocheinmal Jeremia:

11 Aber der HERR ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen. Sie müssen ganz zuschanden werden, weil es ihnen nicht gelingt. Ewig wird ihre Schande sein und nie vergessen werden. (…)  13 Singet dem HERRN, rühmet den HERRN, der des Armen Leben aus den Händen der Boshaften errettet!

Nocheinmal Greta:

„Leute verbreiten Gerüchte über mich. Natürlich stört mich das ein bisschen, aber es zeigt auch, dass etwas passiert und Leute das als Bedrohung empfinden. Und das ist gut.“



Jeremia und Greta
Greta und Jeremia
Zwei mit einer Botschaft.
Zwei, die gehört werden.
Zwei, die nach vorne schauen.
Der eine vor vielen hundert Jahren,
die andere heute.
Durch das Dunkel hindurch
sehen sie ihren Erfolg.
Sehen, dass sich Investition auszahlt.
Durch das Dunkel hindurch
sehen sie, dass Veränderung möglich ist
und lassen deshalb nicht ab
von ihrem inneren Auftrag.




#UnsereMission

Wir sind nicht Jeremia
und wir sind nicht Greta.
Wir sind Erika und Beate
und Rolf und Alexander
und Yvonne und Stefan und Bärbel.
Aber wir sind berufen.
Zu großen und zu kleinen Dingen.
Wir sind berufen,
diese Welt, dieses Roßdorf
ein Stückchen besser zu verlassen,
als wir es vorgefunden haben.

Wir sind berufen,
manches auszuhalten.
Auch den Schmerz,
nicht gehört zu werden
und abgehängt zu sein.

Wir sind berufen,
Dinge anzusprechen,
die uns stören
und zu korrigieren,
wo Falsches behauptet wird.

Wir sind berufen,
uns Herausforderungen zu stellen:
im Zusammenleben
mit langjährigen Nachbarinnen und Nachbarn,
aber auch mit denen, die neu sind.

Wir sind berufen, nicht immer
den einfachsten Weg zu nehmen,
sondern nach Lösungen zu suchen,
die nicht gleich auf der Hand liegen.

Wir sind berufen,
nicht aufzugeben,
sondern zu verhandeln,
zu kommunizieren,
uns zu beteiligen.

Wir sind berufen,
Freundin und Freund zu sein
zu dem einen Gott,
dem Schöpfer des Himmels
und der Erde;
der keinen Konfession hat.

Wir sind berufen,
durch manches Dunkel hindurch
festzuhalten
am Licht
und am Leben
und an der Liebe.

Amen.




Lied:
Durch das Dunkel hindurch scheint der Himmel hell.
Durch das Dunkel hindurch scheint der Himmel hell.
so hell soll auch die Erde sein,
steht auf, steht auf, steht auf,
so hell soll auch die Erde sein, steht auf!

Durch das Dunkel hindurch dringt ein neues Wort.
Durch das Dunkel hindurch dringt ein neues Wort.
Das Wort wird uns zur Zuversicht,
steht auf, steht auf, steht auf,
das Wort wird uns zur Zuversicht, steht auf!

Durch das Dunkel hindurch führt ein neuer Weg.
Durch das Dunkel hindurch führt ein neuer Weg.
Der Weg wird unsre Zukunft sein,
steht auf, steht auf, steht auf,
der Weg wird unsere Zukunft sein, steht auf!


(Text: Jürgen Netz, Melodie Christof Lehmann)

Dienstag, 25. Dezember 2018

Weihnachten - kannste knicken!

Gottesdienst an Heilig Abend 2018
in der Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar


Es ist dunkel. In der Welt.
Nicht nur nachts.
Manchmal ist es auch tagsüber dunkel.
Da wo Krieg ist.
Und Streit.
Und Hass.
Wo Menschen traurig sind, einsam oder krank.
Sich einander nicht zuhören.
Und einander nicht mehr liebhaben.

Kannste knicken, dieses Leben.
Nicht nur an Weihnachten.

Mit grün die Wiese stecken.

Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.

Er kann das befehlen.
Einem Kaiser wie Augustus gehorchen alle. Ausnahmslos.
Das wird für einige ganz schön schwierig werden.
Es wohnen ja nicht alle da, wo sie geboren sind.
Jemandem so gehorchen zu müssen, ist nicht schön.
Ich fühle mich klein und machtlos, wenn mir jemand etwas befiehlt. Denkt sich Josef. Eigentlich hatte er ja andere Pläne, aber die kann er wohl knicken.

Mit Rot Josef stecken / Kopf Gelb

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen ließe...

Josef ist Zimmermann. Er hat nicht besonders viel Geld.
Er tut, was der Kaiser befiehlt.
Aber dann kann er nicht arbeiten.
Kein Geld verdienen.
Die Familie ernähren?
Kannste knicken. Dieses Projekt dauert.
157 km sind es von Nazareth bis Bethlehem.
Zu Fuß.
Allein wäre das ja schon schlimm genug.
Aber Josef geht nicht alleine.
Er macht sich auf den Weg...

... mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Mit Rot Maria Stecken/ Kopf Gelb

Maria. Seine Verlobte.
Sie bekommt ein Kind, aber nicht von ihm.
Sie ist noch jung, vermutlich so um die 15.
Und schon schwanger.
Das hatte sie sich bestimmt anders vorgestellt.
Ihr Ruf ist erstmal dahin. Auch wenn ihr ein Engel gesagt hat, dass es ein besonderes Kind sein wird.
Kannste knicken.
Ein Kind, obwohl sie noch nicht verheiratet ist!
Ihre Träume, ihre Vorstellungen von der Zukunft?
Kann se knicken.
Kennt ihr das?
Man hat manchmal so Wünsche, die sich nicht erfüllen lassen.
Dann sagt man: Das geht nicht. Das kannste knicken.
So wie bei Maria.



Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Mit blau Stall stecken

Sie bekommt das Kind.
Mitten in der Kälte und dem Dunkel der Nacht.
Weit weg von Zuhause, ohne Hilfe und ohne ein richtiges Dach überm Kopf.
Nur ein Bretterverschlag ist es.
Eine zusammengeschusterte, windschiefe Hütte.
Ein Ochse kaut in der Ecke auf ein paar Halmen Stroh.
Hier soll man bleiben können? Kannste knicken.

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Krippe mit grün und Jesus-Kopf mit Gelb stecken

Ein Junge ist es.
Aber an dem soll etwas Besonderes sein?
Danach sieht es nicht aus.
‚Rot und schrumpelig ist er – wie jedes Neugeborene.
Immerhin schreit er.
Aber „Sohn des Höchsten“? Ein König?
Kannste knicken.
Süß ist er ja.
Und vielleicht ist ja doch irgendetwas besonders an ihm. Zumindest hat das der Engel so behauptet.
Sie werden es herausfinden.
Aber nun brauchen sie Ruhe: Maria und Josef und das Kind.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.

3 Hirten mit rot und gelb und 3 Schafe mit Gelb

Hirte. Den Job kannste knicken.
Da bist du schon von Berufswegen auf der Verliererseite.
Für reiche Leute die Schafe hüten.
Dabei in der Kälte rumsitzen:
Da ist es legitim, geknickt zu sein.
Geknickt, weil niemand weiß, wie man heißt.
Geknickt, weil sich keiner interessiert sich für das, was man tut.
Geknickt, weil man in dieser Welt nicht wichtig ist.


         Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr.

Engel mit weiß stecken

Ein Engel? Bei den Hirten? 
Da draußen, wo es eklig ist und kalt?
Normalerweise verirrt sich keine Menschenseele dort.
Nicht freiwillig. Kannste knicken.
Manchmal sehen sie tagelang keinen Menschen.
Da wird man schon ein bisschen scheu.
Und jetzt: ein Engelwesen. Licht. Helligkeit.
Jemand macht die dunkle Welt hell.
Da muss ein bisschen Fürchten drin sein!
Und „Fürchtet euch nicht“ ist schnell gesagt.
So ein Engel hat gut reden.

Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich    verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen.

Wie bitte? Der Heiland ist geboren?
Seit Ewigkeiten warten sie auf ihn.
Aber ein Kind? In einer Krippe?
Ein König, einer aus der Stadt Davids:
Der soll in diesen Verhältnissen leben?
Ein Palast müsste das doch sein.
Eine Zentrale der Macht – weithin sichtbar.
Damit man weiß, mit wem man es zu tun hat.
Schließlich soll er die Welt verändern.
Frieden bringen. Für Gerechtigkeit sorgen.
Aber ein Kind? Kannste knicken.

 Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Himmlische Heerscharen mit weiß stecken

Das hört gar nicht mehr auf! 
Ein Engelschor steht auf dem einsamen Feld.
Vor Minuten war es stockfinster.
Jetzt ist es hell wie am Tag.
So viele Engel kommen zu den Hirten.
Der Himmel ist offen.
Gott verbindet Himmel und Erde.
Licht, schiebt die Dunkelheit beiseite.
„Frieden für uns? Kannste knicken!“ sagen die Hirten.
„Frieden auf Erden“ sagen die Engel.

Und als die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen nach Bethlehem und die      Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen. Als sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über das, was ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten.

Stern in Gelb

Sie hatten es gesehen,
mit eigenen Augen.
Ein armseliges Baby.
Der König in einem Stall.
Und drumherum: geknickte Menschen.
Wer denkt sich solche Geschichten aus?

Aber plötzlich ist alles anders.
Geknickte beginnen zu leuchten!
Licht schiebt die Dunkelheit beiseite
und in der finsteren Seele scheint es hell.

Gott denkt sich solche Geschichten aus:
kleine und geknickte Menschen
bringen den Frieden in die Welt.
Geknickte Menschen
beginnen zu leuchten.
Innen. In ihrer Seele.
Traurige, Einsame, Kranke.
Und solche, die geliebt werden möchten.
Weil Gott zu ihnen kommt.

Jesus.
Sein Leben beginnt und endet
als geknickter Mensch.
Als einer von uns
beginnt er zu leuchten.
Und dann ist Weihnachten. Amen.

Freitag, 30. März 2018

Karfreitag


"Frohe Ostern!"???

Karfreitag ist heute.
Der Tag,
an dem nichts mehr geht.
Der Tag,
an dem Gott
mit Haut und Haar
ins Elend gestürzt ist.
Ans Kreuz.
Damals.

Karfreitag.
Der Tag, an dem sich Gott
wieder und wieder
ins Elend der Welt stürzt
und stirbt
im Kugelfeuer am Hindukusch
in der belagerten syrischen Stadt
in den Gefängnissen der Despoten
in amerikanischen Schulen.
Heute.

Karfreitag.
Der Tag, an dem sich Gott
wieder und wieder
in die Niederungen
Der Zivilisation stürzt
und stirbt
durch Worte voller Hass
durch Misstrauen
durch Parteiprogramme
menschenunwürdiger Alternativen.

Karfreitag.
Der Tag, an dem sich Gott
wieder und wieder
In mein Elend stürzt
Und stirbt
mit meinem Zweifel
mit meinem Schmerz
mit meiner Ungeduld.

Frohe Ostern?
Ja!
Aber erst übermorgen!
Bis dahin
will ich Gott
sterben lassen
wieder und wieder.
Und hoffen,
dass nach dem Dunkel
ein neuer Morgen kommt
und neues Leben.
Und irgendwann
Frieden.

Bis dahin
halte ich
mit Gott 

aus.

Sonntag, 17. Dezember 2017

Einmal Hirtin sein.


Manchmal wäre ich gerne eine Hirtin.
Nicht so sehr wegen den Schafen.
Und wegen der Lagerfeueridylle.
Oder weil man möglicherweise ein Abenteuer erlebt,
da draußen auf den Feldern.
Nein, der Hirtenberuf ist hart.
Schlecht bezahlt und allem ausgesetzt, was eine Schafherde erleiden muss:
Hitze, Kälte, Dauerregen und Dürre.
Das Hirtenleben ist kein schönes Leben.

Trotzdem wäre ich manchmal
gerne eine Hirtin.
Eine wie der alte Hirte, 
der sein Leben lang gehofft und geglaubt hat.
Der die Geschichten kennt und weiß,
dass sie gut ausgehen.
Auch wenn es manchmal anders aussieht.
Ich wäre gerne eine Hirtin,
die an der Krippe steht.
Dort beim Kind. Im Stall.
Ich mag dort stehen und staunen.
Und sicher sein:
Das ist Gottes Sohn.
Das ist der König, der Frieden bringt.
Ich kann ihn sehen. Hören, Riechen. Berühren.
Und jetzt wird wahr, was wir seit Jahrhunderten
glauben
und hoffen
und wünschen.

Ich wäre manchmal gerne eine Hirtin.
Eine, die überrascht wird.
So wie der junge Hirte,
der es gar nicht glauben konnte,
wer da in der Krippe liegt.
Ich wäre gerne eine Hirtin,
die trotz Zweifel und Skepsis
und falschen Vorstellungen an der Krippe steht
und lacht.
Und das Kind lacht zurück.
Dann wären sie weggeblasen, die Zweifel.
Und ich würde dem Kind etwas vorflöten… obwohl…
vielleicht mag es ja lieber die Kelly Family?
Moderne junge Hirten können ja Spotify.

Manchmal wäre ich gerne eine Hirtin.
Eine, die dem Engel begegnet.
Der sagt: Fürchte dich nicht.
Und der mich einfach losschickt dahin,
wo auch heute
Gott zur Welt kommt.
Dann stehe ich da und staune
über einen kleinen Frieden in der Familie.
Über eine offene Tür für den Einsamen.
Über eine zweite Chance für die Chancenlose.

Fürchte dich nicht
würde der Engel zu MIR sagen.
MIR ist Gott geboren.
Für MICH ist Frieden auf Erden.

Ich glaube, wenn ich eine Hirtin wäre:
ICH würde mitgehen zur Krippe.
Und ich würde flöten.
Oder mit Spotify mitsingen.
Nur ein einfaches Hirtinnenlied.
Aber es wäre MEIN Lied.
Amen


(Gottesdienst mit dem Weihnachtsspiel der Kinderkirche am 17. Dezember in der Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar)