Sonntag, 16. März 2025

Hinter Mauern: The Zone of Interest

„Hinter Mauern“

Predigt im Kino-Gottesdienst
am 16.03.2025 zum Film
„The Zone of Interest”

Eine Annäherung an Film und Wirklichkeit in 5 Schritten.

 

I.                    „The Zone of Interest”

Der Garten der Familie Höss ist ein Paradies:
mit seinen Bäumen und Beeten,
den Blumen, den ordentlichen Wegen
und dem Schwimmbad.
Darin ein Haus, in dem man
als Familie mit 5 Kindern sehr gut leben kann.
Ein Traumhaus. Heimat und Rückzugsort.
Ein guter Ort. Davon ist Hedwig Höss überzeugt.
Und auch die Kinder scheinen das so zu sehen:
Der Ausflug mit dem Kanu im nahegelegenen Fluss,
die unberührte Natur, das Baden und Planschen –
eine Idylle für Kinder - wenn die Mauer nicht wäre.
Und das Dahinter.
Denn hinter der Mauer
ist das Konzentrationslager von Auschwitz.
Arbeitsplatz des bilderbuchvorlesenden
und liebevollen Familienvaters Rudolf Höss.
Man sieht es nicht. Aber man hört es.
Man hört den ankommenden Zug, tosende Öfen,
Gewehrschüsse und Angstschreie.
Dauernd. Bei Tag und bei Nacht.
„Der Horrorsound des Naziregims“ –
so titelt der Deutschlandfunk
den oscargekrönten Sound,
der sich wie ein zweiter Film auf die Familienidylle legt.
Das Grauen ist allgegenwärtig,
und so passiert es, dass man beim Baden im Fluss
plötzlich menschliche Knochen in den Händen hält.
Mit der Strömung kommt eine große Wolke menschlicher Asche,
die an der Haut, in den Haaren
und in Ohren der Höss-Kinder klebt.
Judenasche.
Das Grauen klebt förmlich auf der Haut.
Man muss sie abschrubben.
Als wäre Judenasche besonders gefährlich oder ekelhaft.
Die zufällige Begegnung mit dem Grauen
geht auf im Alltag zwischen Blumenbeeten
und den Plänen für den nächsten Ofen
zur Kremierung der Leichenberge.
Dazwischen schützend die Mauer.
Das ändert sich auch nicht,
als Rudolf Höss nach Oranienburg versetzt wird
und Hedwig mit den Kindern
voller Überzeugung zurückbleibt.
Die Idylle bleibt. Und die Mauer bleibt.
Und das Grauen bleibt auch.
Bis zum bitteren Ende. Für alle.
Auch für Rudolf Höss,
der 1947 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt
und in Auschwitz hingerichtet wurde.
Heute, rund 80 Jahre
nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz,
bleibt die Erinnerung.
Die Erinnerung daran,
was Menschen einander antun können.
Aber auch die Erinnerung daran,
wie Menschen sich offensichtlich
in einer Welt zurechtfinden,
die das Böse sucht.
Und es ist die Erinnerung daran,
dass eine Mauer
nicht ungeschehen macht,
was hinter ihr passiert.

Musik

 

II.                  Mauern

Mauern stehen nicht zufällig da.
Mauern werden gebaut, weil sie eine Aufgabe haben. 
Sie trennen das eine vom anderen.
Ein Zaun oder ein Vorhang ist etwas anderes
als eine fest gebaute und unverrückbare Mauer,
aus Stein gebaut oder aus Beton gegossen.
Eine Mauer hält vielem Stand.
In Auschwitz trennt sie in drinnen und draußen.
Drinnen der Tod und das Grauen –
draußen das Leben und die Schönheit.
Drinnen gefangene Menschen, dem Tod geweiht,
draußen scheinbar freie Menschen,
die ein - für ihre Zeit und ihre Verhältnisse -
gutes Leben führen können.
Drinnen Menschen, die jüdisch, schwul, krank sind,
eine Behinderung haben
oder sich auf die Seite all derer gestellt haben -
draußen Menschen,
die sich einer gesellschaftlichen Elite zugehörig wissen
und sich selbst als privilegiert inszenieren.
Drinnen die Opfer des Nationalsozialismus in der Falle –
draußen die Täter:
Schergen eines totalitären
und menschenverachtenden Systems.
Dazwischen die Mauer, die die beiden Welten trennt.
Nur wenige können sich
frei zwischen den Welten bewegen.
Darunter Rudolf Höss und seine Kompagnons,
die das System am Laufen halten.
Und dann ist da das Mädchen, das die Äpfel versteckt –
bei dem das Drinnen und Draußen
im Schutz der Nacht verschwimmt.
Es ist ein starker Kontrast,
den Regisseur Jonathan Glazer hier bewusst erzeugt.
Und er erinnert mich
an die Urszene von drinnen und draußen.
Von Gut und Böse, von Paradies und Hölle.
Damals, als der Mensch zum ersten Mal
frei war in seinen Entscheidungen.
Entweder – oder sagen konnte
und die Schlange ihn vor die Wahl gestellt hat.
Damals, im Garten Eden,
als alles ein Paradies war –
das Gott nach dem Sündenfall
vor dem Menschen schützen musste.

Östlich des Gartens Eden stellte er Kerubim
und das lodernde Flammenschwert auf,
das den Zugang zum Baum des Labens bewachen sollte.
(Gen 3,24) 

Da war sie, die erste Mauer.
Zwar aus einem Engel und einem lodernden Schwert,
aber eine Mauer. Unüberwindbar.
Eine Mauer die das Böse vom Guten trennt,
das Paradies von der Hölle
und den Tod vom Leben.
Seither denkt die Menschheit in diesem Schema,
in dieser Dialektik, die immer die Hoffnung befeuert,
selbst auf der richtigen,
der besseren Seite der Mauer zu stehen. 
Tief eingebrannt ist das ins kollektive Gedächtnis.
Auch in meines.
Will ich das wahr haben?

Musik

 

III.                Mauern geben Sicherheit

Wenn man sich auf der richtigen Seite der Mauer wähnt,
ist man sicher.
Das ist der Sinn einer Mauer.
Und wir kennen das aus der Geschichte von Stadtmauern.
Sie gaben Schutz vor feindlichen Angriffen,
Hochwasser, Feuer und Sturm.
In vielen Städten finden wir noch Überreste der Mauern,
die auch unsere Städte, auch Wendlingen,
einst zu sicheren Orten machten.
So auch die Stadtmauer von Jerusalem.
Sie war seit jeher ein wichtiges Bauwerk.
Im Buch Nehemia wird detailreich geschildert,
wie das Volk Israel ca. 450 vor Christus die Stadtmauer
nach der Rückkehr aus Babylon wieder aufbaut
und wie gewissenhaft und gründlich dabei vorgegangen wird.
Es ist quasi ein biblischer Architektenplan für einen Ort,
an dem man mit Leib und Seele gut leben kann.
Und es wird deutlich:
Gott will, dass sich Menschen sicher fühlen.
Dass sie in der Lage sind,
sich zu schützen vor dem Bösen.
Hedwig Höss hat das für sich so umgesetzt.
Sich ihr eigenes Reich,
ihr eigenes, sicheres Paradies erschaffen.
Als gäbe es das Grauen hinter der Mauer nicht,
hat sie Beete bepflanzt,
blütenweiße Wäsche getrocknet, Gäste bewirtet
und ihr Familienleben am Laufen gehalten.
Sie hat ihren 5 Kindern ein Zuhause geschaffen.
Und auch Rudolf, der auf der anderen Seite der Mauer
seinem gnadenlosen Beruf nachging
als Kommandant des Vernichtungslagers,
ist zu Hause ein liebevoller Familienvater.
Eines Tages kommt die Nachricht,
dass er versetzt werden soll.
Für Hedwig eine Katastrophe.
Diesen sicheren Ort aufgeben? Niemals!
Deshalb bleibt sie mit den Kindern dort.
Aus Überzeugung.
Sichere Orte zu schaffen ist so wichtig,
schon immer und zu allen Zeiten.
Es ist ein gewagter Erklärungsversuch,
aber für mich en plausibler:
aus der Traumatherapie
kennen wir den „inneren sicheren Ort“,
einer der wichtigsten psychotherapeutischen Skills.
Wenn Menschen in der Lage sind,
sich einen sicheren Ort zu schaffen,
dann kommen sie mit dem,
was um sie herum besser klar.
Sie sind „resilient“ – so der Fachbegriff.
Man ist damit in der Lage,
schlimmste emotionale Belastungen zu regeln -
und trotzdem zu funktionieren.
Was beim Anschauen das Films
als unerträgliche Allgegenwart des Vernichtungslagers
alles überschattet,
scheint deshalb das Familienleben
überhaupt nicht zu beeinträchtigen.
Man kann es als zynisch empfinden.
Dennoch ist es Hedwig Höss ist offenbar gelungen,
im Schutz der Mauer von Auschwitz
einen sicheren Ort zu schaffen.
Im Film wird das deutlich,
als ihre Mutter zu Besuch ist und vorzeitig abreist –
weil sie all das überhaupt nicht ertragen kann,
was sie erlebt.
Es ist derselbe Ort, aber sie hält nicht aus,
was sie dort wahrnimmt.
Hört, riecht, sieht, fühlt. 

Musik

 

IV.               Hinter Mauern

Wer auf der falschen Seite der Mauer ist, hat es schwer. 
Was für die einen Sicherheit und Schutz bietet,
ist für andere eine Falle.
Nirgends wird das so deutlich,
wie in der gnadenlosen Geschichte der Konzentrationslager.
Die Mauer von Auschwitz
ist die todbringendste Mauer der Welt.
Vermutlich sind in nur 5 Jahren
rund 1,1 Millionen Menschen
hinter der Mauer getötet worden. 
Niemand durfte wissen,
was hinter den Mauern passierte.
Auch hier in der Nähe, in Grafeneck,
befand sich ein solches Vernichtungslager.
Das Gelände von Schloss Grafeneck
wurde der Samariterstiftung im 3. Reich weggenommen.
Dort wurden in den Jahren 1940/41 
in der „Geheimen Reichssache Grafeneck“
10.654 Menschen ermordet und verbrannt.
Menschen mit Behinderungen
aus verschiedenen Einrichtungen im Südwesten
wurden in grauen Bussen dorthin transportiert.
Und es wurde getestet,
wie man Menschen in größerer Anzahl
systematisch und industriell ermorden konnte.
Dieses Wissen wurde unter anderem
auch in Auschwitz eingesetzt.
Ein großer Teil des Grafeneck-Personals
arbeitete später in anderen Vernichtungslagern
wie Treblinka oder Sobibor.

Auch hier: Was hinter der Mauer passierte,
durfte niemand wissen.
Als allerdings die Bevölkerung der Umgebung,
die Angehörigen, Anstalten und die Kirchen
zunehmend Fragen stellten
und es kein Geheimnis mehr war,
wurde das Morden in Grafeneck beendet.
Grafeneck ist heute Gedenkstätte –
und das Gelände wieder im Besitz der Samariterstiftung.
Heute sind dort Menschen mit Behinderung
und chronischen psychischen Erkrankungen zu Hause.

Angesichts dessen,
was damals hinter Mauern passiert ist,
erwächst Verantwortung im Hier und Jetzt.
Verantwortung für die,
die nicht für ihren eigenen Schutz sorgen können.
Heute wissen wir das.
Und wir gehen dafür auf die Straße,
damit #niewieder #niewieder bliebt.
Und doch: Da ist arm oder reich,
Christ oder Muslima,
gesund oder krank – auch psychisch,
Mensch aus Bayern oder Afghanistan,
behindert oder nichtbehindert,
dunkelhäutig oder blond,
Oma gegen rechts oder CDU-Parteimitglied -
plötzlich steht sie in der Zeitung
und hängt fest in den Köpfen,
die Mauer zwischen Menschen.
Es wird gemauert an den Rednerpulten des Politikbetriebs
und in den Kommentarspalten der sozialen Medien.
Es wird gemauert
zwischen Nachbarinnen und an Stammtischen.
Es wird gemauert in der Hoffnung,
dass es die richtige Seite der Mauer tatsächlich gibt -
und selbstredend auch,
dass man sich dort selbst befindet. 

Musik


V.                  Gott vor oder hinter der Mauer?

In all diesen Überlegungen
drängt sich mir noch eine Frage auf.
Eine Wichtige.
Wo war eigentlich Gott?
Wo war Gott in Auschwitz?
Vor der Mauer? Hinter der Mauer?
War er überhaupt da?
Spielt er eine Rolle
in diesem fürchterlichen Kapitel unserer Geschichte
und der Geschichte des Volkes,
zu dem Gott einst gesagt hat:

„Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.“? (Jes 43,2)

Hatte Gott das vergessen?
Der Schmerz, das Trauma ist bis heute unfassbar groß.
Viele Theologen, insbesondere jüdische,
haben versucht, diese Fragen zu beantworten.
Wenn ich jetzt versuche etwas von dem zu formulieren,
was ich meine verstanden zu haben,
dann tue ich das mit großer Vorsicht,
mit Demut und in dem Bewusstsein,
dass ich in einem generationenübergreifenden,
bis heute reichenden Trauma
in der Rolle einer Täterin bin.
Und ich stehe hier auch in dem Bewusstsein,
dass in den Reihen meiner Vorfahren
überzeugte Täter waren.

Zwei Deutungsversuche legen sich für mich
wie eine Klammer um diese Geschichte.
Der jüdische Religionsphilosoph Eliezer Berkovits schlussfolgerte, 
dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat.
Und er tat dies,
um den Menschen Raum für Freiheit zu geben –
damit das Gute und das Böse
gleichermaßen stark werden können.
Oder auch: Gott gibt dem Menschen die Freiheit
sich selbst zu beweisen,
zu allem fähig zu sein. 
Im Guten, aber genauso im Bösen.
Diese Freiheit in allen Entscheidungen
ist Teil der Schöpfung. Ist gottgewollt.
Ist genaugenommen das Wesen Gottes.
Und Gott geht weit damit:
Soweit, dass er sich nicht
als allmächtiger Gott inszeniert,
damit Menschen frei bleiben in ihren Entscheidungen,
so bitter sie auch sein mögen.

Daneben steht die Idee
des KZ-Überlebenden Emil Fackenheim.
Er sagt, dass in der Nazi-Zeit
ein Ruf Gottes hörbar wurde:
nämlich das Gebot, trotzdem weiter zu glauben.
Einen „Trotzdem-Glauben“.
Seine Begründung:
Wer an Gott zweifelt, übernimmt Hitlers Job.
Denn mit dem Zweifel an Gott
wird das Volk Gottes und sein Erbe,
seine Traditionen und seine Identität aufgegeben.
Deshalb fügte Emil Fackenheim
den 613 jüdischen Geboten ein weiteres hinzu.
Es lautet:
„Den Juden ist es verboten, Hitler posthume Siege zu verschaffen.
Es ist ihnen geboten, als Juden zu überleben,
damit das jüdische Volk nicht untergeht.“

Wenn ich diese Deutungen ernst nehme,
dann ergibt sich für mich - auch im Hier und Jetzt - ein Bild.
Ein Trotzdem-Bild.
Ein Bild, das den Schrecken zeigt,
aber gleichzeitig vom Leben erzählt.
Und vom Über-Leben.
Ich denke dabei an die jüdischen Geiseln
in den Tunnelsystemen der Hamas,
und an deren Angehörige,
die sich weigern, die Hoffnung aufzugeben.
Ich denke an die Menschen in der Ukraine,
die immer noch keinen Ausweg sehen aus dem Krieg,
aber im Kleinen versuchen, am großen Europa teilzuhaben.
So wie Rosalie, die aus ihrem Hinterhof in Kiew heraus
handgeschnitzte Stempel verschickt – auch nach Deutschland.
Ich denke an traumatisierte Frauen und Männer,
die im Schutz von Kirchenmauern sexualisierte Gewalt erfahren haben
– und heute mutig ihre Stimme erheben im Betroffenenforum,
damit Kirche wieder glaubwürdig wird.
Ehrlich gesagt: es fällt mir oft schwer, zu sagen:
Gott ist da, auch in solchen Bildern.
Und es fällt mir schwer, trotzdem am Glauben festzuhalten.
Aber gerade darum ist es ein „Trotzdem-Glauben“.
Ein Trotzdem-Glauben, der mir hilft darauf zu vertrauen,
dass stimmt, was wir mit den Worten von Schalom Ben Chorin singen:
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Amen.




Samstag, 8. März 2025

Was ich mal zum Weltfrauentag loswerden wollte...

Weltfrauentag. Jetzt wo ich bei Sonnenuntergang auf dem Sofa liege (wohlgemerkt nach Putzen, Wäsche, Einkauf und Müllentsorgung), muss ich was dazu aufschreiben. Meinen heiligen Zorn in Worte fassen. Sorry, ihr müsst das jetzt aushalten - egal, welcher Chromosomensatz euch definiert. 
Also jetzt mal im ernst: was ist das denn? Frauen schicken sich gegenseitig Blumenbildchen und beglückwünschen sich zu... ja was denn... dass sie eine Frau sind? Ladies, echt jetzt? Wie bescheuert würden wir es denn finden, wenn sich Männer Bilder von Motorrädern und Kettensägen schicken zum Weltmännertag? Geht's noch? 
In einer Facebookgruppe fragt ein gutmeinender Boomer, was man(n) uns Frauen anlässlich dieses Tages Gutes tun könne. WTF!!! Was ist das für eine Frage, Jungs? Ihr wollt ernsthaft wissen, was man uns Frauen für einen einzigen Tag im Jahr Gutes tun kann? Kaffee ans Bett? Fußmassage? Den Müll rausbringen? Gönnerhaft bei Lieferando bestellen? 
Ich hab ein Schleudertrauma vom Kopfschütteln! 
Ein Kollege betet im Internet sinngemäß "Lieber Gott, stärke die Frauen für ihr Leben, gib ihnen deine Liebe und hilf ihnen, sich gegen Unannehmlichkeiten durchzusetzen und nicht aufzugeben." Himmel hilf!!! Wir wollen nicht mit Gottes Hilfe irgendwelche Unannehmlichkeiten überleben! Wir wollen, das es dieses System gar nicht gibt, das meint, Frauen permanent irgendwie definieren zu müssen - ach ja: natürlich aus der Perspektive männlicher Machtstrukturen. 
Und es beginnt schon damit, dass wir nicht jedes mal dazu sagen wollen, dass FLINTAS gemeint sind - nur um dann die Frage beantworten zu müssen: "Was zur Hölle sind FLINTAS"? (Tipp: googeln hilft!)
Wir wollen und brauchen keinen Weltfrauentag, weil man uns irgendwie feiern oder uns etwas gönnen müsste, damit wir den Rest des Jahres wieder die Klappe halten. 
Fazit: Wir sind sichtbar. Wir sind mutig. Wir haben dieselben Rechte. Und - ACHTUNG: das alles hat nix mit Blümchen zu tun, mit Kaffee am Bett oder einem gottgeschenkten Ertragenkönnen von durch toxische Rollenbilder und Strukturen erzeugte "Unannehmlichkeiten". Wir sind Frauen, weil wir Frauen sind. Ebenbild Gottes, die uns wunderbar gemacht hat. Tschakka! 💪 Amen!

Sonntag, 28. Juli 2024

Psalm 150 - oder so ähnlich

 Worte nach Psalm 150 

Halleluja! Gott ist groß und überall.
Lobt Gott in euren Häusern und Kirchen.

Lobt Gott draußen unter dem großem Himmelszelt.

Lobt Gott, wenn ihr gemeinsam Gottesdienst feiert.

Lobt ihn, wenn ihr am Lagerfeuer sitzt
und zusammen singt.
Lobt ihn, wenn ihr auf dem Wasen
direkt vor der Bühne steht oder weiter hinten sitzt.

Lobt Gott, für alles, was er euch geschenkt hat.
Für Musik und Klänge: Leise und Laute.

Denn Gott ist groß.
Lobt Gott mit allen Instrumenten, die ihr spielen könnt. 
Lobt Gott mit Akustik- Gitarre und mit E-Bass!

Lobt Gott mit Schlagzeug und Rasseln!
Lobt Gott mit Glockenspiel und Blockflöte!

Lobt ihn mit Keyboard und mit Kontrabass!
Lobt ihn mit Saxophon und Tuba!

Lobt Gott mit Hiphop und mit Schlager!
Lobt Gott mit Hard Rock und mit klassischer Musik!
Und mit Liedern aus dem Gesangbuch lobt ihn auch.

Solange ihr atmen und singen und Töne von euch geben könnt:
Lobt Gott! Halleluja! 


Lord of the Lost: Blood and Glitter

Predigt zur 

Sommerpredigtreihe 2024 


I.                   Unser Lied

Ich sing dir mein Lied – 
in ihm klingt mein Leben.

Oder auch: Zeige mir deine Playlist –
und ich sage dir, wer du bist.

So steht es irgendwo in der
Ankündigung für diese Sommerpredigtreihe.
Der Eurovision Song Contest
jedes Jahr im Mai
ist auch so etwas wie eine „Playlist“.
Eine Playlist Europas.
„Unser Lied für den Eurovison Song Contest“ –
das ist das Motto jedes Frühjahr,
wenn die einzelnen Länder
ihre Lieder und Interpreten nominieren.
Und dann wird abgestimmt,
welches Land das beste Lied hat.
Das Lied, das ich ausgesucht habe,
war „unser Lied für Liverpool“.
Mit ihm ging im letzten Jahr Deutschland ins Rennen:
Lord oft the Lost – Herr der Verlorenen –
mit dem Titel „Blood and Glitter“.
Es ist auf dem letzten Platz gelandet.

Warum das so ist, weiß niemand so ganz genau.
Offenbar ist es ein Lied, das aus dem Rahmen fällt
und dazu auch eine Band, die aus dem Rahmen fällt.
Aus dem Rahmen des ESC,
aber auch aus dem Rahmen dessen,
was man von einer deutschen Band so erwartet.
Nach „Ein bisschen Frieden“,
„Guildo hat euch lieb“, „Wadde hadde dudde da“
und „Satellite“ war Blood and Glitter
ein Song, mit dem sich viele schwer getan haben. 
Ganz sicher sprengt er auch den Rahmen dessen,
was man in einer Kirche an Musik erwarten will.
Aber grade deshalb,
weil der Song ein Systemsprenger ist,
wurde er für mich interessant.
AUCH – oder erst recht für einen Gottesdienst.
 

II.                Der Song


 


 

Übersetzung: 

Blut und Glitzer, süß und bitter
Wir sind so glücklich, dass wir sterben könnten
Blut und Glitzer

Was wir sind, ist nur eine Entscheidung
Ein Versprechen an uns selbst
Wir sind frei, es zu brechen und uns zu ändern

Nie vergessen? Lass es gehen
Dies oder das? Das muss man nicht wissen
Ob oben oder unten
Wir sind alle vom selben Blut

Blut und Glitzer, süß und bitter
Wir sind so glücklich, dass wir sterben könnten
Blut und Glitzer, süß und bitter
Wir sind so glücklich, dass wir sterben könnten
Blut und Glitzer, Heiliger und Sünder
Wir fallen, bevor wir aufstehen

Jetzt geh, geh, lass dein Blut fließen, fließen
Mit gebrochenen Flügeln lernen wir fliegen
Wir sind Blut und Glitzer

Behalte den Kopf hoch in den Wolken
aber beide Beine auf dem Boden
Das Leben ist zu schnell, also mach was draus

Nie vergessen? Lass es gehen
Dies oder das? Das muss man nicht wissen
Ob oben oder unten
Wir sind alle vom selben Blut

Blut und Glitzer, süß und bitter
Wir sind so glücklich, dass wir sterben könnten
Blut und Glitzer, süß und bitter
Wir sind so glücklich, dass wir sterben könnten
Blut und Glitzer, Heiliger und Sünder
Wir fallen, bevor wir aufstehen… 


III.             Blut und Glitzer

Blut und Glitzer.
Starke Worte.
Starke Bilder.
Starke Gegensätze.
Und dann die Musik dazu: ebenso gegensätzlich.
Mal laut kreischend und schrill –
Und dann wieder ganz eingängig und melodisch.

Und die Menschen erst: 
Aufgestylt und geradezu verkleidet,
leichenblass, knallrot, goldglitzernd.
Irgendwas zwischen Gruftie und Harlekin,
Monster und Barbie.
Gegensätzliches
in jedem einzelnen Moment des Videoclips.
Eine theatralische, schrille, laute
und überwältigende Inszenierung.

Blood and Glitter
Süß und bitter
so glücklich, dass man sterben könnte.

Heilige und Sünder
Blut und Glitzer
hinfallen und aufstehen.
Widersprüchlicher geht es kaum.


IV.            Blut  I

Über Blut reden wir nicht gerne.
Fast alle empfinden eine natürliche Ekelgrenze,
wenn Blut sichtbar ist.
Aber klar ist auch:
In jedem von uns fließt es.
Auch in mir, In uns allen.
Dickflüssig und rot, wie nichts anderes.
Und wenn es sichtbar wird,
dann ist man in Gefahr.
In Lebens-Gefahr.
Blut hat seinen Ort und seine Funktion.
Es gehört in den Körper,
um uns am Leben zu erhalten.
In den Adern folgt es seinem Kreislauf
und das Herz gibt den Takt vor.
Wenn das Blut im Körper fließt,
ist der Mensch am Leben.
Wenn zu viel Blut aus dem Körper herausfließt.
kann ein Mensch sterben.
Deshalb ist Rot auch eine Warnfarbe:
Wenn zu viel Rot sichtbar wird,
besteht Lebensgefahr.
Fließendes Blut hat deshalb oft
einen Gruseleffekt.
Es schockiert,
macht Aufmerksam und
versetzt Menschen in Alarmbereitschaft.
Wenn Blut fließt,
Blut sichtbar ist,
geht es um die Frage
nach Leben oder Tod.

  

V.                Blut II

So auch in der Bibel. 
Auch da geht es um die Frage nach Leben oder Tod,
wenn von Blut die Rede ist.
Dahinter steckt die Vorstellung,  
dass Versöhnung mit Gott möglich ist,
wo Blut fließt.
Wo das eine Leben für das andere eintritt.
Weil Dinge wieder gut zu machen sind,
und das nicht einfach so passiert.

Eine der spannendsten Geschichten
ist wahrscheinlich die von Abraham und Isaak.
Abraham war dabei, seinen Sohn zu opfern,
als Gott dem Einhalt geboten hat:
er will kein Menschenopfer.
Gott sei Dank -
im wahrsten Sinne des Wortes.
Und dann Jesus.
Auch er greift diese Bild auf.
Gibt seinen Jüngern Wein mit den Worten
„Das ist mein Blut“.
Kurz darauf stirbt er - 
einen blutigen Tod am Kreuz.  


VI.            Glitzer I

Das krasse Gegenteil dazu: Glitzer.
Im Film goldene Schnipsel
eines leichten, durch die Luft wirbelnden Materials.
Kleine Fragmente, zusammenhanglos.
Nicht in geordneten Bahnen,
sondern durcheinander.
Schillernd. Das Licht reflektierend.
Glitzer spiegelt Licht und Farbe
und ist in alle Richtungen beweglich.
Glitzer macht das Leben leichter.
Wenn etwas glitzert,
dann ist das ein Grund zur Freude.
Kein Grund zur Panik oder gar eine Warnung.
Glitzern tut eine Prinzessin  
und Goldkrümel auf der Geburtstagstorte.
Es glitzert das nagelneue 2-Euro-Stück in der Sonne.
Es glitzert der Strandsand in der Sommersonne und
der Eiskristall in der Januarsonne auch.
Es glitzert der Diamantring am Finger und
die wunderschöne Kette am Hals der Braut.
Der Liedschatten mit Glitzer
macht ein Gesicht noch strahlender,
als ein normales Make Up.
Und wenn man sagt, dass die Augen glitzern,
dann ist man vor Freude so glücklich,
dass man ein Tränchen verdrücken muss.  
Mit Glitzer verbinden wir die wunderschönen
Dinge des Lebens.
Besondere Momente.
Highlights, die es nur selten gibt.
Und man sagt: Mit ein bisschen Glitzer,
wird der Alltag viel schöner.


VII.          Glitzer II

Auch die Bibel
kennt die schönen Dinge des Lebens.
Das Feiern und das Lachen
und das Heilige.

Die Bundeslade,
in der die heiligsten Dinge aufbewahrt wurden
war überzogen mit feinstem Gold.
Sie kennt das Glitzern und den Glanz
von Naturschauspielen und
Edelsteine und Perlen als Schmuck
für besondere Momente.
Und am Ende, wenn alles gut ist,
- auch das was nach menschlichem Ermessen
nie wieder gut werden kann –
(Jesus nennt es Himmelreich
und vergleicht es mit einer Perle)
dann wird auch da nicht gespart
mit Gold, Glitzer und Edelsteinen.
Bis es soweit ist
wird das Leben gefeiert.
Wird Wertvolles verschenkt –
auch dem Kind in der Krippe wird Gold gebracht.
Wird großzügig geschmückt –
sogar die Gräber.
Und es wird gefeiert –
manchmal sogar im Überfluss.

 

VIII.       Blut UND Glitzer

Blood and Glitter
Süß und bitter
- Zeilen voller Widersprüche.
Hinfallen, aufstehen,
zum Sterben glücklich -
so widersprüchlich kennt man das Leben.
Kennen Menschen das Leben.
Kennt die Bibel das Leben.
Und Jesus auch.
Blut und Glitzer gehören zusammen
und zum gleichen Leben.
Das Bedrohliche und das Wunderbare -
beides findet gleichzeitig statt
auf diesem Planeten:
Ein Kind wird geboren
und ein anderes kommt ums Leben.
Der eine ist vor Freude aus dem Häuschen
und die andere am Boden zerstört.
Und manchmal gehört beides
zu unserem eigenen, einzigartigen Leben.
Blut und Glitzer,
Süßes und Bitteres gleichzeitig.
Noch nie hab ich das so extrem wahrgenommen
wie in der Zeit, als meine Ehe zerbrochen ist.
Da ging was kaputt und war schmerzhaft und schlimm.
Und gleichzeitig konnte ich
wieder ich selbst werden –
und habe meinen eigenen Wert wieder entdeckt.
Aber eben nicht ohne einen schmerzhaften Verlust.
Seither ist einer meiner Lieblingssprüche:
Never lose your Sparkle -
verlier‘ dein Funkeln, dein Glitzern nicht.

Blood and Glitter gehören zusammen.
Mehr noch:
die Erfahrung von Schmerz und Schönheit
bringt Menschen zusammen.
We are all from the same blood
- wir sind alle vom gleichen Blut.
So singt und musiziert und inszeniert das
Lord oft he Lost.
Und vielleicht gibt es nur wenig Musik
neben Dark Rock, Hard Rock oder Heavy Metal,
die das in dieser Gleichzeitigkeit
und in dieser Intensität zum Ausdruck bringt:
mal schrill, laut und gewaltig
und im nächsten Moment
melodisch, rhythmisch und zum Mitsingen.

Wir sind alle Menschen.
Und alle machen die Erfahrung
dieser Widersprüche,
im Kleinen, wie im Großen.
Auch hier in diesem Land,
ist vieles widersprüchlich:
Es gibt viel Reichtum,
UND viel Armut.
Wir haben ein Schulsystem,
das viel ermöglicht,
UND es gibt Kinder,
die keine Chance auf Bildung haben.
Wir investieren Millionen
in die medizinische Forschung,
UND Menschen sterben an Krebs.
Blut UND Glitzer. Gleichzeitig.
Beides gehört zu unserem Leben, 
zur manchmal harten Realität.

Was aber auch Realität, 
uns aber viel zu selten bewusst ist:
With broken wings, we learn to fly
We are blood and glitter
Mit gebrochenen Flügeln
lernen wir zu fliegen.
Wir sind Blut und Glitzer.
Wir sind zerbrochen
und heil zugleich.
Wir alle.  

 

IX.             Ich bin gewiss

Kein anderer als Jesus selbst
hat das am eigenen Leib durchlebt.  
Bis zum Ende.
Keiner war so zerbrochen wie er,
hat um sein Leben gekämpft
und verloren.
Und keiner ist so vollständig
ins Leben zurückgekehrt, wie er.
Hat geglitzert am Ostermorgen
und an den Tagen danach,
obwohl seine Narben noch sichtbar waren.
Und wer ihm begegnet ist,
hat von ihm gehört:  
Ich bins. Fürchte dich nicht!

Und so leihe ich mir Worte von Paulus,
der Blut und Glitzer kennt -
und den Auferstandenen auch.
Worte, die uns vielleicht sogar bekannt vorkommen:

Denn ich bin gewiss,
dass weder Blut noch Glitzer
weder Tod noch Leben,
weder Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, 
weder Hohes noch Tiefes
noch irgendeine andere Kreatur
mich scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn. (Römer 8, 38f)
Amen.

 

 


Sonntag, 14. Juli 2024

Es reicht!


Es reicht!
2. Mose 16, 2-3 und 11-18   

Gottesdienst
im Johannesforum Wendlingen
und in der Jakobskirche Bodelshofen
am Sonntag, 14. Juli 2024 


I.                   Omas Küchentisch I

Für mich ist es eine der wichtigsten Kindheitserinnerungen:
Omas Küchentisch, um den wir alle saßen.
Immer samstags um halb vier.
Meine Brüder Martin und Simon,
meine Cousine Annette,
meine beiden Vettern Christoph und Thomas
und manchmal auch unsere Eltern
oder Helga
oder jemand anderes aus der Nachbarschaft.
Und natürlich Opa
auf seinem Platz an der Stirnseite.
Und ich auch,
auf der Eckbank zwischen den anderen.
Manchmal wir alle.
Und manchmal nur ein Teil von uns.
Und dann wurde aufgetischt von Oma.
Salzblaaz gabs immer.
Mit Schnittlauch und Kümmel.
Im Sommer Mirabellenkuchen
und im Winter Streuselkuchen.
Dazu Kaffee mit Würfelzucker
aus den weinroten Tassen,
gelben Sprudel
und im Herbst Süßmost
aus dem Senfglas mit Mogli.  
Immer samstags „um Halber“.
Nie war zu wenig auf dem Tisch.
Nie ging jemand hungrig nach Hause.
Es hat immer gereicht.

 

II.                Früher war alles besser!

Früher war alles besser!
Ja, damals, als wir noch
bei Oma am Küchentisch saßen.
Als wir uns die Bäuche vollschlugen
mit Salzblaaz und gelbem Sprudel
und Mirabellenkuchen
und Kaffee mit Würfelzucker.
Niemand von uns dachte damals daran,
dass es irgendwann anders sein würde.
Niemand hatte auf der Pfanne,
dass auch das Leben von Oma einmal
zu Ende sein würde,
und dann niemand mehr Kuchen backt.
Niemand von uns wusste,
wohin uns unser Leben führen würde
wenn wir älter werden –
und weggehen müssten.
Weg von Omas Küchentisch.
Was sich damals niemand vorstellen konnte.  
Verschiedenste Wege wurden daraus
im Lauf der Jahre.
Nicht alle waren einfach.
Aber alle wurden irgendwann gut.
Wenn wir uns sehen,
erinnern wir uns oft an Omas Küchentisch
und die guten, alten Zeiten.
Und manchmal sind wir traurig, dass sie vorbei sind.

 

III.             Volk Israel I

An die guten, alten Zeiten
erinnert sich auch das Volk Israel in der Wüste.
Es rottet sich gegen Mose und Aaron zusammen.
Sie murrten:

»Hätte der HERR uns doch getötet,
als wir noch in Ägypten waren!
Dort saßen wir vor vollen Fleischtöpfen
und konnten uns an Brot satt essen.
Aber ihr habt uns herausgeführt
und in diese Wüste gebracht,
damit die ganze Gemeinde verhungert!«

Es reicht!
Das Volk Israel hat keinen Bock mehr!
Sie fühlen sich von ihrer Regierung, Mose und Aaron,
an der Nase herumgeführt.
Eigentlich sollte doch alles besser werden,
wenn sie dieses fürchterliche Ägypten
erst mal verlassen haben.
Sklaven waren sie dort! Unfreie Menschen.
Und alles hätte besser werden müssen als das.
Aber nein, nun irren sie durch die Wüste
ohne Sinn und Ziel – und haben Hunger.
Man hat ihnen die Freiheit versprochen -
aber nun wartet der sichere Tod auf sie.
Ohne Nahrung kein Leben.
Die Wüste ist gnadenlos.

„Wären wir doch nur in Ägypten geblieben!“
Wer kann den Israeliten diesen Satz verübeln?
Sie hatten dort zu Essen und waren versorgt.
Was sie nicht hatten, war Freiheit.
Aber was ist Freiheit wert,
wenn man alle Sicherheit dafür aufgibt?
Was ist Freiheit wert,
wenn das Risiko zu sterben
höher ist, als die Chance zum Überleben?

Überfordert waren sie
und nörgelig.  
Und mit der Gesamtsituation unzufrieden.  

 

IV.            Es reicht!

Es reicht!
Das schreien die, die davon überzeugt sind:
Wir kommen zu kurz.
Und wenn die Aussage „Es reicht!“
gepaart ist mit Jammern und Murren
und der Überzeugung
„Früher war alles besser“,
dann passieren Dinge, die nicht gut sind.
Ein Blick in die Geschichte:
Das Ende der Weimarer Republik
war geprägt durch solche oder ähnliche Gesinnungen.
Inflation und das Gefühl von sozialer Ungerechtigkeit
führten zu großen Unruhen,
bis hin zu politischen Morden.
Der Aufschwung war vergessen,
der vergleichsweise hohe Lebensstandard bedroht.
Die Schere zwischen arm und reich
klaffte immer weiter auseinander
und die einst so gefeierte Freizügigkeit
wurde zur Bedrohung der nationalen Identität.
Wer bin ich eigentlich,
dass ich etwas von dem hergebe, was mit zusteht?

Es reicht!
So argumentieren auch die,
die neulich bei den Europawahlen
ihr Kreuz so gesetzt haben,
als wären sie in der Wüste.
Als müssten um ihr Überleben bangen.
„Es reicht!“ und
„Früher war alles besser!“
schreien Menschen auch heute und sagen,
dass die Mark mehr wert war als der Euro.
Oder dass die Renten früher sicherer waren,
und die Straßen auch.   
„Es reicht!“ und
„Früher war alles besser!“
schreit, wer ein Europa mit offenen Grenzen
als Bedrohung erlebt und Angst hat vor den vielen,
die zu uns kommen in der Hoffnung,
hier leben zu können.
„Es reicht!“ und
„Früher war alles besser!“
Schreien die, die in Freiheit leben
und doch Angst haben,
zu kurz zu kommen.
Angst davor haben, etwas zu verlieren,
das ihnen Sicherheit gibt.
Wie die Geschichte der Weimarer Republik ausgegangen ist,
wissen wir.
Dass sich Geschichte wiederholt,
wissen wir auch.
OB sich Geschichte wiederholt,
liegt in unserer Hand.
Und in den Händen aller,
die mit Freiheit größere Hoffnungen verbinden,  
als mit den vermeintlich sicheren
Fleischtöpfen Ägyptens.

V.                 Volk Israel II

Der HERR sagte zu Mose:
»Ich habe das Murren der Israeliten gehört und lasse ihnen sagen: ›Gegen Abend werdet ihr Fleisch zu essen bekommen und am Morgen so viel Brot, dass ihr satt werdet. Daran sollt ihr erkennen, dass ich der HERR, euer Gott, bin.‹«

Am Abend kamen Wachteln und ließen sich überall im Lager nieder, und am Morgen lag rings um das Lager Tau. Als der Tau verdunstet war, blieben auf dem Wüstenboden feine Körner zurück, die aussahen wie Reif. Als die Leute von Israel es sahen, sagten sie zueinander: »Was ist denn das?« Denn sie wussten nichts damit anzufangen. Mose aber erklärte ihnen: »Dies ist das Brot, mit dem der HERR euch am Leben erhalten wird.

Und er befiehlt euch: ›Sammelt davon, so viel ihr braucht, pro Person einen Krug voll. Jeder soll so viel sammeln, dass es für seine Familie ausreicht.‹«

Die Leute gingen und sammelten, die einen mehr, die andern weniger. Als sie es aber abmaßen, hatten die, die viel gesammelt hatten, nicht zu viel, und die, die wenig gesammelt hatten, nicht zu wenig. Jeder hatte gerade so viel gesammelt, wie er brauchte. 

 

VI.             Es reicht!

In der Wüste kann man überleben. 
Nicht automatisch.
Man muss dazu die Geheimnisse der Wüste kennen,
die Geheimnisse des Lebens,
und manchmal die des Über-lebens auch.
Dazu gehört auch, dass man sich denen anvertraut,
die in der Wüste zu Hause sind.
Die die Wasserquellen kennen
und auch die unsichtbaren
und vom Sand verwehten Wege.

Davon war das Volk Israel weit entfernt.
Mose und Aaron hatten zwar
eine Idee von Freiheit
und den Auftrag, die Menschen dahin zu führen,
aber aus der Sklaverei in die Wüste:
das sind schwierige Alternativen.  
IHR habt uns hierhergebracht.
IHR seid schuld an unserer Lage.
Die ganze Situation war heikel und drohte zu scheitern.
Das Volk war sauer.
Sauer, am Ende der Kraft,
und durchaus in Lebensgefahr.

Und dann passiert, was nicht vorhersehbar war.
Ein wütender, regierungskritischer Mob
macht eine Erfahrung: 
Aus einem erbosten „Es reicht!“
wurde ein erstauntes „Es reicht!“
Und zwar für alle!
Wachteln und Manna, Himmelsbrot.
Immer genau so viel,
dass an diesem Tag alle satt wurden.
So viel, dass es zum Leben reicht.
Und wer gierig mehr genommen hat,
als an einem Tag essbar ist,
dem verfaulte das Übrige.

 

VII.           Reality-Check

Wir sind nicht das Volk Israel in der Wüste.
Was damals passiert ist, ist längst Geschichte.
Aber wenn ich manche Diskussion
auf mich wirken lasse,
erinnert mich manches an diese Begebenheit.  
Wie schnell habe ich das Gefühl,
zu kurz zu kommen?

Das geht schon los beim Bäcker,
wenn die Wunsch-Brotsorte nicht da ist.
Oder im Café Freiheit,
wenn an manchen Montagen
über die Größe der Kuchenstücke diskutiert wird
und wieviel man dafür jetzt
in die Kasse wirft.

Und es geht hin bis zur Frage der Steuerentlastung.
Die jetzt mal jemand anderes im Geldbeutel spürt –
und ich nicht.

„Es reicht!“
Das ist so schnell gesagt!
Schnell, populistisch und oft ungeachtet
vieler anderer Aspekte, die auch wichtig sind.
So wie das Volk Israel in dieser Situation
vergessen hatte, dass sie jetzt in Freiheit sind.
Aber davor Sklaven waren. Unfreie.

Vielleicht hat es die Wüstenerfahrung
für die Israeliten gebraucht:
In der Wüste wurde aus einem populistischen
„Es reicht!“ ein überraschtes „Es reicht!“:
Eine Feststellung, dass für alles gesorgt ist.
Ein Staunen darüber, dass man
als Volk in der Wüste überleben kann,
wenn man aufeinander achtet.
Und sich jede*r nur das nimmt, was er*sie braucht.

 

VIII.       Omas Küchentisch II

Zurück zu Omas Küchentisch.
Dort wurde nicht nur gegessen,
es wurde auch viel erzählt.
Vor allem von Opa.
Von Wüstenerfahrungen,
die damals „Krieg“ und „Nachkriegszeit“ hießen.   
Zeiten, in denen man heute nicht wusste,
wovon man morgen satt werden sollte,
und ob man überhaupt noch am Leben war.
Geschichten von Flucht und Gefangenschaft,
vom Zu-Kurz-Kommen, von Unfreiheit
und von einem populistischen „Es reicht!“,
das Millionen Menschen das Leben kostete.

Diese Geschichten kamen zusammen
mit Salzblaaz, Mirabellenkuchen und gelbem Sprudel
an Omas Küchentisch.
Jahrelang, Samstag für Samstag.

Nein, es waren nicht nur Opas Geschichten.
Es war auch nicht nur Omas
voll gedeckter Tisch.
Beides zusammen war wichtig -
am Samstagnachmittag um halb vier
und bis heute.

Jetzt, viele Jahre später,
- beide leben beide längst nicht mehr -
meine ich eine Botschaft verstanden zu haben,
die sie uns – bewusst oder unbewusst -
mit auf den Weg gegeben haben:
„Es reicht!“ -  tatsächlich für alle.

Amen.

Samstag, 27. April 2024

Am Meer stehen und singen: Gottes Geheimrezept in apokalyptischen Zeiten

Gottesdienst zum Sonntag Kantate
am 28.04.2024 in der
Jakobskirche Bodelshofen 



Offenbarung 15,2-4

Ich sah, wie sich ein gläsernes Meer mit Feuer vermengte, und die den Sieg behalten hatten über das Tier und sein Bild und über die Zahl seines Namens, die standen an dem gläsernen Meer und hatten Gottes Harfen und sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes: Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr, allmächtiger Gott! Gerecht und wahrhaftig sind deine Wege, du König der Völker. Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten und deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig! Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden.

 

I.                    Am Meer

Am Meer stehen.
Und erst mal schauen.
Schauen auf die Wellen.
Auf die Bewegungen des Wassers.
Die Gischt.
Die Möwe, die eintaucht und das Schiff am Horizont.
Das Bild in sich aufnehmen von Weite und
die Größe der Welt wirken lassen.
Wasser und Himmel voneinander unterscheiden.
Unendlichkeit spüren.
Das Gefühl haben, dass alles gut ist.
              Sie standen an dem gläsernen Meer
              und hatten Gottes Harfen
              und sangen das Lied des Mose,
              des Knechtes Gottes, und das Lied des Lammes:  
              Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr,  
              allmächtiger Gott!

Am Meer stehen
und staunen.
Über diesen Ozean,
der voller Leben ist und voller Geschichten.
Geschichten, die das Leben schrieb.
Die Guten.
Mit dem Sonnenuntergang und
dem Lavendelduft.
Und Wärme in der Seele
beim Gedanken an einen Menschen.

Aber auch andere Geschichten.
Auch Geschichten, die das Leben schrieb.
Die Schmerzvollen.  
Mit Donnergrollen und blutiger Nase.
Menschen, die mir schaden.
Die mich als Verliererin sehen wollen.
Und wenn ich daran denke,
ist es in mir kalt und starr.

Geschichten,
die das Leben schrieb,
tummeln sich in diesem Meer.
Und ich stehe und schaue auf mein Leben.
Und meine Geschichten.
Ich stehe davor und staune.
Und ich spüre:
Wenn ich am Meer stehe, ist alles gut.
              Ich sah, wie sich ein gläsernes Meer
              mit Feuer vermengte,
              und die den Sieg behalten hatten,
              die standen an dem gläsernen Meer
              und hatten Gottes Harfen
              und sangen das Lied des Mose.

 

II.                  Vom Ende her betrachtet

„Du musst es vom Ende her betrachten,
dann ergibt alles einen Sinn.“

Ein gut gemeinter Rat in schwierigen Zeiten.
„Du musst alles vom Ende her betrachten –
wie bei einem Drehbuch, das du schreiben willst.“

Man könnte meinen:
Hauptsache das Ende steht fest – der Rest ergibt sich.
Und es muss ein gutes Ende sein.

Auch wenn der Rest der Geschichte erst entsteht:
wie es ausgeht, ist gewiss.
Bis dahin: Drama, Babe.
Etwas von allem ist drin in diesem Leben.
Liebe, die ganz Große. Und der erste Kuss.
Scheitern, Versagen.
Die Lüge, die alles kaputt macht.
Und der unendliche Schmerz auch.
Und dann fügt sich alles auf wundersame Weise
doch wieder zusammen zu einem Leben.
Zu DEINEM Leben.
Und das alles erlebst du,
während du weißt, wie das Ende ausgeht.
Dieses letzte rauschende Finale,
nach dem im Kino alle sagen:
„Boah, war das schön!“
Das Finale, in dem am Ende alle glücklich sind.
In dem es kein Leid mehr gibt,
keine Tränen und keinen Schmerz.
Das Finale, in dem alles ist, wie es sein soll.
Und Gott in der Hauptrolle.
Und du auch.

 

III.                Da ist Musik drin

Vom Ende her betrachtet
ist Musik drin
im Meer des Lebens.
Immer wieder sind da die alten Lieder,
die schon die Vorfahren sangen.
Und wir bis heute singen.
Lieder, die vertraut sind aus Kindertagen
und aus den Erzählungen der Alten.

              Das Lied des Mose
und das meines Großvaters.
Und das von Claudia,
aus meinem Kindergottesdienst vor 40 Jahren.
Du meine Seele singe,
Wohlauf und singe schön!
              Groß und wunderbar sind deine Werke,
              Herr, allmächtiger Gott!
Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht,
              gerecht und wahrhaftig sind deine Wege,
              du König der Völker.

Auf Seele, Gott zu loben,
there is none like you!
Ich sing dir mein Lied,
in dir klingt mein Leben,
              denn du allein bist heilig!
Weil er die kleinen Dinge liebt,
weiß ich er liebt auch mich.
              Wer sollte dich, Herr, nicht fürchten
              und deinen Namen nicht preisen?
              Ja, alle Völker werden kommen und anbeten vor    
              dir, denn deine Urteile sind offenbar geworden.

Musik im Meer des Lebens.
Jahrtausendealt und gleichzeitig jünger als ich.
Worte und Melodien zum Leben und zum Sterben. 
Worte der Gewissheit,
dass am Ende alles gut wird.
Und dass vom Ende her betrachtet,
doch alles einen Sinn ergibt.
Eingesungen in mein Herz,
in unsere Herzen
und ins Meer des Lebens.

 

IV.               Apocalypse now

Aber noch ist nicht das Ende.
Noch stehe ich nicht am Meer
und kann alles mit Abstand und
vom Ende her betrachten.
Noch lebe ich
im stürmischen Meer des Lebens.
Bin mal Welle und mal Wind.
Mal ertrinkend im Meer und
mal an den Strand gespült.  

Noch ist alles da,
was mich zweifeln lässt an der Idee,
dass die Sache mit dem großen Finale
und dem guten Ende funktioniert.

Noch sehe ich das Elend der Vielen,
die ertrinken im Meer
auf ihrer Reise in ein vermeintlich sicheres Europa.
Und höre das Schluchzen der Mutter,
die am Leben ist
und im Lager um ihr totes Kind weint,
das nie wieder bei ihr sein wird.
Ich erschrecke über die Berichterstattung
zur Asylpolitik in unserem Land
und ich lese die zynischen Urteile
in den Kommentarspalten der sozialen Medien.

Noch spüre ich die Wut und den Schmerz derer,
die durch ihr Anderssein
ausgegrenzt und in der Öffentlichkeit
entwürdigt werden.
Tabitha, die früher mal Tobias hieß.
Und deren Nachbar sie immer noch „aus Prinzip“
mit ihrem alten Namen anredet.  
Serdar und Marek, die sich erst jetzt trauen,
ihre Freunde zu einem Fest einzuladen
- anlässlich ihrer Hochzeit vor 5 Jahren.
Svenja, die im Rollstuhl sitzt und eine Arbeit sucht.
Dutzende Bewerbungen hat sie geschrieben.
Offenbar kann sich niemand vorstellen,
dass eine Frau mit Behinderung
einen normalen Arbeitsalltag im Büro
bewältigen kann.

Noch spüre ich meine eigenen Grenzen.
Meine Ungeduld, weil mir vieles zu langsam geht.
Den Ärger über meine Kirche,
die sich viel zu zaghaft verändert -
dort, wo Veränderung gut wäre.
Und alles übers Knie bricht -
dort, wo Besonnenheit nötig wäre.
Ich höre mein eigenes, inneres Grummeln
und die Stimme, die mir sagt:
„Du schaffst das nicht.“
„Es interessiert eh keinen, was du denkst.“
„Allein kannst du sowieso nichts ändern.“

Noch schwimme ich in diesem Meer,
bin den Wellen ausgeliefert und frage mich:
Wann kommt dieses feudale Ende,
von dem alle sagen:
„Am Ende wird alles gut –
und wenn es noch nicht gut ist,
dann ist es noch nicht das Ende?“

V.                 Hoffnungszeichen

Bis es soweit ist,
lebe ich von Hoffnungsbildern.
Von einem möchte ich erzählen,
das wir als Gemeinde selbst mit erschaffen haben.
Letzte Woche schrieb Katja Buck,
Journalistin und Religionswissenschaftlerin
aus Tübingen, in ihrer Facebook-Timeline:
       „Das verrückteste Projekt der letzten Jahre hat     
       gestern einen wunderbaren Abschluss gefunden.
       Die 17-Register-Orgel aus Wendlingen am Neckar
       ist nach einem spektakulären Umzug und
       Wiederaufbau in der Christuskirche der Theodor-
       Schneller-Schule in Amman mit einem geistlichen
       Konzert eingeweiht worden. Klaus Schulten an der
       Orgel hatte mit den Geistlichen vor Ort ein
       Programm zum Thema Friedenssehnsucht
       zusammengestellt. Und wer sich jetzt fragt, ob es
       eine Orgel in Jordanien denn überhaupt baucht
       und ob das Geld für den Orgelumzug denn nicht
       auch anders hätte angelegt werden können, dem
       sei gesagt: die Orgel ist Ausdruck der Sehnsucht
       nach dem Erhabenen. Und gerade deswegen ist die
       Orgel hier so wichtig.“

Dort in Jordanien,
wo sich Menschen bekriegen,
wo Frieden ein Fremdwort ist
und Versöhnung unmöglich scheint,
werden Hoffnungslieder gesungen.
Begleitet von „unserer“ Orgel.
Totgesagt war sie.
Niemand wollte sie haben.
Dem Zerfall, dem Holzwurm
und den Mäusen ausgeliefert
lag sie in der TVU-Halle.
Und als sich Menschen trafen,
die einen, die um die Orgel wussten
und die anderen,
die eine Orgel suchten,
da war alles klar.
Vom Ende her gesehen,
hat alles so kommen müssen.
Aber bis dahin wusste niemand,
wie es mit dieser, unserer, Orgel
zu einem guten Ende kommen sollte.
Nun ist sie in Amman in der Christuskirche,
und so trägt dort dazu bei,
dass Friedenslieder gesungen werden:         
              Die den Sieg behalten hatten, die standen an dem  
              gläsernen Meer und hatten Gottes Orgel und  
              sangen Friedenslieder im nahen Osten:
              Groß und wunderbar sind deine Werke, Herr,   
              allmächtiger Gott!


VI.               Das Ende

Am Ende werden wir am Meer stehen.
Alle, die wir das Vertrauen nicht verloren
und die Hoffnung nicht aufgegeben haben.
Und mit uns werden die da sein,
die alles verloren glaubten
und von uns aufgegeben wurden -
aber nie von Gott.
Gemeinsam werden wir singen
              das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das  
              Lied des Lammes:
              Groß und wunderbar sind deine Werke,
              Herr, allmächtiger Gott!

Bis es soweit ist,  
will ich sie weiter am Meer stehen und singen:
die Lieder, die von dem Ende erzählen,
an dem alles gut sein wird.
Die Lieder, die zum Leben helfen –
und zum Sterben auch.
Ich will diese Lieder jetzt schon singen
trotz allem, was ist.
Trotz meinem Schmerz
und meiner Wut,
meiner Hilflosigkeit und
meinen Selbstzweifeln.
Und ich bin gewiss:
Gott wird sie hören,
meine Lieder.
Jetzt
und am Ende
auch.
Amen