Sonntag, 16. März 2025

Hinter Mauern: The Zone of Interest

„Hinter Mauern“

Predigt im Kino-Gottesdienst
am 16.03.2025 zum Film
„The Zone of Interest”

Eine Annäherung an Film und Wirklichkeit in 5 Schritten.

 

I.                    „The Zone of Interest”

Der Garten der Familie Höss ist ein Paradies:
mit seinen Bäumen und Beeten,
den Blumen, den ordentlichen Wegen
und dem Schwimmbad.
Darin ein Haus, in dem man
als Familie mit 5 Kindern sehr gut leben kann.
Ein Traumhaus. Heimat und Rückzugsort.
Ein guter Ort. Davon ist Hedwig Höss überzeugt.
Und auch die Kinder scheinen das so zu sehen:
Der Ausflug mit dem Kanu im nahegelegenen Fluss,
die unberührte Natur, das Baden und Planschen –
eine Idylle für Kinder - wenn die Mauer nicht wäre.
Und das Dahinter.
Denn hinter der Mauer
ist das Konzentrationslager von Auschwitz.
Arbeitsplatz des bilderbuchvorlesenden
und liebevollen Familienvaters Rudolf Höss.
Man sieht es nicht. Aber man hört es.
Man hört den ankommenden Zug, tosende Öfen,
Gewehrschüsse und Angstschreie.
Dauernd. Bei Tag und bei Nacht.
„Der Horrorsound des Naziregims“ –
so titelt der Deutschlandfunk
den oscargekrönten Sound,
der sich wie ein zweiter Film auf die Familienidylle legt.
Das Grauen ist allgegenwärtig,
und so passiert es, dass man beim Baden im Fluss
plötzlich menschliche Knochen in den Händen hält.
Mit der Strömung kommt eine große Wolke menschlicher Asche,
die an der Haut, in den Haaren
und in Ohren der Höss-Kinder klebt.
Judenasche.
Das Grauen klebt förmlich auf der Haut.
Man muss sie abschrubben.
Als wäre Judenasche besonders gefährlich oder ekelhaft.
Die zufällige Begegnung mit dem Grauen
geht auf im Alltag zwischen Blumenbeeten
und den Plänen für den nächsten Ofen
zur Kremierung der Leichenberge.
Dazwischen schützend die Mauer.
Das ändert sich auch nicht,
als Rudolf Höss nach Oranienburg versetzt wird
und Hedwig mit den Kindern
voller Überzeugung zurückbleibt.
Die Idylle bleibt. Und die Mauer bleibt.
Und das Grauen bleibt auch.
Bis zum bitteren Ende. Für alle.
Auch für Rudolf Höss,
der 1947 als Kriegsverbrecher zum Tode verurteilt
und in Auschwitz hingerichtet wurde.
Heute, rund 80 Jahre
nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz,
bleibt die Erinnerung.
Die Erinnerung daran,
was Menschen einander antun können.
Aber auch die Erinnerung daran,
wie Menschen sich offensichtlich
in einer Welt zurechtfinden,
die das Böse sucht.
Und es ist die Erinnerung daran,
dass eine Mauer
nicht ungeschehen macht,
was hinter ihr passiert.

Musik

 

II.                  Mauern

Mauern stehen nicht zufällig da.
Mauern werden gebaut, weil sie eine Aufgabe haben. 
Sie trennen das eine vom anderen.
Ein Zaun oder ein Vorhang ist etwas anderes
als eine fest gebaute und unverrückbare Mauer,
aus Stein gebaut oder aus Beton gegossen.
Eine Mauer hält vielem Stand.
In Auschwitz trennt sie in drinnen und draußen.
Drinnen der Tod und das Grauen –
draußen das Leben und die Schönheit.
Drinnen gefangene Menschen, dem Tod geweiht,
draußen scheinbar freie Menschen,
die ein - für ihre Zeit und ihre Verhältnisse -
gutes Leben führen können.
Drinnen Menschen, die jüdisch, schwul, krank sind,
eine Behinderung haben
oder sich auf die Seite all derer gestellt haben -
draußen Menschen,
die sich einer gesellschaftlichen Elite zugehörig wissen
und sich selbst als privilegiert inszenieren.
Drinnen die Opfer des Nationalsozialismus in der Falle –
draußen die Täter:
Schergen eines totalitären
und menschenverachtenden Systems.
Dazwischen die Mauer, die die beiden Welten trennt.
Nur wenige können sich
frei zwischen den Welten bewegen.
Darunter Rudolf Höss und seine Kompagnons,
die das System am Laufen halten.
Und dann ist da das Mädchen, das die Äpfel versteckt –
bei dem das Drinnen und Draußen
im Schutz der Nacht verschwimmt.
Es ist ein starker Kontrast,
den Regisseur Jonathan Glazer hier bewusst erzeugt.
Und er erinnert mich
an die Urszene von drinnen und draußen.
Von Gut und Böse, von Paradies und Hölle.
Damals, als der Mensch zum ersten Mal
frei war in seinen Entscheidungen.
Entweder – oder sagen konnte
und die Schlange ihn vor die Wahl gestellt hat.
Damals, im Garten Eden,
als alles ein Paradies war –
das Gott nach dem Sündenfall
vor dem Menschen schützen musste.

Östlich des Gartens Eden stellte er Kerubim
und das lodernde Flammenschwert auf,
das den Zugang zum Baum des Labens bewachen sollte.
(Gen 3,24) 

Da war sie, die erste Mauer.
Zwar aus einem Engel und einem lodernden Schwert,
aber eine Mauer. Unüberwindbar.
Eine Mauer die das Böse vom Guten trennt,
das Paradies von der Hölle
und den Tod vom Leben.
Seither denkt die Menschheit in diesem Schema,
in dieser Dialektik, die immer die Hoffnung befeuert,
selbst auf der richtigen,
der besseren Seite der Mauer zu stehen. 
Tief eingebrannt ist das ins kollektive Gedächtnis.
Auch in meines.
Will ich das wahr haben?

Musik

 

III.                Mauern geben Sicherheit

Wenn man sich auf der richtigen Seite der Mauer wähnt,
ist man sicher.
Das ist der Sinn einer Mauer.
Und wir kennen das aus der Geschichte von Stadtmauern.
Sie gaben Schutz vor feindlichen Angriffen,
Hochwasser, Feuer und Sturm.
In vielen Städten finden wir noch Überreste der Mauern,
die auch unsere Städte, auch Wendlingen,
einst zu sicheren Orten machten.
So auch die Stadtmauer von Jerusalem.
Sie war seit jeher ein wichtiges Bauwerk.
Im Buch Nehemia wird detailreich geschildert,
wie das Volk Israel ca. 450 vor Christus die Stadtmauer
nach der Rückkehr aus Babylon wieder aufbaut
und wie gewissenhaft und gründlich dabei vorgegangen wird.
Es ist quasi ein biblischer Architektenplan für einen Ort,
an dem man mit Leib und Seele gut leben kann.
Und es wird deutlich:
Gott will, dass sich Menschen sicher fühlen.
Dass sie in der Lage sind,
sich zu schützen vor dem Bösen.
Hedwig Höss hat das für sich so umgesetzt.
Sich ihr eigenes Reich,
ihr eigenes, sicheres Paradies erschaffen.
Als gäbe es das Grauen hinter der Mauer nicht,
hat sie Beete bepflanzt,
blütenweiße Wäsche getrocknet, Gäste bewirtet
und ihr Familienleben am Laufen gehalten.
Sie hat ihren 5 Kindern ein Zuhause geschaffen.
Und auch Rudolf, der auf der anderen Seite der Mauer
seinem gnadenlosen Beruf nachging
als Kommandant des Vernichtungslagers,
ist zu Hause ein liebevoller Familienvater.
Eines Tages kommt die Nachricht,
dass er versetzt werden soll.
Für Hedwig eine Katastrophe.
Diesen sicheren Ort aufgeben? Niemals!
Deshalb bleibt sie mit den Kindern dort.
Aus Überzeugung.
Sichere Orte zu schaffen ist so wichtig,
schon immer und zu allen Zeiten.
Es ist ein gewagter Erklärungsversuch,
aber für mich en plausibler:
aus der Traumatherapie
kennen wir den „inneren sicheren Ort“,
einer der wichtigsten psychotherapeutischen Skills.
Wenn Menschen in der Lage sind,
sich einen sicheren Ort zu schaffen,
dann kommen sie mit dem,
was um sie herum besser klar.
Sie sind „resilient“ – so der Fachbegriff.
Man ist damit in der Lage,
schlimmste emotionale Belastungen zu regeln -
und trotzdem zu funktionieren.
Was beim Anschauen das Films
als unerträgliche Allgegenwart des Vernichtungslagers
alles überschattet,
scheint deshalb das Familienleben
überhaupt nicht zu beeinträchtigen.
Man kann es als zynisch empfinden.
Dennoch ist es Hedwig Höss ist offenbar gelungen,
im Schutz der Mauer von Auschwitz
einen sicheren Ort zu schaffen.
Im Film wird das deutlich,
als ihre Mutter zu Besuch ist und vorzeitig abreist –
weil sie all das überhaupt nicht ertragen kann,
was sie erlebt.
Es ist derselbe Ort, aber sie hält nicht aus,
was sie dort wahrnimmt.
Hört, riecht, sieht, fühlt. 

Musik

 

IV.               Hinter Mauern

Wer auf der falschen Seite der Mauer ist, hat es schwer. 
Was für die einen Sicherheit und Schutz bietet,
ist für andere eine Falle.
Nirgends wird das so deutlich,
wie in der gnadenlosen Geschichte der Konzentrationslager.
Die Mauer von Auschwitz
ist die todbringendste Mauer der Welt.
Vermutlich sind in nur 5 Jahren
rund 1,1 Millionen Menschen
hinter der Mauer getötet worden. 
Niemand durfte wissen,
was hinter den Mauern passierte.
Auch hier in der Nähe, in Grafeneck,
befand sich ein solches Vernichtungslager.
Das Gelände von Schloss Grafeneck
wurde der Samariterstiftung im 3. Reich weggenommen.
Dort wurden in den Jahren 1940/41 
in der „Geheimen Reichssache Grafeneck“
10.654 Menschen ermordet und verbrannt.
Menschen mit Behinderungen
aus verschiedenen Einrichtungen im Südwesten
wurden in grauen Bussen dorthin transportiert.
Und es wurde getestet,
wie man Menschen in größerer Anzahl
systematisch und industriell ermorden konnte.
Dieses Wissen wurde unter anderem
auch in Auschwitz eingesetzt.
Ein großer Teil des Grafeneck-Personals
arbeitete später in anderen Vernichtungslagern
wie Treblinka oder Sobibor.

Auch hier: Was hinter der Mauer passierte,
durfte niemand wissen.
Als allerdings die Bevölkerung der Umgebung,
die Angehörigen, Anstalten und die Kirchen
zunehmend Fragen stellten
und es kein Geheimnis mehr war,
wurde das Morden in Grafeneck beendet.
Grafeneck ist heute Gedenkstätte –
und das Gelände wieder im Besitz der Samariterstiftung.
Heute sind dort Menschen mit Behinderung
und chronischen psychischen Erkrankungen zu Hause.

Angesichts dessen,
was damals hinter Mauern passiert ist,
erwächst Verantwortung im Hier und Jetzt.
Verantwortung für die,
die nicht für ihren eigenen Schutz sorgen können.
Heute wissen wir das.
Und wir gehen dafür auf die Straße,
damit #niewieder #niewieder bliebt.
Und doch: Da ist arm oder reich,
Christ oder Muslima,
gesund oder krank – auch psychisch,
Mensch aus Bayern oder Afghanistan,
behindert oder nichtbehindert,
dunkelhäutig oder blond,
Oma gegen rechts oder CDU-Parteimitglied -
plötzlich steht sie in der Zeitung
und hängt fest in den Köpfen,
die Mauer zwischen Menschen.
Es wird gemauert an den Rednerpulten des Politikbetriebs
und in den Kommentarspalten der sozialen Medien.
Es wird gemauert
zwischen Nachbarinnen und an Stammtischen.
Es wird gemauert in der Hoffnung,
dass es die richtige Seite der Mauer tatsächlich gibt -
und selbstredend auch,
dass man sich dort selbst befindet. 

Musik


V.                  Gott vor oder hinter der Mauer?

In all diesen Überlegungen
drängt sich mir noch eine Frage auf.
Eine Wichtige.
Wo war eigentlich Gott?
Wo war Gott in Auschwitz?
Vor der Mauer? Hinter der Mauer?
War er überhaupt da?
Spielt er eine Rolle
in diesem fürchterlichen Kapitel unserer Geschichte
und der Geschichte des Volkes,
zu dem Gott einst gesagt hat:

„Wenn du ins Feuer gehst, wirst du nicht brennen,
und die Flamme wird dich nicht versengen.“? (Jes 43,2)

Hatte Gott das vergessen?
Der Schmerz, das Trauma ist bis heute unfassbar groß.
Viele Theologen, insbesondere jüdische,
haben versucht, diese Fragen zu beantworten.
Wenn ich jetzt versuche etwas von dem zu formulieren,
was ich meine verstanden zu haben,
dann tue ich das mit großer Vorsicht,
mit Demut und in dem Bewusstsein,
dass ich in einem generationenübergreifenden,
bis heute reichenden Trauma
in der Rolle einer Täterin bin.
Und ich stehe hier auch in dem Bewusstsein,
dass in den Reihen meiner Vorfahren
überzeugte Täter waren.

Zwei Deutungsversuche legen sich für mich
wie eine Klammer um diese Geschichte.
Der jüdische Religionsphilosoph Eliezer Berkovits schlussfolgerte, 
dass Gott im Holocaust sein Angesicht verborgen hat.
Und er tat dies,
um den Menschen Raum für Freiheit zu geben –
damit das Gute und das Böse
gleichermaßen stark werden können.
Oder auch: Gott gibt dem Menschen die Freiheit
sich selbst zu beweisen,
zu allem fähig zu sein. 
Im Guten, aber genauso im Bösen.
Diese Freiheit in allen Entscheidungen
ist Teil der Schöpfung. Ist gottgewollt.
Ist genaugenommen das Wesen Gottes.
Und Gott geht weit damit:
Soweit, dass er sich nicht
als allmächtiger Gott inszeniert,
damit Menschen frei bleiben in ihren Entscheidungen,
so bitter sie auch sein mögen.

Daneben steht die Idee
des KZ-Überlebenden Emil Fackenheim.
Er sagt, dass in der Nazi-Zeit
ein Ruf Gottes hörbar wurde:
nämlich das Gebot, trotzdem weiter zu glauben.
Einen „Trotzdem-Glauben“.
Seine Begründung:
Wer an Gott zweifelt, übernimmt Hitlers Job.
Denn mit dem Zweifel an Gott
wird das Volk Gottes und sein Erbe,
seine Traditionen und seine Identität aufgegeben.
Deshalb fügte Emil Fackenheim
den 613 jüdischen Geboten ein weiteres hinzu.
Es lautet:
„Den Juden ist es verboten, Hitler posthume Siege zu verschaffen.
Es ist ihnen geboten, als Juden zu überleben,
damit das jüdische Volk nicht untergeht.“

Wenn ich diese Deutungen ernst nehme,
dann ergibt sich für mich - auch im Hier und Jetzt - ein Bild.
Ein Trotzdem-Bild.
Ein Bild, das den Schrecken zeigt,
aber gleichzeitig vom Leben erzählt.
Und vom Über-Leben.
Ich denke dabei an die jüdischen Geiseln
in den Tunnelsystemen der Hamas,
und an deren Angehörige,
die sich weigern, die Hoffnung aufzugeben.
Ich denke an die Menschen in der Ukraine,
die immer noch keinen Ausweg sehen aus dem Krieg,
aber im Kleinen versuchen, am großen Europa teilzuhaben.
So wie Rosalie, die aus ihrem Hinterhof in Kiew heraus
handgeschnitzte Stempel verschickt – auch nach Deutschland.
Ich denke an traumatisierte Frauen und Männer,
die im Schutz von Kirchenmauern sexualisierte Gewalt erfahren haben
– und heute mutig ihre Stimme erheben im Betroffenenforum,
damit Kirche wieder glaubwürdig wird.
Ehrlich gesagt: es fällt mir oft schwer, zu sagen:
Gott ist da, auch in solchen Bildern.
Und es fällt mir schwer, trotzdem am Glauben festzuhalten.
Aber gerade darum ist es ein „Trotzdem-Glauben“.
Ein Trotzdem-Glauben, der mir hilft darauf zu vertrauen,
dass stimmt, was wir mit den Worten von Schalom Ben Chorin singen:
Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Amen.




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