Gottesdienste in den Pflegeheimen im August 2021 im Rahmen der Sommerpredigtreihe "Heiter bis wolkig, mitunter Segen"
Bestimmt erinnern Sie sich an ganz viele
Kinderzeichnungen. Aus Ihrer eigenen Kindheit. Oder Bilder, die Ihre Kinder, ihre Enkel oder gar Ihre Urenkel gemalt haben. Die
vielleicht am Kühlschrank hingen oder an der Küchentür.
Oder zusammengerollt und mit Schleife versehen zum Geburtstag verschenkt
wurden. Wissen Sie noch? Auf ganz vielen dieser Bilder ist eine Sonne zusehen –
und meistens mit einem lachenden Gesicht.
Mich fasziniert das.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zu meiner Tochter gesagt hab: Mal
eine Sonne mit lachendem Gesicht. Und trotzdem hat sie genau so gemalt. Wie
alle anderen Kinder auch.
Ich habe mich ehrlich gesagt nicht damit beschäftigt, was da die
Entwicklungspsychologie dazu sagt. Und ich weiß auch nicht, seit wann man
dieses Phänomen bei Kinderzeichnungen beobachten kann. Aber ich glaube, dass es
etwas mit dem zu tun hat, was tief in uns Menschen drin steckt. Und mit einer
Sehnsucht zu tun hat, die uns unser ganzes Leben begleitet: Die Sehnsucht nach
Wärme und Licht. Nach Sonnenstrahlen. Die ist im Menschen angelegt.
Und in einem Sommer, der so ein bisschen kein richtiger Sommer ist, spüren wir
das um so mehr: die Sonne fehlt uns – und egal, wo man hinkommt: alle reden
darüber.
Warum das so ist? Vielleicht finden wir es heraus.
Ich habe mich auf die Suche gemacht. Nach Sonnenstrahlen in der
Bibel. Vielleicht helfen sie uns zu verstehen, warum die Sonne für uns Menschen
so wichtig ist.
Ein erster
Sonnenstrahl begegnet uns ganz am Anfang der Bibel. Da, wo von der
Schöpfung erzählt wird.
Gleich am ersten Schöpfungstag hat Gott das Licht erschaffen. Aber das war
zuerst einfach nur „Licht“ und „Finsternis“. Erst am vierten Schöpfungstag kam
Ordnung in die Sache und es heißt: „Lichter sollen am Himmelsdach entstehen, um
Tag und Nacht voneinander zu trennen. Sie sollen als Zeichen dienen, um die
Feste, die Tage und Jahre zu bestimmen.“
Einen Tag zuvor hat Gott die Pflanzen erschaffen, die ganze
Vegetation. Wir alle wissen: Ohne Sonne wächst nichts. Ohne Sonne produzieren
Bäume keinen Sauerstoff. Ohne Sonne wächst weder Getreide, noch Kartoffeln,
noch Tomaten. Die Sonne ist der Antrieb, der die die Welt am Leben erhält.
Und: die Sonne ordnet die Zeit. Sie gibt nicht nur den
Rhythmus der Natur vor, sondern auch den Rhythmus der Menschen. Zu diesem
Rhythmus gehören nicht nur Tage und Jahre, sondern auch Feste – und Zeiten ohne
Feste. Nicht umsonst werden viele Feste von der Sonne abhängig gemacht: Die
Sommersonnwende ist vor allem im Norden eines der größten Feste. Unser
Weihnachtsfest ist an der Wintersonnwende orientiert, die die Menschen
feierten, lange bevor es das Christentum gab. Die Sonne macht also, dass unsere
innere Uhr funktioniert. Und deshalb brauchen wir sie.
Ein
weiterer Sonnenstrahl: Die Sonne der Gerechtigkeit. Von ihr haben wir auch
gerade gesungen.
Da wird die Sonne zum Gleichnis. Es begegnet uns am Ende des Ersten Testaments
im Buch des Propheten Maleachi. Dort wird unterschieden zwischen den Menschen,
die sich an Gott halten und den anderen. Und dann heißt es da: „Dann wird die
Sonne der Gerechtigkeit aufgehen für euch, die ihr meinen Namen fürchtet. Unter
ihren Flügeln gibt es Heilung.“
Wenn man weiß, dass im alten Orient die Sonne als Scheibe mit zwei Flügeln
dargestellt wird, wird deutlicher, was gemeint ist: Flügel beschützen und geben Halt
und Sicherheit. Sie halten die Sonne am Himmel. Die Sonne der Gerechtigkeit beschützt, was zerbrochen ist und
Zeit braucht, um Heil zu werden.
Gerade haben wir gesungen: „Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser
Zeit und mit unserer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft.“
Die Sonne der Gerechtigkeit strahlt, wenn Menschen sich ein Herz fassen und
ihren Streit beseitigen – obwohl sie ein halbes Leben lang nicht mehr
miteinander geredet haben.
Die Sonne der Gerechtigkeit strahlt, wenn jemand Kuchen vorbeibringt und damit
zeigt: „Opa, ich denk an dich, auch wenn du jetzt nicht mehr bei uns wohnen
kannst.“ Die Sonne der Gerechtigkeit scheint, wenn eine jahrelang leerstehende
Wohnung nun doch vermietet werden soll – an eine Familie, die in Not ist und
noch nicht einmal richtig deutsch kann. Die Sonne der Gerechtigkeit scheint,
wenn Menschen von hier ins Ahrtal fahren und den Menschen dort helfen, die
Flutschäden an den Häusern und in den Seelen zu bewältigen.
Und die Sonne der Gerechtigkeit scheint, wenn Menschen laut ihre Stimme erheben
und auf Ungerechtigkeit und Verantwortungslosigkeit aufmerksam machen.
Ein dritter
Sonnenstrahl: Ostern.
Die Sonnengeschichte in der Bibel überhaupt.
Und sie beginnt, ganz spektakulär, mit einer Sonnenfinsternis. Sie alle haben
es schon erlebt: immer mal wieder kommt es vor, dass sich der Mond zwischen
Sonne und Erde schiebt. Ich erinnere mich sehr gut an die totale Sonnenfinsternis
am 11. August 1999. Morgen sind es 22 Jahre. Da war ich in der Pampa im Norden Dänemarks unterwegs und dort
wurde es mitten am Tag tatsächlich richtig dunkel. Das Licht hat sich
verändert, und, was ganz komisch war: Die Vögel waren in höchster Aufregung.
Sie haben zuerst ganz laut Alarm gezwitschert, weil sie merkten: es ist was aus
dem Takt. Und dann sind sie plötzlich verstummt. Und es war still wie mitten in
der Nacht. Vormittags um 11 Uhr.
Es war, als ob die Welt für ein paar Minuten still stand.
Und dann fingen die Vögel wieder an zu zwitschern – wie früh am Morgen – und
sie kehrten ins Leben zurück. Verrückt. Ein bisschen wie Ostern. „Es war die
sechste Stunde, da breitete sich die Finsternis über das ganze Land. Sie
dauerte bis zur neunten Stunde. In der neunten Stunde schrie Jesus laut: „Mein
Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,33f) Als Gott stirbt, ist die Sonne weg. Das Licht, das die Welt am Leben erhält,
ist verloschen. Das war der absolute Stillstand. Mehr Tod geht nicht. Wäre die
Geschichte an dieser Stelle zu Ende gewesen, säßen wir heute nicht hier. Aber sie
ging weiter. Die traurigen Menschen mit ihrer Dunkelheit in der Seele gingen
zum Grab, am Morgen, als die Sonne aufging. Und da sagt dann der Engel:
„Fürchtet euch nicht! Jesus ist nicht hier, Gott hat ihn von den Toten
auferweckt. Jesus geht euch voraus nach Galiläa. Ihr werdet ihn dort sehen.“ Und
so ist diese Sonnengeschichte eine Mutmachgeschichte. Die Ostersonne geht
nämlich auf, obwohl es in den Herzen und Seelen der Menschen noch dunkel ist. Da
leuchtet was aus der Ewigkeit in diese Zeit, obwohl nicht alles gut ist. Obwohl
uns was weh tut, an Leib oder Seele. Obwohl es Streit und Krach gibt. Und
Einsamkeit. Und Menschen, die mir das Gefühl geben, dass ich eine Last bin.
Manchmal braucht es eine Weile, bis die Sonne durch dringt und klar wird: die Finsternis
ist vorbei. Auch die Finsternis in der Seele.
Und so singen wir nochmal ein Lied von der Sonne. Und wenn Sie jetzt die Sonnenstrahlen auf Ihrer Haut spüren, dann
fühlen Sie sie ganz bewusst als Sonnenstrahlen Gottes, die Sie bescheinen. Und
die nicht nur Ihre Haut, sondern auch Ihre Seele wärmen.
Amen.
Lass mich
am Morgen hören deine Gnade, denn ich hoffe auf dich. Psalm 143,8
Am
Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und ging hinaus. Und er ging an eine
einsame Stätte und betete dort. Markus 1,35
Zwei Bibelzitate kommen ganz unterschiedlich daher. Aus unterschiedlichen Zeiten. Aber sie haben eine Zeit gemeinsam:
Am Morgen.
Am Morgen, also – jetzt – ist gemeint.
Bei Jesus vielleicht noch ein bisschen früher, als wir heute. Da wird präzisiert: vor Tage.
Ehe das Tagwerk losgeht, die Arbeit beginnt,
etwas anderes Priorität hat.
Es ist die Zeit davor.
Am Morgen ist vor der Arbeit auf dem Feld und im Weinberg. Am Morgen ist vor
dem Flicken der Netze, vor dem Anheizen des Feuers und vor dem Schärfern der Messer.
Vor dem Wecken der Kinder. Vor dem Rundgang durch die Stadt und dem Bestücken
des Marktstandes.
Am Morgen ist vor dem Weg zum Zug,
vor der Sitzung, der Schule, dem Gespräch im Büro.
Am Morgen ist vor dem Einkauf im Supermarkt,
der dringenden E-Mail und dem Zahnarzttermin.
Am Morgen ist vor der Diskussion mit der Partner*in und der Reparatur des
kaputten Rollladens.
Am Morgen ist vor der Englisch-Prüfung,
vor dem Termin in der Autowerkstatt,
vor der Doodle-Umfrage für die nächste Sitzung,
vor der Pizzabestellung für den Klausurtag,
vor der Beerdigungspredigt und vor dem Taufformular.
Am Morgen ist die Zeit vor allem Anderen.
Am Morgen
ist aber auch die Zeit danach.
Die Zeit nach dem erholsamen Steinschlaf.
Dem Träumen von dem was war und was sein soll.
Den durchwachten Sommernächten mit Wein und Geschichten und Freunden,
die niemals enden mögen und uns ins Morgen tragen – und ins Übermorgen auch.
Am Morgen
ist aber auch die Zeit nach der Nacht.
Nach dem Fürchten im Dunklen
und vor den Monstern unter dem Bett.
Nach den Ängsten und den Schmerzen,
die Minute um Minute Schlaf rauben.
Es ist die Zeit nach der Ungewissheit,
weil bis zum ersten Sonnenstrahl die Uhren
langsam gehen und der Kummer in der Seele ohrenbetäubend schreit.
Es ist die Zeit nach dem Gefühl der Gefangenschaft
in der Einsamkeit der Nacht,
in der niemand da ist, der eine Hand hält.
Am Morgen ist
die Zeit des HeuteNeuAnfangens,
nachdem das Gestern vorbei ist.
Abgeschlossen. Beendet.
Der Tag davor ist vorbei. Unwiederbringlich zu Ende.
Am Morgen beginnt das Leben
nach der Nacht und dem Tod,
am Morgen ist die tägliche Auferstehung.
Im Kleinen.
Ostern für alle.
Am Morgen
ist neue Gnade Gottes.
Ist beten und hören.
Ist Antwort bekommen.
Ist die Chance des neuen Anfang und
die Möglichkeit, etwas anders zu machen als gestern.
Etwas anders oder etwas anderes zu sagen.
Anders zu sein.
Anders zu leben.
Anders Prioritäten zu setzen.
Die Welt anders zu sehen.
„Ich habe
darüber geschlafen“ sagt man.
Meistens weiß dann jemand, was jetzt dran ist.
Und oft ist es etwas anderes als gestern.
Etwas Neues.
Der neue
Morgen ist täglich ein leeres Blatt Papier,
um neu anzufangen.
Ich kann es selbst bemalen oder beschreiben,
mit Leben füllen.
Das Papier bleibt nicht lange leer.
Ganz sicher nicht.
Es füllt sich von alleine mit dem,
was uns tagsüber begegnet
und was wir vom Vortag mitschleppen.
Ich kann es
aber auch machen wie Jesus
oder der Psalmbeter.
Ich kann hoffend und fragend und betend neu anfangen. Auferstehen. Täglich.
Gott das leere Papier hinhalten.
Manchmal gelingt es.
Dann entwickelt sich Neues und Überraschendes.
Vielleicht denke
neu nach.
Was sage ich heute zu globalen Themen?
Impfen, digitaler Wandel, Corona, Bildungsverlierer*innen,
die AfD und Brandanschläge auf Synagogen,
zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt,
zu Annalena Baerbock
und zu Rettungsschiffen im Mittelmeer?
Der Morgen
lässt mich neu überlegen:
Wie reagiere ich heute auf die schlechten Laune
meines Mitbewohners?
Wie stelle ich mich heute zur Meinung meiner Nebensitzerin und was sage ich
heute
zur zerrissenen Punk-Hose meiner Tochter?
Wen rufe ich heute an, „nur“ für ein gutes Wort
und wo muss deshalb ein Termin anders gelegt werden?
Wo werde ich heute gebraucht und wo bin ich entbehrlich?
Was ist heute die Aufgabe, die nur ich tun kann?
„Am Morgen“
ist ist eine Zäsur.
Sie ist da – ganz natürlich. Nehme ich sie wahr?
Amen.
All Morgen
ist ganz frisch und neu des Herren Gnad und große Treu; sie hat kein End den langen Tag, drauf jeder sich verlassen mag.
Treib aus, o
Licht, all Finsternis,
behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand
und reich uns Tag und Nacht dein Hand,
zu wandeln
als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End
und bleiben von dir ungetrennt.
(Johannes Zwick, EG 440)
Das walte
Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen! Ich danke dir, mein himmlischer Vater, durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn, dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast, und bitte dich, du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel, dass dir all mein Tun und Leben gefalle. Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände. Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde. Amen.
an Ostersonntag vor der Eusebiuskirche in Wendlingen
Maria aus
Magdala und „die andere Maria“
sind durcheinander.
Was die letzten Tage passiert ist,
war einfach zu viel für ihre Seele.
Jesus ist tot. Umgebracht. Ermordet.
Jesus. Ihr Freund.
Jahrelang hatten sie ihn begleitet.
Und jetzt das.
Keiner konnte ihm helfen.
Bis zuletzt haben sie auf ein Wunder gehofft.
Aber nichts ist passiert.
Jesus liegt in einem Felsengrab.
Da ist es dunkel und kalt.
Da wächst nichts.
Da blüht nichts.
Da ist alles tot.
Ein großer
Stein liegt vor dem Grab
und auf den Seelen von Maria und Maria
und all den anderen.
Steine auf
der Seele drücken nieder.
Sorgensteine und Angsteine.
Einsamkeitssteine.
Sich wertlos fühlen-Steine.
Krankheitssteine.
Ich kann dich nicht leiden- Steine und
Ich kann mich selbst nicht leiden- Steine.
Steine
drücken die Seele nach unten.
Immer wieder zurück in die Dunkelheit.
Dahin, wo es kalt ist.
Und nichts wächst.
Und nichts blüht.
281Der Sabbat war vorüber. Da
kamen ganz früh am ersten Wochentag Maria aus Magdala und die
andere Maria. Sie wollten nach dem Grab sehen.2Plötzlich gab es ein
heftiges Erdbeben, denn ein Engel des Herrn kam
vom Himmel herab. Er ging zum Grab, rollte den Stein weg und setzte
sich darauf.3Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand
war weiß wie Schnee.4Die Wachen zitterten vor Angst und fielen wie
tot zu Boden.
„Maria!“
Maria bleibt erschrocken stehen.
„Schon wieder ein Erdbeben!
Ob das wohl was bedeutet?“
„Los, schnell!“ Maria und Maria rennen los.
Hin zum Grab.
„Was ist das?“
„Meine Güte!“
Beide Marias halten sich vor Schreck
die Hände vors Gesicht.
Kennt ihr
das? Erst mal verstecken.
Was da passiert, ist zu groß,
um es auf einmal zu ertragen.
Wir machen das alle mal.
Halten alle die Hände vors Gesicht.
Seht ihr die Dunkelheit?
Und jetzt stellt euch vor, es wird schlagartig hell.
Und es ist, als ob die ganze Kirche wackelt
und ein Engel den Kirchturm verschiebt.
Traut ihr euch zu gucken?
Wenn ihr vernünftig seid
guckt ihr erst ein bisschen durch die Finger!
Und ganz langsam
kann man dann die Hände wegnehmen.
Natürlich
steht hier alles noch.
Aber ähnlich groß und verrückt
muss sich das für Maria und Maria angefühlt haben.
Und auch für die Soldaten,
die das Grab bewacht haben.
Die fielen vor Schreck einfach um.
Es ist wichtig,
sich erst langsam ans Licht zu gewöhnen,
wenn man im Dunkeln sitzt.
Man weiß das von Leuten, die Höhlen erforschen.
So ist es auch mit der Seele.
Wenn die im Dunkeln sitzt, erschrickt man schnell.
5Der Engel sagte zu den Frauen: »Fürchtet euch nicht! Ich weiß:
Ihr sucht Jesus,der gekreuzigt wurde.
6Jesus ist nicht hier. Gott hat ihn von den Toten auferweckt,
wie er es vorausgesagt hat. Kommt her und seht: Hier ist die Stelle, wo er
gelegen hat.
Fürchtet
euch nicht!
Der Engel hat gut reden.
Wenn das so einfach wäre!
Erdbeben! Licht! Eine fremde Gestalt!
Und nichts ist, wie es vorher war!
Der Engel tut was er kann,
damit Maria und Maria verstehen, was da los ist.
Kommt her und seht!
sagt der Engel.
Kommt her und seht:
die schlimme Zeit hat ein Ende.
Jetzt kommt etwas Wunderbares und Neues.
Das ist Ostern:
Hinsehen, was war.
Hinsehen, wo der Tod lag.
Hinsehen, wo der Stein immer noch schwer
an der Seite liegt und erinnert und bleibt.
Aber gleichzeitig zu wissen: es wird anders.
Und zu spüren: der Stein kann weg.
Auch der auf der Seele.
7Jetzt geht schnell zu seinen Jüngern! Sagt ihnen: ›Jesus wurde von
den Toten auferweckt. ‹Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet
ihr ihn sehen. Auf diese Botschaft könnt ihr euch verlassen.« 8Die Frauen waren erschrocken und
doch voller Freude. Schnell liefen sie vom Grab weg, um den Jüngern alles zu
berichten.
Der Engel hat
gesagt:
Ihr werdet ihn sehen. Da geht jemand aufs Ganze.
Nicht: Es könnte sein,
dass euch Jesus irgendwann mal wieder begegnet.
Sondern: Ihr werdet ihn sehen.
Nicht: Es könnte sein,
dass irgendwann wieder bessere Zeiten kommen.
Sondern: Die Zeit ist schon da.
Nicht: Wenn ihr Glück habt ist er bei euch.
Sondern: Ihr könnt euch darauf verlassen.
Ein
Engelsversprechen also.
Das reicht aus: Maria und Maria laufen los.
Den Stein, der auf ihrer Seele liegt, lassen sie zurück.
Bei den anderen Steinen
und den Soldaten
und der Dunkelheit.
9Da kam ihnen Jesus selbst entgegen und sagte: »Seid gegrüßt!«
Sie gingen zu ihm, berührten seine Füße und warfen sich vor ihm zu Boden. 10Da
sagte Jesus zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie
sollen nach Galiläa gehen. Dort werden sie mich sehen.«
Was für ein Moment!
Er lebt! Tatsächlich!
Das Wunder ist geschehen!
Jesus steht vor ihnen.
Mitten auf dem Weg,
mittendrin im Leben.
Auf der langen, steinigen Straße -
die zwar ein Ziel hat,
aber bis dahin
noch viele Steine und Kurven.
Auf dieser
Straße
liegen Maria und Maria
vor Jesus im Dreck.
Im Staub.
Das Geröll der Straße
auf Augenhöhe
mit dem Geröll in ihrem Herzen.
Geht!
Sagt Jesus.
Maria und Maria schütteln sich
den Staub von der Seele
und aus ihren Kleidern und gehen.
Nicht mehr gebückt
und niedergedrückt vom Seelenstein.
Es ist, als ob ihre Seele der Sonne entgegenblüht.
Aufrecht und fröhlich.
Und voller Hoffnung.
Sie denken nicht mehr an Sterben und Tod.
Sondern an Lavendelblüten,
frisch gebackenes Brot und Wein
mit Freunden.
Und an fröhliche Musik.
Und so
kommen sie nach Galiläa.
Die anderen weinen.
Niemand dort weiß,
was bisher geschah.
Nur Maria und Maria wissen es.
Sie erzählen.
Vom Stein am Grab
und dem Stein auf ihrer Seele.
Und dass beide weg sind.
Sie erzählen
davon,
dass schlimme Zeiten auch vorbei gehen.
Erzählen von Musik, Brot und Wein.
Von Lavendel und davon,
dass man Hoffnung riechen kann.
Wenn ihr
nachher geht,
bekommt ihr ein Tütchen.
Darin ist etwas, das man werfen kann.
Es ist eine Samenbombe:
Erde mit Blumensamen vermischt.
Ihr müsst sie nur irgendwo hinwerfen,
wo Blumen wachsen können,
und ein bisschen gießen.
Vielleicht
gibt es Menschen oder Orte,
die ein bisschen Hoffnung besonders nötig haben.
Dann werft sie dort hin.
Vielleicht
braucht ihr die Hoffnung
auch selber in diesen Zeiten!
Dann werft sie euch selbst in den Vorgarten.
Oder pflanzt sie in einen Balkonkasten.
Geht!
hat Jesus gesagt.
Geht und werft mit Hoffnung um euch!
Macht euch
auf den Weg!
Erzählt von Ostern!
Sagt, dass schlimme Zeiten ein Ende haben
und dass danach etwas Neues aufblüht.
Werft die
Hoffnung in Vorgärten und Parks.
In Fußgängerzonen, an Straßenränder
und neben einsame Weggabelungen.
Pflanzt sie auf dem Balkon.
Dann duftet Hoffnung
nach Gänseblümchen und Kornblumen.
Adonisröschen und Salbei.
Und dann
geht und blüht selber.
Wie Maria und Maria.
Und Jesus kommt euch entgegen.
Amen.
(Bild: pixabay) Passionsandacht in der Eusebiuskirche am 29. März 2021
I.Hinschauen
Unerträglich waren die letzten Tage.
Alle paar Stunden wieder
neue schlechte Nachrichten
und letztendlich war auch
der letzte Funke Hoffnung dahin.
Nein, sie würden Jesus nicht im Stich lassen.
Die beiden Marias wissen, was zu tun ist.
Auch wenn es damals nicht gerne gesehen war,
wenn Frauen bei Gericht den Prozess beobachten:
Sie mischen sich unters Volk
und schauen sich alles an.
Alles.
II.Dabeisein
Aus Matthäus 27:
55Es waren auch viele Frauen da, die aus der Ferne alles mit
ansahen. Seit Jesus in Galiläa wirkte, waren sie ihm
gefolgt und hatten für ihn gesorgt.56Unter ihnen waren Maria
aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus und Josef, und die Mutter
der Söhne des Zebedäus.
57Als es Abend
wurde, kam ein reicher Mann aus Arimatäa. Er hieß Josef und gehörte
zu den Jüngern von Jesus.58Er ging zu Pilatus
und bat ihn um den Leichnam von Jesus. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu
übergeben.59Josef nahm den Leichnam und wickelte ihn in ein frisches
Leinentuch.60Dann legte er Jesus in seine eigene Grabkammer.
Die war noch unbenutzt und in den Felsen gehauen. Schließlich rollte er einen
großen Stein vor den Eingang zur Grabkammer und ging weg.61Maria
aus Magdala und die andere Maria blieben dort und ließen sich
gegenüber vom Grab nieder.
III.Aushalten
Sie blieben dort.
Maria und Maria.
Genauer gesagt:
Maria von Magdala und „die andere Maria“.
Freundinnen, Begleiterinnen, Vertraute.
Jahrelang an der Seite von Jesus.
Eigentlich war es jetzt vorbei.
Wie in einem schlechten Film
haben sie von Weitem
die ganze Szene beobachtet.
Als wären Verurteilung und der Prozess
nicht schlimm genug gewesen:
jetzt wird Jesus auch noch
verspottet und ausgepeitscht.
Vorgeführt. Bespuckt.
Dabei gab es
für einen kurzen Moment
einen Lichtblick.
Es hätte anders kommen können,
aber das Volk wollte Jesus sterben sehen.
Nicht Barrabas.
IV.Dortbleiben
Sie blieben dort.
Maria und Maria.
Worte brennen sich in ihre Seele
im Chaos rund um Golgatha.
Lästermaul.
König der Juden.
Rette dich selbst.
Gott soll dich doch retten!
Mach doch! Los!
Worte, die gesagt wurden
über ihren Freund.
Unerträgliche Worte.
Hetzworte.
Sie blieben dort.
Maria und Maria.
Und dann
Finsternis.
Ein Schrei.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Stille.
Erdbeben.
Tod.
Zum Fürchten.
Zum Weglaufen.
Alles.
Sie blieben dort.
Maria und Maria.
Sie blieben,
und sahen hin.
Obwohl sie hätten gehen können.
Sie waren #nur Frauen und
niemand hätte es ihnen übel genommen,
wenn sie zu Hause weitergeheult hätten.
Alleine.
Dort, wo es niemand sieht.
Maria und Maria
blieben.
V.Moria 2
Zeitreise ins Jahr 2021.
Es ist laut.
Kindergeschrei mischt sich
in das verzweifelte Schluchzen der Mutter.
Es braucht dringend einen Arzt,
das Kind stirbt sonst.
Das Fieber ist hoch.
Die Wunde ist infiziert
und über Nacht hat eine Ratte
Elefs Bein angenagt.
Miriam kann beruhigen.
Aber mehr kann sie nicht tun.
Sie muss mit der verzweifelten Mutter abwarten.
Und zu hoffen.
Dass sie an der Reihe sind,
ehe das Kind stirbt.
Sie ringt um Worte.
Denkt: „Mein Gott, mein Gott…“
Das Bild brennt sich in ihre Seele.
Sie möchte weglaufen
von diesem gottverlassenen Ort.
Camp Moria 2
Aber Miriam bleibt.
VI. Intensivstation
Ortswechsel.
Es ist laut.
Schrilles Piepsen
und schnelle Schritte bedeuten:
Notfall.
Wieder und wieder.
Täglich.
Stündlich.
Beatmungsgeräte kontrollieren.
Umlagern.
Lippen befeuchten.
Medikamente dosieren.
Monitor abschalten.
Augen schließen und Hände falten.
Desinfizieren nicht vergessen.
Angehörige benachrichtigen.
Weiter zum Nächsten.
14 Tage ohne Pause.
„Mein Gott, mein Gott…“
Warum dauert das alles so lange?
Marie seufzt.
Zwischen Maschinen und Menschen.
Zwischen Leben und Tod
bleibt kaum Zeit zum Atmen.
Zwischendurch überlegt sie,
ob sie das alles noch schafft.
Auf Station 22.
Aber Marie bleibt.
VII.Gegenüber vom Grab
Zurück nach Golgatha.
Zu Maria und Maria.
Sie entscheiden sich auch zu bleiben,
als es schon zu spät ist
und die Lage aussichtslos.
Jesus ist tot
und wird in ein Grab gelegt.
Was soll man dann noch tun können?
Maria und Maria bleiben
und lassen sich nieder
gegenüber der Grabkammer.
Sie bieten dem Tod die Stirn.
Schauen ihm in die Augen.
Gegenüber vom Grab
haben sie im Blick, was passiert.
Sie geben die Kontrolle nicht ab.
Wer kann schon sagen,
was jetzt geschieht?
Aber gegenüber vom Grab sitzen und
warten -
das muss man erst mal aushalten.
Gegenüber vom Grab sitzen die, die noch ein Fünkchen Hoffnung in sich tragen. Weil Jesus nach 3 Tagen auferstehen wird. So hat er es gesagt.
Gegenüber vom Grab sitzen die,
die glauben:
Gott kann noch etwas gut machen,
was eigentlich nicht mehr gut werden kann.
Und so setze ich mich zu Maria und
Maria.
Auf verloren geglaubten Posten.
Schaue dem Tod ins Auge.
Biete ihm die Stirn und
nenne beim Namen,
was nicht mehr gutzumachen ist:
VIII.Hoffnung
Infektionszahlen und Inzidenzwerte.
Einsam Sterbende im Pflegeheim und
weinende Söhne und Töchter
beim letzten Zoom mit dem Ipad.
Erschöpftes Pflegepersonal, ratlose
Ärztinnen.
Impfchaosmüde und Regierungswütige.
Arbeitslose Messebauer und
insolvente Cafébesitzerinnen.
Kinder und Jugendliche vor den
Monitoren.
Und in den Schulhöfen mit Abstand und
ohne die tröstende Schulter der besten Freundin. Erschöpfte Eltern und verwirrte Kleinkinder.
Ich sitze gegenüber dem Grab
und sehe von dort aus
auf das Mittelmeer.
Nehme nicht schweigend hin,
dass Menschen lieber sterben,
als in der Hölle zu leben.
Erhebe meine Stimme für sie
und all die anderen,
die dem Tod näher sind als dem Leben.
Ich sitze mit Maria und Maria da,
schaue auf das Grab und
sehe meinen eigenen Schmerz,
meine Müdigkeit und
meine eigenen Grenzen des Verstehens.
Die Grenzen meiner Hoffnung.
Ich sitze bei Maria und Maria
und frage:
Warum sind 3 Tage so lang?
Und warum geschieht
das Wunder nicht früher?
Und dann hoffe ich.
Und weine ich.
Und warte ich.
Mit Maria und Maria.
Bis der Engel sagt:
Fürchtet
euch nicht!
Amen.
Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt, Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt. Liebe lebt auf, die längst erstorben schien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab, Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab. Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn? Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.
Im Gestein verloren Gottes Samenkorn, Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn – Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien: Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.