Samstag, 14. August 2021

Biblische Wetterberichte: Land unter! (Über-)Leben zwischen Katastrophe und Sicherheit

 


„Land unter! (Über-)Leben zwischen Katastrophe und Sicherheit"
Sommerpredigtreihe 2021 im Distrikt Unterer Neckar

1. Mose 6,5-8,22

I.                    Land unter

Waren Sie schon einmal auf einer Hallig?
Hallig Hooge.
Hallig Langeneß.
Oder Hallig Süderoog.
10 davon gibt es in der Nordsee.
Im Prinzip sind es Inseln.
Solche, die bei Hochwasser überschwemmt werden.
Im Frühjahr oder Herbst,
wenn die Stürme kommen,
Wind und Regen.
Dann steigt das Wasser.
Immer höher und höher.
Und irgendwann heißt es:
„Land unter!“
Dann sind die Wege abgeschnitten.
Die Weiden überflutet.
Die Spielplätze unbespielbar.
Der Schiffsverkehr wird eingestellt.
Und die Menschen bleiben auf den Warften.



II.                  Warften

Warften.
Häuser und Höfe sind das,
die höher gebaut sind als der Rest der Insel.
Häuser und Höfe, die der Flut Stand halten.
Sie trotzen Wind und Wetter und Wasser und Wellen.
Wenn die Flut schlimm ist, dann reicht das Wasser
bis knapp unter die Fenster.
 
Aber: Man ist in Sicherheit.
Und dann sitzt man da.
Und muss aushalten, dass das Leben stillsteht.  
Erträgt, dass die Flut alles überspült.
Aber man weiß: Irgendwann ist es vorbei.
Und das Wasser fließt ab.
Der Weg zum Halligkaufmann ist wieder frei. 
Die Schafe gehen zurück auf die Salzwiese.
Die Halligkinder schaukeln wieder auf dem Spielplatz.
Das Postschiff kann wieder anlegen.
Und die Menschen finden wieder zueinander
und wissen: wir haben es geschafft.
 
Das Leben geht weiter.
Seinen gewohnten Gang.

 

III.                Noah

Noah blieb übrig
und alle, die mit ihm in der Arche waren.
150 Tage stieg das Wasser auf der Erde.

Noah blieb übrig.
Ja, mit seiner Familie war er in der Arche.
Dort sind sie alle sicher. Und am Leben.
Wie die Menschen auf den Halligen.
Sie wissen: Nach der Flut geht es weiter.
Aber Noah?
Er weiß nicht, was ihn erwartet.
Und er hat keine Ahnung,
was auf ihn und seine Familie zu kommt.
Wie das Leben weitergeht.
Ja, in der Arche sind alle am Leben.
Aber in der Gewissheit:
Wir sind übrig
und alle anderen sind tot.
Was jetzt kommt, weiß niemand.
150 Tage steigt die Flut und kein Land ist in Sicht.
150 Tage leben mit der Katastrophe –
aber mit offenem Ende.
Einzig die Zusage Gottes war da:
ich will, dass du überlebst.  
Noah bleibt übrig.


Da dachte Gott an Noah -
und an alle Tiere und das Vieh;
die bei ihm in der Arche waren.

IV.                 Denkt Gott? Steffen.

„Land unter!“ seufzt Steffen.
Seine Frau Annika ist vor einigen Wochen
an Krebs erkrankt.
Die Prognose ist ungewiss.
Mit drei Kindern muss er zusehen,
dass der Alltag mit Schule,
Kindergarten und Job funktioniert.
Wie es weitergeht weiß er nicht.
Er hofft, dass die Ärzte Recht behalten
und die Chemotherapie anschlägt.
Zu seinen Freunden hat er wenig Kontakt.
Kämpfen und hoffen und aushalten ist angesagt.
Denkt Gott an mich? fragt sich Steffen.

 V.                 Denkt Gott? Nadia.

„Land unter!“
Nadias Tränen hören nicht auf zu laufen.
„Er hat mich einfach sitzen lassen!
Und das, obwohl er weiß,
dass ich im 3. Monat schwanger bin.“
Sie war sich sicher:
Nick bleibt bei ihr. Sie kann ihm vertrauen.
Und gemeinsam schaffen sie das mit einem Kind.
Mit Wohnungssuche und Ausbildung.
Und mit ihrer Familie,
für die eine schwangere 16jährige
ein echtes Problem ist.
Aber jetzt ist sie ganz alleine.
Woher sie Unterstützung bekommen soll,
weiß sie nicht.
Denkt Gott an mich? fragt sich Nadia.

VI.               Denkt Gott? Brigitte und Heinz.

„Land unter!“ seufzt Heinz,
als er mit Tränen in den Augen
vor den Trümmern des gemeinsamen Hauses steht.
Nichts ist ihnen geblieben.
Alles hat die Flut zerstört und mitgerissen.
Auch das neue Badezimmer,
dass erst vor wenigen Wochen saniert wurde.
„Eigentlich dachten wir,
dass wir jetzt mit dem Gröbsten durch sind
und zusammen noch ein paar schöne Jahre
erleben können, hier in unserem Haus!“
erzählt der 80Jährige.
„Nun haben wir gar nichts mehr, nicht einmal mehr ein Badezimmer!“, ergänzt Brigitte.
Denkt Gott an uns? Fragen sich Brigitte und Heinz.
 

VII.             Denkt Gott? Ich.

„Land unter!“
denke ich manchmal selbst.
Wenn alles zu viel wird.
Wenn keine Lösung in Sicht ist.
Der Druck zu groß.
Die Kraft am Ende.
Denkt Gott an mich?

Da dachte Gott an Noah -
und an alle Tiere und das Vieh;
die bei ihm in der Arche waren.

VIII.           Auf Grund

      Nach 150 Tagen war das Wasser so weit gesunken,
      dass die Arche auf dem Gebirge Ararat aufsetzte.

Es ruckelt und kracht.
Die Balken biegen sich.
Der der Kahn läuft auf Grund?
Tatsächlich?
Nach dem ersten Schrecken kommt die Hoffnung.
Die Hoffnung, dass sich jetzt etwas zum Guten wendet.
Aber es dauert, bis das Wasser abfließt.
Und ganz langsam zeigt sich: es ist eine Gebirgsregion, in der die Arche aufgelaufen ist.
Das Wasser geht zurück,
und es kommt zum Vorschein, was Halt gibt.
Aber es wird auch deutlich:
Eine schnelle Lösung wird das nicht.
Bis das Wasser von der Erde verschwunden ist,
wird es lange dauern und auch
bis das Leben wieder das Alte ist.

 

IX.                Raben und Tauben

Bis dahin braucht Noah Gewissheit,
dass das Leben weiter geht.
Dass das „Projekt Arche“ eben nicht hier zu Ende ist:
inmitten der Katastrophe -
sondern zurück führt ins Leben.
Vielleicht nicht ins Alte.
Aber ins Leben.
Zwei Vögel lässt er fliegen.
Rabe und Taube.
Sie kehren immer wieder zurück zur Arche.
Noch ist Leben außerhalb der Arche nicht möglich.
Noah harrt aus und übt sich in Geduld.
Bis die Taube zurückkehrt
mit einem Olivenzweig im Schnabel.
Mit ihr kommt das Leben zurück.
Und der Mut.
Und das Vertrauen.
Irgendwo wächst wieder etwas.
Ein Hoffnungszweig mitten in all dem Furchtbaren.

 

X.                  Gott denkt an Steffen.

Steffen kämpft sich durch Tag für Tag.
Annika geht es zwar besser,
aber bis der Alltag wieder normal läuft, wird es dauern.
Steffen ist erschöpft.
Die Urlaubstage sind aufgebraucht und
er weiß nicht, wie es jetzt weitergehen soll.
Einen Anruf später weiß er:
Die Kolleg*innen spenden einen Teil ihres Urlaubs,
damit er bei seiner Familie sein kann.
Ein Hoffnungszweig.

XI.                Gott denkt an Nadia.

Nadia spürt das Kind in ihrem Bauch.
Sie liebt es. Egal, was jetzt kommt.
Sie hat entschieden, für sich und ihr Kind zu kämpfen.
Der Schulsozialarbeiterin hat sie sich anvertraut.
Sie vermittelt ihr unterstützende Angebote
für junge Mütter.
Bei einem Beratungstermin erfährt sie:
sie bekommt Geld.
Und eine Hebamme wird sie begleiten.  
Und sogar eine kleine Wohnung bekommt sie,
in der sie mit ihrem Kind dann leben kann.
Ein Hoffnungszweig.

 

XII.             Gott denkt an Brigitte und Heinz. 

Brigitte und Heinz werden die Bilder
von der Flut nie vergessen.
Mit knapp 80 Jahren stehen sie vor dem Nichts.
Sie könnten verzweifeln.
Aber das Gegenteil ist der Fall.
Sie finden Lebensmut in ihren Erinnerungen:
Heinz erzählt, sein Motto sei jetzt:
„Mit 81 Jahren, da fängt das Leben an…“
und Brigitte erinnert sich:
„Wir haben den Krieg als Kinder erlebt.
Das hier ist auch schlimm,
aber Menschen sind keine Feinde
und niemand wurde erschossen.
Wir schaffen das.“
Ein Hoffnungszweig.

 

XIII.           Hoffnungszweige

Am Abend kam sie zu ihm zurück.
Diesmal hatte sie in ihrem Schnabel
ein frisches Blatt von einem Olivenbaum.
Da wusste Noah,
dass das Wasser auf der Erde weniger geworden war.

Ein Olivenzweig wird zum Hoffnungszweig.
Nicht immer ist das so deutlich, wie bei Noah.
Weil Hoffnungszweige
unterschiedlich sind.
Und nicht nur mit Tauben daherkommen.
Sie kommen per WhatsApp, im Kuchenpaket,
als Brief vom Arbeitsamt und
per Telefon vom Klassenlehrer.

Hoffnungszweige kommen von innen.
Aus dem eigenen Schatz.
Und Hoffnungszweige kommen von außen.
Manchmal vielleicht auch ganz unscheinbar.

Hoffnungszweige machen nichts ungeschehen.
Sie verhindern keine Katastrophen.
Keine großen und keine kleinen.

Aber sie geben Mut und Kraft,
auszuharren in all dem was ist.

Und so weiß ich,
dass zu schaffen ist,
was nicht zu schaffe scheint.
Dass ich hindurchgerettet werden kann.
Ich weiß, dass Gott mich nicht vergessen hat.

Ich weiß, dass die Flut vorübergeht und
dass die Menschen sich wieder begegnen.
Beim Halligkaufmann und auf dem Wochenmarkt.
Ich weiß, dass die Schafe wieder zurück kehren auf die Salzwiesen
und Steffen zu seinen Kolleg*innen.
Ich weiß, dass die Kinder wieder schaukeln.
Und Nadjas Kind schaukelt mit.
Ich weiß, dass die die Postschiffe den Hafen wiederfinden.
Und Brigitte und Heinz ein neues Zuhause. Mit Badezimmer.
 

Ich weiß, dass es diese eine,
große Flut
nur einmal gab.
Die alles Leben vernichtet hat.
Seither gibt es ein Danach.
Gibt es Hoffnungszweige.
Für Noah.
Für Steffen und Annika,
Nadia, Brigitte und Heinz.
Und für uns alle.
Amen.





Mittwoch, 11. August 2021

Biblische Wetterberichte: Sonnenstrahlen

Gottesdienste in den Pflegeheimen
im August 2021 im Rahmen der
Sommerpredigtreihe 
"Heiter bis wolkig, mitunter Segen"

Bestimmt erinnern Sie sich an ganz viele Kinderzeichnungen. 
Aus Ihrer eigenen Kindheit.
Oder Bilder, die Ihre Kinder, ihre Enkel oder gar Ihre Urenkel gemalt haben. Die vielleicht am Kühlschrank hingen oder an der Küchentür.

Oder zusammengerollt
und mit Schleife versehen
zum Geburtstag verschenkt wurden.
Wissen Sie noch?
Auf ganz vielen dieser Bilder ist eine Sonne zusehen –
und meistens mit einem lachenden Gesicht.

Mich fasziniert das.
Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals zu meiner Tochter gesagt hab: Mal eine Sonne mit lachendem Gesicht.
Und trotzdem hat sie genau so gemalt.
Wie alle anderen Kinder auch.
Ich habe mich ehrlich gesagt nicht damit beschäftigt,
was da die Entwicklungspsychologie dazu sagt.
Und ich weiß auch nicht, seit wann man dieses Phänomen
bei Kinderzeichnungen beobachten kann.
Aber ich glaube, dass es etwas mit dem zu tun hat,
was tief in uns Menschen drin steckt.
Und mit einer Sehnsucht zu tun hat, die uns unser ganzes Leben begleitet:
Die Sehnsucht nach Wärme und Licht.
Nach Sonnenstrahlen.
Die ist im Menschen angelegt.
Und in einem Sommer, der so ein bisschen kein richtiger Sommer ist,
spüren wir das um so mehr:
die Sonne fehlt uns – und egal, wo man hinkommt:
alle reden darüber.
Warum das so ist?
Vielleicht finden wir es heraus.
Ich habe mich auf die Suche gemacht.
Nach Sonnenstrahlen in der Bibel.
Vielleicht helfen sie uns zu verstehen,
warum die Sonne für uns Menschen so wichtig ist.

Ein erster Sonnenstrahl
begegnet uns ganz am Anfang der Bibel.
Da, wo von der Schöpfung erzählt wird.
Gleich am ersten Schöpfungstag hat Gott das Licht erschaffen.
Aber das war zuerst einfach nur „Licht“ und „Finsternis“.
Erst am vierten Schöpfungstag kam Ordnung in die Sache und es heißt: „Lichter sollen am Himmelsdach entstehen,
um Tag und Nacht voneinander zu trennen.
Sie sollen als Zeichen dienen, um die Feste,
die Tage und Jahre zu bestimmen.“

Einen Tag zuvor hat Gott die Pflanzen erschaffen, die ganze Vegetation.
Wir alle wissen: Ohne Sonne wächst nichts.
Ohne Sonne produzieren Bäume keinen Sauerstoff.
Ohne Sonne wächst weder Getreide, noch Kartoffeln, noch Tomaten.
Die Sonne ist der Antrieb, der die die Welt am Leben erhält. 

Und: die Sonne ordnet die Zeit.
Sie gibt nicht nur den Rhythmus der Natur vor,
sondern auch den Rhythmus der Menschen.
Zu diesem Rhythmus gehören nicht nur Tage und Jahre,
sondern auch Feste – und Zeiten ohne Feste.
Nicht umsonst werden viele Feste von der Sonne abhängig gemacht:
Die Sommersonnwende ist vor allem im Norden
eines der größten Feste.
Unser Weihnachtsfest ist an der Wintersonnwende orientiert,
die die Menschen feierten, lange bevor es das Christentum gab.
Die Sonne macht also, dass unsere innere Uhr funktioniert.
Und deshalb brauchen wir sie.

Ein weiterer Sonnenstrahl:
Die Sonne der Gerechtigkeit.
Von ihr haben wir auch gerade gesungen.
Da wird die Sonne zum Gleichnis.
Es begegnet uns am Ende des Ersten Testaments
im Buch des Propheten Maleachi.
Dort wird unterschieden zwischen den Menschen,
die sich an Gott halten und den anderen.
Und dann heißt es da:
„Dann wird die Sonne der Gerechtigkeit aufgehen für euch,
die ihr meinen Namen fürchtet.
Unter ihren Flügeln gibt es Heilung.“

Wenn man weiß, dass im alten Orient
die Sonne als Scheibe mit zwei Flügeln dargestellt wird,
wird deutlicher, was gemeint ist:
Flügel beschützen und geben Halt und Sicherheit.
Sie halten die Sonne am Himmel. 
Die Sonne der Gerechtigkeit beschützt,
was zerbrochen ist und Zeit braucht, um Heil zu werden.
Gerade haben wir gesungen:
„Lass uns deine Herrlichkeit sehen auch in dieser Zeit
und mit unserer kleinen Kraft suchen, was den Frieden schafft.“
Die Sonne der Gerechtigkeit strahlt,
wenn Menschen sich ein Herz fassen und ihren Streit beseitigen –
obwohl sie ein halbes Leben lang nicht mehr miteinander geredet haben.
Die Sonne der Gerechtigkeit strahlt,
wenn jemand Kuchen vorbeibringt und damit zeigt:
„Opa, ich denk an dich,
auch wenn du jetzt nicht mehr bei uns wohnen kannst.“
Die Sonne der Gerechtigkeit scheint,
wenn eine jahrelang leerstehende Wohnung nun doch vermietet werden soll – an eine Familie, die in Not ist
und noch nicht einmal richtig deutsch kann.
Die Sonne der Gerechtigkeit scheint,
wenn Menschen von hier ins Ahrtal fahren
und den Menschen dort helfen,
die Flutschäden an den Häusern und in den Seelen zu bewältigen.
Und die Sonne der Gerechtigkeit scheint,
wenn Menschen laut ihre Stimme erheben
und auf Ungerechtigkeit und Verantwortungslosigkeit aufmerksam machen. 

Ein dritter Sonnenstrahl:
Ostern.
Die Sonnengeschichte in der Bibel überhaupt.
Und sie beginnt, ganz spektakulär, mit einer Sonnenfinsternis.
Sie alle haben es schon erlebt:
immer mal wieder kommt es vor, dass sich der Mond
zwischen Sonne und Erde schiebt.
Ich erinnere mich sehr gut an die totale Sonnenfinsternis am 11. August 1999.
Morgen sind es 22 Jahre. 
Da war ich in der Pampa im Norden Dänemarks unterwegs
und dort wurde es mitten am Tag tatsächlich richtig dunkel.
Das Licht hat sich verändert, und, was ganz komisch war:
Die Vögel waren in höchster Aufregung.
Sie haben zuerst ganz laut Alarm gezwitschert, weil sie merkten:
es ist was aus dem Takt.
Und dann sind sie plötzlich verstummt.
Und es war still wie mitten in der Nacht.
Vormittags um 11 Uhr.
Es war, als ob die Welt für ein paar Minuten still stand.
Und dann fingen die Vögel wieder an zu zwitschern – wie früh am Morgen – und sie kehrten ins Leben zurück.
Verrückt.
Ein bisschen wie Ostern.
„Es war die sechste Stunde,
da breitete sich die Finsternis über das ganze Land.
Sie dauerte bis zur neunten Stunde.
In der neunten Stunde schrie Jesus laut:
„Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Markus 15,33f)

Als Gott stirbt, ist die Sonne weg.
Das Licht, das die Welt am Leben erhält, ist verloschen.
Das war der absolute Stillstand.
Mehr Tod geht nicht.
Wäre die Geschichte an dieser Stelle zu Ende gewesen,
säßen wir heute nicht hier.
Aber sie ging weiter.
Die traurigen Menschen mit ihrer Dunkelheit in der Seele
gingen zum Grab, am Morgen,
als die Sonne aufging.
Und da sagt dann der Engel:
„Fürchtet euch nicht!
Jesus ist nicht hier, Gott hat ihn von den Toten auferweckt.
Jesus geht euch voraus nach Galiläa.
Ihr werdet ihn dort sehen.“

Und so ist diese Sonnengeschichte eine Mutmachgeschichte.
Die Ostersonne geht nämlich auf,
obwohl es in den Herzen und Seelen der Menschen noch dunkel ist.
Da leuchtet was aus der Ewigkeit in diese Zeit,
obwohl nicht alles gut ist.
Obwohl uns was weh tut, an Leib oder Seele.
Obwohl es Streit und Krach gibt.
Und Einsamkeit.
Und Menschen, die mir das Gefühl geben,
dass ich eine Last bin.
Manchmal braucht es eine Weile,
bis die Sonne durch dringt und klar wird:
die Finsternis ist vorbei.
Auch die Finsternis in der Seele.

Und so singen wir nochmal ein Lied von der Sonne.
Und wenn Sie jetzt die Sonnenstrahlen auf Ihrer Haut spüren,
dann fühlen Sie sie ganz bewusst als Sonnenstrahlen Gottes,
die Sie bescheinen.
Und die nicht nur Ihre Haut,
sondern auch Ihre Seele wärmen.
Amen.

Montag, 7. Juni 2021

Am Morgen

 


(Bildquelle: Pixabay)

Lass mich am Morgen hören deine Gnade, denn ich hoffe auf dich. Psalm 143,8

Am Morgen, noch vor Tage, stand Jesus auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. Markus 1,35

Zwei Bibelzitate kommen ganz unterschiedlich daher.
Aus unterschiedlichen Zeiten.
Aber sie haben eine Zeit gemeinsam:
Am Morgen.

Am Morgen, also – jetzt – ist gemeint.
Bei Jesus vielleicht noch ein bisschen früher, als wir heute.
Da wird präzisiert: vor Tage.
Ehe das Tagwerk losgeht, die Arbeit beginnt,
etwas anderes Priorität hat.
Es ist die Zeit davor.
Am Morgen ist vor der Arbeit auf dem Feld und im Weinberg.
Am Morgen ist vor dem Flicken der Netze,
vor dem Anheizen des Feuers und vor dem Schärfern der Messer.
Vor dem Wecken der Kinder.
Vor dem Rundgang durch die Stadt und dem Bestücken des Marktstandes.
Am Morgen ist vor dem Weg zum Zug,
vor der Sitzung, der Schule, dem Gespräch im Büro.
Am Morgen ist vor dem Einkauf im Supermarkt,
der dringenden E-Mail und dem Zahnarzttermin.
Am Morgen ist vor der Diskussion mit der Partner*in
und der Reparatur des kaputten Rollladens.
Am Morgen ist vor der Englisch-Prüfung,
vor dem Termin in der Autowerkstatt,
vor der Doodle-Umfrage für die nächste Sitzung,
vor der Pizzabestellung für den Klausurtag,
vor der Beerdigungspredigt und vor dem Taufformular.
Am Morgen ist die Zeit vor allem Anderen.

Am Morgen ist aber auch die Zeit danach.
Die Zeit nach dem erholsamen Steinschlaf.
Dem Träumen von dem was war und was sein soll.
Den durchwachten Sommernächten mit Wein und Geschichten und Freunden,
die niemals enden mögen und uns ins Morgen tragen – und ins Übermorgen auch.

Am Morgen ist aber auch die Zeit nach der Nacht.
Nach dem Fürchten im Dunklen
und vor den Monstern unter dem Bett.
Nach den Ängsten und den Schmerzen,
die Minute um Minute Schlaf rauben.
Es ist die Zeit nach der Ungewissheit,
weil bis zum ersten Sonnenstrahl die Uhren
langsam gehen und der Kummer in der Seele ohrenbetäubend schreit.
Es ist die Zeit nach dem Gefühl der Gefangenschaft
in der Einsamkeit der Nacht,
in der niemand da ist, der eine Hand hält.

Am Morgen ist die Zeit des HeuteNeuAnfangens,
nachdem das Gestern vorbei ist.
Abgeschlossen. Beendet.
Der Tag davor ist vorbei.
Unwiederbringlich zu Ende.
Am Morgen beginnt das Leben
nach der Nacht und dem Tod,
am Morgen ist die tägliche Auferstehung.
Im Kleinen.
Ostern für alle.

Am Morgen ist neue Gnade Gottes.
Ist beten und hören.
Ist Antwort bekommen.
Ist die Chance des neuen Anfang und
die Möglichkeit, etwas anders zu machen als gestern.
Etwas anders oder etwas anderes zu sagen.
Anders zu sein.
Anders zu leben.
Anders Prioritäten zu setzen.
Die Welt anders zu sehen.

„Ich habe darüber geschlafen“ sagt man.
Meistens weiß dann jemand, was jetzt dran ist.
Und oft ist es etwas anderes als gestern.
Etwas Neues.

Der neue Morgen ist täglich ein leeres Blatt Papier,
um neu anzufangen.
Ich kann es selbst bemalen oder beschreiben,
mit Leben füllen.
Das Papier bleibt nicht lange leer.
Ganz sicher nicht.
Es füllt sich von alleine mit dem,
was uns tagsüber begegnet
und was wir vom Vortag mitschleppen.

Ich kann es aber auch machen wie Jesus
oder der Psalmbeter.
Ich kann hoffend und fragend und betend neu anfangen.
Auferstehen.
Täglich.
Gott das leere Papier hinhalten.
Manchmal gelingt es.
Dann entwickelt sich Neues und Überraschendes.

Vielleicht denke neu nach.
Was sage ich heute zu globalen Themen?
Impfen, digitaler Wandel, Corona, Bildungsverlierer*innen,
die AfD und Brandanschläge auf Synagogen,
zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt,
zu Annalena Baerbock
und zu Rettungsschiffen im Mittelmeer?

Der Morgen lässt mich neu überlegen:
Wie reagiere ich heute auf die schlechten Laune
meines Mitbewohners?
Wie stelle ich mich heute zur Meinung meiner Nebensitzerin
und was sage ich heute
zur zerrissenen Punk-Hose meiner Tochter?
Wen rufe ich heute an, „nur“ für ein gutes Wort
und wo muss deshalb ein Termin anders gelegt werden?
Wo werde ich heute gebraucht und wo bin ich entbehrlich?
Was ist heute die Aufgabe, die nur ich tun kann?

„Am Morgen“ ist ist eine Zäsur.
Sie ist da – ganz natürlich.
Nehme ich sie wahr?

Amen.


All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.

Treib aus, o Licht, all Finsternis,
behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand
und reich uns Tag und Nacht dein Hand,

zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End
und bleiben von dir ungetrennt.

(Johannes Zwick, EG 440)

Das walte Gott, Vater, Sohn und Heiliger Geist. Amen!
Ich danke dir, mein himmlischer Vater,
durch Jesus Christus, deinen lieben Sohn,
dass du mich diese Nacht vor allem Schaden und Gefahr behütet hast,
und bitte dich,
du wollest mich diesen Tag auch behüten vor Sünden und allem Übel,
dass dir all mein Tun und Leben gefalle.
Denn ich befehle mich, meinen Leib und Seele und alles in deine Hände.
Dein heiliger Engel sei mit mir, dass der böse Feind keine Macht an mir finde.
Amen.

(Luthers Morgensegen)

 

Samstag, 1. Mai 2021

Das Gebet der Geflüchteten


Nach Jesus Sirach 35,16-22a

Er hilft dem Armen ohne Ansehen der Person 
und erhört das Gebet des Geflüchteten, der im Boot sitzt. 
Er verachtet das Flehen der unbegleiteten Minderjährigen nicht. 
Und auch nicht das Klagen der Witwe, 
deren Geliebter auf dem Grund des Mittelmeeres liegt. 
Laufen ihr nicht die Tränen die Wangen hinunter, 
und richtet sich ihr Schreien nicht gegen die, die die Tränen fließen lassen?
Die Terrormilizen und die Ausbeuter. 
Die lybischen Sklavenhändler.  
Die Besatzungen der Frontex-Schiffe. 
Und politisch Verantwortliche in ganz Europa. 

Wer in Sicherheit ist hat leicht reden: 
"Wer Gott dient, den nimmt er mit Wohlgefallen an, 
und sein Gebet reicht bis in die Wolken."
Das Gebet aber eines Menschen im Schlauchboot 
dringt durch die Wolken, 
doch bis es dort ist, 
bleibt er ohne Trost und hat Angst um sein Leben. 
Und er lässt nicht nach, 
bis der Höchste und Europa sich seiner annimmt 
und den Gerechten ihr Recht zuspricht und Gericht hält.




(C) Foto: United4Rescue

Sonntag, 4. April 2021

Geht und werft mit Hoffnung um euch!

Gottesdienst  
an Ostersonntag
vor der Eusebiuskirche
in Wendlingen



Maria aus Magdala und „die andere Maria“
sind durcheinander.
Was die letzten Tage passiert ist,
war einfach zu viel für ihre Seele.
Jesus ist tot. Umgebracht. Ermordet.
Jesus. Ihr Freund.
Jahrelang hatten sie ihn begleitet.
Und jetzt das. 
Keiner konnte ihm helfen.
Bis zuletzt haben sie auf ein Wunder gehofft.
Aber nichts ist passiert.
Jesus liegt in einem Felsengrab.
Da ist es dunkel und kalt.
Da wächst nichts.
Da blüht nichts.
Da ist alles tot.

Ein großer Stein liegt vor dem Grab
und auf den Seelen von Maria und Maria
und all den anderen.

Steine auf der Seele drücken nieder.
Sorgensteine und Angsteine.
Einsamkeitssteine.
Sich wertlos fühlen-Steine.
Krankheitssteine.
Ich kann dich nicht leiden- Steine und
Ich kann mich selbst nicht leiden- Steine.

Steine drücken die Seele nach unten.
Immer wieder zurück in die Dunkelheit.
Dahin, wo es kalt ist.
Und nichts wächst.
Und nichts blüht.

281Der Sabbat war vorüber. Da kamen ganz früh am ersten Wochentag Maria aus Magdala und die andere Maria. Sie wollten nach dem Grab sehen.2Plötzlich gab es ein heftiges Erdbeben, denn ein Engel des Herrn kam vom Himmel herab. Er ging zum Grab, rollte den Stein weg und setzte sich darauf.3Seine Gestalt leuchtete wie ein Blitz, und sein Gewand war weiß wie Schnee.4Die Wachen zitterten vor Angst und fielen wie tot zu Boden.

„Maria!“ Maria bleibt erschrocken stehen.
„Schon wieder ein Erdbeben!
Ob das wohl was bedeutet?“
„Los, schnell!“ Maria und Maria rennen los.
Hin zum Grab.
„Was ist das?“
„Meine Güte!“
Beide Marias halten sich vor Schreck
die Hände vors Gesicht.

Kennt ihr das? Erst mal verstecken.
Was da passiert, ist zu groß,
um es auf einmal zu ertragen.
Wir machen das alle mal.
Halten alle die Hände vors Gesicht.
Seht ihr die Dunkelheit?
Und jetzt stellt euch vor, es wird schlagartig hell.
Und es ist, als ob die ganze Kirche wackelt
und ein Engel den Kirchturm verschiebt.
Traut ihr euch zu gucken?
Wenn ihr vernünftig seid
guckt ihr erst ein bisschen durch die Finger!
Und ganz langsam
kann man dann die Hände wegnehmen.

Natürlich steht hier alles noch.
Aber ähnlich groß und verrückt
muss sich das für Maria und Maria angefühlt haben.
Und auch für die Soldaten,
die das Grab bewacht haben.
Die fielen vor Schreck einfach um.

Es ist wichtig,
sich erst langsam ans Licht zu gewöhnen,
wenn man im Dunkeln sitzt.
Man weiß das von Leuten, die Höhlen erforschen.
So ist es auch mit der Seele.
Wenn die im Dunkeln sitzt, erschrickt man schnell.

5Der Engel sagte zu den Frauen: »Fürchtet euch nicht! Ich weiß: Ihr sucht Jesus,    der gekreuzigt wurde. 6Jesus ist nicht hier. Gott hat ihn von den Toten auferweckt, wie er es vorausgesagt hat. Kommt her und seht: Hier ist die Stelle, wo er gelegen hat.

Fürchtet euch nicht!
Der Engel hat gut reden.
Wenn das so einfach wäre!  
Erdbeben! Licht! Eine fremde Gestalt!
Und nichts ist, wie es vorher war!
Der Engel tut was er kann,
damit Maria und Maria verstehen, was da los ist.
Kommt her und seht!
sagt der Engel.
Kommt her und seht:
die schlimme Zeit hat ein Ende.
Jetzt kommt etwas Wunderbares und Neues.
Das ist Ostern:
Hinsehen, was war.
Hinsehen, wo der Tod lag.
Hinsehen, wo der Stein immer noch schwer
an der Seite liegt und erinnert und bleibt.
Aber gleichzeitig zu wissen: es wird anders.
Und zu spüren: der Stein kann weg.
Auch der auf der Seele.

7Jetzt geht schnell zu seinen Jüngern! Sagt ihnen: ›Jesus wurde von den Toten auferweckt. ‹Er geht euch nach Galiläa voraus. Dort werdet ihr ihn sehen. Auf diese Botschaft könnt ihr euch verlassen.«  8Die Frauen waren erschrocken und doch voller Freude. Schnell liefen sie vom Grab weg, um den Jüngern alles zu berichten.


Der Engel hat gesagt: 
Ihr werdet ihn sehen.
Da geht jemand aufs Ganze.
Nicht: Es könnte sein,
dass euch Jesus irgendwann mal wieder begegnet.
Sondern: Ihr werdet ihn sehen.
Nicht: Es könnte sein,
dass irgendwann wieder bessere Zeiten kommen.
Sondern: Die Zeit ist schon da.
Nicht: Wenn ihr Glück habt ist er bei euch. 
Sondern: Ihr könnt euch darauf verlassen.

Ein Engelsversprechen also.
Das reicht aus: Maria und Maria laufen los.
Den Stein, der auf ihrer Seele liegt, lassen sie zurück.
Bei den anderen Steinen
und den Soldaten
und der Dunkelheit.

9Da kam ihnen Jesus selbst entgegen und sagte: »Seid gegrüßt!« Sie gingen zu ihm, berührten seine Füße und warfen sich vor ihm zu Boden. 10Da sagte Jesus zu ihnen: »Fürchtet euch nicht! Geht und sagt meinen Brüdern, sie sollen nach Galiläa gehen. Dort werden sie mich sehen.«


Was für ein Moment!
Er lebt! Tatsächlich!
Das Wunder ist geschehen!
Jesus steht vor ihnen.
Mitten auf dem Weg,
mittendrin im Leben.
Auf der langen, steinigen Straße -
die zwar ein Ziel hat,
aber bis dahin
noch viele Steine und Kurven.

Auf dieser Straße
liegen Maria und Maria  
vor Jesus im Dreck.
Im Staub.
Das Geröll der Straße
auf Augenhöhe
mit dem Geröll in ihrem Herzen.

Geht!
Sagt Jesus.
Maria und Maria schütteln sich
den Staub von der Seele
und aus ihren Kleidern und gehen.
Nicht mehr gebückt
und niedergedrückt vom Seelenstein.
Es ist, als ob ihre Seele der Sonne entgegenblüht.
Aufrecht und fröhlich.
Und voller Hoffnung.
Sie denken nicht mehr an Sterben und Tod.
Sondern an Lavendelblüten,
frisch gebackenes Brot und Wein
mit Freunden.
Und an fröhliche Musik.

Und so kommen sie nach Galiläa.
Die anderen weinen.
Niemand dort weiß,
was bisher geschah. 
Nur Maria und Maria wissen es.

Sie erzählen.
Vom Stein am Grab
und dem Stein auf ihrer Seele.
Und dass beide weg sind.

Sie erzählen davon,
dass schlimme Zeiten auch vorbei gehen.
Erzählen von Musik, Brot und Wein.
Von Lavendel und davon,
dass man Hoffnung riechen kann.


Wenn ihr nachher geht,
bekommt ihr ein Tütchen. 
Darin ist etwas, das man werfen kann.
Es ist eine Samenbombe:
Erde mit Blumensamen vermischt.
Ihr müsst sie nur irgendwo hinwerfen,
wo Blumen wachsen können,
und ein bisschen gießen.

Vielleicht gibt es Menschen oder Orte,
die ein bisschen Hoffnung besonders nötig haben.
Dann werft sie dort hin.

Vielleicht braucht ihr die Hoffnung
auch selber in diesen Zeiten!
Dann werft sie euch selbst in den Vorgarten.
Oder pflanzt sie in einen Balkonkasten.

Geht!
hat Jesus gesagt.
Geht und werft mit Hoffnung um euch!

Macht euch auf den Weg! 
Erzählt von Ostern!
Sagt, dass schlimme Zeiten ein Ende haben
und dass danach etwas Neues aufblüht.

Werft die Hoffnung in Vorgärten und Parks.
In Fußgängerzonen, an Straßenränder
und neben einsame Weggabelungen.
Pflanzt sie auf dem Balkon.

Dann duftet Hoffnung
nach Gänseblümchen und Kornblumen.
Adonisröschen und Salbei.

Und dann geht und blüht selber.
Wie Maria und Maria.
Und Jesus kommt euch entgegen.
Amen.



Montag, 29. März 2021

Gegenüber vom Grab: auf verlorenem Posten?

                                                                                                                         (Bild: pixabay)
Passionsandacht in der Eusebiuskirche am 29. März 2021

 

I.                  Hinschauen

Unerträglich waren die letzten Tage.
Alle paar Stunden wieder
neue schlechte Nachrichten
und letztendlich war auch
der letzte Funke Hoffnung dahin.
Nein, sie würden Jesus nicht im Stich lassen.
Die beiden Marias wissen, was zu tun ist.
Auch wenn es damals nicht gerne gesehen war,
wenn Frauen bei Gericht den Prozess beobachten:
Sie mischen sich unters Volk
und schauen sich alles an.
Alles.

II.               Dabeisein

Aus Matthäus 27:

  55Es waren auch viele Frauen da, die aus der Ferne alles mit ansahen. Seit Jesus in Galiläa wirkte, waren sie ihm gefolgt und hatten für ihn gesorgt.56Unter ihnen waren Maria aus Magdala, Maria, die Mutter von Jakobus und Josef, und die Mutter der Söhne des Zebedäus.

57Als es Abend wurde, kam ein reicher Mann aus Arimatäa. Er hieß Josef und gehörte zu den Jüngern von Jesus.58Er ging zu Pilatus und bat ihn um den Leichnam von Jesus. Da befahl Pilatus, ihm den Leichnam zu übergeben.59Josef nahm den Leichnam und wickelte ihn in ein frisches Leinentuch.60Dann legte er Jesus in seine eigene Grabkammer. Die war noch unbenutzt und in den Felsen gehauen. Schließlich rollte er einen großen Stein vor den Eingang zur Grabkammer und ging weg.61Maria aus Magdala und die andere Maria blieben dort und ließen sich gegenüber vom Grab nieder.

III.            Aushalten

Sie blieben dort.
Maria und Maria.
Genauer gesagt:
Maria von Magdala und „die andere Maria“.
Freundinnen, Begleiterinnen, Vertraute.
Jahrelang an der Seite von Jesus.
Eigentlich war es jetzt vorbei.
Wie in einem schlechten Film
haben sie von Weitem
die ganze Szene beobachtet.
Als wären Verurteilung und der Prozess
nicht schlimm genug gewesen:
jetzt wird Jesus auch noch
verspottet und ausgepeitscht.
Vorgeführt. Bespuckt.
Dabei gab es
für einen kurzen Moment
einen Lichtblick.
Es hätte anders kommen können,
aber das Volk wollte Jesus sterben sehen.
Nicht Barrabas.

IV.            Dortbleiben

Sie blieben dort.
Maria und Maria.

Worte brennen sich in ihre Seele
im Chaos rund um Golgatha.
Lästermaul.
König der Juden.
Rette dich selbst.
Gott soll dich doch retten!
Mach doch! Los!

Worte, die gesagt wurden
über ihren Freund.

Unerträgliche Worte.
Hetzworte.

Sie blieben dort.
Maria und Maria.

Und dann
Finsternis.
Ein Schrei.
Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?
Stille.
Erdbeben.
Tod.

Zum Fürchten.
Zum Weglaufen.
Alles.

Sie blieben dort.
Maria und Maria.

Sie blieben,
und sahen hin.
Obwohl sie hätten gehen können.
Sie waren #nur Frauen und
niemand hätte es ihnen übel genommen,
wenn sie zu Hause weitergeheult hätten.
Alleine.
Dort, wo es niemand sieht.
Maria und Maria
blieben.

V.               Moria 2

Zeitreise ins Jahr 2021.

Es ist laut.
Kindergeschrei mischt sich
in das verzweifelte Schluchzen der Mutter.
Es braucht dringend einen Arzt,
das Kind stirbt sonst.
Das Fieber ist hoch.
Die Wunde ist infiziert
und über Nacht hat eine Ratte
Elefs Bein angenagt.
Miriam kann beruhigen.
Aber mehr kann sie nicht tun.
Sie muss mit der verzweifelten Mutter abwarten.
Und zu hoffen.
Dass sie an der Reihe sind,
ehe das Kind stirbt.
Sie ringt um Worte.
Denkt: „Mein Gott, mein Gott…“
Das Bild brennt sich in ihre Seele.
Sie möchte weglaufen
von diesem gottverlassenen Ort.
Camp Moria 2
Aber Miriam bleibt.

 

VI.             Intensivstation

Ortswechsel.

Es ist laut.
Schrilles Piepsen
und schnelle Schritte bedeuten:
Notfall.
Wieder und wieder.
Täglich.
Stündlich.
Beatmungsgeräte kontrollieren.
Umlagern.
Lippen befeuchten.
Medikamente dosieren.
Monitor abschalten.
Augen schließen und Hände falten.

Desinfizieren nicht vergessen.
Angehörige benachrichtigen.
Weiter zum Nächsten.
14 Tage ohne Pause.

„Mein Gott, mein Gott…“
Warum dauert das alles so lange?

Marie seufzt.
Zwischen Maschinen und Menschen.
Zwischen Leben und Tod
bleibt kaum Zeit zum Atmen.
Zwischendurch überlegt sie,
ob sie das alles noch schafft.
Auf Station 22.
Aber Marie bleibt.

 

VII.         Gegenüber vom Grab

Zurück nach Golgatha.

Zu Maria und Maria.
Sie entscheiden sich auch zu bleiben,
als es schon zu spät ist
und die Lage aussichtslos.
Jesus ist tot
und wird in ein Grab gelegt.
Was soll man dann noch tun können?

Maria und Maria bleiben
und lassen sich nieder
gegenüber der Grabkammer.
Sie bieten dem Tod die Stirn.
Schauen ihm in die Augen.

Gegenüber vom Grab
haben sie im Blick, was passiert.
Sie geben die Kontrolle nicht ab.
Wer kann schon sagen,
was jetzt geschieht?

Aber gegenüber vom Grab sitzen und warten -
das muss man erst mal aushalten.

Gegenüber vom Grab
sitzen die,
die noch ein Fünkchen Hoffnung in sich tragen.
Weil Jesus nach 3 Tagen auferstehen wird.
So hat er es gesagt.

Gegenüber vom Grab sitzen die,
die glauben:
Gott kann noch etwas gut machen,
was eigentlich nicht mehr gut werden kann.

Und so setze ich mich zu Maria und Maria.
Auf verloren geglaubten Posten. 
Schaue dem Tod ins Auge.
Biete ihm die Stirn und
nenne beim Namen,
was nicht mehr gutzumachen ist:
 

VIII.      Hoffnung

Infektionszahlen und Inzidenzwerte.
Einsam Sterbende im Pflegeheim und
weinende Söhne und Töchter
beim letzten Zoom mit dem Ipad.

Erschöpftes Pflegepersonal, ratlose Ärztinnen.
Impfchaosmüde und Regierungswütige.
Arbeitslose Messebauer und
insolvente Cafébesitzerinnen.

Kinder und Jugendliche vor den Monitoren.
Und in den Schulhöfen mit Abstand und
ohne die tröstende Schulter der besten Freundin.
Erschöpfte Eltern und verwirrte Kleinkinder.

Ich sitze gegenüber dem Grab
und sehe von dort aus
auf das Mittelmeer.
Nehme nicht schweigend hin,
dass Menschen lieber sterben,
als in der Hölle zu leben.
Erhebe meine Stimme für sie
und all die anderen,
die dem Tod näher sind als dem Leben.

Ich sitze mit Maria und Maria da,
schaue auf das Grab und
sehe meinen eigenen Schmerz,
meine Müdigkeit und
meine eigenen Grenzen des Verstehens.
Die Grenzen meiner Hoffnung.

Ich sitze bei Maria und Maria
und frage:
Warum sind 3 Tage so lang?
Und warum geschieht
das Wunder nicht früher?
Und dann hoffe ich.
Und weine ich.
Und warte ich.
Mit Maria und Maria.
Bis der Engel sagt:

Fürchtet euch nicht!
Amen.   


Korn, das in die Erde, in den Tod versinkt,
Keim, der aus dem Acker in den Morgen dringt.
Liebe lebt auf, die längst erstorben schien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Über Gottes Liebe brach die Welt den Stab,
Wälzte ihren Felsen vor der Liebe Grab.
Jesus ist tot. Wie sollte er noch fliehn?
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

Im Gestein verloren Gottes Samenkorn,
Unser Herz gefangen in Gestrüpp und Dorn –
Hin ging die Nacht, der dritte Tag erschien:
Liebe wächst wie Weizen, und ihr Halm ist grün.

(EG 98; Jürgen Henkys 1976)