Sonntag, 5. April 2020

Hätte, sollte, könnte, müsste...



Es ist Unsinn,
sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist,
sagt die Liebe.
Es ist Unglück,
sagt die Berechnung.
Es ist nichts als Schmerz,
sagt die Angst.
Es ist aussichtslos,
sagt die Einsicht.
Es ist, was es ist,
sagt die Liebe.
Es ist lächerlich,
sagt der Stolz.
Es ist leichtsinnig, 
sagt die Vorsicht.
Es ist unmöglich,
sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist –
sagt die Liebe.
(Erich Fried)




Es ist, was es ist. Gedankenverloren sitzt sie am Küchentisch.
Draußen zwitschert eine Amsel ihr Abendlied.
Die Sonne steht tief.
Nebenan klappert jemand mit Tellern
und es riecht nach Feuer und frisch gebackenem Brot.
Die Blume auf dem Tisch lässt vorwurfsvoll den Kopf hängen,
als wäre sie müde vom anstrengenden Blühen.
Entschlossen, fast krampfhaft hält sie die kleine Schmuckflasche in der Hand.
Und ihre Gedanken fahren Karussell.
Vom Kopf ins Herz und wieder zurück.
Sollte sie wirklich?
Wenn sie so könnte, wie sie wollte, wäre alles nicht so kompliziert.
Aber die Leute… Sie wissen schon…
Und eigentlich müsste sie auch ihren Vater vorher fragen.
Sein ganzes Vermögen hält sie in ihren Händen.


Großzügig war er damals. Bei ihrer Verlobung.
Sie sollte etwas haben für den Notfall. Und fürs Alter.
Hätte sie ihn vorher fragen sollen?
Nein. Die Antwort wäre sowieso klar.
Wenn, dann muss sie das auf ihre eigene Kappe nehmen.
Es ist Unsinn, das weiß sie.
Fest umschließt sie die Flasche.
Weich schmiegt sie sich an ihre raue Haut ihrer Hände.
So wertvoll ist dieses kleine Fläschchen.
Und so gut riecht der Inhalt.
Nardenöl. Wertvolles, duftendes Nardenöl.
Sogar durch den sorgfältig verschlossenen Korkdeckel
kann sie den süßherben Duft riechen.
Wenn irgendjemand erfährt, was sie vorhat,
erklärt man sie für verrückt. Da ist sie sich sicher.
‚Die Welt ist gerade verrückt genug. Alles ist unruhig.
Und sie will auch nichts riskieren. Will Jesus nicht unnötig in Gefahr bringen.
Und doch… Man müsste nur mutig sein.
Hätte sie nur einmal genug Mumm in den Knochen,
um sich nicht den Kopf zu zerbrechen.
Was würden die Leute dann denken? Und sagen?
Aber spielt das eine Rolle?
Viel Zeit hat sie sowieso nicht mehr.
Heute Abend ist Jesus bei Simon. Den kennt sie.
Das ist der Kranke vorne an der Ecke. Jesus traut sich zu ihm.
Obwohl niemand so recht weiß,
ob er nun wieder gesund ist oder nicht.
Aber Jesus wird schon wissen, was er tut.

Aus dem Markusevangelium, Kapitel 14:

Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten. Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.

Viel zu viel Wirbel ist da grade um Jesus.
Sie hat ein ganz ungutes Gefühl.
Nein, sie hat Angst um ihn.
Um ihren Jesus. Ihren Freund.
Seine Worte trägt sie tief im Herzen.
Ob er wohl weiß, wieviel er ihr bedeutet?
Ob sie ihm das schon mal gesagt hat, wie wichtig er für sie ist?
Hätte sie es öfter sagen sollen?
Müsste sie nicht viel öfter bei ihm sein?
Ihm mitteilen, was ihr die Freundschaft bedeutet.
Seinen Geschichten lauschen. Ihn umarmen.
Und ihm selbst gebackene Kekse vorbeibringen.
Aber vielleicht ist es ja auch besser nur Briefe zu schreiben.
Man will ja niemanden in Gefahr bringen.
Telefonieren, Mail oder WhatsApp geht vielleicht auch.
Unruhige Zeiten erfordern eben andere Maßnahmen.
Was wäre die Alternative?
Ein Blick auf die Flasche. Es ist unvernünftig, diese Sache durchzuziehen.
Und auf der anderen Seite: Wozu braucht sie dieses Öl?
Es ist nur wertvoll. Und es riecht gut. Für sie selbst völlig unnütz.
Aber Jesus… Jesus hätte es verdient. Schließlich ist er IHR König.
Sollte sie wirklich tun, was ihr seit Tagen nicht mehr aus dem Kopf geht?
Es ist so riskant!
Falls es wirklich zum Äußersten kommt:
Könnte sie damit leben, Jesus nie gesagt zu haben wie sehr sie ihn liebt?
Könnte sie damit Leben, sich nie zu ihm bekannt zu haben?
Es ist verrückt. Sie zweifelt. An sich selbst.
Und dann gibt sie sich einen Ruck. Und geht hin.
Es ist, was es ist.

Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.


Sie hat es getan.
Es ist lächerlich, sagt der Stolz.
Sie ging einfach hinein in das Haus.
Es ist leichtsinnig, sagt die Vorsicht.
Sie gießt ihm ohne Vorwarnung teuerstes Öl über den Kopf.
Es ist unmöglich, sagt die Erfahrung.
Es ist, was es ist – sagt die Liebe.

Sie hat es getan, weil sie ihn liebt.
Weil sie ihrem Herzen gefolgt ist.
Weil ihr bester und wertvollster Besitz für Jesus grade gut genug ist.
Für ihn gibt sie ihre Sicherheit auf.
Für ihn riskiert sie ihren Notgroschen.
Wenn es jetzt hart auf hart kommt ist sie pleite.
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.
Und es fühlt sich richtig an, was die Liebe sagt.
Sie kann jetzt nicht mehr sagen:
Hätte ich ihm nur gesagt, wie sehr ich ihn ihn liebe.
Wäre ich nur hingegangen.
Sie hat es nicht aufgeschoben auf eine Zeit nach der Krise,
in der Hoffnung, dass dann alles wieder gut ist.
Sie hat getan, was sie konnte, um zu lieben. Jetzt.


Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls? Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an. Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.  Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.  Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.  Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.



Jeder hat andere Worte, um von der Liebe zu reden.
Jede tut andere Dinge um Liebe zu zeigen.
Und jede Zeit hat auch ihre ganz eigenen Herausforderungen.
Die Zeit der römischen Besatzung genauso
wie die Zeit von Kontaktsperren und Besuchsverboten.
Jesus war in Lebensgefahr, das wusste sie.
Deshalb wählte sie nicht die Öffentlichkeit,
sondern das vertraute Zusammensein im Freundeskreis.
Niemand in Gefahr zu bringen, das ist wichtig,
wenn man verrückte Dinge tut, um denen nahe zu sein, die man liebt.
Die Herausforderung ist heute nicht kleiner als damals.
Aber DASS man es tut: das ist das Evangelium.
Die gute Nachricht. Damals wie heute.
Hätte man nicht? Sollte sie nicht lieber?
Könnte man nicht besser? Müsste man nicht viel eher?
Ein Patentrezept für Liebe gibt es keines.
Vielleicht hätte sie heutzutage für Jesus einen Mundschutz genäht.
Vor seinem Fenster ein Ständchen gesungen
oder ein Paket zur Post gebracht.
Vielleicht hätte sie Medikamente aus der Apotheke geholt
oder die Geschäfte nach Klopapier abgegrast.
Vielleicht hätte sie ihm täglich eine Postkarte geschrieben oder
Blumen und selbstgebackenen Kuchen vor die Tür gestellt.
Vielleicht wäre sie heutzutage
aus Liebe gerade NICHT hingegangen zu Jesus.
Wer weiß das schon?
Es ist Unsinn, sagt die Vernunft.
Es ist, was es ist, sagt die Liebe.

Ins Wasser fällt ein Stein, ganz heimlich, still und leise;
und ist er noch so klein, er zieht doch weite Kreise.
Wo Gottes große Liebe in einen Menschen fällt,
da wirkt sie fort in Tat und Wort hinaus in uns're Welt.

Amen.

GuteGeisterGottesdienst an Palmsonntag, 05. April 2020
aufgenommen in der Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar




Samstag, 28. März 2020

Nichts ist mehr sicher...

„Nichts ist mehr sicher“. 
Haben Sie diesen Satz in den letzten Tagen auch 
öfter gesagt oder zumindest gehört?
Für mich hat es den Anschein, als wäre das eine Art „Grundstimmung“, 
die unser ganzes Leben bestimmt und die manch einem den 
Schlaf raubt. „Hat mein Frisör offen oder nicht?“ „Schreibe ich 
demnächst Abi oder wird es verschoben?“ „Reicht das 
Klopapier noch übers Wochenende oder muss ich schon morgen 
rechtzeitig da sein, um eine Packung von der 
Palette abzugreifen?“ „Wann sehe ich meine Enkel*innen 
wieder?“ „Habe ich morgen noch einen Job oder 
muss der Chef den Laden schließen?“ Und schlussendlich:
„Bin ich gesund oder nicht?“ Und wenn ich krank werde: 
„Was erwartet mich dann?“ Diese Unsicherheit wird 
auch eine Weile andauern. So viel steht fest. Wie lange? 
Auch das ist unsicher. Sicher ist, dass Gott da ist. 
Das glaube ich tief im Herzen. Auch wenn ich davon 
manchmal nichts spüre. Auch wenn es keine Lösung gibt. 
Der Glaube an Gott löst weder Klopapierfragen noch 
gesundheitliche Probleme, die eine Pandemie mit sich bringt. 
Für mich ist Gott so etwas, wie ein „sicherer Ort“. Er verändert sich nicht, 
auch wenn sich die Nachrichten im Stundentakt fast überschlagen. Er ist da. 
Immer. Das wussten schon die Psalmbeter in der Bibel. Die kannten auch 
Unsicherheiten und schlaflose Nächte. Aber sie wussten Gott bei sich. Von 
ihnen kann man lernen für Zeiten wie diese. 
Vielleicht können Sie dann – trotz allem – auch sagen: 
„Ich liege und schlafe ganz mit Frieden; 
denn allein du, HERR, hilfst mir, 
dass ich sicher wohne.“ (Psalm 4,9)

HIMMELS:ANKER 
Wendlingen am Neckar am 21. 03.2020 und 
Geistliches Wort in der Nürtnger Zeitung am 28.03.2020

Sonntag, 15. März 2020

Kleines Protokoll zum merkwürdigsten Sonntag meines Lebens






Wochenlang wurde geplant und gerungen.
Um Abschiedsworte.
Um Gesten.
Um Rituale.
Um Dinge die vielleicht helfen,
etwas wieder heilen zu lassen.

Zeit wollten wir haben.
Und Zeit geben.
Um zu beenden was war
und zurückzufinden zur Hoffnung

auf Neues und Gutes, das entstehen wird.

Wir haben uns gewünscht,
dass Menschen sich begegnen
und wahrnehmen
und aufeinander zu gehen
glaubend und wissend,
dass Christus unter ihnen ist,
wenn zwei oder drei zusammen sind. 

Und dann waren nicht nur
zwei oder drei zusammen,
und Christus unter ihnen,
sondern auch Corona
war mitten unter ihnen.
Nichts mehr war mehr so, wie es sein soll.
Das Leben wird plötzlich zerbrechlich.
Planungen fallen auseinander
wie Herbstlaub von den Bäumen.
Nähe wird gefährlich und
Begegnung ein strategisches Projekt. 

Alles scheint offen und
nichts fühlt sich richtig an.
Die besten Planungen
reichen nur bis zur nächsten Empfehlung 
des Oberkirchenrats.
Gutgemeintes und Gutgeplantes
zerbricht in unseren eigenen Händen.

Gemeinsam
von vorn beginnen.
Heute anders als gestern.
Das Beste daraus machen,
obwohl man noch gar nicht weiß,
was man dazu bekommt.
Mit dem Herzen sehen und
mit dem Bauch entscheiden. 

Und dann:
Sonntag.
Merkwürdigster Sonntag meines Lebens.
Zwischen Kirche und Krise.
Zwischen Himmel und Erde.
Zwischen Abschied und Neubeginn. 

Gemeinsam
singend und betend
um Fassung ringend
losgehen.
Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht. 


Leerer Altar.
Das Kreuz auf dem Weg
nach draußen.

Ins Neue.
Ins Freie.
Ins Licht.

Christus meine Zuversicht;
auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht,
auf dich vertrau ich und fürcht mich nicht.


(Zum Abschied von der Johanneskirche in Wendlingen am Neckar am 15. März 2020)




Freitag, 27. Dezember 2019

Wie das Licht der Welt das Licht der Welt erblickte


Gottesdienst in der
Eusebiuskirche in Wendlingen am Neckar

Heiligabend 2019




Lied:  EG 16, 1+3 Die Nacht ist vorgedrungen 

Kirche dunkel, Spot an

Seit uralten Zeiten gibt es Menschen, die nach Gott fragen: Wer bist du? Wo bist du? Wie können wir dich sehen?
Die Menschen wollen sich Gott vorstellen können. Und manche sagen: Gott ist wie ein Licht, dass alles hell macht, was vorher dunkel war.

(Osterkerze mit Streichholz anzünden – neben dem Tisch)

Das ist die Gotteskerze. Sie wird nun brennen und uns ihre Geschichte erzählen. Die Geschichte vom Licht Gottes, das in die Welt kommen will.
2000 Jahre ist es her, als es zum ersten hell wurde.
Und jedes Mal, wenn die Geschichte des Lichts erzählt wird, wird es hell im Herzen der Menschen, die sie hören. Aber hört selbst:

Der Kaiser regiert in Rom. Sein Name ist Augustus.

(rote Kerze an der Gotteskerze anzünden – an der linken Seite des Tisches aufstellen) 

Augustus braucht Geld zum Regieren. „Alle Leute sollen Steuern zahlen!“ denkt er. „Alle Menschen im ganzen Land sollen sich in Steuerlisten eingetragen lassen.“

Augustus findet das eine gute Idee. Er hält sich nämlich für besonders klug und helle. Dabei ist er eigentlich nur ein kleines Licht. Denn einer ist viel größer als Augustus. Und sein Licht sollte bald viel heller strahlen – aber das weiß Augustus noch nicht. Und das wissen die Menschen noch nicht, die unter Augustus leiden.

Es gibt Menschen, die für Augustus arbeiteten. Einer davon heißt Quirinius.

(kleine rote Kerze an Augustuskerze anzünden – vor Augustuskerze stellen)

Quirinius muss dafür sorgen, dass der Befehl des Kaisers Augustus von allen Leuten gehört wird. Er lautet:
„Alle Menschen sollten dorthin gehen, wo sie geboren wurden.“ So kommt es, dass sich viele Menschen auf den Weg machen, um vor den Steuerbeamten des  Kaisers zu erscheinen. Für viele ist das keine gute Nachricht.
Die Menschen haben wenig Geld und wollen lieber ihrer Arbeit nachgehen, als lange Reisen zu unternehmen, um dann auch noch Steuern zu bezahlen. An einen, der sich als Herrscher aufspielt.

Auch Maria und Josef aus Nazareth machen sich auf den Weg.

(Große blaue und grünblaue Kerze an der Osterkerze anzünden –  in der Mitte des Tisches aufstellen) 



Sie müssen nach Bethlehem, weil Josef dort geboren ist. Für Maria ist die Reise sehr anstrengend, denn sie erwartet ein Baby. Das wird schon sehr bald geboren werden.
Der Weg ist lang und beschwerlich. Mehrere Tage und Nächte sind sie unterwegs. Und besonders nachts fürchten die beiden sich. Nach mehreren Tagen sehen sie von weitem die kleine Stadt Bethlehem.
„Zum Glück sind wir bald da!“ seufzt Maria. 

(Beide blauen Kerzen an die rechte Seite rücken)


In Bethlehem finden Maria und Josef keinen Platz zum Schlafen. Sie klopfen an viele Türen. Viele Menschen öffnen ihnen. Aber dann machen viele Menschen die Tür auch wieder zu. Jedes Bett ist belegt. Und wer will schon zwei Fremde ins Haus lassen, die mitten in der Nacht anklopfen?
Einer hat dann doch Mitleid.
Im Stall ist noch Platz. Wenigstens ist das ein Dach über dem Kopf. Mit letzten Kräften bauen sie sich mitten zwischen den Tieren ein Lager aus Stroh und legen sich hin. Maria war müde. Sie spürt auch ein Ziehen in ihrem Bauch. Der Rücken schmerzt. Ob es wohl bald so weit ist? Wird sie hier ihr Kind bekommen? In diesem armen, dunklen Stall?

 Instrumentalstück: Stille Nacht

Zur gleichen Zeit, als Maria und Josef ihr Lager im Stall einrichten, sind weit außerhalb der Stadt Hirten bei ihrer Arbeit.

 (Vier niedrige grüne Kerzen an Osterkerze anzünden – links vor Augustus und Quirinius aufstellen
Teelichter für die Schafe und eine kleine Stumpenkerze für den Hund dazustellen)


Sie passen auf die Schafe ihrer Herren auf. Viele Tiere sind es. Wenn man die Schafe zählen will, dauert es Stunden. Für die Nacht haben die Hirten alle Tiere zusammen getrieben. Alle auf eine Stelle. Damit sie in der Dunkelheit besser aufeinander aufpassen können. Die Hirten halten Wache. Immer einer nach dem anderen passt auf, während die anderen schlafen. Auch der Hund ist aufmerksam. Aufmerksamer als sonst. Komisch.

Plötzlich passiert etwas! Mitten in der Nacht wird es plötzlich ganz hell!

 (Große weiße Kerze an der Osterkerze entzünden – neben den Hirten aufstellen)

Woher kommt dieses Licht?  Die Hirten erschrecken ganz fürchterlich. Sie sind geblendet. Und dann sehen sie eine Gestalt aus Licht. Mit einer warmen und freundlichen Stimme spricht ein Engel zu ihnen:

„Fürchtet euch nicht! Ihr braucht keine Angst zu haben! Im Gegenteil: Ihr könnt euch freuen. Lauft schnell los!
Ihr werdet ein Kind finden, das heute geboren wurde. Es ist ein besonderes Kind. Mit diesem Kind soll die Welt heil werden. Gott selbst wird geboren in diesem Kind. Gott kommt in eure Welt.“

Die Hirten sind verwirrt. Ein Kind geboren? Ein besonderes Kind, das die Welt heil machen soll? Gott selbst soll geboren werden?

Und dann ist da nicht mehr nur der eine Engel. Da sind plötzlich ganz viele. Und die Botschaft geht von einem zum anderen. Man hört die Botschaft von allen Seiten:
Mit dieser Geburt beginnt etwas Neues:  Für Gott Ehre und für die Menschen Frieden. 
Es wird heller und heller.

 (Vier kleine weiße Kerzen, an der großen Engelskerze anzünden –  neben den Hirten aufstellen) 



Die Hirten versuchen zu verstehen: Sie werden ein Kind finden. Ein Kind in Windeln gewickelt. Es liegt in einem Stall. In einer Krippe. Und dieses Kind wird ihr dunkles Leben hell machen. Ob diese hellen Gestalten wohl Recht haben? Sie machen sich auf den Weg.


Instrumentalstück:  Kommet, ihr Hirten


Im Stall ist es ganz ruhig geworden. Maria und Josef sitzen vor der Futterkrippe und schauen hinein. Die Tiere schlafen ruhig im Stroh. Und in der Krippe liegt ein neu geborenes Baby.



(Gelbe Kerze an der großen Osterkerze anzünden – vor Maria und Josef stellen)

Da liegt er, der kleine Jesus. In Windeln gewickelt auf Stroh in einer Krippe. Nicht einfach nur ein Kind. Etwas Wunderbares ist passiert: Gott hat das Licht der Welt erblickt. Er ist als Mensch geboren worden. Da liegt er. Ganz klein und müde. Selig schlafend. Ein frisch geborener Gott: Jesus. Maria ist glücklich. Josef auch. Sie wissen, dass es ein besonderes Kind ist. Leise flüstert Maria den Namen ihres Sohnes: Jesus. Wie schön, dass du geboren bist, ja.
 

 LIED (auswendig): Wie schön, dass du geboren bist (1 Strophe)

Maria und Josef versuchen, sich auszuruhen und ein wenig zu schlafen, als sie draußen Schritte hören. Und Stimmen. Und plötzlich stehen einige Männer vor der Tür. Dunkle Gestalten. Zerzaust und dreckig, dazu ein paar Schafe und ein Hund.



 (Die Hirtenkerzen, Schafkerzen und Hundkerze nach rechts bewegen, zu Maria, Josef und dem Kind dazustellen)

„Da liegt er, der Heiland der Welt!“
Mit feuchten Augen knien sie um die Krippe herum.
Hier liegt es: das Kind, von dem der Engel erzählt hat.
Sie haben es gefunden!
In ihrem Herzen wird es warm. Und hell.
Sie spüren: dieses Kind ist Gott.

Und einer erinnert sich an die alten Schriften:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell. Nicht Augustus ist das hellste Licht. Und der Mächtigste. Das Kind in der Krippe ist es. Und dann machen sie sich schnell wieder auf den Weg. Nicht zurück zu ihrer Herde. Sondern ins Dorf. Sie wollen diese Botschaft weitererzählen. Sie wollen das Licht, das ihr Herz und ihre Seele hell gemacht hat, in die Welt verteilen.

(Sandeimer in die Mitte des Tisches stellen. Mehrere große Wunderkerzen an der Jesuskerze entzünden und in den Sandeimer stecken.)

Jetzt sind sie sich sicher: auch Hirten sind von Gott geliebte Menschen. Und das sollen auch die Menschen wissen, die bisher nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Weil Hirten doch so dunkle Gestalten sind.

„Euch ist der Heiland geboren, welcher ist Christus der Herr. Er ist Heil und Rettung für die Welt.“

Im Dorf ist zu spüren, wie es hell wird in den Seelen der Hirten. Und in den Seelen aller Menschen.  

Und so verteilt sich dieses Licht mit dieser Geschichte durch die Welt. Die Geschichte davon, wie das Licht der Welt das Licht der Welt erblickt. Es verteilt sich bis heute. Für uns alle. Amen. 

Instrumentalstück: Zu Bethlehem geboren ist uns ein Kindelein


















Sonntag, 18. August 2019



Träume und Tränen
Predigt zu Psalm 126  / SPR im Neuffener Tal 2019

Gnade sei mit euch und Frieden
von dem der war, der ist und der kommt! Amen.

Lebensmotto

als der herr das los der gefangenschaft wendete
da waren wir alle wie träumende
wie lachende
ach war das schön
(aus: Psalmen destillieren, Xandi Bischoff & Nadine Seeger)

Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum!
Auf einem Schild steht er
in meinem Badezimmer,
dieser Spruch.
Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum!
Millionenfach ist er gedruckt auf
Kaffeebechern und
Heckscheibenaufklebern,
auf Wand-Tatoos und solchen,
die in die Haut geritzt sind.
Auf Blechschildern, Notizbüchern,
Kalenderblättern, T-Shirts,
Postern und Postkarten.
Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum!
Es ist eine Aufforderung,
das maximal Positive
aus dem Leben herauszuholen.
Ankommen am richtigen Platz.
Es klingt wie in der Werbung.
Werbung für traumhaftes  Leben.
Nicht nur stehen bleiben
bei schönen Gedanken.
Sondern in die Tat umsetzen,
was man denkt.
Und glaubt.
Und hofft.
Machen ist die Devise.
Ärmel hochkrempeln und losleben.
Ziele erreichen.
Erfolg haben.  

Billy I

als der herr das los der gefangenschaft wendete
da waren wir alle wie träumende
wie lachende
ach war das schön
Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum. 
Böse Zungen behaupten ja,
dieser Spruch sei das Billy-Regal
unter den Lebensmottos:
Quasi in jedem Haushalt einmal vorhanden
und praktisch ohne Anleitung machbar.
Entdecke die Möglichkeiten.
Schraube dein Leben so zusammen,
wie es für dich passt.
Habe einen gut bezahlten Job.
Mache pünktlich Feierabend.
Gehe ins Fitnessstudio.
Iss Nudeln mit Trüffelbutter.
Achte aber auf Kalorien und
deinen Cholesterinwert.
Urlaube im Wellnesshotel.
Fahre ein E-Auto.
Trage Kleidung, die zu dir passt,
die deinen Typ unterstreicht
und die kein Kind in der Dritten Welt ausbeutet. 
Habe eine Familie. Und Freunde.
Engagiere dich ehrenamtlich.
Und sei glücklich.
Entdecke die Möglichkeiten. 
Kaufe, was in dein Lebens-Wohnzimmer passt.
Und wenn es dir nicht gefällt,
dann gibst du es nach 3 Monaten zurück.
Mit Geld-zurück-Garantie. 
Ist das nicht ein großartiges Konzept? 

Billy II

als der herr das los der gefangenschaft wendete
            da waren wir alle wie träumende
            wie lachende
            ach war das schön 
Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum. 
Auch ein Billy-Regal hat seine Tücken.
Wer öfter bei Ikea einkauft,
(und ich meine jetzt nicht
den 100er-Pack Teelichter),
weiß, das.
Das geht nicht so hopplahopp
mit dem Zusammenzimmern
wie die in der Werbung sagen. 
Auch bei Ikea-Regalen
kann man sich ganz schön verschrauben.
Statusmeldung:
Es ist kompliziert.
Manchmal ist es eben nicht
das einfache Regal.
Manchmal fühlt sich das Leben
wie eine ganze Schrankwand an.
Mit komplizierten Scharnieren.
Und vielen Schrauben.
Und Kästchen und Klappen
und Schubladen.
Billy kann man zurück geben,
wenn man überfordert ist.
Sie wissen schon:
Geld-zurück-Garantie.
Wo gebe ich ein
kompliziert verschraubtes
falsch geträumtes
Leben
zurück?


Psalm 126

1 Ein Wallfahrtslied. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.

2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan!

3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.

4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland.

5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Ausgeträumt I

Wenn sie in die Vesperkirche kommt
- und sie kommt jeden Tag -
dann hat sie immer dieselben Kleider an.
Und sie riecht ein bisschen streng.
Ihre Haare sind nur selten gewaschen. 
Sie kommt alleine,
ihr Mann ist schon seit Jahren tot.
Und manchmal bringt sie einen Brief mit.
Zum Beispiel den von den Stadtwerken
mit der letzten Zahlungsfrist.
Und dem Termin, wann der Strom abgedreht wird,
sollte das Geld nicht rechtzeitig eingehen.
Nicht ihr Geld,
sondern das der Nachbarin,
die sie erst anpumpen muss.
Irgendwann wird sie das alles wieder alleine schaffen.
Davon ist sie überzeugt.

als der herr das los der gefangenschaft wendete
           da waren wir alle wie träumende
           wie lachende
           ach war das schön


Ausgeträumt II
Wenn er morgens in den Betrieb kommt,
ist er still und redet kaum.
Er spricht nur wenig deutsch.
Der Ausbilder ist begeistert von ihm
und lobt ihn, wo er kann.
Trotzdem sind seine Gedanken
immer wieder in der Heimat.
„Wir müssen alle weg.“
stand in der letzten WhatsApp.
Seither hat er nichts mehr gehört.
Er wollte vorausgehen und
Mutter und Geschwister nachholen.
In Sicherheit bringen. Vater tot ist.
Sie haben schon so vieles geschafft.
Sie werden es auch hierher schaffen. 
Das hofft er.

            als der herr das los der gefangenschaft wendete
            da waren wir alle wie träumende
            wie lachende
            ach war das schön


Ausgeträumt III
Er war erfolgreich.
Studium, Partnerschaft, Eigenheim, zwei Kinder.
Abteilungsleiter mit Dienstwagen.
Die Diagnose hat alles verändert.
Warum ausgerechnet ich?
Als die Haare ausfallen,
fällt die Hoffnung von ihm
wie das Laub im Herbst von den Bäumen.
Monate, vielleicht auch Jahre
wird es brauchen, bis er wieder
ein nomales Leben haben wird.
Wenn überhaupt.
Seinen Job macht inzwischen ein anderer.
Die Prognose ist gut.
Der Zweifel ist größer.
Andere haben es auch geschafft.
Daran hält er fest.

als der herr das los der gefangenschaft wendete
           da waren wir alle wie träumende
           wie lachende
           ach war das schön


Träume und Tränen

Wenn Gott und ich
zurück kehren
aus dem Land der Gefangenschaft, 
dann… 
Wenn und Dann
gehören zusammen.
Wie Himmel und Erde.
Wasser und Wind.
Liebe und Hass.
Luft und Liebe.
Schwarz und Weiß. 
Wenn und Dann.
Mensch und Gott.
Träume und Tränen.
Wenn Gott und ich zurückkehren
aus der Gefangenschaft der Zweifel
und des Scheiterns und
des Schicksals.
Wenn wir uns befreien
aus den klebrigen Netzen
der Erwartungen. 
Wenn wir
Müssen und Sollen
zurück lassen
wie die abgeworfene Haut einer Eidechse.
Wenn Gott und ich
die Billy-Anleitungen für
ein Leben im gleichförmigen Regalsystem
einer immer perfektionistischeren Gesellschaft
wegwerfen
als wären sie Steine,
die auf dem See hüpften.
Wenn Gott und ich all das hinter uns lassen -
so werden wir sein wie die Träumenden.
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.

Rückkehr
Vielleicht wird sie zurückkehren ins Leben
aus der Einsamkeit der Armut
und einem Leben ohne Strom.
Vielleicht wird er zurückkehren ins Leben
aus der Gefangenschaft der Angst
um seine Familie.
Vielleicht wird er zurückkehren ins Leben
aus der Gefangenschaft des Zweifels
an seinem Gesundwerden.
Vielleicht werde auch ich zurück kehren
aus meinen kleinen
und großen Gefangenschaften.

Leben träumen  
Bis dahin werde ich
Leben träumen.
Und versuchen, Träume zu leben. 
Bis dahin werde ich aber auch
weiter scheitern.
Weiter zweifeln und weiter
über das Schicksal schimpfen.
Ich werde
mein Leben weiterhin
falsch verschrauben
und unfertig
herumstehen haben.
Wie ein Billy-Regal,
das aufgegeben wurde,
weil es doch nicht so einfach war
wie in der Werbung. 
Bis dahin werde ich
mit Gott unterwegs sein.
Nicht nach Jerusalem.
Aber dahin,
wo für mich der Himmel ist.
Ich werde versuchen zu vertrauen,
dass mit Gott
gut werden kann,
was ich mir selbst
nicht zutraue. 
Bis dahin werde ich auch
die Hoffnung nicht aufgeben,
dass aus meinen Tränen
Träume wachsen,
die ich leben kann. 
So
kann ich frei sein.
Amen.

Sonntag, 30. Juni 2019

Tischgeschichten

Gottesdienst in Frickenhausen
30. Juni 2019


Gnade sei mit euch und Frieden.
Von dem der war, der ist und der kommt. Amen.


Jerusalem I

Nächstes Jahr in Jerusalem.
So grüßen sich
die frommen Jüdinnen und Juden
am Ende des Pessachfestes.
Nach dem Mahl,
das erinnert an
Schmerz und Trauer.
Und an das,
was das zerstreute Volk
zusammen hält.
Nächstes Jahr in Jerusalem.
Diese Worte
drücken alles aus,
was man hofft,
was man glaubt,
was man liebt.

Woher man kommt.
Und wohin man sehnt.

Nächstes Jahr in Jerusalem.
In der Stadt des Friedens.
Am Ziel
nach Wüste
und Flucht
und Exil.
Nächstes Jahr in Jerusalem
bedeutet Sitzen am gedeckten Tisch.
Nächstes Jahr in Jerusalem
ist eine Idee davon,
wie Heimat riecht und schmeckt.
Es ist der „Place to be“.
Dort, wo man weiß:
Ich bin zu Hause.
Hier bin ich richtig.
Und an alles ist gedacht.
Und man wird erwartet.
Und der Tisch ist gedeckt. 


Jerusalem II

Hin nach Jerusalem!
Hinauf nach Zion!
So schreit es der Prophet.

Worte aus dem Buch Jesaja (Jes 55):

Wohlan, alle, die ihr durstig seid,
kommt her zum Wasser!
Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst!
Kommt her und kauft ohne Geld
und umsonst Wein und Milch!

Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist,
und euren sauren Verdienst für das,
was nicht satt macht?
Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen
und euch am Köstlichen laben.

Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir!
Höret, so werdet ihr leben!


Kindheit

Als Kind
fand ich ihn riesig.
Den Tisch im Haus meiner Großeltern.
Er war quadratisch.
Und aus robustem Holz.
Holz, dem man die Macken und Flecken ansieht.
Ein Gebrauchsgegenstand mit Geschichte.
Selten zierte ihn eine Tischdecke.
Kein feiner Tisch war es,
sondern das, was man heute als
„rustikal“ bezeichnen würde.

Und er hatte eine Botschaft,
dieser Tisch.
Wie der Prophet.
Oder zumindest so ähnlich.

Kommt her!
Kommt her, ihr Hungrigen!
Und ihr Durstigen!
Hier ist Platz für euch!
Es gibt zu essen
und zu trinken.
Hier ist für alles gesorgt.
So reden
Prophet und Tisch.
Damals in Jerusalem.
Und damals,
aber im Vergleich noch nicht sehr lange her,
in Oberesslingen.



Place to be

Mehrmals in der Woche saß ich an diesem Tisch.
Als kleines Mädchen,
zu Besuch bei den Großeltern.  
Und auch später,
als ich größer war und  
gleich nebenan zur Schule ging.
Nicht mehr daheim, im beschaulichen Dorf,
sondern in der großen Stadt.
Aber da, wo nebenan der Tisch stand.
Gedeckt, im Angesicht meiner Feinde.
Und immer ein voll eingeschenktes Glas.
Mit Grapefruitsprudel.
Und ein gutes Wort.
Und ein offenes Ohr.

Vieles hat sich seither verändert.
Aber der alte Tisch
steht immer noch an seinem Platz
bei der Eckbank.
Dort in der Diele in Oberesslingen.
Im Wohnhaus,
das bis heute zu dieser riesigen Gärtnerei gehört.
Dem Spielplatz meiner Kindheit.
Ein Familienbetrieb.
Mit Azubis und Angestellten.
Mit Gärtnern und Floristinnen.
Mit Alten und Jungen.
Mit denen, die schon lange dazu gehörten
und denen,
die für ein paar Wochen als Aushilfen jobbten.
Viele gingen dort ein und aus,
und alle saßen an diesen Tisch.
Manche täglich,
andere sporadisch.

Er wurde an die nächsten Generation vererbt.
Mit Haus, Hof und Betrieb.
Als ich klein war, waren sogar die Urgroßeltern noch da.
Meine Urgroßeltern.
Heute ist es die Urgroßmutter meiner Tochter,
die den „Altersvorsitz“ hat.

Nie saß ich alleine
an diesem Tisch.
Es war und ist bis heute
ein Mehrgenerationenhaus.
Eine bunte Arbeitsgemeinschaft.
Und ein offenes Haus.
Wer da ist, bekommt etwas zu essen.
Oder zumindest einen Kaffee.
Oder einen Sprudel.
Und irgendwie
ist immer jemand da,
der Durst hat.
Oder Hunger.
Oder eine schmerzende Seele.
Und der Tisch ist da.
Und bietet Platz
für alle die ihn brauchen.
Place to be.

Wohlan, alle, die ihr durstig seid,
kommt her zum Wasser!
Auf den Berg Zion.
Und zum Tisch.


Gäste

Nebenan ist die Küche.
Dort hing auf der Rückseite der Tür
ein Tuch.
Eigentlich ist es ein Geschirrtuch.
Aber es war wohl zu schade,
um das Geschirr abzutrocknen.
Man hat ihm eine andere Aufgabe gegeben:
es hing an der Rückseite der Küchentür.
Und es stand eine Botschaft darauf:

5 sind geladen,
10 sind gekommen,
gieß Wasser zur Suppe,
heiß alle willkommen.

Wie bei Jesaja:

Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt,
zum Fürsten für sie und zum Gebieter.

Siehe, du wirst Völker rufen,
die du nicht kennst,
und Völker, die dich nicht kennen,
werden zu dir laufen um des HERRN willen,
deines Gottes, und des Heiligen Israels,
der dich herrlich gemacht hat.

5 sind geladen,
10 sind gekommen,
gieß Wasser zur Suppe,
heiß alle willkommen.

Meine Großmutter hat mir dieses
Geschirrtuch irgendwann vererbt.
Erst neulich hatte ich es wieder im Bügelkorb.
Und ich habe meine Großmutter gefragt,
woher das stammt und warum das da hing.
An der Küchentür. 
In der Küche neben diesem Tisch.
Sie konnte es mir nicht so recht erklären.
Es hing halt da.
Als Kind wusste ich,
intuitiv und ohne nachzudenken:
das stimmt.
Es sind alle willkommen.
Und es ist genug
für alle da.
Wohlan, alle, die ihr durstig seid,
kommt her zum Wasser!
Und zum Grapefruitsprudel
Und zum Kaffee.
Kommt her,
es gibt Roggenmischbrot
mit Becel-Margarine und Salami.
Und gebratene Leber mit Kartoffelbrei.
Und ein freundliches Wort
und ein offenes Ohr.   



Tische
5 sind geladen,
10 sind gekommen,
gieß Wasser zur Suppe,
heiß alle willkommen.
Nie habe ich das in Frage gestellt,
was ich als Kind
im Haus meiner Großeltern
erlebt habe.
Ich habe auch nie darüber nachgedacht.
Es war, wie es war.
Aber es war gut.
Der Tisch war mir
im Laufe meines Lebens
zum inneren Bild geworden.
Ohne, dass ich es bemerkt hatte.
In der Vesperkirche,
sitzen Menschen an
solchen Tischen.
Sie werden ihnen
für drei Wochen
zur Heimat.
Es gibt nicht nur zu Essen und zu Trinken.
Es gibt Frisör und Nähstube.
Und Konzert und Katzenfutter.
Aber meisten kommen, weil sie wissen:
Hier darf ich sein, wie ich bin:
Ein von Gott geliebter Mensch.
Trotz allem, was ich bin
und was aus mir wurde.
Und am Ende heißt es:
Nächstes Jahr in der Vesperkirche.
Da sind aber auch Gedanken,
die weiter reichen.
Zu den Menschen,
die mehr brauchen
und erhoffen
und sehnen.
Die durstig und hungrig sind
nicht nur nach Essen und sauberem Wasser.
Sondern nach Bildung, Gesundheit und  Gerechtigkeit.
Nach Menschenwürde. 
Die sich das alles erhoffen
weil sie
in ihrer Heimat
keinen Tisch wie diesen haben.
Die dafür sogar ihr Leben riskieren
auf dem Wasser.
Weil sie glauben:
Nächstes Jahr in Europa.


Innerer Tisch  

5 sind geladen,
10 sind gekommen,
gieß Wasser zur Suppe,
heiß alle willkommen.

Wer gehört an meinen Tisch?
Wer hat das Recht, dort Platz zu nehmen?
Mit wem teile ich mein Leben?
Mein Essen, mein Geld,
das Sozialsystem und
die Luft zum Atmen?
Mit wem teile ich Freude und Schmerz?

Für wen gieße ich Wasser zur Suppe
und fülle um in den größeren Kochtopf -
und das alles im Vertrauen,
dass es gut ist, wie es ist?
Für wen?

Wem gestatte ich zu sagen:
Ich bin zu Hause.
Hier bin ich richtig.
Und an alles ist gedacht.
Und man wird erwartet.
Und der Tisch ist gedeckt.

Irgendjemand hat mal gesagt:
Die, die da sind, sind die richtigen.
Und ich glaube,
Jesus hätte das auch so gesagt.
Amen.

Sonntag, 26. Mai 2019

Liebes Sachsen!



Liebes Sachsen!
30 Jahre ist es her, dass du es geschafft hast!
Du warst stolz darauf,
mit einem eisernen Willen 
die Mauer zu überwinden.
Sie einzureißen, obwohl sie unkaputtbar sein sollte.
Es wurde von "Wunder" gesprochen. Und von "Freiheit".
Wir haben dir deine Freiheit von Herzen gegönnt.
Und sie mit dir gefeiert.
Damals, als ich 11 war.
Ich weiß noch genau, wie es war,
als ich am Morgen danach auf der Terrasse stand
und ein komisches Geräusch hörte:
der erste Trabbi bog in unsere Straße ein.
Die Verwandschaft unserer Nachbarn.
Seither weiß ich,
wie ein Trabbi klingt.
Und seither weiß ich, wie sächsisch klingt.
Schon damals wusste ich:
Deutschland ist jetzt größer
und vor allem vielfältiger als vorher -
und das ist das Beste,
was Deutschland passieren konnte.
Davon bin ich auch heute noch überzeugt.
Es war auch immer irgendwie klar,
dass wir das mit der Wiedervereinigung zusammen hinkriegen.
Auch wenn Baden-Württemberg und Sachsen,
- gemeinsam betrachtet -,
ziemlich multi-kulti sind.

Inzwischen ist viel passiert.
Deutschland hat sich verändert.
Europa hat sich verändert.
Die Welt hat sich verändert.
Wir haben nicht nur Schwaben-Sachsen-Multikulti,
sondern Allerweltsmultikulti.
Menschen, die sich vor 50 Jahren nie begegnet wären,
leben heute friedlich
und in einem bunten und toleranten Deutschland
zusammen.
Unterschiedliche Lebensmodelle
stehen gleichwertig nebeneinander.
Keiner muss sich heute mehr Gedanken machen,
ob es okay ist,
als Single, Homosexueller,
Alleinerziehende oder Mutter-Vater-Kind-Familie
zu leben.
Meine Tochter
(sie ist heute so alt, wie ich damals)
zählt ihre türkischstämmige Freundin
in einer Reihe mit den Schwäbischen auf
und wundert sich darüber,
dass Enzo italienische Eltern hat: "Woher soll man das denn wissen?"

Liebes Sachsen,
wovor hast du eigentlich Angst,
wenn ein Drittel von dir AfD wählt?
Hast du vergessen, für welche Werte du gekämpft hast?
Wofür bist du auf die Straßen gegangen,
hast du im Stillen gebetet,
sogar im Knast gesessen?
Es erschüttert mich.
Ich verstehe es nicht.

Liebes Sachsen, du verrätst dich selber.
Deine eigene Geschichte.
Denk mal drüber nach,
wenn du nach der Party
und den ganzen Parolen
wieder einen klaren Gedanken fassen kannst.
Der Rest der Republik wird es dir danken.
Mit schmerzlichen Grüßen,
Eine,
die die Hoffnung nicht aufgibt.