Sonntag, 9. April 2023

Zwischenzeit

 


„In der Zwischenzeit ist ganz schön viel passiert!“
Jesus sitzt am Küchentisch. Vor ihm eine dampfende Tasse Kaffee, ein Stück Hefezopf und die Zeitung. In der liest er aufmerksam.
Es ist nicht so, dass Jesus eine Zeitung nötig gehabt hätte.
Schließlich ist er Gott und hat deshalb den Überblick über die Geschehnisse in Raum und Zeit - und es deshalb gar nicht nötig, jeden Tag über irgendwelche Dinge zu lesen, die in der Welt passieren. Aber Jesus liest trotzdem gerne Zeitung. Laut. Und er kichert dabei. „Tischtennis-Landesklasse. TSV Wendlingen 9:3 gegen den TGV Roßwälden. Läuft bei denen!“. Jesus nickt anerkennend.
„In der Zwischenzeit hat sogar der VfB mal gewonnen. 1:0 gegen Nürnberg. Das ist ja wohl mindestens bemerkenswert!“ Seraffiel lehnt für Engelsverhältnisse betont lässig im Türrahmen und hält sich an der Kaffeetasse fest. „Bisschen Auferstehung hat noch keinem geschadet, auch dem VfB nicht.“
„Korrekt!“ Jesus nickt anerkennend. „Es ist schon gut, dass die Menschen in der Zwischenzeit gelernt haben, auch kleine Erfolge zu feiern und wertzuschätzen.“
„Ach, deshalb bist du nicht frustriert?“
„Warum sollte ich frustriert sein?“ Jesus blickt den Engel erstaunt an.
„Weil sich kein Mensch 
mehr,“ so erklärt der Engel, „für die Kirche interessiert, für den Glauben. Und für dich schon gleich gar nicht! Dabei hast du doch alles gegeben! Aber: die kommen offensichtlich auch ohne Dich klar.“
„Stimmt!“ Jesus nickt zustimmend. „Ich hab alles gegeben. Aber wo genau ist jetzt dein Problem?“
„Lies doch mal: Die Zeit der Konfessionen geht zu Ende. Mit dem christlichen Gehalt des Osterfestes wissen viele Menschen nichts mehr anzufangen. Hier steht es schwarz auf weiß.“
„Konnten sie es damals?“ Jesus schaut Seraffiel irritiert an. „Immerhin musstest du als großer Fürchte-dich nicht-Engel erst mal hart durchgreifen, damit nicht alle davonrennen.“
Seraffiel atmet tief ein und aus. Und erinnert sich an damals, als Jesus zum ersten Mal auferstanden war und die Frauen ihn angesehen hatten, als hätten sie es mit einem Alien zu tun.
„Das war ja auch… äh… echt ne harte Nummer. Die wussten das doch gar nicht, dass du nicht tot sein würdest!“
„Stimmt. Aber auch damals war nicht allen klar, was sie mir bedeuten. Deshalb brauchte ich dich. Um den Menschen zu helfen, die Situation richtig einzuordnen.“ „Und heute??“ Seraffiel schenkt Kaffee nach. „Muss ich heute auch noch helfen, die Situation einzuordnen?“
„Natürlich. In der Zwischenzeit mag sich zwar vieles verändert haben in dieser Welt. Aber eines ist kein bisschen anders. Nämlich, dass mir diese Menschen sehr viel bedeuten.“ 
Jetzt schaut Seraffiel genervt und redet sich in Rage. „Jetzt dreh das doch nicht immer alles um! Du kannst die Menschen noch so sehr lieben! DU bedeutest den Menschen nichts! Oder nicht mehr viel! Du kannst sie noch so sehr lieben – wenn sie dich nicht zurück lieben – dann ist das doch völlig sinnlos!“
„Nein, es ist nicht sinnlos.“ Jesus bleibt überraschend ruhig. „Meine Liebe zu den Menschen ist nicht an Bedingungen geknüpft. Noch nicht mal daran, dass sie erwidert wird. Und deshalb kann ich sie auch nicht zwingen, an irgendetwas zu glauben. Egal, welche Religion.“
Seraffiel hat sich wieder einigermaßen im Griff, aber wenn sie jetzt schon dabei sind, dann will er dieses Thema mit Jesus ausdiskutieren.
„Aber was ist mit dem ganzen Schmerz? Mit dem Leid? Mit den ganzen Schlagzeilen, die die Menschen runterziehen? Eine tote 10jährige in der Jugendhilfe-Einrichtung. Fachkräftemangel in der Pflege. Klimaerwärmung, Krieg, Tod und Teufel. Herrgott nochmal! Da frag ich mich wirklich, was mein ‚Fürchte dich nicht‘ da noch bringen soll!“ Genervt schlägt Seraffiel etwas unengelhaft mit der flachen Hand auf den Küchentisch.
Das bringt Jesus allerdings nicht aus der Ruhe: „Ich kenn das. Sagt doch niemand, dass in der Zwischenzeit alles gut geworden ist. Ich mach das doch mit den Menschen alles mit. Glaubst du, ich wüsste nicht, wie sich all das anfühlt?
„Schon klar!“ erwidert der Engel. „Ich weiß, du bist der Einzige, der der da vollumfänglich mitreden kann.“
Und Jesus fügt hinzu: „Und ich bin der Einzige, der zuverlässig weiß, dass nach dem Tod nicht das Ende ist.“ Jesus steht auf und legt Seraffiel die Hand auf die Schulter. 
„Weißt du, Seraffiel, wir leben jetzt in der Zwischenzeit. Und deshalb sehen die Menschen alles wie durch verspiegeltes Glas als dunkles Bild. Sie sind noch gar nicht in der Lage, all das zu begreifen, was um sie herum ist. Aber eines Tages werden sie sehen, wie alles wirklich ist und wie die Dinge miteinander zusammenhängen. Jetzt erkennen sie nur stückweise, wie das mit dem neuen Leben einmal sein wird; am Ende aber werden sie mich erkennen und verstehen, wie alles wirklich ist. Bis dahin brauchen die Menschen dich. Dein Fürchte-dich-nicht. Und deinen Blick für kleinen Auferstehungswunder im Alltag.“ 
Seraffiel schaut nachdenklich aus dem Fenster, während Jesus sich wieder seiner Zeitung zuwendet.Über sein Gesicht huscht ein Lächeln, als er laut vorliest: „Vom Flüchtling zum Bürgermeister. Ryyan Alshebl floh 2015 über das Mittelmeer aus Syrien nach Deutschland. Er wird er Bürgermeister in Ostelsheim und der erste Rathauschef mit syrischen Wurzeln in Baden-Württemberg.“
„Das hätte sich vor ein paar Jahren noch niemand vorstellen können.“
stellt Seraffiel fest.
„Siehst du, Seraffiel, die Menschen können also durchaus unterscheiden, ob ihnen ein Fürchte-dich-nicht-Engel etwas ins Herz legt oder Hui-Buh, das Schlossgespenst. Du hattest da doch die Finger im Spiel?“
Seraffiel grinst. „Natürlich. Und beim VfB auch.“
 

Dienstag, 4. April 2023

Passion klingt anders: Durch die Nacht (Silbermond)

Durch die Nacht (Silbermond) 
Foto: Unsplash

Passionsandacht
Eusebiuskirche 
04. April 2023


Die Nacht,
sie lässt sich nicht ausknipsen.
Nicht im Kopf, nicht im Herzen.
Schon gleich gar nicht diese Nacht.
Eine Nacht in der man die Hand nicht vor Augen
und den Schleier nicht vor der Seele sieht.
Eine Nacht, von der man nur weiß, dass sie ist.
Ich bin ein Teil von ihr.                                         
Und die Nacht ist ein Teil von mir.                      
Und ihr Ende ist noch nicht in Sicht.  


Die Nacht,
sie knipst alles andere aus.
Die Welt verschwindet im Nichts.
Was anderswo stattfindet,
spielt keine Rolle.
Was geschieht, geschieht hier.
Bei mir. Mit mir. In mir.
Ich bin die Welt in dieser Nacht.   
Die Stille ist ohrenbetäubend.
Sie wird durchbrochen
durch das Zirpen von Grillen
und das Knacken alter Bäume im Wind.
Nacht in Gethsemane. 

Diese Nacht,
sie verändert alle.

Jesus.
Petrus, Johannes und Jakobus.  
Mich.

Ich lese aus dem Matthäusevangelium, Kapitel 26

Da kam Jesus mit ihnen zu einem Garten,
der hieß Gethsemane, und sprach zu den Jüngern:
Setzt euch hierher, solange ich dorthin gehe und bete.
Und er nahm mit sich Petrus und die zwei Söhne des Zebedäus
und fing an zu trauern und zu zagen.
Da sprach Jesus zu ihnen: Meine Seele ist betrübt bis an den Tod;
bleibt hier und wachet mit mir!
Und er ging ein wenig weiter, fiel nieder auf sein Angesicht
und betete und sprach:
Mein Vater, ist’s möglich, so gehe dieser Kelch an mir vorüber;
doch nicht, wie ich will, sondern wie du willst!
Und er kam zu seinen Jüngern und fand sie schlafend und sprach zu Petrus: Konntet ihr denn nicht eine Stunde mit mir wachen?
Wachet und betet, dass ihr nicht in Anfechtung fallt!
Der Geist ist willig; aber das Fleisch ist schwach.
Zum zweiten Mal ging er wieder hin, betete und sprach:
Mein Vater, ist’s nicht möglich, dass dieser Kelch vorübergehe,
ohne dass ich ihn trinke, so geschehe dein Wille!
Und er kam und fand sie abermals schlafend,
und ihre Augen waren voller Schlaf.
Und er ließ sie und ging wieder hin
und betete zum dritten Mal und redete
abermals dieselben Worte.
Dann kam er zu den Jüngern und sprach zu ihnen: 
Ach, wollt ihr weiterschlafen und ruhen?
Siehe, die Stunde ist da, dass der Menschensohn
in die Hände der Sünder überantwortet wird.
Steht auf, lasst uns gehen!
Siehe, er ist da, der mich verrät.

 

Die Nacht, sie lässt sich nicht ausknipsen.
Nicht für Jesus.
Er weiß um die Bedeutung der Nacht.
Und er weiß, dass die Nacht der Welt begonnen hat.
Die Nacht der Welt, die zugleich seine Nacht ist.
Die Nacht in Gethsemane,
in der er ganz Mensch ist.
Angst hat. Betrübt ist bis in den Tod.
und am liebsten weglaufen will vor dem, was kommt.
Die Nacht in Gethsemane,
in der er trotz allem weiß,
dass es nicht in seiner Macht steht,
was mit ihm geschieht.
Die Nacht, in der er sich selbst ausliefert.
Seinem Vater: Nicht, wie ich will, sondern wie du willst.


Ich will weg von hier                                                
Doch ich weiß, egal, wohin ich lauf'
Das mit dir hört nich' auf
Sag mir, wann hört das auf
Und ich kämpf' mich durch die Nacht
hab' keine Ahnung, was du mit mir machst
Ich krieg' dich nich' aus meinem Kopf und dabei will ich doch
(Silbermond) 

Die Nacht, sie lässt sich nicht ausknipsen.
Nicht für Petrus, Johannes und Jakobus.
Drei Männer, die bei Jesus sind.
Sie haben einen Job zu machen:
Sitzen – bei ihrem Freund.
Wachen und beten.
Und die Nacht mit aushalten,
während sich Jesus durch seine Nacht kämpft.
Gar nicht so einfach, diese Arbeit:
Sitzen und die Nacht mit aushalten.
Es ist nicht nur die Nacht in Gethsemane.
Es ist auch die Nacht ihrer Welt.  
Sie kämpfen gegen die Dunkelheit in der Seele und im Herzen.
Gegen die Müdigkeit und die Schwere des Mitaushaltens.
Sie kämpfen sich durch die Nacht,
um dabei erschöpft einzuschlafen
und sich einzugestehen:
Der Geist ist willig,
aber das Fleisch ist schwach.
Wir schaffen diese Nacht nicht.
Diese Nacht schafft uns.

Alles würde sich verändern, wenn ich dich nich' mehr wiederseh'
Ich will weg von hier
Doch ich weiß, egal, wohin ich lauf'
Das mit dir hört nich' auf
Sag mir, wann hört das auf
Und ich kämpf' mich durch die Nacht
Hab' keine Ahnung, was du mit mir machst
Ich krieg' dich nich' aus meinem Kopf und dabei will ich doch
Und ich kämpf' mich durch die Nacht
Bin unter Tränen wieder aufgewacht
Ich krieg' dich nich' aus meinem Kopf und dabei muss ich doch 

Die Nacht lässt sich nicht ausknipsen.
Nicht die Nacht in Gethsemane
und nicht die Nacht auf Golgatha.
Auch nicht die Nacht in den Seelen vieler.
Nicht die Nacht in meiner Seele.
Und ich kämpf' mich durch die Nacht
Bin unter Tränen wieder aufgewacht.

Viele Nächte sind seither
gekommen und gegangen.
Viele Nächte wurden
seit jener Nacht in Gethsemane
durchwacht und durchkämpft. 
Viele Nächte sind es
Nacht für Nacht
und Tag für Tag.   


Nächte an Krankenbetten und über Abschiedsbriefen.  
Nächte in Bunkern unter zerstörten Städten.
Nächte in Kasernen und an Regierungstischen.
Nächte in missbrauchten Kinderseelen und
Nächte in einsamen Herzen.
Nächte über dem Kontoauszug.
Nächte im aufblasbaren Gummiboot zwischen Benzin und Fäkalien und
Nächte in den Gedanken derer, die wissen:
meine Liebsten sind da draußen auf dem Mittelmeer.
Nächte in der Unfallchirurgie und
Nächte am Bett der Intensivstation.

Die Nacht lässt sich nicht ausknipsen.
Nicht die Nacht in dieser Welt und
nicht die Nächte in meiner Seele.

Nächte sind lang,
wenn ich nichts ändern kann an der Situation.
Nächte sind lang,
wenn ich mit meinem Innersten alleine bin,
und die dünnhäutigen Stellen immer mehr werden.
Wenn ich mir Fragen stelle, auf die niemand eine Antwort hat.
Und wenn etwas in mir so zerbrochen ist,
dass es kaum mehr gut werden kann.
Nächte sind lang, wenn da niemand ist,
der mit mir wach bleibt
und aushält
und meinen Schmerz mit erträgt. 

Für Jesus war diese Nacht lang.
Drei Mal hat er seinen ganzen Schmerz
in Worte gefasst.
Drei Mal hat er sich gewünscht, nicht alleine
in der Nacht ausharren zu müssen.
Und doch:
Drei Mal musste er feststellen: Es war zu viel.
Zu viel für diese Freunde, die mit ihm waren –
und die ihn dann doch in seinem Schmerz allein ließen.

Für Petrus, Johannes und Jakobus war diese Nacht lang.  
Drei Mal haben sie versucht,
zu tun, was Jesus ihnen gesagt hat:
zu wachen und zu beten.
Drei Mal haben sie angekämpft gegen die Müdigkeit
und gegen die Schwere ihrer Augenlider.
Drei Mal hat Jesus sie schlafend vorgefunden.  
Drei Mal sind sie gescheitert an ihrer Aufgabe,
der Nacht die Stirn zu bieten. 

Drei Mal.  
Drei Mal, nach denen Jesus hätte sagen können:
Wisst ihr was? Ich machs alleine.
Ich kämpf mich alleine weiter durch die Nacht.
Wer sich auf euch verlässt, ist verlassen.
Aber das tut Jesus nicht.
Jesus lässt Petrus, Johannes und Jakobus
nicht in der Nacht zurück.
Es ist ein kleiner Satz,
der unscheinbar zwischen zwei großen Sätzen steht:
„Steht auf, lasst uns gehen!“

Jesus nimmt seine Freunde mit auf den Weg.
Wissend darum, dass er bald verhaftet wird -
und einer bereit ist, ihn zu verraten.

„Steht auf, lasst uns gehen“.

Jesus traut seinen Jüngern viel zu.
Oder müssten wir nicht sagen:
Er mutet ihnen viel zu?

Es ist eine Momentaufnahme.
Im Rückspiegel wissen wir,
dass alles, was danach kam, noch viel schlimmer wurde. 

„Steht auf, lasst uns gehen.“:
ein kleiner Satz, der eine
ausweglos scheinende Situation auflöst.
Ich glaube, dieser Satz kann mehr,
als man ihm im ersten Moment zutraut.
Es ist ein Satz für viele Nächte,
nicht nur die von Jesus, Petrus, Johannes und Jakobus.
Es ist auch ein Satz für die Nächte von uns allen.  
„Steht auf, lasst uns gehen!“,
das bedeutet für mich:
Ich will nicht mehr verharren in der Nacht
und in der Situation, die weh tut.
„Steht auf, lasst uns gehen!“,
das bedeutet für mich:
ich bin nicht alleine. Andere sind mit mir.
Sind mit mir - mit dem ganzen Schmerz und den Sorgen.
Und mit diesen ganzen Gefühlen.
Sie alle kennen die Nacht.
Wie Jesus.
Wie Petrus, Johannes und Jakobus
in der Nacht in Gethsemane.
Wie ich.
Und deshalb:
„Steht auf, lasst uns gehen.“
im Vertrauen darauf:
egal, wohin ich lauf'
das mit dir hört nich' auf
Damals nicht
in Gethsemane und auf Golgatha.
Und heute auch nicht.

Amen.







Freitag, 30. Dezember 2022

Ökosystem Himmelreich 2022

Gottesdienst
in der Jakobskirche Bodelshofen
am 31.12.2022

Rö 8,31b-39 / Mt 13, 24-30

Leben: Monokultur oder
biologisch-dynamischer Ackerbau?
Ein Rückblick
auf das Ökosystem
„Himmelreich 2022“



Das Gleichnis vom Unkraut zwischen dem Weizen

Jesus erzählte der Volksmenge noch ein weiteres Gleichnis:
»Mit dem Himmelreich ist es wie bei einem Bauern,
der auf seinen Acker guten Samen aussäte. Als alle schliefen, kam sein Feind.
Er säte Unkraut zwischen den Weizen und verschwand wieder.
Der Weizen wuchs hoch und setzte Ähren an.
Da war auch das Unkraut zwischen dem Weizen zu erkennen.
Die Feldarbeiter gingen zum Bauern und fragten ihn:
›Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät?
Woher kommt dann das Unkraut auf dem Feld?‹
Er antwortete: ›Das hat mein Feind getan.‹
Die Arbeiter sagten zu ihm:
›Willst du, dass wir auf das Feld gehen und das Unkraut ausreißen?
‹ Aber er antwortete: ›Tut das nicht, sonst reißt ihr
zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus!
Lasst beides bis zur Ernte wachsen.
Dann werde ich den Erntearbeitern sagen:
Sammelt zuerst das Unkraut ein!
Bindet es zu Bündeln zusammen, damit es verbrannt werden kann.
Aber den Weizen bringt in meine Scheune.‹«
(Matthäus 13,24-30)


I.                   Himmelreich 2022

Es war einmal das Jahr 2022.
Und mit dem Jahr 2022 ist es wie mit dem Himmelreich.  
Und ich bin Teil davon – und mein Leben auch.
Und ihr seid Teil davon – und euer Leben auch.  
Und das Leben aller anderen auch.
Es war einmal
das Himmelreich 2022.
Von dem Jesus spricht, als sei es ein Acker,
der im letzten Jahr bewirtschaftet wurde:
gepflügt und umgegraben und gedüngt.
Es wurde gesät.
Um Regen gebeten und von Hand gegossen,
weil Regen lange ausblieb.
Gewartet wurde auch, teils lange und viel
bis die ersten grünen Spitzen
durch die krümelige Erde brechen.
Und wieder wurde gedüngt. Gehackt.
Auf Sonne gewartet und auf den Regen.
Gebangt und gehofft wurde nach Starkregen und Hagel
dass aufersteht, was niedergedrückt war.
Gewachsen ist Jahr und Himmelreich.
Weizen und Unkraut.
Gutes und Böses.
Hilfreiches und Schweres.

Mit dem Himmelreich aber ist es
wie bei einem Bauern,
der auf seinen Acker guten Samen aussäte.   

 

II.                Weizen

Gute Samen, und sie sind gewachsen
und groß geworden im letzten Jahr.
Im Himmelreich 2022 wurde geliebt,
umarmt und geküsst.
Lieblingsmenschen wurden sehnlichst erwartet
und neue Menschen geboren.
Neuanfänge und Versöhnungen wurden gefeiert
und alte Zöpfe erleichtert abgeschnitten.
Viele schöne Stunden wurden wahr
in diesem Himmelreich 
mit Wein und Abendrot
mit Musik und Tanz
und Lachen
und mit dem Duft von frisch gebackenem Brot.
Erfolge wurden gefeiert
mit Konfetti und
Sprühnebel von Champagner in der Luft.
Neue Häuser und Wohnungen wurden gefunden
und es wurde vor Erleichterung tief durchgeatmet.
Denn da wurde nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern Heimat.
Schutzengel waren unterwegs. Viele.
Und Freunde waren da.
Der blühende Kirschbaum.
Hoffnung.
Und das Lachen der Kinder auf der Schaukel.

Der Weizen aber wuchs hoch und setzte Ähren an
im Himmelreich 2022. 

III.             Unkraut  

Als alle schliefen, kam der Feind.
Er säte Unkraut zwischen den Weizen
und verschwand wieder.
Da war auch das Unkraut zwischen dem Weizen zu erkennen.
 

Unkraut 2022.
Der Streit mit den Nachbarn, Corona,
Querdenker-Diskussionen am eigenen Küchentisch
und die miese Laune des Mitbewohners.
Die überfahrene Katze.
Trennung und Depression.
Einsamkeit.  
Rote Zahlen auf dem Konto.
Krebsdiagnose, Beinbruch
und Kopfschmerzen vom Stress. 
Der Verlust der Arbeit,
ein falscher Aktienkauf,
der Unfall des Freundes.
Krieg in Europa.
Schlaflose Nächte aus Sorge vor Strom- und Gasrechnungen.
Ertrunkene Geflüchtete im Mittelmeer.
Waldbrände in Brandenburg.
Der Tod von Hagrid und der Queen,
Vivian Westwood und Pelé.
Und heute früh auch noch der Papst. 
Explodierte Gaspipelines,
eine Ehrenrunde in Klasse 10 und
die Delle im Auto inklusive Fahrerflucht.
Eine rechtspopulistischen Regierung in Italien,
die Übernahme von Twitter durch Elon Musk
und die Magen-Darm-Grippe
pünktlich zu Weihnachten auch.

Die Feldarbeiter gingen zum Bauern und fragten ihn:
„Herr hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät?
Woher kommt dann das Unkraut auf dem Feld?“
Er antwortete: „Das hat mein Feind getan.“
 

IV.            Monokultur


Wo Weizen gesät ist, soll Weizen geerntet werden.
Deshalb wäre es doch viel besser,
wenn da nur Weizen wachsen würde.
Keine Schlingpflanzen, kein Löwenzahn.
Und vor allem: keine Disteln.
Nur Weizen. Das macht am wenigsten Arbeit.
Nichts aussortieren müssen. Nur Ernten.
Nur das Leben genießen.
Keine Verunreinigungen, die den Ertrag schmälern
und den Marktwert der Ernte senken.
Weizen als Monokultur - und alles ist gut.
Kein Unkraut, keine nervige Zusatzarbeit,
keine Energieverschwendung.
Volle Ertragseffizienz in Sachen perfektes Leben:
Ach Bauer, das wär doch
das perfekte Himmelreich 2022 gewesen.
Und das wäre es auch für
das Himmelreich 2023 und alle,
die da noch kommen.
Die Feldarbeiter fragten ihn:

„Willst du, dass wir auf das Feld gehen und das Unkraut ausreißen?“
Aber er antwortete:
„Tut das nicht, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus!
Lasst beides bis zur Ernte wachsen!“

 

V.               Biologisch-dynamischer Ackerbau

Unkraut im Weizenfeld macht Landwirten Mühe.
Acker-Fuchsschwanz und Quecke,
Vogelmiere und Feld-Rittersporn –
all das gehört da nicht hin.

„Lasst beides bis zur Ernte wachsen!“

Vor meinem inneren Auge
sehe ich meine Oma Gretel auf Löwenzahnjagd.
Niemals hätte sie den stehen lassen,
bis der Wind die Schirmchen alle verteilt hat!
Niemals!

„Tut das nicht, sonst reißt ihr zusammen mit dem Unkraut auch den Weizen aus!
Lasst beides bis zur Ernte wachsen!“ 

Die Zeiten von „Round Up“ und
großangelegtem Kampf gegen das Böse
sind zumindest in der Landwirtschaft vorbei.
Man hat verstanden,
dass das Gute mit darunter leidet,
wenn man das Böse vernichtet.
Man hat genug Erfahrung, um zu sehen:
manches Unkraut ist zwar lästig.
Aber es sorgt dafür, dass sich der Boden lockert
und somit der Weizen besser wächst.
Und man weiß: wenn man geschickt kombiniert,
und Fruchtfolgen beim Anbau beachtet,
dann nimmt das Unkraut nicht überhand.

Lasst beides bis zur Ernte wachsen!

In der Landwirtschaft und im Leben
gehört beides zusammen:
Unkraut und Weizen.
Schwieriges und Schönes.
Tiefen und Höhen.
Und im Himmelreich auch.
Denn das eine gibt es
ohne das andere nicht.

VI.            Ökosystem Himmelreich

Das Himmelreich gleicht einem Ökosystem
und mein Leben auch.
Und das Jahr 2022
und all die Jahre die noch kommen.  
Da war
und wird sein
Böses und Gutes.
Hässliches und Schönes.
Unkraut und Weizen.

Nie das eine ohne das andere.
Am Ende wird Jesus sagen:

Sammelt zuerst das Unkraut ein!
Bindet es zu Bündeln zusammen,
damit es verbrannt werden kann.
Aber den Weizen bringt in meine Scheune.

Es ist nicht außer Kontrolle, das Unkraut.
Es wird auch nicht eingelagert
und niemand wird davon zehren.
In die Scheune kommt nur der Weizen -
aber erst am Ende
und nicht schon jetzt.

Bis dahin sind wir Feldarbeiter*innen.
Feldarbeiter*innen, die klarkommen müssen
mit dem, was da wächst -
Unkraut UND Weizen.

Feldarbeiter*innen,
die eines verstanden haben:
Unkraut gibt es nur,
weil es auch den Weizen gibt.
Und auch wenn das Unkraut
manchmal wuchert:
Am Ende bleibt der Weizen.  

Wir sind Feldarbeiter*innen,
die hacken und gießen,
und hegen und pflegen
den himmlischen Acker,
unser Leben.

Wir sind Feldarbeiter*innen
im Himmelreich
und sind gewiss,
dass weder Tod noch Leben,
noch Engel noch Mächte noch Gewalten,
weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges
weder Hohes noch Tiefes
noch irgendein anderes Unkraut
uns scheiden kann
von der Liebe Gottes,
die in Christus Jesus ist,
unserm Herrn.

Amen.

Sonntag, 11. Dezember 2022

The Christmas Way - oder: Wann ist man zu alt für einen Adventskalender?

(Foto: pixabay) 

Gottesdienst mit dem Pop-Gospel-Chor 

am 11. Dezember 2022 / 3. Advent 
Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar

 »Tröstet, tröstet mein Volk!«, spricht euer Gott.
Redet herzlich mit Jerusalem, sagt über die Stadt:
»Ihre Leidenszeit ist zu Ende, ihre Schuld ist restlos abgezahlt.
Denn für all ihre Vergehen wurde sie vom Herrn doppelt bestraft.«
Eine Stimme ruft: »Bahnt in der Wüste einen Weg für den Herrn!
Ebnet unserem Gott in der Steppe eine Straße!
Alle Täler sollen aufgefüllt werden, Berge und Hügel abgetragen.
Das wellige Gelände soll eben werden und das hügelige Land flach.
Der Herr wird in seiner Herrlichkeit erscheinen,
alle Menschen miteinander werden es sehen.
Denn der Herr selbst hat es gesagt.«
Eine Stimme spricht: »Verkünde!«
Ich fragte: »Was soll ich verkünden?
Alle Menschen sind doch wie Gras.
In ihrer ganzen Schönheit gleichen sie den Blumen auf dem Feld.
Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Wind des Herrn darüberweht.
Nichts als Gras ist das Volk!«
»Ja, das Gras verdorrt, die Blume verwelkt,
aber das Wort unseres Gottes bleibt für alle Zeit.«
Steig auf einen hohen Berg, du Freudenbotin für die Stadt Zion!
Verkünde deine Botschaft mit kraftvoller Stimme,
du Freudenbotin für Jerusalem!
Verkünde sie, hab keine Angst!
Sprich zu den Städten Judas: »Seht, da kommt euer Gott!
Seht, Gott, der Herr!
Er kommt mit aller Macht und herrscht mit starker Hand.
Seht, mit ihm kommt sein Volk! Die er befreit hat, ziehen vor ihm her.
Wie ein Hirte weidet er seine Herde:
Die Lämmer nimmt er auf seinen Arm
und trägt sie an seiner Brust. Die Muttertiere führt er sicher.«

Jesaja 40,1-11 (Basisbibel)


I.                   Frage

Wann ist man eigentlich zu alt für einen Adventskalender?
Eine Freundin schrieb
kurz vor dem ersten Advent im Chat:
„Das war zum letzten Mal. Irgendwann ist mal gut.“
Gerade eben hatte sie die Adventskalender für ihre drei inzwischen erwachsenen Kinder losgeschickt.
Hm. Knallhart. Zack. Kein Adventskalender mehr.
„Irgendwann ist mal gut“.
Nicht nur in mir regte sich Widerstand
und ich stelle mir die Frage:
Wann ist es tatsächlich gut mit dem Warten?
Und wann arrangiert man sich so sehr mit dem, was ist,
dass man darauf verzichtet,
was beim Warten hilft? 

II.                Israel

Gewartet haben auch die Menschen,
an die Worte im Buch Jesaja gerichtet waren.
Im Lauf der Jahrhunderte
waren sie das Warten gewohnt,
die Menschen aus dem Volk Israel.
In Babylon gefangengenommen
wurden ihre Vorfahren.

Inzwischen waren sie dort
sesshaft geworden.
Eigentlich fühlt sich alle normal an.
Sie kannten ja nichts anderes –
außer die Erzählungen ihrer Vorfahren.  
Jede Generation hat der nächsten davon erzählt,
was das Volk erlebt hat -
und dass einmal alles wieder anders wird.
Weil Gott es versprochen hat.
Und weil einer kommt, der das Volk befreit.

Sie warten aus Überzeugung.
Weil Gott immer wieder Menschen geschickt hat,
die von diesem Versprechen erzählt haben.
Ob es sich jemals erfüllt?


III.             Warten

Wenn das Warten lang wird,
ist es gut, wenn einer kommt.
Ein Adventskalender, mit Türchen.
Für jeden Tag eins.
Ein Zeitvertreib:
eine Strickliesel für den wärmenden Schal.
Etwas Schönes: der selbstgebackene Tannenbaum
aus Salzteig. Mit Goldglitzer.
Etwas Leckeres: eine Praline mit Whisky und Meersalz.
Das erinnert an Urlaub.
Eine Bastelidee: ein Stern,
um anderen eine Freude zu machen.
Ein Hoffnungstext. Ein Herzensbild. Ein Glitzerengel.

Wenn das Warten lang wird, ist es gut,
wenn einer kommt.
Ein Hoffnungsmensch, der weitersieht.
Weiter sieht als den nächsten Tag ‚
oder die nächste Woche.
Weiter als die Zeit vom 1. Dezember bis Weihnachten. 
Ein Prophet, der die Zeit überblickt und vertreibt.
Einer mit glitzernden Worten
und Hoffnung die ansteckt.
Ein Wartender unter Wartenden.
Aber keiner, der ungeduldig mit den Füßen scharrt.
Es muss einer sein, der weiß: Warten lohnt sich.
Von ihm erzählt das Jesajabuch,
in der Schriftlesung haben wir davon gehört.
Dieser Hoffnungsmensch weiß, was man tun muss,
damit das Warten nicht vergeblich ist.
Und gewissermaßen öffnet er Türchen.
Türchen, die bis heute Wartende unterstützen. 
Es sind alles Imperative. Befehle.
Aufforderungen, etwas zu tun.
Sich nicht nur seinem Schicksal zu ergeben,
sondern das Warten aktiv zu gestalten.

Das erste Türchen:

 

IV.            Tröstet!

Tröstet, tröstet mein Volk! Spricht euer Gott.
Tröstet! Ist es Zufall,
dass diese Aufforderung die Erste ist?
Tröstet! Verteilt Taschentücher!
Nehmt Menschen in den Arm!
Seid bei denen, die das Leben nicht aushalten!
Tröstet!
Hört der jungen Frau zu,
die mit Weihnachten einfach nichts anfangen kann.
Sie ist allein gelassen und hat niemanden mehr -
nur noch das Grab der Mutter auf dem Friedhof.
Tröstet!
Nehmt die an der Hand,
die ohne ihr Hab und Gut geflüchtet sind
und jetzt hier neu anfangen müssen.
Deren Erinnerungen an friedvolle Zeiten alles ist,
was sie aus der Heimat mitnehmen konnten.
Tröstet!

Das Zweite Türchen:

V.                Redet!

Redet herzlich mit Jerusalem.
Redet! Und das sogar herzlich!
Also: teilt anderen mit, was auch auf dem Herzen liegt.
Redet - und schweigt euch nicht an.
Redet – und geht nicht davon aus,
dass alle automatisch riechen, was dran ist.
Sagt den Menschen, was euch bewegt.
Was euch umtreibt.
Das schafft Beziehung.
Und es kann den Blick
auf die Dinge und Umstände verändern.
Redet mit dem Bruder,
dem ihr lieber aus dem Weg geht.
Redet mit dem komischen Kauz aus dem 4. Stock
oder der Frau von der Parkbank
mit ihrem zotteligen Hund.
Redet!
Redet mit der einsamen Witwe von nebenan,
die niemanden zum Austausch hat.
Redet mit dem 12jährigen,
der gedankenverloren durch die Straßen zieht
und nicht weiß, was ihn zu Hause erwartet.  
Und auch wenn es sich fast überflüssig anhört:
redet mit den Menschen, die ihr lieb habt
und die euch nahe stehen.
Beziehungen sterben,
weil Menschen nicht miteinander reden,
sondern nebeneinanderherwarten.  
Deshalb: Redet!

Das dritte Tüchen:
 

VI.            Bahnt!

Bahnt in der Wüste einen Weg für den Herrn!
Bahnt!  Schlagt eine Schneise!
Sorgt dafür, dass Hindernisse
aus dem Weg geräumt werden!
Bereitet euch darauf vor,
dass jemand kommt.
Da geht es ganz konkret um Advent.
Gott kommt – und braucht Platz.
Bahnt Wege durch euren Alltag,
eure Wüsten!
Schaufelt euch frei
von Terminen und Verpflichtungen.
Sie sind zwar wichtig, aber nicht das Wichtigste!
Nehmt euch Zeit für das, was euch hilft
zu glauben, zu hoffen und zu lieben.
Erzählt euch Geschichten
und singt Hoffnungslieder.
Stellt Kerzen ins Fenster und vor die Tür.
Hört laut das Weihnachtsoratorium
und lasst das Haus duften
nach Vanillekipferl und dem Räuchermännchen
aus dem letzten Urlaub.
Verheddert euch in Lichterketten
und faltet mit euren Enkeln transparente Fenstersterne.
Sie beleuchten euren inneren Weg an die Krippe
in bunten Farben.
Bahnt eine Lichtspur durch die Winterwüste,
durch diese Stadt.
Bis zur Krippe im kalten Stall.

Das vierte Türchen:

 

VII.         Verkündige!

Eine Stimme spricht: „Verkündige!“
Ich fragte: „Was soll ich verkündigen?“
Und die Stimme spricht: „Das Gras verwelkt, die Blume verdorrt, aber das Wort unseres Gottes bleibt für alle Zeit.“
Verkündige!
Erzähl weiter vom Wort Gottes!
Lebe das Wort Gottes!
Nimm den Auftrag an!
Man muss nicht die Diakonin oder Pfarrer sein
um von der Hoffnung zu reden.
Mann muss nicht Sozialarbeiterin sein,
um Menschen spüren zu lassen,
dass sie geliebt sind.
Man muss nicht rhetorisch perfekt sein,
um Menschen zu zeigen,
dass sie eine Würde haben.
Verkündige!
Das tut auch, wer bei Carisatt hinter der Kasse steht,
im WeRT-Team hilft, Formulare auszufüllen
oder als Dolmetscherin mit zu Behörden geht.
Verkündige!
Das tut, wer Kaffee kocht und Socken strickt,
Sterbende begleitet und
Menschen im Gefängnis besucht.
Verkündige! 
Das sind nicht nur Worte sondern auch Taten,
mit denen Gottes Liebe
ihren Weg in diese Welt findet.

Das fünfte Türchen:

 

VIII.       Steig!

Steig auf einen hohen Berg, du Freudenbotin für die Stadt Zion!
Steig!
Vielleicht ist der Weg mühevoll und mit Arbeit verbunden,
aber er lohnt sich!
Steig auf den Berg!
Mache dich – und vor allem deine Botschaft - sichtbar!
Diese Botschaft ist es wert, gehört zu werden!
Wer seine Hoffnung hinter verschlossenen Türen lässt,
bleibt mit ihr allein. 
Wer seine Hoffnung und seine Freude mit anderen teilt,
kann darüber staunen,
wie sie wächst und andere ansteckt.
Mit den kirchenmusikalischen Veranstaltungen
in dieser Adventszeit steigt ihr Sänger*innen
auf den Berg.
Viele Familien tun es,
in dem sie ein Adventskalendertürchen öffnen
beim lebendigen Adventskalender.
Unsere Marktkirche beim Weihnachtsmarkt
war nicht nur ein Berg an Arbeit,
sondern auch das Sichtbarwerden dieser Botschaft
in unserer Stadt. 
Deshalb: Steigt! Und macht euch sichtbar!
Das letzte Türchen:

 

IX.             Seht!

Seht, da kommt euer Gott!  
Seht!
Das ist das Ende allen Wartens. 
Seht! Da liegt dieser Gott im Stall.
Als heruntergekommener Gott.
Einer von euch.
Gar nicht der göttliche Auftritt, der erwartet wurde
mit viel BlingBling und rotem Teppich.  
Ein Gott, den man leicht übersehen kann.
Wer achtet schon auf ein Baby?
Darauf muss man schon aufmerksam gemacht werden.
Deshalb: Seht! DA kommt euer Gott.
Deshalb ist gut, dass wir Weihnachten feiern.
Jedes Jahr wieder.
Dass wir lernen, hinzuschauen.
Gott tatsächlich wahrzunehmen.
Mich erinnert das an die Adventsgeschichte
vom Heiligen Erwin.
Gott hat beschlossen,
einmal wieder zur Welt zu kommen,
um nach dem Rechten zu sehen.
Aber nicht als kleines Kind –
die Nummer hat sich inzwischen rumgesprochen.
Gott kommt als Obdachloser zur Welt.
In Köln.
Als Erwin.
Und er macht so seine Erfahrungen mit den Menschen,
die so gar nicht blicken, wer er ist.
Aber dann und wann staunen
und ihn wundersam finden.
Wie oft über-sehe ich Gott?
Wie oft nehme ich gar nicht wahr, dass er da ist?
Wie oft bringe ich Dinge gar nicht mit ihm in Verbindung?
Wie oft ist das Versöhnungs-Bier das Selbstverständlichste der Welt und die Geduld und Nachsicht unserer Mitmenschen auch?
Seht! Auch da ist euer Gott!

X.                Macht hoch die Tür

Zurück zum Anfang:
Die Frage war:
Wann ist man zu alt für einen Adventskalender?
Das Volk Israel hat auch noch nach 500 Jahren
einen gebraucht, der beim Warten hilft,
um die Zeit gut zu nutzen, die noch bleibt.
Zu alt für einen Adventkalender ist man deshalb nie.
Aber vielleicht ändert sich
im Laufe der Jahre die Bedeutung.
Der Inhalt selbst, die kleinen Geschenke,
Bilder, Rätsel und Geschichten sind großartig
und das Freuen auf den nächsten Tag
und die nächste Überraschung
eine zutiefst menschliche Erfahrung.
Aber möglicherweise wächst im Lauf des Lebens
auch der Blick darüber hinaus.
Hoffnung verändert.
Und dann wird aus dem Hoffen und Glauben
ein Tun:  
Es wird daraus ein Trösten und Reden.
Es wird daraus das Bahnen eines Weges,
ein Verkündigen, ein Steigen auf den Berg
und schließlich ein Sehen.
Ein Sehen, dass Gott schon da ist -
und die Tür offen.
In dieser Welt.

Und, so sangen es die Engel,
bei allen Menschen seines Wohlgefallens.
Amen. 

Sonntag, 18. September 2022

"Vergib uns unsere Schuld..."

Predigt zum Film 

Three Billboards
Outside Ebbing, Missouri
am 18. September 2022 
im JohannesForum


I. Verwundet

Eine skurrile Begegnung im Krankenhaus.
zwei verletzte Männer in einem Zimmer.
Zufällig zugeteilt: Red Wilby und Jason Dixon.
Der eine liegt dort, weil er die umstrittenen Billboards an Mildred Hayes vermietete. Dafür wurde er von Officer Dixon voller Wut aus dem Fenster geworfen.
Und der andere wird dazu geschoben, weil er zur falschen Zeit am falschen Ort war und Mildred Hayes Rache nicht mehr entgehen konnte:
Der Fluchtweg war für Jason Dixon versperrt und er musste sich aus dem brennenden Police Departement
mit einem Sprung durch die Flammen retten.

Es ist viel passiert,
bis die beiden sich im Krankenhaus begegnen.
Aber nun sind sie hier gelandet:
Verletzt. Verbrannt. Verwundet.
Verwundet an Leib und Seele.
Aber: man(n) kennt sich.
Man er-kennt sich.
Trotz aller Beulen und Nähte und Verbände.


II. Rückschau

Was bisher passiert ist:
Mildred Hayes Tochter wurde Opfer eines Gewaltverbrechens.
Weil sie sich von der Polizei im Stich gelassen fühlt, macht sich daran,
den Täter selbst ausfindig zu machen und die Tat zu sühnen.
Dazu sucht sie ihren eigenen Weg, um mit ihrer Geschichte
an die Öffentlichkeit zu gehen:
Sie mietet drei „Billboards“, Plakatwände am Straßenrand,
und bestückt sie mit Schriftzügen.

In großen schwarzen Buchstaben auf rotem Grund sind dort die Sätze zu lesen:
„Raped While Dying“ („Vergewaltigt, als sie im Sterben lag“)
„Still No Arrests?“ („Und noch keine Verhaftungen?“)
„How come, Chief Willoughby?“ („Wie kommt das, Chief Willoughby?“)
Ja, sie spricht den Chief Inspector namentlich an
und macht ihn persönlich dafür verantwortlich,
dass das Verbrechen an Angela Hayes bislang nicht aufgeklärt wurde.
Dieser müht sich, erklärt sich und tut, was er kann,
aber es ist hoffnungslos. Der Täter wird nicht gefunden.
Officer Jason Dixon soll Chief Willoughby dabei unterstützen, 
allerdings arbeitet der sich derweil an der afroamerikanischen Bevölkerung ab
und schikaniert diese, wo er kann.
Als Willoughby sich das Leben nimmt, weil er unheilbar an Krebs erkrankt ist
und seiner Familie sein Leiden ersparen will,
macht Dixon nicht nur Mildred Hayes für seinen Tod verantwortlich.
Auch Red Wilby, den Vermieter der Billboards, will er dafür zur Rechenschaft ziehen und er wirft ihn deshalb vor Wut aus dem Fenster.
Am Tag nach Willoughbys Tod wird ein neuer, schwarzer Polizeichef eingesetzt.
Eine seiner ersten Amtshandlungen ist die Entlassung von Jason Dixon.
Als die Werbetafeln angezündet werden,
hält Mildred Hayes zunächst Jason Dixon für den Verantwortlichen.
Sie beschließt deshalb, sich an der Polizei zu rächen.
Allerdings weiß sie nicht, dass sich Dixon sich trotz seiner Suspendierung an jenem Abend alleine in der dunklen Polizeiwache aufhält,
um einen Abschiedsbrief Willoughbys an ihn zu lesen.
Weil Mildred Hayes kein Menschenleben gefährden will,
ruft sie auf der Polizeiwache an, um sicherzustellen,
dass dort niemand mehr Dienst tut.
Dixon hörte das Telefon nicht. Er hörte Musik über Kopfhörer.
Mildred zündet ihre Molotovcocktails.
Jason Dixon bemerkt das Feuer daher erst, als die Polizeiwache bereits in Flammen steht und die Fluchtwege versperrt sind.
Mit einem kühnen Sprung rettet er sein Leben – und die Akte Angela Hayes.

III. Fragen

Was würde ich tun, wenn es um meine Tochter ginge?
Was würde ich tun, wenn es mein Freund wäre,
der sich das Leben nimmt und ich den Verdacht hätte,
jemand anderes hätte ihn dazu genötigt?
Was würde ich tun, wenn ich dabei zusehen müsste,
dass Ungerechtigkeit einfach hingenommen wird?

Ehrlich gesagt: Ich weiß es nicht.
Eigentlich ist doch klar:
Rache macht Tote nicht wieder lebendig.
Und eigentlich ist auch klar:
Einen Täter oder eine Täterin zur Rechenschaft zu ziehen ist Sache der Polizei.
Und auch um Polizeiversagen an die Öffentlichkeit zu bringen,
gibt es rechtsstaatliche Mittel und Wege.
Selbstjustiz ist in keinem Fall vorgesehen.
Eigentlich ist das alles klar.
Und doch.
Und doch sage ich: ich weiß es nicht.
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn es hart auf hart kommt.
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn mein Leben so richtig versaut wird.
Ich weiß nicht, was ich tun würde, wenn ich so richtig fiese Rachegedanken hätte.
Ich weiß nicht, was ich tun würde wenn ich an die Grenze dessen kommen würde, was ich, was mein Herz und meine Seele, ertragen kann.

IV. Grenzerfahrungen


Menschliche Grenzen sind sehr unterschiedlich.
Und wie Menschen mit Unterträglichkeiten umgehen,
ist auch sehr unterschiedlich.

Nicht immer sind es die ganz großen Katastrophen,
die uns an den Rand bringen.
Manchmal sind es Kleinigkeiten, die das Fass zum Überlaufen bringen.
Manchmal noch nicht einmal Taten, sondern nur ein falsches Wort,
das den Impuls entfacht, für Gerechtigkeit einzustehen zu müssen.
Und manch einer schafft es auch, mit einer ganz großen Katastrophe zu leben,
ohne sich dafür zu rächen zu wollen.
Im Film wird das eindrücklich deutlich:
Sowohl Mildreds Ex-Mann und der Vater von Angela,
als auch deren Bruder Robbie wollen die Angelegenheit auf sich beruhen lassen. Mildred Hayes nicht.
Sie will alles dafür tun, damit die Tat gesühnt wird.
Ich weiß nicht, ob das richtig ist so:
Ihre Tochter kommt dadurch nicht wieder zurück.
Ich weiß nicht, ob es gerecht wäre, wenn sie den Täter erwischt -
und was wäre schon ausgleichende Gerechtigkeit
für die Vergewaltigung und den Tod ihrer Tochter?
Auch das vermag ich nicht zu beurteilen
und bleibt, zum Glück, auch im Film offen.

Was ich allerdings weiß:
diese Gedanken sind zutiefst menschlich.
Und sie stehen sogar in der Bibel:


V. Aus Psalm 58

Haltet ihr euch wirklich an die Wahrheit,
wenn ihr euer Urteil fällt, ihr Mächtigen?
Seid ihr ehrlich gegenüber den Menschen,
wenn ihr Gericht haltet?
Nein! Mit Absicht begeht ihr Verbrechen!
Eine Spur der Gewalt zieht ihr durchs Land.
Gott, zerschlag ihnen doch die Zähne im Mund!
Zerbrich das Gebiss dieser jungen Löwen, Herr!
Wie Wasser, das verrinnt, sollen sie verschwinden.
Wenn einer seinen Pfeil auf sie richtet,
sinken sie auch schon zu Boden.
Dann wird der Gerechte sich freuen.
Denn er schaut zu, wenn Gott Vergeltung übt.
Er badet seine Füße im Blut des Frevlers.
Und die Menschen werden sagen:
»Ja, es lohnt sich, Gerechtigkeit zu üben!
Ja, es gibt einen Gott,
der jeden im Land zur Rechenschaft zieht!«

VI. Vergeltungssehnsucht

Es sind harte Worte, die da einer betet.
Die Sehnsucht nach Vergeltung ist groß.
Im Vergleich zum Film gibt es aber einen entscheidenden Unterschied:
Der Psalmbeter richtet seine Wut und seinen Zorn an Gott.
„Gott, zerschlag ihm doch die Zähne im Mund.“
Es könnte ein Gebet von Jason Dixon sein
in seiner Wut auf Rob Welby, den er allerdings selbst vermöbelt
und zum Fenster hinausbefördert.

„Ja, es gibt einen Gott, der jeden im Land zur Rechenschaft zieht –
auch den Mörder meiner Tochter!“
könnte ein Gebet von Mildred Hayes sein –
ehe sie Plakate aufstellt oder Molotovcocktails zündet.
Im Lauf des Films wird eines immer wieder bewusst:
wer versucht, Gerechtigkeit herzustellen wird dabei auch ungerecht.
Wer sich rächt, und sei es noch so berechtigt,
wird gleichzeitig schuldig.
Nicht umsonst heißt es im Vater Unser:
„Vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“
Schuld und Vergebung ist immer ein Wechselspiel
und nie eine Einbahnstraße.

Lernen können wir hier vom Psalmbeter.
Er richtet seine Wut an Gott
und nicht direkt gegen Menschen.
Er überlässt es Gott, die richtigen Entscheidungen zu treffen.
Trotzdem nimmt er kein Blatt vor den Mund.
Wut und Hass, die sich direkt gegen Menschen richten,
erzeugen keine Versöhnung, sondern genau dasselbe:
Wut und Hass.
Vermutlich meint das auch Officer Willoughby
mit seinen Worten im Abschiedsbrief an Jason Dixon.
Dort steht:
„Ich weiß, dass du zu viel Wut in dir hast.
Solange du so viel Hass in die rumträgst, wirst du niemals das werden,
wovon ich weiß, dass du es gerne werden würdest: ein Detective.
Weißt du, was du brauchst, um ein Detective zu werden?
(Und ich weißt, du zuckst jetzt zusammen, wenn ich das sage)
Was man braucht, um ein Detective zu werden, ist Liebe.“

Ob es diese Worte waren, die bei Dixon eine Veränderung in Gang brachten?
Wir können es nur vermuten.
Aber in diese Filmszene, die wir vorhin gesehen haben,
könnte man so etwas wie Versöhnung hineininterpretieren.
Dixons „Es tut mir leid“ wird von Red Welby wortlos beantwortet:
er bringt ihm ein Glas Orangensaft. Mit Strohhalm.
Nimm und trink. Ich schlage nicht zurück.

VII. Finale

Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus
macht es sich Jason Dixon zur Aufgabe, den Täter für Mildred Hayes zu finden.
Eine zufällige Bar-Begegnung lässt hoffen, den Mörder gefunden zu haben.
Um an die DNA zu kommen, inszeniert er sogar eine üble Schlägerei.
Trotzdem kann der vermeintliche Täter nicht überführt werden.
Zusammen mit Mildred Hayes macht er sich am Ende des Films
dennoch auf den Weg nach Idaho – mit der Flinte im Kofferraum.
Mildred gesteht ihm unterwegs, die Polizeiwache angezündet zu haben.
„Wer sonst, zum Teufel? War doch klar!“
ist Dixons knappe, wie versöhnliche Antwort.

Und dann kommen die Zweifel.
Zweifel daran, ob es richtig ist, den Kerl um die Ecke zu bringen.
Und die Erkenntnis:
„Das können wir unterwegs ja immer noch entscheiden.“
Wie sie sich letztendlich entschieden haben, lässt der Film offen.
Wichtig erscheint mir aber an der Stelle:
Es ist eine Entscheidung.
Es ist eine Entscheidung, ob man die Dinge selbst in die Hand nimmt -
oder ob die Verantwortung abgegeben wird an die richtigen Stellen.
Und es ist letztlich eine Entscheidung und kein Zufall,
ob die Wut gewähren darf –
oder die Liebe eine Chance bekommt.
Amen.





Mittwoch, 10. August 2022

Menschenskinder!

Predigt zur Sommerpredigtreihe
"Geflügelte Worte"
im Distrikt Unterer Neckar
Reudern 07.08.2022 
Unterensingen 14.08.2022


"Menschenskinder!" 

Und er sprach zu mir:
Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße, so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete, kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße, und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich zu den abtrünnigen Israeliten und zu den Völkern,
die von mir abtrünnig geworden sind.
Sie und ihre Väter haben sich bis auf diesen heutigen Tag gegen mich aufgelehnt. 
Und die Kinder, zu denen ich dich sende, haben harte Köpfe und verstockte Herzen.
Zu denen sollst du sagen: »So spricht Gott der HERR!«
Sie gehorchen oder lassen es – denn sie sind ein Haus des Widerspruchs –,
dennoch sollen sie wissen, dass ein Prophet unter ihnen gewesen ist.
Und du, Menschenkind, sollst dich vor ihnen nicht fürchten noch vor ihren Worten fürchten.
Es sind wohl widerspenstige und stachlige Dornen um dich,
und du wohnst unter Skorpionen; aber du sollst dich nicht fürchten
vor ihren Worten und dich vor ihrem Angesicht nicht entsetzen –
denn sie sind ein Haus des Widerspruchs.
(Hesekiel 2,1-6) 

I. Menschenskinder

Menschenskinder!
Man möchte es immer wieder laut sagen:
Menschenskinder, jetzt hört mir doch mal zu!
Menschenskinder, jetzt räumt doch mal auf!
Menschenskinder, bringt doch mal den Müll raus,
geht mit dem Hund gassi,
bringt Oma das Essen und vor allem:
tut, was man euch sagt.
Menschenskinder!

Kennt man – oder?

Man kann diese Reihe nahezu endlos fortsetzen. 
Und wie sich das mit halbwegs korrekt genervtem Unterton anhört,
wissen wir auch.

Es ist ein alltäglicher Begriff für viele – auch für mich –
und in aller Regel verwende ich ihn,
wenn andere nicht so funktionieren,
wie ich mir das wünsche.
Wenn andere tun, was sie wollen.
Oder unzuverlässig sind. Oder ihren Job nicht machen.
Ich verwende ihn, wenn ich von meinem Gegenüber eine Reaktion erwarte
und die ausbleibt.
Oder diese Reaktion eben anders ausfällt,
als ich mir das erhoffe.
Und es ist ein Verstärker.
Beim ersten Mal sage ich:
„Bring den Müll raus!“
Beim zweiten Mal sage ich:
„Hast du nicht gehört: Du sollst den Müll rausbringen!“
Und wenn dann immer noch nichts passiert,
dann sage ich:
„Menschenskinder, jetzt bring doch mal den Müll raus!“

Es geht also ans Eingemachte.
„Menschenskinder“ heißt:
hier will jemand 100%ige Aufmerksamkeit.

 

II. Herrlichkeit  

Seine Aufmerksamkeit war zwangsläufig hoch.
Aber kann er auch ernst nehmen, was da passiert?
Hesekiel war sich im ersten Moment
möglicherweise nicht sehr sicher,
wie er das einschätzen soll:
Eine Vision von eher wirren Phantasiegestalten
zieht ihn in den Bann.
Menschen. Stierfüße, Adlerflügel,
halbe Löwengesichter,
Glut, Kohle, Räder mit Felgen voller Augen.
Getöse, wie in einem Heerlager,
Donner. Und ein Thron, auf dem einer sitzt,
der aussieht wie ein Mensch.
Ein Mensch, der glänzt und glitzert wie ein Regenbogen. 
So war die Herrlichkeit Gottes anzusehen. 

„Ist das Kunst oder kann das weg?“
Hesekiel war zwar Priester, aber ein göttlicher Auftritt dieser Art
gehörte bis dato nicht zu seinem spirituellen Erfahrungsschatz.
Das befremdet, insbesondere deshalb,
weil ihn diese Inszenierung anspricht -
im wahrsten Sinne des Wortes.

Von Mensch zu Mensch. Ganz direkt.
Hesekiel haut das aus den Latschen.

Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße,
so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete,
kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße,
und ich hörte dem zu, der mit mir redete.


III. Es ist ernst!

Menschenskind,
Hesekiel stelle dich auf die Füße!
Ich will mit dir reden!
Gott meint es ernst.
Grundsätzlich eigentlich zuerst mit dem Volk Israel:
Ein Volk des Widerspruchs ist das,
so tönt die Stimme Gottes
aus der dieser sichtbaren Herrlichkeit.
Wie widerspenstige Dornen und
stachlige Skorpione sei es,
mit denen man nicht gemeinsame Sache machen sollte.
Oder auch: Meckerheinies und Querdullies,
denen mal einer sagen muss, wie der Hase läuft.

Gott meint es ernst.
Auch mit Hesekiel: einem Priester,
der seines Amtes walten soll.
Der dieses widerspenstige Volk überzeugen soll.
Überzeugen von Werten, die irgendwann einmal Konsens waren
für ein friedliches Zusammenleben.
Einer, der dafür einsteht,
dass Miteinander besser ist als Gegeneinander.
Einer, der vorlebt, dass Solidarität und Menschenfreundlichkeit
wichtiger sind, als rebellische Parolen.
Einer, der zu unterscheiden hilft,
zwischen berechtigter Kritik und primitiver Hetze.
Es geht also um einen Auftrag.
Und um einen, der ihn ausführt.
Der ihn ausführt,
muss wohl auch etwas ertragen können.
Denn die Ernsthaftigkeit dieser Ansprache
war im ersten Moment verstörend:
Hesekiel strandete auf nicht erklärbare Weise
in Tel-Abib und musste dort
sieben Tage lang mit Menschen zusammenleben,
die ihm vorher völlig fremd waren.
Was sie über diesen seltsamen, verstörten Priester dachten -
und ob Hesekiel verstörter war oder die Menschen dort - wissen wir nicht.
Jedenfalls „lag die Hand des Herrn schwer auf Hesekiel“.
Ernster geht vermutlich nicht.


IV. Haltung!

Stell dich auf die Füße, ich will mit dir reden!

Wie ernst ein Gespräch – und damit auch die Botschaft - genommen wird, entscheidet sich durch Haltung.
Körperhaltung.
„Stell dich auf die Füße!“

Ob ich aufrecht vor meiner Gesprächspartnerin stehe -
oder im Sitzsack gammle, das macht einen Unterschied.
Ob ich im Schneidersitz auf dem Boden sitze - 
oder mit aufrechter Haltung am Tisch:
Körperhaltung ist entscheidend für den Gesprächsverlauf.

Ob Hesekiel mit dem Gesicht im Staub liegt -
oder Aufrecht steht und Gott in die Augen schaut,
ist keine Nebensächlichkeit.

Körperhaltung schafft Aufmerksamkeit.
Körperhaltung entscheidet über Macht oder Ohnmacht.
Über Respekt oder Gleichgültigkeit.
Körperhaltung schafft einen wahrnehmbaren Unterschied.

„Stell dich auf die Füße!“
Das heißt soviel wie:
Komm auf Augenhöhe!
Unterwirf dich nicht!
Sei mir ein Gegenüber!

Sei ein Mensch!
Sei mein Ebenbild,
das du seit dem 6. Tag der Schöpfung bist!
Und deshalb: sei mächtig!
Übernimm Verantwortung!
Aber bleib abhängig von mir, Menschenkind!
Sei Kind und lass dir einen Auftrag erteilen -
aber dann sei ganz erwachsen und mir ebenbürtig.
Und tu‘, was deine Aufgabe ist.
Mit aufrechtem Gang und beiden Beinen auf der Erde.

Körperhaltung schafft Realität.

V. Auftrag

Hesekiels Auftrag war nicht leicht.
Und ehrlich gesagt auch ein bisschen irre.
Verrückte Dinge sollte er tun. Zeichenhandlungen.
Demonstrationen, um auf sich aufmerksam zu machen
und die Botschaft verständlich.
Denn dieses Volk mit seinem Protestgehabe,
seinen Kriegereien und Eifersüchteleien
war weitestgehend mit sich selbst beschäftigt.
Eines Tages sollte Hesekiel seine Haare und
seinen Bart mit dem Schwert scheren.
Anschließend verbrannte er
ein Drittel der Haare in der Stadt.
Ein weiteres Drittel schnitt er mit dem Schwert klein
und den Rest streute er in den Wind.
Eine symbolische Handlung.
Das Volk sollte verstehen, was mit ihm passieren würde:
es würde verbrennen und im Krieg zerstört werden -
und der Rest sich in alle Windrichtungen verteilen.
Eine unangenehme Botschaft.
Überbringer*innen unangenehmer Botschaften
haben es nicht leicht.
Damals nicht und heute auch nicht.
Sie brauchen Haltung und ein Mandat.
Manchmal ist das einzige Mandat, das von Gott:

Du Menschenkind, stelle dich auf deine Füße,
so will ich mit dir reden.
Und als er so mit mir redete,
kam der Geist in mich und stellte mich auf meine Füße,
und ich hörte dem zu, der mit mir redete.
Und er sprach zu mir: Du Menschenkind, ich sende dich.

 

VI. Freiheit

Wer etwas zu sagen hat,
wer ein Mandat hat,
muss mit Widerspruch rechnen.
Widerspruch ist das, was einen freien Menschen auszeichnet.
Widerspruch ist auch das, was meinem Gegenüber zusteht,
wenn ich komme und sage:
Menschenskind,
stell dich auf deine Füße und hör mir zu!
Wer etwas zu sagen hat,
hat aber auch das Recht gehört zu werden.
Das Recht, gehört zu werden mit einer Botschaft,
die auch unbequem ist - und Komfortzonen in Frage stellt.
Auch das gehört zur Freiheit des Menschseins.
Und zur Freiheit des Ebenbildseins.
Deshalb weil wir Menschen auch einander Ebenbild sind.
Und nicht nur das Ebenbild Gottes.
Und deshalb ist es so fatal, was seit Menschengedenken
immer wieder passiert: 
Das Recht, gehört zu werden, wird in Frage gestellt.
Gesagtes wird bagatellisiert und ins Lächerliche gezogen.
Menschen werden für ihre Worte öffentlich verunglimpft,
eingeschüchtert und unter Druck gesetzt.
Heute durch die Macht der Medien in einer Geschwindigkeit,
die sich zur Zeit Hesekiels noch niemand ausmalen konnte.
Hesekiel wird „nur“ festgesetzt und mundtot gemacht.
Wenn das gelingt, sprechen wir von Diktatur -
und damit vom Ende der Freiheit.

Wieviel Widerspruch und Bagatellisierung musste sich 
Greta Thunberg gefallen lassen,
als sie 2018 begann, immer freitags
auf den Klimawandel aufmerksam zu machen?
Und wie wirkt diese Bagatellisierung heute -
angesichts der derzeitigen Hitzewelle,
der Brände und des Wassermangels?
Ist Greta auch eine Prophetin?

Oder, ganz aktuell: die Ärztin Lisa-Maria Kellermayr.
Was musste sie wohl ertragen?
Sie geriet ins Kreuzfeuer von rechtsradikalen Netzterroristen,
weil sie sich öffentlich für die Impfung gegen Corona aussprach.
Der Hass und die Hetze, die über sie hereinbrach,
nötigten sie zuerst, ihren Beruf aufzugeben
und vorletzte Woche dann auch ihr Leben.

Wer Menschen das Recht abspricht, gehört zu werden,
macht sich schuldig.
Wer Menschen das Recht abspricht, gehört zu werden,
nimmt aber nicht nur dem Gegenüber
die Würde des Menschseins,
sondern auch sich selbst.
Wo Menschen einander nicht zuhören,
endet Menschlichkeit.


VII. Leben

Deshalb:
Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
schaut euch in die Augen!

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
teilt eure Ideen und Visionen,
aber auch eure Zweifel, Ängste und eure Fragen!

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
widersprecht einander!
Streitet um die Sache und setzt euch auseinander
mit den Unterschiedlichkeiten des Lebens!
Aber hört einander zu.
Und gebt einander das Recht, gehört zu werden.

Menschenskinder!
Stellt euch auf die Füße und
seid menschlich zueinander.
Redet davon,
was ihr von Gott gesehen verstanden habt.
Singt davon, was euch hoffen lässt.

Und hört hin.
Hört hin, wenn jemand zu euch sagt:
Du Menschenkind,
stelle dich auf deine Füße,
ich will mit dir reden!
Es könnte Gott sein.
Amen.