Sonntag, 13. März 2022

"Ich werde das Träumen nicht aufgeben!"


Gottesdienst
zum Kino in der Eusebiuskirche 
am 13. März 2022 

Predigt zum Film
"Mein Blind Date mit dem Leben" und
Psalm 126

I.                   Traum 

Haben Sie, habt ihr einen Traum?
Welcher Traum hat sich bereits erfüllt?
Gibt es einen Traum,
von dem Sie sich verabschieden mussten?

Ich bin mir sicher:
Wir alle haben Antworten auf diese Fragen.
Jede einzelne Person,
die heute hier in dieser Kirche sitzt,
kennt Träume.
Große und Kleinere.
Realistische und unerreichbare Träume.
Heimliche und Unheimliche.
Ideen, die wir über unser Leben und unsere Realität hinausdenken. Die größer sind, als das, was ist.
Ideen, die manchmal Mut brauchen.
Oder Entschlossenheit.
Vielleicht auch Geld. Oder Zeit.
Oder etwas anderes, was man gerade nicht hat.
Manchmal sind es Gedanken, die man sich gar nicht traut, laut zu sagen.
Oder nur der besten Freundin.
Oder Gott.
Sie sind da. Diese Träume.  
Sie gehören zu unserem Leben dazu.
Manchmal erfüllen sie sich.

Teilweise sind sie aber auch schnell zerstört.
Lösen sich in Luft auf.
Scheinen unerreichbar und man fragt sich:
lohnt es sich überhaupt daran festzuhalten
oder gar für einen Traum zu kämpfen?     

II.                Saliyah

Saliyah hatte mal einen Traum.
Damals, als er Schüler war und noch sehen konnte.
Die Gastronomie hat es ihm angetan.
Ein eigener Laden, kochen,
eintauchen in fremde Gerüche und Geschmäcker.
Das alles war sein Traum.
Und für den lebt er.
Geht er zur Schule. Lernt er.
Bis zu dem Tag, als sich plötzlich alles verändert.
Er verliert in kürzester Zeit sein Augenlicht.
Erblindet. Sieht nur noch schemenhaft.
Es bleiben ihm 5% seines Sehvermögens.
Sein Traum scheint schon an der Schule zu scheitern.
Aber: Er gibt nicht auf.
Bleibt an der Regelschule und schafft das Abi –
wie alle anderen auch.
Damals, in den 90ern, war es noch nicht üblich,
dass Menschen mit Behinderung
eine normale Schule besuchen.
Noch weniger üblich war damals,
dass Menschen wie Saliyah
eine „normale“ Ausbildung machen.
Das alles wusste er – aber er war nicht bereit,
dafür seinen Traum zu opfern.
Entgegen allen Empfehlungen bewirbt er sich
am Hotel Bayrischer Hof.
Kämpft sich durch das Bewerbungsverfahren.
Er wird genommen und scheint
am Ziel seiner Träume zu sein.
Mich beeindruckt das.
Wieviel leichter wäre es gewesen,
einfach das Übliche zu tun?
Wieviel leichter wäre es gewesen,
den Traum aufzugeben und einfach das zu tun,
was das Leben so vorsieht?
Sonderschule? Behinderten-Werkstätte? Maximal ein Job als Hilfsarbeiter?

III.             Psalm 126

Seinen Traum Aufgeben?
Das war nicht Saliyhas Ding.
Und: auch nicht das Ding vieler Menschen vor ihm.
Manche haben ihre Träume in Worte gefasst
und so sind sie überliefert bis heute.
Auch in der Bibel.
Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird,
dann werden wir sein wie die Träumenden.
So steht es im Psalm, den wir vorhin gehört haben.
Wenn – Dann.
Das ist das Gesetz des Träumens.
Und das ist so alt, wie die Menschheit selber.
Schon immer haben Menschen geträumt von
einem besseren Leben, als das, das sie haben.
Schon immer haben Menschen geträumt von Unabhängigkeit. Von Gleichberechtigung.
Manchmal auch von einer Lösung für ein Problem.
Und vor allem:
Geträumt vom Frieden und von der Freiheit.
Das Volk Israel macht es uns in der Bibel vor.
Immer wieder macht es die Erfahrung:
Träume halten am Leben.
Träume lassen durchhalten,
auch wenn die Situation noch so schwierig ist.
Träume geben die Gewissheit: 
Egal, was jetzt ist - es ist nicht das Ende.
Auch wenn jetzt Tränen und Leid die harte Realität sind:
dabei wird es nicht bleiben.
Und schon allein deshalb hat jede Träne
das Potential zur Freudenträne.
Jede.  

 

IV.            Tränen

Tränen gesät hat auch Saliyah.
Man kann nicht sagen, dass alles reibungslos lief.
Denn: Saliyah hat sein Problem verschwiegen.
Übrigens ganze 15 Jahre lang.
Er wollte sein wie alle anderen.
Wollte keinen „Behinderten-Bonus“.
Wollte seinen Traum aus eigener Kraft
und mit eigenem Können verwirklichen.
Um das hinzubekommen hat er eines getan:
er hat schlicht nicht die ganze Wahrheit erzählt.
Er hat einfach getan, als wäre mit ihm alles in Ordnung.
Und so hat er sich öfters - im sprichwörtlichen Sinne - eine blutige Nase geholt.
Oder eben auch buchstäblich: eine blutende Hand.
Es waren viele Rückschläge.
Schlaflose Nächte. Endlose Überstunden,
Nachtschichten und erniedrigende Situationen.
Ich weiß nicht, wie oft er aufgeben wollte.
Sein eiserner Wille und eiserne Disziplin
ließen ihn alle Handgriffe auswendig lernen.
Hartnäckiges Üben verhalf ihm  
letztendlich zur nötigen Sicherheit im Alltag.

Und dann war da noch ein wichtiger Faktor:
Max. Mit-Azubi von der ersten Stunde an.
Einer, der zwar nicht den großen Traum teilt,
der aber zwei gesunde Augen hat und etwas sieht.
Auch Saliyahs Probleme.
Max merkt sehr früh,
dass mit Saliyah etwas nicht stimmt.
Aber er hält dicht und spielt das Spiel mit.
Max hilft, haut ihn raus, wenn Saliyah auffliegen könnte.
Er wird Saliyah zum Freund und
zum Komplizen seines Traumes.

Ich wage zu vermuten,
dass Saliyah es ohne Max nicht geschafft hätte.
Nur aus eigener Kraft wäre er,
und ich neige eher nicht zum Schwarzmalen, gescheitert.
Vielleicht hätte sich eine andere Lösung ergeben.
Vielleicht hätte Saliyah sich geoutet.
Oder er hätte andere Hilfe bekommen.
Vielleicht wäre auch Aufgeben irgendwann gar nicht mehr schlimm gewesen.
Aber ohne Max wäre Saliyah gescheitert.
Und sein Traum mit ihm.
Wie gut, dass es Menschen wie Max gibt.

 

V.               Ernten

Ich glaube, und da sind wir uns bestimmt einig,
dass es durchaus Träume gibt, die in Erfüllung gehen.
Und dass es Träume gibt, die anders in Erfüllung gehen, als gedacht.
Und Träume, die nicht in Erfüllung gehen, die gibt es auch. Ja. Viele sogar.

Es ist dieser Weg dazwischen,
der Kraft kostet.
Schweiß und Tränen.
Bis zu dem Tag
als Saliyah seine Prüfung bestanden hatte.
Erst dann war es geschafft.
Bis dahin: viele Tränen, die gesät wurden.
Ohne zu wissen, ob jemals eine freudige Ernte
eingebracht werden kann.
Bis dahin hartes Üben, Fehler machen,
Missgeschicke vertuschen  -
ohne zu wissen, ob der Traum vom eigenen Laden jemals Wirklichkeit wird.
Vielleicht wäre Saliyah manches Leid und manche Erniedrigung erspart geblieben,
wenn er aufgegeben hätte.
Aber wäre Aufgeben richtig gewesen?

 

VI.             Widerstand

Ich glaube: Nein.
Berthold Brecht ist der Satz zugeschrieben:
„Wer kämpft, kann verlieren.
Wer nicht kämpft, hat schon verloren.“
Das gilt auch für Träume.
Wer nicht für seinen Traum kämpft,
wird ihn nicht erreichen. 
Und wer nicht vorwärts geht,
lässt sich festlegen auf die eigenen Grenzen.
Im Psalm heißt es:
Wenn der Herr einst
die GEFANGENEN Zions erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden.

Sind wir nicht alle ein bisschen gefangen?
Gefangen in unserem begrenzten Denken?
Gefangen im Alltag, in Erwartungen und Notwendigkeiten. In Verpflichtungen.
Oft sind es nicht die großen Dinge, die uns lahmlegen und ausbremsen, die uns gefangen nehmen.

Wer einen Traum hat, sieht über Grenzen hinaus.
Wer einen Traum hat, ist frei.
Wer einen Traum hat, denkt groß und weit.
Und so wissen wir auch von anderen,
dass ein Traum der Beginn von etwas Großem war.
Ich denke an Martin Luther King,
dessen Traum von Gleichberechtigung der Beginn der größten amerikanischen Freiheitsbewegung war.
Wir wissen von Menschen,
die das KZ deshalb überlebten
und nicht seelisch darin zugrunde gingen,
weil sie Lieder von der Freiheit sangen.
Wir kennen die biblische Geschichte von Josef, der als Sklave verkauft war und dessen Träumerei half, ein ganzes Sozialsystem zu erhalten.
Und heute denke ich auch an die Menschen
in der Ukraine, die den Traum
der Freiheit und der Demokratie träumen.
Und auch an die Menschen in Russland, die gegen das Regime auf die Straße gehen, weil sie verstanden haben, dass Freiheit anders geht als das, was man ihnen versucht, vorzugaukeln.
Sie alle holen sich dabei nicht nur eine blutige Nase, sondern riskieren ihr Leben.
Aber Aufgeben kommt nicht in Frage.

Die Geschichte zeigt uns:
Ein Traum ist immer schon ein Stück Wirklichkeit.
Auch wenn sie von außen noch nicht sichtbar ist.
Ein Traum ist Realität, einfach nur deshalb, weil er geträumt wird.
Weil Menschen träumen,
verändert sich Denken und Handeln.
Der Weg dorthin läuft selten ohne Widerstände.  
Wer träumt, riskiert viel.
Aber wer träumt, bekommt auch - oft - viel.
Wer nicht träumt, bekommt gar nichts
und tritt auf der Stelle.

Und deshalb glaube ich:
Ohne Träume wären wir Menschen
gar nicht in der Lage, zu überleben.
Träume erhalten uns am Leben.
Sie sind der innere Motor,
der vor dem Stillstand bewahrt.

 

VII.         Abspann

Relativ am Ende des Films sieht es so aus,
als ob Saliyah alles um die Ohren fliegt
und das ganz Projekt scheitert.
Es ist alles aufgeflogen.
Er muss sich entschuldigen.
Aber er bittet Herrn Kleinschmidt trotzdem darum,
die Ausbildung abschließen zu dürfen.
Da sagt er:
„Ich werde das Träumen nicht aufgeben. Niemals.“
Er ist entschlossen,
weil er weiß, was auf dem Spiel steht.
Für Saliyah hat es sich gelohnt.
Am Ende hat er mit Max zusammen
sogar seinen eigenen Laden.  
Aber das war längst nicht alles.
Saliyah hat weiter gemacht.
Weiter geträumt.
Wurde weit zurückgeworfen und wurde krank.
Hat weiter geträumt, gekämpft und viel erreicht.
Bis heute.

Er ist damit in bester Gesellschaft.
Mit denen, die damals schon diesen Psalm beteten.
Aber auch mit uns.
Denn wir dürfen diese Worte auch für uns sprechen:
Wenn der HERR uns
aus unseren kleinen und großen
Gefangenschaften erlösen wird,
so werden wir sein wie die Träumenden. 
Dann wird unser Mund voll Lachens
und unsre Zunge voll Rühmens sein.
Da wird man sagen
in unserer Familie,
im Freundeskreis
und die Straße rauf und runter:
Der HERR hat Großes an ihnen getan!  
Der HERR hat Großes an uns getan;
des sind wir fröhlich. Amen.  





Sonntag, 13. Februar 2022

Und Gott so: "Gefällt mir!" 👍


Gottesdienst in der Eusebiuskirche
Wendlingen am Neckar
13.02.2022

Predigttext: Jeremia 9,22-23


                                        

           (Foto: Pixabay)

I.                   Gefällt mir!                                                     

Gefällt mir!
Daumen hoch!
Like!
Wie viele Likes haben Sie in letzter Zeit bekommen
für das, was Sie anderen von sich gezeigt haben?
Was haben Sie von sich gezeigt? Und wem?
In den sozialen Medien entscheidend
ist die Anzahl der Likes unter den Beiträgen.
Beiträge wie
das Lagerfeuer nach der Schneewanderung auf der Alb.
Das letzte Küchenexperiment:
in meinem Fall eine Grünkohlquiche.
Oder ein Foto vom ehrenamtlichen Engagement.  
Oder dem selbst genähten Kleid.
Oder Katzen.
Katzenfotos bringen die meisten Likes überhaupt.
Im Zweifelsfall sollten Sie sich eine Katze anschaffen.

Nach oben zeigenden Daumen und rot eingefärbte Herzchen sind entscheidend.   
Entscheidend für den Algorithmus.
Oder auch ganz schwäbisch unbescheiden:
entscheidend darüber, wie wichtig ich für die Welt bin. 
Und auch: Wer ich für die Welt bin.

Man könnte jetzt sagen:
das ist alles eine Modeerscheinung.
Meta ist ein böser, amerikanischer Konzern,
der sich durch Klicks auf meine Kosten finanziert.
Man sollte einfach die Finger weglassen.
Denn dieses Werten und Bewerten führt zu nichts.
Es wertet nämlich auch ab.
Und pusht die falschen Themen.
Es stürzt Menschen in Krisen,
weil sie das Gefühl haben, falsch bewertet zu werden.
Es führt zu Konflikten und Hasskommentaren,
weil Stänkerer, Querpöbler und Aluhutschwurblerinnen für Verwirrung sorgen.
Aber wenn man mal genau schaut,
ist das kein neuzeitliches Phänomen.
Das hat nicht Mark Zuckerberg erfunden und
mit Facebook und anderen sozialen Medien initialisiert.
„Gefällt mir“ ist ein altes Ding.
Und der Erfinder?
Der Predigttext zum heutigen Sonntag überrascht:

 

II.                Jeremia 9

Aus Jeremia 9.
So spricht der HERR:
Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit,
ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke,
ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums.
Sondern wer sich rühmen will,
der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne,
dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit,
Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden;
denn solches gefällt mir, spricht der HERR.

 

III.             Was zeige ich?

Was und wieviel von mir zeige ich?
Und wem?
Wer darf wissen, was ich denke und was ich weiß?
Was ich kann?
Wer ist tatsächlich daran interessiert, wie ich die Welt erkläre,
was auf meinem Gehaltszettel steht
und was mir heilig ist?
Ob ich lieber Herbert Grönemeyer höre oder Helene Fischer?  
Ob ich lieber nach Ottolenghi koche,
nach Tim Mälzer
- oder doch nach Oma Gretel?
Ob Queer Eye die Serie meiner Wahl ist
oder der Bergdoktor?
Wer muss wissen, dass ich es angemessen finde,
wenn sich Olaf Scholz im Pulli fotografieren lässt?
Und ist es wichtig,
wie ich zur einrichtungsbezogenen Impfpflicht stehe?
Macht es einen Unterschied,
ob ich meine Jeans im Diakonieladen kaufe
oder bei Hugo Boss – und geht das jemanden etwas an?
Und wer sagt oder klickt: Gefällt mir?

Wer sich zeigt, macht sich angreifbar.
Nicht nur in den sozialen Medien.
Jeden Tag.
Immer wenn wir mit Menschen zusammen sind,
an welchem Ort auch immer das ist.
Wenn wir einander begegnen,
„rühmen wir uns“,
um es mit den Worten Jeremias zu sagen.
Zeigen wir uns einander, wer wir sind.
Zeigen wir auch aufeinander und
bewerten so auch das, was wir voneinander sehen.

IV.            Adam

Das ist so ein Schöpfungsding.
Gott hat es in uns Menschen hineingelegt.
Weil ihm dieser Mensch so sehr gefallen hat,
der da geworden ist.
Es war nämlich Gott selbst,
der damals schon sagte:  
„Und siehe, es war sehr gut! Gefällt mir!“
Gott klickt sich selbst ein Like,
rühmt sich selbst für das,
was er erschaffen hat:
Adam, Mensch, Ebenbild.
Und als Ebenbild
soll und darf sich der Mensch auch rühmen.
Sich zeigen.
An ihm soll die Welt Gefallen haben.
Sich freuen.
Und Adam darf diese Schöpfung
für sich erobern.

 

V.               Adam, wo bist du?

Einmal, gleich am Anfang,
wollte sich der erste Mensch nicht zeigen.
Er hat sich versteckt im Garten Eden.
Geschämt hat er sich.
Weil er in Dinge verwickelt war,
die man besser nicht zeigt.
Das hat Gott irritiert. 
„Adam, Mensch, wo bist du?“
Gott geht auf die Suche nach ihm.

Adam soll sich zeigen
und nicht verstecken.
Weil Gott ihn sehen will.
Ein Spiegel ist Adam für Gott.
Geschaffen als Ebenbild dieses Schöpfungsgottes,
der sagt: „Zeig dich!“ und
„Du gefällst mir!“
Aber vor Gott fühlt Adam sich nackt.
Was sich vor Menschen groß anfühlt
macht Adam vor Gott klein.
Nicht immer gibt es
etwas zu sehen,
was ein „Gefällt mir“ verdient hat.
Das war im Garten Eden schon so.
Und bei Jeremia.
Und bei uns allen ist es auch so.
Menschen wollen manchmal  
etwas zu sehr sein wie Gott.
Etwas zu großartig.
Etwas zu autonom.
Dann ist die eigene Großartigkeit
nur noch Inszenierung.
Beim Stammtisch.
Im WhatsApp-Status.
Im Bewerbungsgespräch.
Über den Gartenzaun und
auf den Bühnen und Kanzeln dieser Welt.
Zwar zeigt sich der Mensch von seiner besten Seite:
Stark. Weise. Reich.
So wie Gott ihn als Ebenbild erschaffen hat.
Aber Gott sieht dahinter.
Sieht den Menschen nackt.
Sieht, dass er nur mit sich selbst beschäftigt ist
und den Kontakt zu seinem Schöpfer verloren hat.
Dann gibt es von Gott kein Like.
Kein „Gefällt mir!“.
Dann gibt es eher ein: Adam, was soll das denn? 😳

VI.            Der zweite Blick

Eigentlich könnte Gott doch stolz sein,
auf die Menschen, die sich rühmen.
Die zeigen, was sie haben,
was sie können.
Dass sie stark sind und klug.
Krisen managen können
und Koalitionsverträge aushandeln.
Sich einsetzen für andere, in dem sie Geld spenden.
Oder ihre Freizeit opfern für soziales Engagement.
Gott müsste „Gefällt mir!“ klicken
für all das, wo Menschen versuchen, 
ihren Einfluss zu nutzen,
um diese Welt ein bisschen besser, gerechter
und freundlicher zu machen.
Er tut es nicht.
Zumindest nicht automatisch.

Die Idee Gottes geht anders.
Entscheidend ist nicht,
was nach außen hin vorzeigbar ist.
Was anderen nützt.   
Entscheidend ist,
und das macht den Unterschied,
wer ich bin:
eine, die weiß, wem sie
Stärke, Weisheit und Reichtum verdankt.
Dass ich mich „rühme, ihn zu kennen“ -
das gefällt diesem Schöpfergott,
der das alles in mich hineinerschaffen hat,
was ich kann. Was mich qualifiziert.
Die Talente die ich habe und die Begeisterung für etwas.  
Aber nichts von all dem ist letztendlich entscheidend.
Die Frage nach dem „Gefällt mir“ Gottes
ist eine reine Beziehungsfrage:
„wer sich rühmen will,
der rühme sich dessen,
dass er klug sei und mich kenne“.
Und das sieht man nicht auf den ersten Blick.
Dafür gibt es keine Bühne, keine Kanzel,
keine sozialen Medien und
keine Bescheinigung,
die jemand ausstellen kann.  

 

VI. Die Welt retten!

Vielleicht atmet der eine oder die andere
sogar innerlich auf
bei dem Gedanken daran,
sich nicht zeigen zu müssen.
Von anderen bewertet zu werden,
kann ja auch ganz ordentlich Stress verursachen.
Und ganz bestimmt ist es auch „Typsache“,
wieviel man von sich selbst zeigen möchte.
Mit wieviel Publikum man sich wohl fühlt und
auf welche Art und Weise man sich gerne einmischt.
Was die eine gerne preisgibt,
soll für den anderen ein Geheimnis bleiben,
das er für sich behält.
Und das ist auch gut so. 

Und doch:
Adam wurde von Gott nicht erschaffen,
sich zu verstecken.
Im Gegenteil:
Diese Erde zu bebauen, also sie zu gestalten
und zu bewahren
ist der Schöpfungsauftrag an den Menschen.
Es ist ein Auftrag, der sichtbare Ergebnisse liefern soll.
Aktiv werden.
Stärke, Weisheit und Reichtum
nicht für sich behalten.
Die Welt umtreiben.
Für Gerechtigkeit sorgen.
Nachhaltig handeln
und dafür Verantwortung übernehmen,
dass die Erde weiter rund läuft -
das war Adams Auftrag.
Und es ist ein Auftrag für alle Menschen.
Bis heute.  
Trotz aller Unterschiedlichkeit -
weil Menschen eben unterschiedlich sind.
Auch unterschiedlich stark, klug und reich.
Verstecken muss sich deshalb niemand.
Gottes „Adam, Mensch, wo bist du?“
gilt allen.
Und wenn die Antwort dann ist:
„Hier bin ich. Wie du mich geschaffen hast.
Mit allem, was du mir geschenkt hast!
Und ich tu damit, was ich kann.“
dann ist Gottes Antwort:
„Gefällt mir!“
Amen.

Donnerstag, 6. Januar 2022

Lichtspuren

 


Predigt zum Epiphaniasfest
am 06.01.2021
in der Eusebiuskirche Wendlingen am Neckar 


Lichtspuren: Spot on

Aus dem Johannesevangelium.
Im Anfang war das Wort,
und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.
Dasselbe war im Anfang bei Gott.

              Aus dem ersten Buch Mose.
              Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
              Und die Erde war wüst und leer,
              und Finsternis lag auf der Tiefe;
              und der Geist Gottes schwebte
              über dem Wasser.

Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht,
und ohne dasselbe ist nichts gemacht, was gemacht ist.

              Und Gott sprach: Es werde Licht!
              Und es ward Licht.
              Und Gott sah, dass das Licht gut war.
              Da schied Gott das Licht von der Finsternis und 
              nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht.
              Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag.

In ihm war das Leben,
und das Leben war das Licht der Menschen.
Und das Licht scheint in der Finsternis,
und die Finsternis hat's nicht ergriffen.

              Und Gott sprach:
              Es werden Lichter an der Feste des Himmels,
              die da scheiden Tag und Nacht.
              Sie seien Zeichen für Zeiten, Tage und Jahre
              und seien Lichter an der Feste des Himmels,
              dass sie scheinen auf die Erde. 
              Und es geschah so.
              Und Gott machte zwei große Lichter:
              ein großes Licht, das den Tag regiere,
              und ein kleines Licht, das die Nacht regiere,
              dazu auch die Sterne.
              Und Gott setzte sie an die Feste des Himmels,
              dass sie schienen auf die Erde
              und den Tag und die Nacht regierten
              und schieden Licht und Finsternis.
              Und Gott sah, dass es gut war.
              Da ward aus Abend und Morgen der vierte Tag.

Es war ein Mensch, von Gott gesandt,
der hieß Johannes.
Der kam zum Zeugnis, damit er von dem Licht zeuge,
auf dass alle durch ihn glaubten.
Er war nicht das Licht,
sondern er sollte zeugen von dem Licht.
Das war das wahre Licht,
das alle Menschen erleuchtet,
die in diese Welt kommen.
Und das Wort ward Fleisch
und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit,
eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes
vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.
Von seiner Fülle haben wir alle genommen
Gnade um Gnade.

1. Licht, das in die Welt gekommen,
Sonne voller Glanz und Pracht,
Morgenstern, aus Gott entglommen,
treib hinweg die alte Nacht;
zieh in deinen Wunderschein
bald die ganze Welt hinein!

 

Lichtspuren I

Ist es Ihnen schon aufgefallen?
Die Tage werde wieder länger!
Seit kurz vor Weihnachten
ist es wieder jeden Tag ein bisschen länger hell.
Und als letzte Woche das Wetter so richtig schön war,
hab ich um fünf Uhr nachmittags auf die Uhr geschaut
und war erstaunt: So hell noch?
Eines ist klar: es hat sich ganz anders angefühlt,
als fünf Uhr mit Winterdunkel.
Licht hat etwas mit dem zu tun,
wie lebendig wir uns fühlen.
Leben mit Licht fühlt sich anders an,
als Leben in der Dunkelheit.
Leben im Sommerhalbjahr fühlt sich anders an,
als das Leben im Winterhalbjahr.
Nachts arbeiten kostet mehr Kraft,
als tagsüber zu arbeiten.
Bäume sind zwar im Dunkel der Erde verwurzelt,
aber sie wachsen zum Licht hin
und produzieren Sauerstoff.
Schöpfungslicht erhält am Leben.
Hält diese Erde in ihrem Rhythmus.
Und uns auch.
Von seiner Fülle haben wir alle genommen
Gnade um Gnade.


2. Gib dem Wort, das von dir zeuget,
einen recht gepriesnen Lauf,

dass noch manches Knie sich beuget,
sich noch manches Herz tut auf,
eh die Zeit erfüllet ist,
wo du richtest, Jesu Christ.

 

Lichtspuren II

Manchmal wird es nicht nur äußerlich dunkel.
Manchmal wird es auch Nacht in der Seele.
Stunden, in denen ich mich selbst nicht leiden kann.
Stunden, in denen niemand da ist,
der mich in den Arm nimmt.
Stunden, in denen einfach alles zuviel ist.
Zuviel Termine. Zu viele Menschen.
Zu viele schlechte Nachrichten und Gedanken,
Impulse und Emotionen.
Widersprüchliches.
Wut und Glück wechseln sich genauso ab
wie die Schmetterlinge im Bauch
mit dem Frust über die Einsamkeit
und den Kater im Kopf nach durchgeheulter Nacht.
Angst macht sich breit
vor Long Covid und dem Finanzamt.
Sorge um die krebskranke Freundin
drückt aufs Gemüt
und die Schulnoten des 12jährigen Fortnite-Profis auch.
In mir geht dann manchmal das Licht aus.
Ich bin mir sicher: Sie kennen das.
Und dann?
Ich bin dann angewiesen auf einen Johannes.
Oder eine Johanna.
In den meisten Fällen heißt dieser Mensch anders.  
Daniela, Ulrike oder Peter,
Karina oder Martin oder Birgit.
Ich bin mir sicher, Ihnen fällt ein Name ein.
Jedenfalls bin ich angewiesen
auf einen solchen Menschen,
der vom Licht zeugt.
Ich bin angewiesen auf einen Menschen,
der meine Welt hell macht.
Mir hilft zu vertrauen
ins Licht und ins Leben.
Manchmal reicht es,
wenn ein solcher Mensch einfach nur da ist.
Hell und warm neben mir ist. Bei mir.
Ganz kohlenstofflich – oder auch digital.
Licht sein. Anteil nehmen. Mir nahe kommen -
das geht auch per Zoom oder WhatsApp.
Denn Licht darf auch von außen kommen.
Licht muss sogar manchmal von außen kommen. 
Und manchmal muss Licht erst geboren werden.
In mir zur Welt kommen.
In meine Welt kommen,
damit ich wieder so etwas wie Herrlichkeit sehen kann.
Wieder Staunen kann.
Selber wieder hell werden kann.
Ich bin dankbar für Menschen, die dafür sorgen,
dass es bei mir hell ist.
Sie schickt der Himmel. Buchstäblich.
Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns,
und wir sahen seine Herrlichkeit.
Ich sehe seine Herrlichkeit.
Und es wird hell.


3. Heile dir zerbrochnen Herzen,
baue dir Jerusalem
und verbinde ihre Schmerzen;
lass, was vor dir angenehm,
durch der Bundesschriften Zucht
noch erblühn zur ewgen Frucht.

4. Wo du sprichst, da muss zergehen,
was der starre Frost gebaut;
denn in deines Geistes Wehen
wird es linde, schmilzt und taut.
Herr, tu auf des Wortes Tür,
rufe, Heiland, laut zu dir.

 

Lichtspuren III

Nicht nur ich bin angewiesen
auf einen Johannes oder eine Johanna.
Andere sind es auch.
Nicht nur ich bin angewiesen auf Licht.
Mein Nächster, meine Nächste ist es auch.
Und wenn einer das Licht nicht sieht,
dann bin ich es für ihn.
Und wenn eine das Licht nicht wahrhaben will,
dann bin ich es für sie.
Der Dunkelheit zum Trotz.
Manchmal wissen wir nicht,
wie sehr wir einander Licht sind.
Manchmal ahnen wir nicht,
welchen Unterschied wir füreinander machen
in unseren Dunkelheiten.

              For there is always light,
              if only we’re brave enough to see it.
              If only we’re brave enough to be it.

              Denn Licht ist immer,
              wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen.
              Wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

              Worte von Amanda Gorman.



5. Es sei keine Sprach noch Rede,
da man nicht die Stimme hört,
und kein Land so fern und öde,
wo dein Wort nicht wird gelehrt.
Lass den hellen Freudenschall
lass ihn ausgehn überall.

6. Geh, du Bräutgam, aus der Kammer,
laufe deinen Heldenpfad;
strahle Tröstung in den Jammer,
der die Welt umdunkelt hat.
O erleuchte, ewges Wort,
Ost und West und Süd und Nord!


Lichtspuren: Spot off

Licht ist immer.
Seit der Schöpfung der Welt ist es da.
Aber seither gibt es auch die Dunkelheit.
Sie ist genauso Teil der Schöpfung wie das Licht.
Denn Dunkelheit macht das Licht erst sichtbar.
Und Leben im Licht gibt es nur deshalb,
weil es die Dunkelheit auch gibt.  

              Vielleicht wird nichts verlangt
              von uns
              während wir hier sind
              als ein Gesicht leuchten zu machen
              bis es durchsichtig wird.
              Und das Leuchten dieses einen Gesichts
              aufzubewahren.

   Worte von Hilde Domin.
    (Hilde Domin, Sämtliche Gedichte S. 85, Fischer Verlag Frankfurt am Main 2011, „Indischer Falter“)


Amen.


7. Komm, erquick auch unsre Seelen,
mach die Augen hell und klar,
dass wir dich zum Lohn erwählen;
vor den Stolzen uns bewahr.
Ja, lass deinen Himmelsschein
unsres Fußes Leuchte sein.

 

(EG 592; Text: Rudolf Stier; Melodie: Heinrich Albert 1642)

Dienstag, 21. Dezember 2021

Es müssen nicht Menschen mit Flügeln sein...

(Foto: unsplash)


Wenn du jetzt auf Weihnachten zugehst,
dann sei aufmerksam.
Vielleicht begegnet dir jemand
und ist Engel für dich.  
Ein Engel der hilft, tröstet, liebt, zuhört, erinnert,
Suppe kocht, vorliest, anruft,
einen Brief schreibt und nicht nur eine Mail.
Sekt vorbei bringt und Vanillekipferl.
Die Kinder hütet oder deine Seele.

Wenn du jetzt auf Weihnachten zugehst,
dann sieh dich um.
Vielleicht begegnet dir jemand
und braucht dich als Engel.  
Als Engel der hilft, tröstet, liebt, zuhört, erinnert,
Suppe kocht, vorliest, anruft,
einen Brief schreibt und nicht nur eine Mail.
Sekt vorbei bringt und Vanillekipferl.
Die Kinder hütet oder die Seele.

Wenn du jetzt auf Weihnachten zugehst,
dann lass dich beflügeln
und sei gesegnet
und ein Segen.

Amen.

 

Sonntag, 24. Oktober 2021

An diesem Dienstag.


Gottesdienst in Bodelshofen
am 24.10.2021

Matthäus 10,34-39 

Die Woche hat einen Dienstag.

Das Jahr ein halbes Hundert.

Das Leben hat viele Dienstage.

(In Anlehnung an „An diesem Dienstag“ von Wolfgang Borchert; Fotos: Unsplash) 


An diesem Dienstag
sitzt Nele am Küchentisch.
Der Kaffee dampft aus der Tasse.
Draußen hüllt der Herbstnebel
alles in dunkles Grauweiß.
Die Kirchturmuhr schlägt vier Mal
und dann sieben Mal.
Ein Blick aufs Handy –
Leo hat sich heute noch nicht gemeldet.
Sie scrollt einmal durch.
Instagram.
Viele Fotos.  
Von Vielen.
An einem bleibt sie hängen.
Ein Foto unter vielen.
Ein christliches – so mit Bibelvers.
Eine Friedenstaube, gemalt auf eine Mauer.
Ein Schwert.
Und ein: „Jesus sagt“.
Nele schaut irritiert aus dem Fenster.
Sie muss nachlesen.
Wenn sie heute Mittag wieder zu Hause ist.
Vor dem Fenster frisst eine Taube
ein Stück weggeworfenes Brot.  

    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Das Leben hat viele Dienstage.

An diesem Dienstag
steht im Matthäusevangelium
wie an allen Dienstagen seit unserer Zeitrechnung:

Denkt ja nicht, dass ich gekommen bin, um Frieden auf die Erde zu bringen!
Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.
Ich bringe Streit zwischen einem Sohn und seinem Vater,
einer Tochter und ihrer Mutter,
einer Schwiegertochter und ihrer Schwiegermutter.
Die engsten Verwandten eines Menschen werden dann zu seinen Feinden.
Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir folgt,
ist es nicht wert, zu mir zu gehören.
Wer sein Leben erhalten will, wird es verlieren.
Aber wer sein Leben verliert, weil er es für mich einsetzt, wird es erhalten«

Jede Woche hat einen Dienstag.
Das Jahr ein halbes Hundert.
Das Leben hat viele Dienstage,
an denen man sein Leben
verlieren und
erhalten kann.

An diesem Dienstag
sitzt Leo im Zelt auf einem Hocker.
Vor ihm sitzt Aleschi auf einem anderen Hocker.
Und hält ihm seinen Fuß entgegen.
Leo versorgt die eiternde Wunde
und versucht, sich mit dem Jungen zu unterhalten.
Ihn abzulenken von den Schmerzen,
während er das Pflaster abreißt.
8 Jahre alt ist er vielleicht.
Und so viel hat er schon gesehen
auf seiner Flucht:
Wunden an Beinen und Köpfen.
Gliedmaßen ohne den dazugehörigen Menschen.
Vertrocknetes Leben.
Zerstörte Träume.
Den Tod hat er gesehen, gehört und gerochen.
Und an manchen Tagen auch geschmeckt
an seinen eigenen trockenen Lippen.
Aber jetzt ist er bei Leo.
Und Leo macht mit ihm Faxen,
verbindet seine Wunde,
füllt die Wasserflasche auf.
Und gibt ihm eine Packung
portioniertes Knäckebrot.
Aleschi lacht, als Leo Grimassen schneidet.
Leo lacht mit.
Wenn er sich umsieht,
hier im Lager auf Moria,  
vergeht ihm das Lachen.
Wunden an Beinen und Köpfen.
Menschen ohne Beine oder Arme.
Ausgemergelt und mit stumpfen Augen
und vertrockneten Seelen.
Leo kann helfen.
Ein bisschen Frieden auf Erden machen.
Ein bisschen nur.
Wasser und Brot teilen.
Und lachen.
Immer wieder schickt er WhatsApps nach Hause.
Heute ein Foto von sich – zusammen mit Aleschi,
der stolz seinen weißen Verband zeigt.
„Cool, dass du ein bisschen Frieden für den Jungen machst!“
schreibt Nele zurück.
Und: „Du siehst ein bisschen aus wie Jesus“

     Die Woche hat einen Dienstag.
     Das Jahr ein halbes Hundert.
     Das Leben hat viele Dienstage
     um andere zum Lachen zu bringen.
     Um Wunden zu verbinden und
     Brot zu teilen.

 An diesem Dienstag
kam die Nachricht aus dem Krankenhaus.
„Sie wird nicht mehr lange leben,
und sie will Sie unbedingt sehen.“
Der Kontakt war noch nie besonders gut
zwischen Inge und Gudrun.
Vieles wurde nie ausgesprochen.
Oder es lag ein scharfer Ton in der Luft.
„Niemals werden die klarkommen,
wenn du nicht konsequenter bist!“
Gudrun hatte die Worte ihrer Mutter noch im Ohr.
Wie ein Schwert trafen sie damals.
Wahrscheinlich auch heute,
wenn sie so drüber nachdenkt.
Obwohl aus beiden Kindern was geworden ist.
Sie ist stolz auf Nele und Leo,
die wissen, was sie können
und was ihnen wichtig ist.
Wahrscheinlich hat auch sie ihre Mutter
vor den Kopf gestoßen
mit Schwert-Worten.
Mit ihrer liberalen Vorstellung davon,
wie man Kinder erzieht.
Und mit ihrem Hang zu Freiheit und Demokratie.
Ihre Kinder kommen ganz nach ihr.
Leo kümmert sich um geflüchtete Kinder.
Nele will nach dem Abi Politik studieren.
„Damit die Welt ein bisschen besser wird“,
wie sie so schön sagt.
Inge findet nach wie vor, Jungs sollen Geld verdienen
und Mädels heiraten und Kinder kriegen.
Gudrun seuzt.
Sie wird ihre Mutter nicht mehr davon überzeugen,
dass diese Einstellung keine Hilfe ist.
Nicht für sie – und auch nicht für Nele und Leo.
„Ob es wohl die letzte Begegnung ist?“
Gudrun weiß nicht was sie hoffen soll
oder erwarten kann.
Und fährt ins Krankenhaus.

    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Das Leben hat viele Dienstage.
    Aber nicht mehr,
    wenn der Abschiedsschmerz 
    schon zu spüren ist.


An diesem Dienstag
sitzt Bernd auf dem Sofa.
Das Handy liegt neben ihm.
Eingeschaltet.
Es zeigt ein Foto von Leo
und einem Jungen,
mit weißem Verband am Bein
und Knäckebrot in der Hand.
Seit 7 Monaten ist sein Sohn dort.
In einem Lager.
Bei den Menschen, denen sowieso
nicht zu helfen ist.
Was ändert sich denn in der Welt,
wenn die jetzt alle zu uns kommen?
Es sind arme Menschen. Keine Frage.
Aber das sein Leo freiwillig dorthin geht,
erträgt er nicht.
Längst könnte er nach seinem Studium
gutes Geld verdienen.
Ein Häusle bauen.
Eine Familie gründen.
Aber für Leo ist es wichtiger, die Welt zu retten.
Bernd kann das nicht nachvollziehen.
Heute ist Dienstag
und sie werden bei der Musikverein-Probe
nach Leo fragen.
Ob er immer noch keinen Job hätte.
Und dann muss Bernd wieder
die Geschichte von der Weltreise erzählen.   
„Was musst ausgerechnet du einen auf Jesus
und Frieden auf Erden machen?“
ist die erste Chatnachricht,
die Leo nach Monaten von seinem Vater bekommt. 


     Die Woche hat einen Dienstag. 
     Das Jahr ein halbes Hundert.
     Das Leben hat viele Dienstage.
     Dienstags ist Probe im Musikerheim.
     Und Kinder wie Leo sind manchen Eltern
     unangenehm.



An diesem Dienstag
geht Nele joggen.
Nein. Nele rennt.
Das hilft ihr, den Kopf frei zu bekommen.
„Was musst ausgerechnet du einen auf Jesus
und Frieden auf Erden machen?“
Auf dem Weg zurück liest sie Bernds Nachricht
im Familienchat.
„Mensch Papa! Wenn schon nicht Frieden in der Familie,
dann wenigstens Frieden auf Erden!“
antwortet Nele.
Mit einem Wut-Smiley dahinter.
Leo antwortet mit „Daumen hoch“
und einem Heul-Smiley.
Zu Hause angelt Nele ihre Konfi-Bibel vom Regal
und schlägt sie auf.
Sie liest vom Frieden. Vom Schwert. Von Familie.
Von Vater, Mutter, Sohn und Tochter.
Und davon,
dass der Familienfrieden
gewaltig schief hängen kann.
„Ein bisschen ist das wie bei uns“, denkt sie laut.
„Eigentlich ist es kein Wunder, dass alles ist, wie es ist." 

    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Das Leben hat viele Dienstage.
    Und Familie
    ist auch am Dienstag schwierig.

An diesem Dienstag
sitzt Gudrun am Bett.
Ihre Mutter atmet schwer. 
Das rote Seidentuch liegt neben ihrer Wange.
Die Lippen sind trocken und
Gudrun befeuchtet sie mit einem nassen Waschlappen.
Leise klopft es an der Tür.
Frau Kolb bringt Brot und Wein in einem Korb.
So wie Inge sich das am Morgen
mit wenigen Worten gewünscht hat.
Gudrun räumt ihren Platz an der Bettkannte
und will sich auf den Stuhl in der Ecke setzen.
„Nicht doch! Brot und Wein ist für uns alle.“
Mit einladender Geste
holt Frau Kolb Gudrun zurück.
An ihren Platz an der Bettkante.
Weiches Brot findet sie in ihrer Hand wieder
und in der Hand ihrer Mutter.
Ein paar Krümel fallen auf das rote Seidentuch. 
Schweigend essen sie Brot,
als Gudrun leise, aber deutlich, hört:
„Friede mit dir.“ 
Aus dem Mund ihrer Mutter
klingen diese Worte fremd.
„Friede mit dir“
Und ein Seufzer.
Für Wein ist keine Zeit mehr.
Das Gesicht fällt zur Seite ins rote Seidentuch.
Und zu den Brotkrümeln.
Gudruns Welt steht für einen Moment still.

    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Das Leben hat viele Dienstage.
    Und der Tod auch.

 

An diesem Dienstag
ist Bernd im Vereinsheim.
„Hast du was von Leo gehört?“
„Ja!“, murmelt Bernd.
„Er bleibt wohl länger dort.“
„Wo?“
„Da, wo er gebraucht wird.“
Nele traut ihren Augen nicht,
als sie spät am Abend im Chat liest:
„Leo, ich bin stolz auf dich! Gruß, Papa“
„Wir sehen uns bald“ schreibt Leo zurück, 
und: „Zu Omas Beerdigung bin ich da.“
Gudrun liest auch mit.
Ein paar Tränen rollen über ihr Gesicht.
Sie denkt an Inge.
Und daran, wie schwierig manches war.
Für alle.
Dass auch sie manchmal nur
Schwert-Worte übrig hatte.
Die Kirchturmuhr schlägt vier Mal
und dann elf Mal.
Nebel zieht auf.
Der Mond scheint durchs Fenster
und draußen ruft ein Kauz in die Nacht.


    Die Woche hat einen Dienstag.
    Das Jahr ein halbes Hundert.
    Das Leben hat viele Dienstage.
    Aber an diesem Dienstag
    ist Frieden geworden.

Amen.


Lied:  Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen (NL+ 93,1-3)