Sonntag, 8. März 2026

Las[t] Vegas

 Gottesdienst zum Film 

„The last Showgirl” und 
1. Korinther 13

am 08.03.2026 


I.                   Shelly

Shelly liebt ihren Job.
Seit 30 Jahren ist sie Tänzerin
auf der Bühne von Las Vegas.
Sie lebt geradezu für die Show
„The Razzle Dazzle“
und dafür, im Rampenlicht zu stehen.
Als Dienstälteste ist sie gleichzeitig
eine Mutterfigur für die jüngeren Frauen.
Stress, Hektik, Nacktheit,
anzügliche Gespräche und Existenzängste –
und vor allem hohen Erwartungen an die Performance
setzen alle unter enormen Druck.
Der Inhaber des Nachtclubs fordert alles.
Für Shelly gehört all das zum Geschäft.
Sie setzt nicht nur sich gekonnt und mit viel Routine in Szene,
sondern hilft, wo sie kann.
Eines Tages überbringt Eddie, der Manager des Clubs,
schlechte Nachrichten: Die Show wird abgesetzt.
Die letzten Termine werden noch getanzt.
Danach gehen die Lichter aus.
Diese Nachricht stürzt Shelly in eine tiefe Existenzkrise.
Ihr Job ist ihr Leben.
DIESER Job. DIESE Show.
Wie es weiter gehen soll?
Eine offene Frage.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

II.                Spiegel

Der Blick in den Spiegel:
in einer Künstlergarderobe ist er Alltag.
Das Makeup muss sitzen.
Das Kostüm muss passen.
Der letzte Knopf,
der letzte Reißverschluss korrekt geschlossen sein.
Der Spiegel zeigt alles:
die holprige Performance,
der Schritt zu weit,
die unsicher wirkende Drehung.
Der Spiegel zeigt jede Falte und jedes Fettpolster,
jedes graue Haar und jede sichtbare Veränderung,
die nicht ins Bühnenkonzept passt.
Aber er zeigt auch:
harte Arbeit und Disziplin lohnen sich.
Shelly fühlt sich in ihrer Rolle immer noch gut -
und das, obwohl sie fast 60 ist.  
Zumindest aus ihrer Sicht liefert sie ab.
Jeden Tag. Jede Show.
Im Spiegel verwandelt sie sich in die Frau auf der Bühne.
Sie verwandelt sich in die, von der sie glaubt,
dass sie vom Publikum erwartet wird.
Sie verwandelt sich in eine Kunstfigur,
die der Phantasie einer anonymen Zuschauermasse entspringt.
Sie verkörpert alles, was von ihr erwartet wird:
Weiblichkeit, Reichtum, Sex:
eine glitzernde Kunstfigur,
die in allen Farben schillert.
Dass sie das tut, sichert ihr ihre Existenz.
Sie kann davon leben. Zumindest heute.
Ihr Spiegelbild lebt, solange es die Show spielt.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;

III.             Showende

Das Ende der Show ist das Ende des Spiegelbilds.
Das Ende der Show ist das Ende ihrer Existenz.
Auch wirtschaftlich. Ohne Show kein Geld.
Ohne Geld keine Sicherheit, kein Dach über dem Kopf.
Die logische Konsequenz?
Shelly braucht eine neue Bühne.
Als sie vortanzen will, steht da nicht ihr Spiegelbild.
Auf dieser Bühne steht Shelly.
Sichtlich gealtert.
Mit einem Tanzstil aus einer anderen Welt.
Einer anderen Epoche.
Mit anderen moralischen Vorstellungen –
denn für das, was von ihr erwartet wird,
gibt sie sich nicht her.

Sie tanzt vor in der Hoffnung auf ein neues Engagement.
Dabei stellt sie fest:
weder ihr Können noch ihre moralischen Vorstellungen
können mit den aktuellen Entwicklungen
im Showbusiness mithalten.
Shelly ist schockiert über Regeln und Erwartungen,
die inzwischen die Szene verändert haben.
Sie stürzt in eine tiefe Krise
und ihr Spiegelbild bekommt einen tiefen Riss.

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht?

 

IV.            Las Vegas oder Last Vegas?

Shelly kann dem nicht mehr ausweichen:
Die Vergangenheit holt sie ein und
sie wird mit alten Entscheidungen konfrontiert.
Eigentlich dachte sie, sie hat alles richtig gemacht.
„Das hier war es wert,
mich praktisch nie ins Bett bringen zu können?“
Plötzlich hält ihre Tochter Hannah
Shelly einen Spiegel vor.
Konfrontiert sie mit dem,
was Shelly 30 Jahre lang als Sicherheit und Karriere empfunden hat:
„eigentlich isses bloß ne dämliche Nacktshow“.
30 Jahre Karriere in Las Vegas
werden pulverisiert im Gespräch mit ihrer Tochter,
für die sie immer das Beste wollte –
auch als sie diese mit dem Gameboy im Auto geparkt
und schlussendlich einer Pflegefamilie überlassen hatte. '
Aus Las Vegas wird Last Vegas.
Die Show ist vorbei.

Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
dann zeigt sich im Spiegel nicht nur
die glänzenden Momente des Erfolges.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
zeigen sich auch die dunklen Stellen des Bildes.
Es zeigt, wo Narben und Verletzungen sind.
Zeigt Bedürftigkeit. Und es stellt Fragen.
Wenn aus Las Vegas Last Vegas wird,
stellt ein Spiegelbild die Frage:
„Was bleibt, wenn die Lichter ausgehen
und die Show vorbei ist?“

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.

V.               Bühnen und Spiegel

Bühnen und Spiegel
gibt es so viele, wie es Menschen gibt.
Jedes Leben gleicht einer eigenen Show
und ihre Zeit ist begrenzt.
Der Blick in den Spiegel wirft Fragen auf:
Wer bin ich?
Für wen tanze ich?
Was macht mich schön und begehrenswert?
Und last but not least: Wovon lebe ich?
Von wem bin ich abhängig?
Finanziell?
Emotional?
Wer tanzt mit in meiner Show –
und in wessen Show spiele ich eine Rolle?
Ein Blick in den Spiegel lässt manches erahnen.
Wer ehrlich in den Spiegel schaut,
sieht nicht nur eine Fassade eines Menschen.
Menschen sind nicht nur Körper und Gliedmaßen.
Ein Spiegelbild ist alles: Körper, Seele, Geist.
Und immer stellt es uns die Frage:
„Was bleibt?“
Was bleibt, wenn ich die Aufgabe meines Lebens erfüllt
'und meine Rolle ausgespielt habe?

Was bleibt, wenn das Sichtbare nicht mehr ist,
was es vorgab zu sein?

Was bleibt, wenn mein Körper nicht mehr so aussieht, wie ein Schönheitsideal es vorgaukelt?
Wenn er nicht mehr die Leistung bringt,
für die ich einst Geld bekam?

Was bleibt, wenn mein Wissen nicht mehr gefragt,
meine Worte nicht mehr gehört und
meine Reputation kein Gewicht mehr hat?

Was bleibt, wenn andere meine Rolle übernehmen
und ich zur Zuschauerin vor meiner eigenen Bühne werde?

Wir sehen jetzt durch einen Spiegel
in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;

 

VI.            Las Vegas oder Korinth?

Manchmal verschwimmen Raum und Zeit
beim Blick in den Spiegel.
Menschen ändern sich, aber nicht die Fragen.
Bühnen ändern sich,
nicht aber der Spiegel.
Was ihre Tochter Hannah für Shelly ist,
ist Paulus für Menschen im alten Korinth.
Ja, er war ein Lauter. Ein Schriller.
Einer, dem Bescheidenheit und Demut
nicht in die Wiege gelegt waren.
Und er spricht aus Erfahrung.

Korinth - das Las Vegas des Römischen Reiches.
Bühne für Handelsreisende, Beziehungssucher,
Dienstleisterinnen und alle,
die auf der Suche waren nach Erfolg,
Anerkennung, Liebe und dem vollen Leben.
Ihnen hält Paulus den Spiegel vor.
Den Spiegel, in den er einst selbst blicken musste.
An die Gemeinde in Korinth schreibt er:

Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete
und hätte der Liebe nicht,
so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. 
Und wenn ich prophetisch reden könnte
und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis
und hätte allen Glauben, sodass ich Berge versetzen könnte,
und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. 
Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe
und meinen Leib dahingäbe, mich zu rühmen,
und hätte der Liebe nicht, so wäre mir’s nichts nütze. (…) 
Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Bild;
dann aber von Angesicht zu Angesicht.
Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich erkannt bin. 
Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei;
aber die Liebe ist die größte unter ihnen. 
(1. Korinther 13)

VII.          Was bleibt?

Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie nicht für ein anonymes Publikum.
Das ist sowieso längst nicht mehr da -
im Licht der Scheinwerfer fiel nie auf,
dass der Applaus längst aus den Lautsprechern kam.
Als Shelly ihre letzte Show tanzt,
tanzt sie für sich.
Nur für sich.
Als am Ende die Lichter ausgehen, realisiert sie:
Das Publikum sind nur ihre Tochter Hannah
und deren Vater, Eddie, der Manager des Clubs.
Die beiden sind die einzigen Gäste.
Am Ende sind die geblieben,
die sie lieben.
Und die Shelly liebt.
Trotz allem.

Was bleibt, wenn der Vorhang fällt
und die Lichter ausgehen?
Bei Paulus sind es  
Glaube, Hoffnung, Liebe.
Drei große Worte.

Für Shelly fällt mir ein viertes Wort ein.
Vielleicht ist es die Zusammenfassung ist
der drei großen Worte von Paulus:
Würde.
Egal, was auf der Bühne passiert.
Egal, wie die Stimmung im Publikum ist.
Egal, ob eine Show weiterläuft oder abgesetzt wird.
Egal, ob die Frisur hält und
die Choreografie sitzt oder nicht:
Shellys Würde kann ihr niemand nehmen.
Kein Mensch auf dieser Welt.
Weil Würde nicht von Menschen kommt,
sondern von dem, der die Menschen erschaffen hat:
Menschenwürde ist Gottesgeschenk.

Jetzt erkenne ich stückweise;
dann aber werde ich erkennen,
gleichwie ich – von Gott – erkannt bin.

DAS ist Menschenwürde –
für Shelly und Hannah und Eddie.
Für all die anderen, die auf ihrer Bühne alles geben.
Für das Publikum einer fragwürdigen Nacktshow.
Und für Dich und mich.
Amen.